Der Teppichklopfer

Auf dem Rad vor mir fährt eine Frau mittleren Alters. Aus ihrem Fahrradkorb ragt, verstaut in eine große dunkle Tasche, der Griff eines – nun ja, Teppichklopfers? Verzwirbeltes, lackiertes Holz, das mich erst denken ließ, es handelte sich vielleicht um einen Badminton-Schläger (was die naheliegendere Option gewesen wäre). Aber der Griff war eben zu schnörkelig für ein Sportgerät, also musste es sich um einen Teppichklopfer handeln.

Ich erinnere mich an den Teppichklopfer meiner Großmutter, die ihn in ihrem Münchner Wohngebiet nutzte, um die großen Hochflorteppiche draußen zu säubern. Dazu wurden sie zusammengerollt, zusammen mit dem Großvater in den Gemeinschaftsgarten (der eher eine vertrocknete Wiese mit kaputten Plastikstühlen war) gebracht und auf große Metallstangen gehängt, die extra dafür installiert worden waren. Generell waren die Wiesen Nutzgärten nicht im landwirtschaftlichen, sondern im hauswirtschaftlichen Sinn: Zwischen den Häuserblocks verteilten sich Wäschespinnen, Teppichgestänge und vereinzelte Sitzgarnituren, auf denen Großeltern sitzen und ihren Enkelkindern beim Spielen im Rasen zusehen konnten.

Aber sowas gibt es in Berlin nicht. Zumindest nicht direkt in der Stadt. Hier haben die Hinterhöfe maximal verbogene Fahrradständer oder Mülltonnenhäuser; in den seltensten Fällen kleine Remisen, die von Studenten behaust werden, aber keine Teppich-Ausklopf-Vorichtungen. Ich weiß also nicht so recht, was die Frau auf dem Rad mit ihrem Teppichklopfer vorhatte. Vielleicht war sie Erzieherin in einem illegalen Kinderhort, der noch körperliche Gewalt als Erziehungsmaßnahme anwandte? Dann wäre meine Beobachtung womöglich unterlassene Hilfeleistung gewesen?! Oder sie hat ihn einfach auf eBay Kleinanzeigen gekauft und hängt ihn sich nun, wie erfolgreiche Tennisspieler ihre Schläger, über den Türrahmen? Als Erinnerung an ihre Zeit als erfolgreiche Teppichklopferin. Wissen werden wir es nicht; sie bog dann auf dem Mehringdamm links ab. Hoffen wir einfach, dass sie in keiner Einrichtung mit fragwürdigen Erziehungsmethoden arbeitet.

17. April 2019