Berlin

Tele – Die Nacht ist jung (TV Noir)

Was macht eigentlich die Band Tele? Unklar, aber auch nicht ganz so wichtig, denn Francesco Wilking hat mit seiner Stimme die erste Dekade der Nullerjahre (wow, hässliches Wort!) so perfekt vertont wie keine andere deutsche Indieband. Das wird nochmal deutlich in diesem wunderbaren TV-Noir-Video, das den Song Die Nacht ist jung in seiner melancholischsten Gemütslage präsentiert. Gibt’s auch bei Spotify.

Über Bioläden

Sieht man von einigen Nebensächlichkeiten wie den heruntergekommenen Häusern, den Massen an nicht abgeholtem Sperrmüll oder den hässlichen Neubauten ab, ist Neukölln tatsächlich wie ein junger Prenzlauerberg-Szenebezirk. An einigen Orten wird das ganz besonders deutlich: In Biomärkten zum Beispiel. Es gibt hier im Bezirk immer mehr davon, und sie sind der Hauptmagnetpunkt für junge Familien, besonders Mütter (den ehrlicherweise wird auch in den meisten jungen, conscious Bio-Familien das klassische Familienmodell gelebt).

Ich muss deshalb mal kurz etwas über Biomärkte loswerden. In vielen Aspekten (abgesehen von der Tatsache, dass ich gerade weder Ehe noch Kinder habe noch will), entspreche ich total dem Biomarkt-Klientel. Ich versuche, möglichst verpackungsarm einzukaufen (klappt weniger gut); wenn ich die Wahl habe, greife ich zu regionalen Produkten, etc pp. Ich bin kein besonders erfolgreicher Öko, aber ich gebe mir Mühe.

Samstag Vormittag laufe ich also durch Neukölln, um ganz yuppieesk meine Errands zu erledigen – ich bringe die leeren Milchflaschen zurück, die man nur in diesem Laden kaufen und abgeben kann. Natürlich ist am Samstag viel los dort – alle müssen ja ihre Errands erledigen, das haben wir auf dem Land von unseren Müttern so gelernt. 

Und hier ertappe ich mich dabei, wie ich mich in meinem selbsterwählten Lifestyle furchtbar nerve; und wie mich alles daran und drumherum nervt. Biomärkte sind oft sehr klein – aber die Biofamilien kommen nicht allein: Sie bringen ihre Lastenräder mit, und ihre Fahrradanhänger zum Kindertransport (ein Konzept, das mir auf den ruppigen Berliner Straßen bisher sowieso unangenehm ist), und die müssen durch den Bioladen gekarrt werden. Ich bin absolut für Lastenräder, denn das heißt, dass man nicht im SUV die Straße verstopft – wieso also haben Bioläden anstatt der pseudogemütlichen Cafés, in denen niemals jemand sitzt und Pastinakensuppe für acht Euro schlürft, nicht einfach einen Parkplatz für diese sperrigen Vehikel? Nur so als Idee.

Außerdem sind im Biomarkt alle Menschen sehr langsam. Das kann man ihnen natürlich positiv anrechnen – die Leute hier sind nicht so alltagsgestresst; hier geht man es ruhig an und lässt sich Zeit, um Kundinnen und Kassiererinnen ein Lächeln zu schenken. Aber ich, der als Zehnter mit seinen fünf Milchflaschen in der Reihe steht (mehr darf man nicht sammeln, es gibt nämlich kein Pfandlager; alles sehr beengt hier!), vermisse in diesem Moment die Effizienz meiner REWE-Kassiererin. Sie ist freundlich und schnell – und damit dem Bioladen um einiges voraus.

Ich will mich nicht direkt beschweren; eher beobachten. Das alles sind selbst gemachte Probleme (ich könnte ja auch die Pseudo-Biomilch im Tetrapack kaufen!), aber manchmal tut es gut, sich kurz über Belangloses zu erzürnen. Wenn wir ehrlich sind, sind die meisten der Probleme, über die wir uns gerne aufregen, handgemacht. Regional. Artisanal. Bio vermutlich auch. Problemmanufaktur »Ich!«

Ich Rasier’ Euch Alle

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Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis eins der großartigsten Graffitis dieser Stadt verschwinden wird. Das Haus am Hermannplatz, Hasenheide 119, gegenüber von „Berlins größtem Bräunungs-Center“ (sic), dessen Schicksal der TIP Berlin schon im vergangenen Jahr portraitiert hat, ist seit Monaten eingerüstet. Laut Morgenpost muss es bald einem Büroturm weichen. Was könnte man auch sonst bauen an einen Platz, der zwei lebhafte, multikulturelle Stadtteile verbindet.

Durch das Baugerüst finden sich zahlreiche Graffitis an der Fassade, aber das Schönste thront seit einigen Jahren ganz oben: »Ich rasier euch alle« steht in Blockbuchstaben auf dem Rooftop über der Hermannstraße. Ich werd’s vermissen. Es scheint fast, als rasiere nun doch die Gentrifizierung uns alle.

Im Neuköllner und bei kreuzberg süd-ost gibt es ältere, bessere Fotos. R.I.P.

Der Brand:

Kastanienallee – Menschen laufen mir in Paaren entgegen. Ich prüfe: sie rennen nicht, sie scheinen vor keiner konkreten Gefahr zu flüchten. Ich trete mein Fahrrad langsam die Straße entlang: immer mehr Menschen, der erste Polizeibus. Ein sanftes Dröhnen in der Luft: dann das erste Feuerwehrauto, und da merke ich es am Geruch: ein Brand. Die Leute im Restaurant gegenüber blicken aus den Fenstern zur Straße hin: Eine Menschenmenge entfernt sich. Mehr Polizei, mehr Feuerwehr, ich steuere auf die Kreuzung zu. Die Scheiben der Bar sind mit grauem Rauch bedeckt. Aus der Eingangstür an der Hausecke qualmt es Wolken nach außen, die Feuerwehr beginnt bedacht ihre Arbeit. Ich traue mich nicht anzuhalten: Anhalten macht mich zum Zuschauer, Zuschauer stören in solch einer Situation.

Aber kaum jemand ist hier. Die Menschen spazieren, die Feuerwehr geht entspannt ihrer Arbeit nach: Sie tragen ihre Schutzkleidung, sie tragen den Schlauch. Ich blicke am Gebäude nach oben: Ist noch jemand drin? Warum herrscht hier keine Panik? Vereinzelt brennt Licht in den Wohnungen, doch es scheint alles leer zu sein. Die Bar qualmt weiter. Ich biege in die Seitenstraße.

Eine Woche später fahre ich wieder an der Hausecke vorbei – es ist spät am Abend. Mein Blick huscht an den großen Scheiben der Bar entlang: Die Stühle sind hochgestellt, und auf den Tischen stehen in kleinen Vasen die ersten Tulpen des Jahres.

January: Thermal underwear, 100 essays and Berlin drawings

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One of the hardest months of the year is coming to an end. The darkness of winter is eating me up, I want to hide inside and just wait till it’s over. Neukölln is not a pleasurable place to be during the winter months – I hate spending time outside after 5pm, which leads to a lot of home office days and me temporarily moving to my friend’s home in Prenzlauer Berg.

Something that helped my dark mood and misanthropy: Avoiding public transport. I stepped up the cycling game, buying thermal underwear, rain clothes, and made a DIY ass-saver (who would buy a bicycle without mud guards?!). When it was -10°C, my most important purchase was a pair of really expensive Roeckl gloves, which I lost one week later. By then, January was well-disposed; temperatures almost spring-like.

Also purchased were too many books this month: Brian Christian’s The Most Human Human, Sarah Ruhl’s 100 Essays I Don’t Have Time to Write, and a couple of novels I want to read this year. The latter – 100 Essays – is just a pleasure to read because it consists of really short, really fun musings on theatre. I tend to buy a lot of books and never make it past the first 80 pages, and for a long time I thought I am just not the smart book person I wanted to be. In fact, my attention span is very short when it comes to reading, but oftentimes, I also just choose the wrong ones. I had maybe two or three books last year that I read in one go, for example Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore: A fantastic novel with simply the right amount of zeitgeist and magic. I bought it at The Curious Fox in Neukölln, which you should pay a visit if you’re into english books.

Other findings of joy this month: This set by Robag Whrume; I did not listen to anything else. Elisabeth’s weekly writing, especially this text after the first week of January. I fell in love with the drawings and paintings of Sholem Krishtalka: An intense capturing of the city and queer clubbing scene in Berlin.

Two more months to go until spring is back.

Eigentlich ganz friedlich

Neulich stand ich an meinem Fenster und blickte auf die Straße; es war einer der ersten Abende, an denen die Stadt mit dicken Schneeflocken bedeckt wurde. Und ich schaute hinunter und hinaus und ich dachte, eigentlich ist es doch ganz friedlich: Diese Stille, die der Schnee mitbringt, das heimliche Knirschen, Menschen, die ihre Autos frei schaufeln. Ich las die Anekdote eines jungen Mannes, der Geflüchteten Deutsch beibringt: wie die Konzentration dahin war, als die Menschen teilweise den allerersten Schnee ihres Lebens gesehen haben – da dachte ich, eigentlich ist es alles ganz friedlich.

An diese Magie des ersten Schnees erinnere ich mich von früher: Schneefrei, weil der Schulbus nicht fährt! Heute ärgern wir uns über die Straßenbahn, die ausfällt, denn Bürofrei gibt es nicht als Erwachsener. Iglus bauen, wenn der Schnee richtig schön pappig ist! Heute? Der Mann, der sein Auto vom Schnee befreit (der, den ich eben noch verträumt dabei beobachtet habe) flucht, und ich finde es auch nicht so toll, das Rad wegen Glätte und Matsch zu Hause lassen zu müssen. Das Rodeln auf dem Berg am Stadtrand! Und heute gehen eigentlich nur noch die Leute rodeln, die selbst schon Kinder haben.

In 24 Tagen geht die Sonne wieder um 7 Uhr 30 oder früher auf (11. Februar). In 40 Tagen wird endlich die Zeit umgestellt: Die Sonne geht erst um 18 Uhr 30 oder später unter (26. März). In zweieinhalb Monaten können wir vermutlich die Winterjacke durch die Übergangsjacke ersetzen (1. April). Bis dahin schaue ich mir die Welt versteckt durch den schmalen Sichtschlitz meiner Winterjacke an.

Nur noch G

Gestern habe ich mich mit S. getroffen. Wir haben Penne mit Tomatensoße gegessen; oder viel eher hat er Nudeln und Fertigsoße mitgebracht und in meiner Küche für sich gekocht. Das war ok. Er wollte meine neue Wohnung sehen, und ich wollte ihn sehen. Das letzte Treffen war lange her.

S. sieht immer noch aus wie vor zwei Jahren, vielleicht noch etwas schelmischer, und noch ein kleines bisschen kaputter. Er nehme jetzt eigentlich nur noch G, erwähnt er, das mache einen nicht so nachhaltig fertig und sei viel lustiger. Und er werde immer so geil dabei. Ich wünsche mir eine Portion G in seine Penne Arrabiata und merke, dass das ein böser Gedanke ist, und schäme mich. S. hat schöne Finger und tiefe Augenringe, die in seinem kindlichen Gesicht und unter dem blonden Haarschopf versinken.