Berlin

062020: H is for Hawk

Image of a roof with a last ray of sun

We’re sitting in a small park somewhere in Berlin, when R. points to the sky: Look! The unusual bird lands on top of a street light, looking back at us. It’s a majestic animal, yet smaller than the usual crows we see around the city’s parking lots. In an unwary moment, as we look away, the sparrow hawk arrows right into the bushes behind us, and seconds later, we hear a sharp and short squeak. Then, the bird flies away over our heads, with a little mouse in its claws. We can see its tail squirming as the mouse is carried through the air on its last trip.

It was a weird moment. Bittersweet, like the beet root ice cream in my mouth. For a short second, all the people in the park were mesmerized; the guy on the lawn held his little chihuahua with both hands, in fear that the hawk’s claws would take it away. A very irrational fear, but still – understandable. Fear makes us do weird things.

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✳︎ In September I decided that my summer break had been long enough, and I started moving into a nice little office space to pursue my freelance career. I’m doing it at my pace, one step at a time. I’ve learned to say No to things, and being your own person really seems like a healthy concept to me? Thanks to myself for finally noticing!

✳︎ I jotted down a couple of vacation notes on my blog. I also wrote about an iconic IKEA clock and about the underwear in the tree outside my kitchen. I’ve been writing that weblog since 2006, and I still like the idea of having a room for myself on the internet — almost like my own little garden. Stop by if you wish.

✳︎ From now on, I contribute a little design column to the German form design magazine. Nina Sieverding and Anton Rahlwes are the new editors-in-chief, and I am really keen on their approach on topics, perspectives and the magazine’s design itself. Go get it!

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As quickly as the sparrow hawk took its prey, this year’s summer decided to take a leap and leave. My summer wasting was a success though; I had a lot of good outdoor pizza dinners, and I spent a vast amount of time speeding through the streets on my bike. I accept that the COVID anxiety behaves like a curve, too. Sometimes it’s high, sometimes it’s low. New Normal, etc etc. I hope you’re still coping somewhat well.

Superman

Slip of Superman in a tree

Im Baum vor meiner Küche hängt ein Schlüpfer! Ich habe ihn bemerkt, als ich am Fenster stand und in den Innenhof starrte; ja, da bemerkte ich ihn, wie er sich lose zwischen den Ästen verfangen hatte, direkt auf der Höhe des zweiten Stocks, direkt vor meiner Nase.

Wenn ich ganz nah ans Fenster gehe, kann ich ihn genauer inspizieren: Es ist ein Herrenslip – aber nicht irgendeiner. Er ist blau, mit weißem Bund, und auf der Vorderseite prangt ein großes, rot-gelbes S. Es ist der Slip von Superman! Ich erkenne es genau! Superman muss ihn hier in der Kiefer verloren haben – und das wirft natürlich die Frage auf: Was ist hier geschehen?!

War Superman zu Gast bei der Frau im 4. Stock, musste dann, um nicht in flagranti beim Liebesspiel erwischt zu werden, aus dem Küchenfenster flüchten – und hat sich dabei im Baum verheddert? Geistert nun ein schlüpferloser Superheld durch die Welt, in commando?!

Oder anders: Womöglich hatte Superman einen wichtigen Auftrag im 3. Stock, aber der Hauszugang war abgeschlossen (gut so; die Ratten!), und so musste er den Baum hochkraxeln? Keine leichte Aufgabe, denn Kiefern sind stachelig und unbequem – womöglich ist ihm da, im Eifer des Gefechts, einfach die Unterbuxe hängengeblieben?

Meine dritte Theorie: Superman wohnt hier im Haus, und durch das offene Küchenfenster hat die diebische Elster, die sonst in der Kiefer haust, sich schnurstracks den frisch gewaschenen Slip gekrallt. Dann hat sie gemerkt, dass er nicht passt, und wie man das in Neukölln so macht, hat sie ihn einfach weggeworfen. Nun hängt er da, unerreichbar für seinen eigentlichen Besitzer.

Aber gut – vielleicht ist es damit auch einfach mal an der Zeit für neue, neutralere Unterwäsche. Comic-Motive sind doch auch für Superhelden total unprofessionell.

Die Stadt ist wach hinter Mauern aus Glas. Zehn Jahre Berlin

10 Jahre Berlin

Im Sommer 2009 sitzen mein Vater, Roman und ich in dem kleinen Dönerladen am Hertzbergplatz mit dem klingenden Namen Traumeck. Neukölln gilt als runtergekommener Stadtteil mit Potential; insgeheim wissen aber alle, dass hier die Mieten in den nächsten zehn Jahren um 99 Prozent steigen werden. Wir suchen eine Wohnung für Roman, Kathi und mich.

Ein paar Monate später, eigentlich genau jetzt vor zehn Jahren, sind wir dann gelandet: In einer WG in Neukölln, in einem Altbau mit riesigen, hohen Zimmern, mit kreativen Studienplätzen und vielen verrückten Phasen; wir haben unsere Leben komplett hierher verlegt, und wir sind immer noch hier. Ehrlich gesagt ist es in den allermeisten Aspekten meines Lebens so, als wäre ich nie woanders gewesen. Mit 17 kam ich her, und alles, was davor passiert ist, fühlt sich in der Retrospektive an, als wäre es nur so halb oder zumindest mit sehr wenig Elan passiert.

Stimmt natürlich nicht. Aber dennoch waren die letzten zehn Jahre mit die prägendsten in meinem Leben. Berlin ist immer noch die Stadt, die mich nicht los lässt; auch wenn sie mir regelmäßig auf den Kopf fällt. Um dieser Schwere entgegen zu wirken, hier eine leicht verdauliche Liste meiner letzten Dekade in dieser Stadt:

  • Das selbstbetitelte Album von The XX erscheint 2009, und es funktioniert immer noch – kaum etwas hat das erste neue Lebensjahr so vertont und verinnerlicht wie diese Musik.
  • Weekday war damals modisch das Aufregendste, was meinem Teenager-Körper passieren konnte. Und American Apparel sowieso – wie uns diese Firma 2009 alle in sehr enge Hosen und diese schrecklichen V-Ausschnitt-Shirts plus Opa-Cardigans gekleidet hat. Unfassbar.
  • Während heute die New Yorker Totebag das ultimative Hipsteraccessoire ist, war es 2009 definitiv der Do You Read Me?! Beutel. Wer von euch hat ihn noch?
  • Sowieso, Beutel: Was sollte das?! Alles wurde in Stoffbeuteln transportiert; auch wenn es viel zu viel und zu schwer und unhandlich war. Noch heute klemmt mir das Zetern meines Freundes B. im Ohr: »Lieber 20 Beutel als ein Rucksack!!!«
  • Meine Freundin J. hat mir zum Umzug damals eine Bauchtausche von Eastpak geschenkt – damit ich »in Neukölln zwischen den ganzen coolen Jungs nicht so raus falle«. Heute heißt sowas Dealerbag und ist ein nicht mehr wegzudenkendes Alltagsaccessoire für alle, die gerne rauchend oder kaffeetrinkend in Parks, Cafés, Agenturen und Clubs rumstehen.
  • À propos Clubs: 2009 wusste ich nicht mal, was das Berghain ist. Ein paar Jahre später ging ich jedes Wochenende ein und aus, um dann irgendwann zu merken, dass es doch auch sinnvollere Dinge gibt, die man an seinen freien Sonntagen machen kann. Selten hat mich ein Mythos aber so mitgerissen, und ich finde es sowohl albern als auch nach wie vor faszinierend.
  • Wenn es einen Club gibt, den ich wirklich vermisse, ist dass das NBI; das sich früher immer nach Wohnzimmer angefühlt hat. Hier war ich auf meiner ersten Berliner Party mit Kiwi, und hier hat das schönste Konzert von Me Succeeds stattgefunden. Der Ort (der jetzt ein Gravis-Store ist …) hat ein Nostalgie-Gefühl in sich, dass ich noch in 20, 40, 60 Jahren kennen werde.
  • Während mir zu Schulzeiten prophezeit wurde, dass ich eins dieser Ritalin-Opfer werden würde, die ihre Bedeutungssucht durch leistungssteigernde Mittel befriedigen, habe ich bisher stets die Finger von Drogen gelassen – und auch erst Jahre später gemerkt, dass ich damit einer der wenigen in dieser Stadt bin. Ich finde Drogen nicht mehr so schockierend und angsteinflößend wie früher, aber reizen tun sie mich genau so wenig wie damals. Gibt’s Ritalin überhaupt noch?!
  • Eine der schlimmsten Erinnerungen ist vermutlich die Silvesternacht auf der Warschauer Brücke. Im Nachhinein einfach ein sehr großer Faux-Pas aus Jugendlichkeit und Zugezogenen-Naivität.
  • Was immer noch nervt an dieser Stadt: Dass es in Parks keinen Rasen und keine Sitzgelegenheiten gibt.
  • Und dass man überall hin 30 Minuten braucht. Mindestens.
  • 10 Jahre Berlin sind auch: Eine Jugendliebe, zwei Umzüge, sehr viele Ballettstunden, dreieinhalb Jahre Agenturleben, zweieinhalb Jahre Therapie, zwei Studienabschlüsse, zwei Festanstellungen, ein geklautes Fahrrad, ein gebrochener Arm, drei Besuche in der Notaufnahme, einige merkwürdige Begegnungen, ein CSD-Besuch, eine Hand voll sehr guter, enger, neuer oder intensivierter Freundschaften, sechs Monate im Ausland, und so wenige Silvesterabende wie möglich in dieser Stadt.

Ob ich hier bleibe? Vor zehn Jahren hätte sich diese Frage nicht gestellt. Vor drei Jahren habe ich zum ersten mal gegrübelt, ob ich hier glücklich werden kann. Dieses Jahr sage ich: Für immer hier bleiben muss nicht sein. Aber solange hier alles ist, was ich liebe, gibt es keinen Grund, zu gehen. Also auf die nächsten Monate, oder Jahre, oder Dekaden.

Dicke Luft

Ist ja auch irgendwie geil, so durch diese Luft zu radeln, die sich die ganze Zeit so anfühlt, als würde das Wasser seit Tagen in ihr rumstehen wie ein vergessenes Wasserglas. Und die Hitze, in der sie sich nicht so recht bewegen kann, und ich mich dann auch nicht; das ist ja irgendwie auch ein witziges Gefühl, da so durchzufahren. Durch diese dicke, klebrige Luftschicht. Diese Gewitter-Vorahnung. Aber heute kriegt sie mich irgendwie nicht. Heut fühl ich’s nicht.

Manspreaders I Met On The Train

U2 Schönhauser Allee → Senefelder Platz

U1 Möckernbrücke → Wittenbergplatz

U8 Weinmeisterstraße → Hermannplatz

Der Teppichklopfer

Auf dem Rad vor mir fährt eine Frau mittleren Alters. Aus ihrem Fahrradkorb ragt, verstaut in eine große dunkle Tasche, der Griff eines – nun ja, Teppichklopfers? Verzwirbeltes, lackiertes Holz, das mich erst denken ließ, es handelte sich vielleicht um einen Badminton-Schläger (was die naheliegendere Option gewesen wäre). Aber der Griff war eben zu schnörkelig für ein Sportgerät, also musste es sich um einen Teppichklopfer handeln.

Ich erinnere mich an den Teppichklopfer meiner Großmutter, die ihn in ihrem Münchner Wohngebiet nutzte, um die großen Hochflorteppiche draußen zu säubern. Dazu wurden sie zusammengerollt, zusammen mit dem Großvater in den Gemeinschaftsgarten (der eher eine vertrocknete Wiese mit kaputten Plastikstühlen war) gebracht und auf große Metallstangen gehängt, die extra dafür installiert worden waren. Generell waren die Wiesen Nutzgärten nicht im landwirtschaftlichen, sondern im hauswirtschaftlichen Sinn: Zwischen den Häuserblocks verteilten sich Wäschespinnen, Teppichgestänge und vereinzelte Sitzgarnituren, auf denen Großeltern sitzen und ihren Enkelkindern beim Spielen im Rasen zusehen konnten.

Aber sowas gibt es in Berlin nicht. Zumindest nicht direkt in der Stadt. Hier haben die Hinterhöfe maximal verbogene Fahrradständer oder Mülltonnenhäuser; in den seltensten Fällen kleine Remisen, die von Studenten behaust werden, aber keine Teppich-Ausklopf-Vorichtungen. Ich weiß also nicht so recht, was die Frau auf dem Rad mit ihrem Teppichklopfer vorhatte. Vielleicht war sie Erzieherin in einem illegalen Kinderhort, der noch körperliche Gewalt als Erziehungsmaßnahme anwandte? Dann wäre meine Beobachtung womöglich unterlassene Hilfeleistung gewesen?! Oder sie hat ihn einfach auf eBay Kleinanzeigen gekauft und hängt ihn sich nun, wie erfolgreiche Tennisspieler ihre Schläger, über den Türrahmen? Als Erinnerung an ihre Zeit als erfolgreiche Teppichklopferin. Wissen werden wir es nicht; sie bog dann auf dem Mehringdamm links ab. Hoffen wir einfach, dass sie in keiner Einrichtung mit fragwürdigen Erziehungsmethoden arbeitet.