Berlin

Tagebuchbloggen: 1/2022

Zeichnung des Autors der Tagebuch schreibt

1. – 9. Januar 2022

Der erste Tag des Jahres beginnt mit einem Spaziergang an der Spree. Vorbei am alten Magnet Club über die Oberbaumbrücke; die letzten Nachtgestalten flüchten nach Hause. Immer öfter sehe ich anstatt Freiheit und Abenteuer nur den Dreck auf den Straßen dieser Stadt, und frage mich, ob ich noch richtig hier bin.

Über die letzten Jahre immer mehr gelernt und perfektioniert: Die Fähigkeit, am Wochenende erst mal im Bett zu bleiben. Bis der Gedankenstrudel reinkickt – dann muss man schnell aufstehen und Kaffee kochen.

Magnetische Tage mit magnetischen Menschen.

Muss lernen, souveräner auf die Frage »Was war bei dir so los?« zu antworten.

Friedrichshain ist einfach ein fucking Labyrinth aus Kopfsteinpflastern; jede Ecke sieht gleich aus. Ich check’s nicht und es nervt.

Jemand hat mir ein Dick Pic als Linoldruck geschickt. Per Post. That’s the effort I expect from my fellow creative Gays!

»Auf einer Skala von 1 bis 10, wie sehr siehst du mich in der Zukunft als hochverschuldeten Penthouse-Besitzer?!«

2022 wird das Jahr, in dem ich modisch zu mir selbst finde, ganz bestimmt!

Im Kino gesehen: »Spider Man«. War genau so schön und unterhaltsam, wie ich ihn erwartet hatte. »Große Freiheit« von Sebastian Meise wiederum war atemberaubend. Unsicher, wann ich zuletzt so einen guten, intensiven Film gesehen habe.

“I don’t know what fall in love means. It’s not part of my world.” — Joan Didion, The Center Will Not Hold, Netflix

November halt

Ich laufe morgens am Kanal entlang Nun ist es also so weit Sämtliche Farben haben die Stadt verlassen und Berlin bleibt als graues Scheusal zurück Die machen’s richtig, denke ich mir Jedes Jahr aufs Neue stellen sich hier alle, die zurückbleiben, die Frage Warum tun wir uns das an Aber die Antwort ist leider sehr simpel Wir stecken hier fest

Im Eis

Eis auf dem Landwehrkanal

Mitten im Februar: Der Landwehrkanal ist zugefroren, und M. drängt darauf, dass wir uns für ein paar Schritte aufs Eis wagen. Es wird die letzte Chance sein; Klimawandel generell, und auch heute: in ein paar Stunden wird die Polizei hier alles abgeriegelt haben. Aber noch schlittern die Kreuzberger und Neuköllner hier auf dem Eis – jemand hat eine Boombox dabei; es gibt Menschen in Schlittschuhen und auf Skiern. Knallbunte Overalls; der Hipster lebt, she’s alive and well. Unter der Brücke: Ein toter Schwan, dramatisch auf dem Eis platziert. Leute haben Blumen drumherum gelegt. Und irgendwo hat jemand ein Loch ins Eis gehackt: vier, fünf Zentimeter, dicker ist das Eis nicht. Jeder Schritt knirscht, und wir klettern mutig/freudig/erregt zurück ans Ufer.

Nur ein paar Kilometer entfernt, im Treptower Karpfenteich, soll zeitgleich jemand unter dem Eis ertrunken sein. Auf Twitter sehe ich einen nackten Mann, der auf Schlittschuhen über das Eis rast und einbricht. Ich war noch nie ein Freund des Nervenkitzels, und Mut ist auch keine meiner ausgeprägteren Eigenschaften – aber zwischen Mut und Dummheit liegt ein schmaler Grad, dessen Exploration mir nicht lohnenswert scheint.

Stunden später laufen wir über die Hobrechtbrücke zurück nach Neukölln. Die Polizei hat, wie erwartet, den Kanal geräumt. Alles ist jetzt leer und das Eis hat seine Stille wieder. Der Schwan wird als letztes entfernt, er hinterlässt eine mit Blumen umrankte Silhouette. Auf der Brücke schauen Menschen auf sie herab.

Der Himmel, heute

Die Stadt schläft noch; unberührt spannt sich der Himmel über uns auf. Die Sonne erleuchtet die gelbe Hauswand gegenüber, und ich muss die Augen zusammenkneifen, wenn ich meine Blicke nach oben schweifen lasse. Aber es lohnt sich. Alles ist ganz ruhig da oben. Hell und blau liegt er da, der Himmel. Nur an den Rändern ein paar Wolkenflecken und Kondensstreifen. Er sieht einladend aus. Als lohnte es sich, heute ein paar Schritte unter ihm zu gehen.

Im Erdgeschoss

In die Erdgeschosswohnung im Nachbarhaus ist jemand eingezogen. Lange stand sie leer – im Erdgeschoss wohnen ist in einer Großstadt ziemlich unattraktiv. Ständig laufen hier sehr viele verschiedene Leute vorbei, alle sind neugierig, viele bestimmt auch frech. Ich stelle es mir stressig vor.

Aber nun wohnt da jemand. Das Licht ist immer an. Gleißend weiß beleuchtet eine LED-Glühbirne das Zimmer zur Straße. Nichts Wohnliches strahlt dieses Licht aus. Aber es macht die spartanische Einrichtung sichtbar: Ein lustlos bezogenes Bett steht in der einen Ecke. In der anderen ist ein kleiner weißer Tisch mit einem wackelig aussehenden Plastikstuhl platziert. Auf ihm sitzt immer ein Mann, vielleicht Ende 30. Er schaut in sein Handy. Neben ihm: ein Gummibaum, und manchmal ein Wäscheständer.

Es ist nicht so, als hätte ich lange neugierig durchs Fenster in die Wohnung gestarrt. Aber das ist eben die Sache bei hell erleuchteten Erdgeschosswohnungen: Wer daran vorbei läuft, schaut zwangsweise auch hinein. Das weiße Licht irritiert mich jedes Mal. Wie kann man sich gerne in diesem Raum aufhalten? Aber immer wenn mein Blick dann auf die Person fällt, und auf die spärlichen Einrichtungsgegenstände, denke ich: Es sieht gar nicht nach wohnen oder nach aufhalten aus. Eher nach aushalten. Der Mann und die Gegenstände, dicht an die Wände des Zimmers gedrängt, sitzen die Situation nur so aus – bis ich und meine Blicke endlich an der Wohnung vorbei gegangen sind.

012021: Where You Find Me

Berlin is preparing for the snowstorm. It’s awaited for Sunday, temperatures are supposed to go below -10°C, and we’re expecting up to 30 centimeters of snow. This city is not used to it anymore; the last time I worried if my shoes were winter-proof was about ten years ago. But sitting in my apartment, as I’ve basically done for the past year, I’m excited for it. I’m excited for the sound of the snow, the silence of city, the brightness and the crisp air.

While I started the year with a big slice of uncertainty, January took care of things itself, and by now, lots of them are clarified. There’s enough work to do, and I’ve accepted that my motivation oscillates between “I’ll make this Wednesday a Sunday and stay in bed” to “LET’S GET THIS DONE”. As we all know, January and February are the hardest months to get through—mood, productivity and serotonin are on their lowest levels. But we are already halfway through! You can find motivation in anything if you’re desperate. And if you can’t, it’s also okay to just stay in bed from time to time.

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Not much else noteworthy happened in January. And as we’re going to be covered unter 30 centimeters of snow at any given moment, things might stay that way a little longer. So here is a short list:

I’ve been listening to the new The Notwist album on repeat the past week. It‘s eery and gloomy; perfectly composed for this weird time. My favorite song is Into Love / Stars, but Where You Find Me is also great and a very typical Notwist song.

If you’re rather in need of uplifting music, give the new Baio album “Dead Hand Control” a spin (e.g. on Spotify). It’s catchy and weird and fun to listen to.

In case we’re not going to be completely snowbound, the Berlinische Galerie published three audio tours guiding you along remarkable 1980s architecture in Berlin. For me as a big Baller-enthusiast, this will be the perfect companion for snowy Sunday walks.

For the readers who are more into nature than architecture: In this Twitter thread, I received some great recommendations on where to meet animals in Berlin these days.

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Animals can be great mood boosters during winter. Unfortunately I only get to see my friends’ and colleagues’ pets via Zoom, but the decision to get a four-legged flatmate is getting closer and closer. Just like the snowstorm! Stay safe, stay at home, and if you want: Stay in bed.

(If you enjoy content like this: I send it out as a (irregular) monthly newsletter called Christel’s CornerSign up for it here.)

Modehaus Manuel

An der Ampel bei Modehaus Manuel, da passierte es, da trafen wir uns, nach all den Jahren liefen wir ineinander, ja, genau da. Ich wartete auf meinem Rad auf Grün, und du fuhrst ran und sahst mich zuerst, und dann hast du wohl dein großes Grinsen aufgesetzt und mir entgegen geschleudert. Und wie das so ist in solchen Momenten, zögert man kurz, ob es nun angemessen wäre, wirklich innezuhalten und ein Gespräch zu entfachen, oder ob jeder lieber auf seinen Schienen bleibt, sich grüßt und weitergeht, und die Begegnung im Keim erstickt; oft ist das beiden ja lieber. Aber hier war es nicht so, wir gaben unsere Schienen auf und hievten die Räder von der Straße und da stehen wir nun, zwischen uns fünf, sechs Jahre, in denen viel passiert ist, aber das Grinsen, das du da hast / das kenne ich noch / lass’ mich damit bitte in Ruhe / ich geh’ in Flammen auf