Wir gehen jetzt auf die 30 zu

Vor einem Jahr noch fand ich diesen Satz witzig. Da war das ja auch einfach; ich war gerade 27 geworden, vom Feeling her also immer noch Mitte 20; da war das alles noch weniger greifbar. Der Satz fiel, um den Kauf eines teuren Möbelstücks zu rechtfertigen. »Wir gehen doch jetzt auf die 30 zu«, da kann man schon mal in etwas investieren, was qualitativ und preislich über IKEA-Niveau hinausgeht. Und daraus ist dann irgendwie ein geflügeltes Wort geworden – fast 30 sein rechtfertigt alles!

Aber jetzt rückt auch bei mir die 30 näher. Ich habe keine Angst vor dem Älter werden, ich finde es generell sogar super. Es ist eher der Drang, die Umstände zu prüfen und abzuwägen, der mich zermürbt. Habe ich mir Erwachsen sein so vorgestellt? Lebe ich eigentlich so, wie ich will? Was genau sind die Dämonen, die mir im Nacken sitzen und mich hetzen? Und wie werde ich sie los?

Früher war mir wichtig, mir auszumalen, wie die Zukunft aussieht. Es hat mir geholfen, mich zu orientieren und Ziele zu haben. Heute scheue ich mich davor, mir die kommenden 10, 20 Jahre vorzustellen. Warum eigentlich? Wieso nicht zugeben, dass gewisse Träume geplatzt sind und so auch Platz für Neues entstanden ist? Wieso nicht ernsthaft hinterfragen, ob mir diese Menschen, diese Arbeit, diese Wohnung, diese Stadt noch das geben, was ich brauche? Wofür all diese Unabhängigkeit, wenn ich mich nicht von ihr losreißen kann?

Wir gehen jetzt auf die 30 zu. Zeit, die Zügel mal selbst in die Hand zu nehmen.

8. Dezember 2019

112019: If You’re Going Through Hell, Keep Going

November 2019

Partly stressed, partly depressed, with a tiny spark of excitement, I am sitting in front of an empty slide deck. It’s some rainy weekend in October, and I am supposed to give a talk about my work during the upcoming week. I am paralyzed.

I used to give presentations quite frequently; I would even say that it used to be one of my best-trained designer muscles. But during that weekend I noticed how rusty I’ve gotten; how tricky I found it to draw a line without an actual pencil; and how shaky my voice gets while it peeks on the speaker notes. On the other hand: I really, genuinely enjoy it. I love talking about design, about an idea or a craft or a process, drawing that story line and deciding what’s worth saying and what isn’t. I just haven’t done it in a very long time.

So, as I am sitting at my desk, blank page horror in full blossom, I text my friend Ralf about my sorrows. He reminds me of a very basic wisdom: “If it doesn’t work, keep doing it—it’ll come to you eventually.” If you’re going through hell, keep going. It sounds cheesy, plain and overly dramatic, but drama helps, ffs sake; emotions help!, and it has a whole lot of truth to it. In the end, that stroll through hell saved me yet again: After I finished the slides and after the presentation was given and when I allowed myself to be relieved, I noticed: Wow, It’s good to be reunited with something I really like. Winning that spark back wasn’t as hard after all, it just felt so for a little part of the way.

Speaking of speaking: In October, I was invited by StanHema to talk about my design work and its relation to writing and text. That was fun, because as as we all know: Design is writing is design, and sorting and sharing all these connections in my head was really motivating and eye-opening.

I also noticed that this September marked my 10-year-anniversary in Berlin. I’ve always imagined to write a huge thinkpiece on how this city changed me, my life, my believes etcetera yada yada, so that in the end, I just published a list of random thoughts.

Learned about myself: I’m really into poetry. Actually I’ve always been, I just didn’t want to admit it, and I only like the weird stuff. And Rilke.

Even more links: I enjoyed this documentary about elderly people who speed-date (German); I learned a lot about Susan Sontag in this article about writing her biography; and I always admire Robert Riegers photography and especially his instagram posts.

I hope you’re all on a safe stroll off of any hell-like trails, but if you’re in the thick of one: Keep going! Have a blissful start into November.

3. November 2019

Die Stadt ist wach hinter Mauern aus Glas. Zehn Jahre Berlin

10 Jahre Berlin

Im Sommer 2009 sitzen mein Vater, Roman und ich in dem kleinen Dönerladen am Hertzbergplatz mit dem klingenden Namen Traumeck. Neukölln gilt als runtergekommener Stadtteil mit Potential; insgeheim wissen aber alle, dass hier die Mieten in den nächsten zehn Jahren um 99 Prozent steigen werden. Wir suchen eine Wohnung für Roman, Kathi und mich.

Ein paar Monate später, eigentlich genau jetzt vor zehn Jahren, sind wir dann gelandet: In einer WG in Neukölln, in einem Altbau mit riesigen, hohen Zimmern, mit kreativen Studienplätzen und vielen verrückten Phasen; wir haben unsere Leben komplett hierher verlegt, und wir sind immer noch hier. Ehrlich gesagt ist es in den allermeisten Aspekten meines Lebens so, als wäre ich nie woanders gewesen. Mit 17 kam ich her, und alles, was davor passiert ist, fühlt sich in der Retrospektive an, als wäre es nur so halb oder zumindest mit sehr wenig Elan passiert.

Stimmt natürlich nicht. Aber dennoch waren die letzten zehn Jahre mit die prägendsten in meinem Leben. Berlin ist immer noch die Stadt, die mich nicht los lässt; auch wenn sie mir regelmäßig auf den Kopf fällt. Um dieser Schwere entgegen zu wirken, hier eine leicht verdauliche Liste meiner letzten Dekade in dieser Stadt:

  • Das selbstbetitelte Album von The XX erscheint 2009, und es funktioniert immer noch – kaum etwas hat das erste neue Lebensjahr so vertont und verinnerlicht wie diese Musik.
  • Weekday war damals modisch das Aufregendste, was meinem Teenager-Körper passieren konnte. Und American Apparel sowieso – wie uns diese Firma 2009 alle in sehr enge Hosen und diese schrecklichen V-Ausschnitt-Shirts plus Opa-Cardigans gekleidet hat. Unfassbar.
  • Während heute die New Yorker Totebag das ultimative Hipsteraccessoire ist, war es 2009 definitiv der Do You Read Me?! Beutel. Wer von euch hat ihn noch?
  • Sowieso, Beutel: Was sollte das?! Alles wurde in Stoffbeuteln transportiert; auch wenn es viel zu viel und zu schwer und unhandlich war. Noch heute klemmt mir das Zetern meines Freundes B. im Ohr: »Lieber 20 Beutel als ein Rucksack!!!«
  • Meine Freundin J. hat mir zum Umzug damals eine Bauchtausche von Eastpak geschenkt – damit ich »in Neukölln zwischen den ganzen coolen Jungs nicht so raus falle«. Heute heißt sowas Dealerbag und ist ein nicht mehr wegzudenkendes Alltagsaccessoire für alle, die gerne rauchend oder kaffeetrinkend in Parks, Cafés, Agenturen und Clubs rumstehen.
  • À propos Clubs: 2009 wusste ich nicht mal, was das Berghain ist. Ein paar Jahre später ging ich jedes Wochenende ein und aus, um dann irgendwann zu merken, dass es doch auch sinnvollere Dinge gibt, die man an seinen freien Sonntagen machen kann. Selten hat mich ein Mythos aber so mitgerissen, und ich finde es sowohl albern als auch nach wie vor faszinierend.
  • Wenn es einen Club gibt, den ich wirklich vermisse, ist dass das NBI; das sich früher immer nach Wohnzimmer angefühlt hat. Hier war ich auf meiner ersten Berliner Party mit Kiwi, und hier hat das schönste Konzert von Me Succeeds stattgefunden. Der Ort (der jetzt ein Gravis-Store ist …) hat ein Nostalgie-Gefühl in sich, dass ich noch in 20, 40, 60 Jahren kennen werde.
  • Während mir zu Schulzeiten prophezeit wurde, dass ich eins dieser Ritalin-Opfer werden würde, die ihre Bedeutungssucht durch leistungssteigernde Mittel befriedigen, habe ich bisher stets die Finger von Drogen gelassen – und auch erst Jahre später gemerkt, dass ich damit einer der wenigen in dieser Stadt bin. Ich finde Drogen nicht mehr so schockierend und angsteinflößend wie früher, aber reizen tun sie mich genau so wenig wie damals. Gibt’s Ritalin überhaupt noch?!
  • Eine der schlimmsten Erinnerungen ist vermutlich die Silvesternacht auf der Warschauer Brücke. Im Nachhinein einfach ein sehr großer Faux-Pas aus Jugendlichkeit und Zugezogenen-Naivität.
  • Was immer noch nervt an dieser Stadt: Dass es in Parks keinen Rasen und keine Sitzgelegenheiten gibt.
  • Und dass man überall hin 30 Minuten braucht. Mindestens.
  • 10 Jahre Berlin sind auch: Eine Jugendliebe, zwei Umzüge, sehr viele Ballettstunden, dreieinhalb Jahre Agenturleben, zweieinhalb Jahre Therapie, zwei Studienabschlüsse, zwei Festanstellungen, ein geklautes Fahrrad, ein gebrochener Arm, drei Besuche in der Notaufnahme, einige merkwürdige Begegnungen, ein CSD-Besuch, eine Hand voll sehr guter, enger, neuer oder intensivierter Freundschaften, sechs Monate im Ausland, und so wenige Silvesterabende wie möglich in dieser Stadt.

Ob ich hier bleibe? Vor zehn Jahren hätte sich diese Frage nicht gestellt. Vor drei Jahren habe ich zum ersten mal gegrübelt, ob ich hier glücklich werden kann. Dieses Jahr sage ich: Für immer hier bleiben muss nicht sein. Aber solange hier alles ist, was ich liebe, gibt es keinen Grund, zu gehen. Also auf die nächsten Monate, oder Jahre, oder Dekaden.

31. Oktober 2019

Rilke: Das Stunden-Buch

Cover zu Rilkes Stunden-Buch als Insel Taschenbuch; gestaltet von Willy Fleckhaus, der auch für das ikonische Design der Suhrkamp-Taschenbücher verantwortlich ist.

Jahrelang hing über dem Schreibtisch meines Jugendzimmers ein Stück Karton, auf dem ein Vers aus Rilkes Gedichtzyklus Das Stunden-Buch stand. Ich erinnere mich nicht, woher ich die Zeilen hatte, vielleicht aus einem Film oder einer Deutschstunde, jedenfalls haben sie sich fest in meinen Kopf gebrannt. Und ohne ihre genaue Bedeutung oder ihren Kontext zu verstehen, hielt ich sie für relevant oder schön genug, um jeden Tag daran erinnert zu werden:

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

Ich kenne mich mit Gedichten nicht aus; meistens finde ich es schwierig sie überhaupt richtig zu lesen. Am ehesten funktioniert Lyrik für mich als Vortrag; so hört man immerhin, welche Stimmung intendiert war. Und je mehr ich über den Kontext des Stunden-Buchs lese, desto weniger räsoniert es mit mir: Ein Großteil im Buch dreht sich im Rilkes Beziehung zu Gott (Stundenbücher oder Horarien nannte man Gebetsbücher zum Stundengebet).

Wenn du der Träumer bist, bin ich dein Traum.
Doch wenn du wachen willst, bin ich dein Wille
und werde mächtig aller Herrlichkeit
und ründe mich wie eine Sternenstille
über der wunderlichen Stadt der Zeit.

Für Laien wie mich funktionieren die meisten Verse aber auch ohne religiösen Kontext. Fast besser noch: Die rhythmische Sprache kann gelesen werden wie eine Andacht, aber an das Leben selbst, oder an eine Person, oder sogar an sich selbst:

Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,
und will niemals blind sein oder zu alt
um dein schweres, schwankendes Bild zu halten.
Ich will mich entfalten.
Nirgends will ich gebogen bleiben,
denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.
Und ich will meinen Sinn
wahr vor dir. Ich will mich beschreiben
wie ein Bild das ich sah,
lange und nah,
wie ein Wort, das ich begriff,
wie meinen täglichen Krug,
wie meiner Mutter Gesicht,
wie ein Schiff,
das mich trug
durch den tödlichsten Sturm.

Ich habe die Zeilen damals alle als Liebesgedichte gelesen. Ganz ohne Gottesbezug, sondern mit dem Gedanken an eine Person; als weltliche Ansprache. Und auch jetzt, wo ich mehr Kontext zu den Gedichten habe, denke ich beim Lesen sofort an Personen – nicht immer an eine bestimmte, aber doch immer an eine direkte Beziehung zu sich oder anderen. Die Vehemenz; die kompromisslose Zugewandtheit der Verse ist das, was mich jedes Mal erschaudern lässt.

1. Oktober 2019

Flying Low & Passing Through

Flying Low is a contemporary dance technique, developed by David Zambrano. It focusses on the body as a spiral: A constant exchange of collecting and releasing tension lets the dancer move upwards and downwards, high and low, always rotating. It’s an intense technique – watch it here (but don’t try it at home).

It also describes my past month’s mood fairly well. The idea of gathering and sending, that the technique promotes, actually sounds like a common creative practice: You look at things, absorb them, and then you process them, work with them, and make something new out of them. Pretty straight forward.

But I’ve been struggling with that lately. Last month was quite exhausting: I took time for personal work, but it never really worked. I was discontent, the outcome was never good enough, yada yada, you know how it goes. But I always needed that “fix” of pushing it out to the world. I needed to publish something; to show something. It was almost like everything I made only had a right to be made and exist if it was out there. But showing my work was not the release I was hoping for, it just made the tension bigger. I didn’t know what to do.

~ Brief pause, deep breath, building up tension ~

And I still don’t.

I wish I was able to tell you how I solved the creative block, but I haven’t yet. It’s been about four weeks, and by now, I just focus on passing through it – by simply not doing anything. And actually, as I recently discovered fun activities outside of work for me, it might not be that hard after all.

Here is a jumbled list of things I’ve done, read and learned:

● I learned that the term “Carpe Diem” doesn’t translate to “Seize the day”, but rather to “Pluck the day” (“… evoking the plucking and gathering of ripening fruits or flowers, enjoying a moment that is rooted in the sensory experience of nature”), which is beautiful and reduces the anxiety to getting stuff done. Here’s the article about it.

● I am going to dance classes again, after I stopped for almost two years. Not to practice Flying Low (I have enough spiraling and gathering and sending struggles in my life already), but just to get moving again. It’s fun. If your mind is stuck, moving is a good idea.

● I need a book shelf! If you have recommendations for beautifully designed shelves, I’d be grateful if you shared them with me. Instagram aggressively advertised this Italian shelving system to me, which I love (it has all the good stuff: wood and metal drawers and mustard colors), and of course it’s extraordinarily expensive.

When the weather gets colder, swallows tend to lower their flight level. For September, I might stick to that mode, too; flying low, just passing through it. However high your level for September might be: Please pass through it safely.

3. September 2019

Stefanie Schrank: Fabrik

Es ist doch schön, zu sehen, dass sich manche Dinge nicht verändern. Dass manche Sphären immer noch die gleichen sind; sich nicht kontinuierlich entwickeln müssen. Dass es auch Kunst gibt, die nicht immer etwas neues, noch abstrakteres, grenzüberschreitenderes sein muss. Es ist doch schön, dass es Musik gibt, die man nach zehn oder 15 Jahren noch gut finden kann, und die sich seitdem auch nicht komplett verwandelt halt.

Stefanie Schrank ist so ein Fall: Ich habe ihre Musik in der Band Karpatenhund und vor allem Locas in Love geliebt. Und nicht nur das – auch ihre Haltung: Dieses Okay mit sich sein, nicht rebellieren müssen, sondern einfach Spaß an der Sache haben. Und deswegen macht es mich froh, dass eine weitere Single-Auskopplung ihres bevorstehenden Solo-Albums (VÖ am 27. September bei staatsakt) einfach ein Stop-Motion-Film in klassischer Manier ist. No fuzz! So wie wir das im Designstudium früher gemacht haben. Und auch, wenn mir das erste Mal die Musik nicht so zusagt: Schön, dass das alles immer noch da ist.

› Das Video zu »Schrank« bei YouTube
› Stefanie Schrank bei Spotify / Apple Music
› Das beste Lied von Locas in Love: Nein (Bandcamp)

(via musikexpress)

29. August 2019

Gegen das Aus-der-Welt-fallen

Ich habe etwas Schorf an der Schläfe. Ich bin angehalten, ihn nicht aufzukratzen, um Narbenbildung zu vermeiden. Daran halte ich mich natürlich. Aber für immer kann dieser Schorf da nicht bleiben; irgendwann wird er verschwinden. Er wird sich auflösen und irgendwann abfallen, im Ganzen oder Stück für Stück. Irgendwo wird er sich also verteilen; so eklig das auch klingen mag. Aber das ist ja das, was sowieso die ganze Zeit passiert. Hausstaub besteht zu einem Großteil aus alten Hautschuppen. Wir häuten uns permanent. Wir lassen uns andauernd und überall zurück. Das ist vielleicht auch eine Praxis, um nicht aus der Welt zu fallen – seine Spuren zu hinterlassen, das will ja irgendwie jeder. Dafür machen wir die Dinge: die Kunst, die Texte, die heroischen Taten, die Grausamkeiten – um zu bleiben; sich festzusetzen wie ein Anker. Wie, wenn man bei einem Date den Pulli absichtlich liegen lässt, um sich nochmal treffen zu müssen. Als Beeinflussung des Schicksals, sozusagen. Wenn ich das meinem Schorf erzähle!

16. August 2019