18. Mai 2022

Der stille Gast

Ein Knarzen quält sich aus den Dielen
Verhallt doch schnell im Samt der Nacht
Augen, die um die Ecke schielen
Vom scharfen Atem aufgewacht

Geht es ganz schnell, doch ohne Hast
Das Kissen dämpft des Schusses Schall
Lautlos agiert der stille Gast
Die Nacht verschluckt den dumpfen Knall

So wird er sich vonstatten stehlen
Ein blasser Hauch entflieht dem Raum
Und ich werd’ rastlos Runden drehen
bis zu meinem nächsten Traum.

2. Mai 2022

April-Liste 2022

  • Manche kämpfen noch in den Schlachten, in denen man selbst schon gesiegt hat. Das eigene Fortkommen sehen, das ist auch was. Zu merken, dass »It gets better« nicht nur eine Floskel ist.
  • Gutes Gefühl, das für Freelancer manchmal rar ist: etwas machen, und nicht allein damit sein.
  • Slow Sundays.
  • Habe meinen Rhythmus gefunden: Morgens früh aufstehen und eine Stunde arbeiten, dann zum Sport, denn dann sitzt mir die Arbeit nicht mehr so im Nacken und ich hab’ den Kopf frei.
  • Bin jetzt einer dieser Menschen, die regelmäßig zum Sport gehen, weil »mir das einfach total gut tut«.
  • Einerseits ärgere ich mich, wenn ich 10 Folgen The Office schaue anstatt ein Buch zu lesen, andererseits genieße ich es auch. Und GENUSS ist schließlich mein Jahresmotto!
  • Die Frau, die in der Oper um einen Platz am Rand bittet (»Ich brauche einen Fluchtplatz!«). I feel you.
  • Ansonsten von diesem Abend gelernt: Oper ist nix für mich. Fragt mich in 20 Jahren nochmal.
  • Sehr oft passiert im April: Bis 10 Uhr geschlafen und mich danach gefühlt als hätte mich jemand verdroschen.
  • Jemand sagt mir in einem Workshop, ich hätte eine »charming personality«, und wenn das nix ist, was dann?!
  • Gestrandet in Brandenburg: Wir essen billigen Blechkuchen in einem tristen Café. Dass Brandenburg ständig all seine eigenen Klischees erfüllt, finde ich überraschend konsequent.
  • Mit eigenen Ohren gehört: Wohnen auf der Karl-Marx-Allee ist lauter als es schön ist. Sowieso, diese Straße, was stimmt nicht mit ihr? Sie wäre ein Traum für Fußgänger, wenn es nur Gründe gäbe, auf ihr zu flanieren.
  • Kurz den eigenen moralischen Kompass in Frage gestellt (und dann via Telefonkette von allen Freunden bestätigt worden).
  • »For a gay guy, if you’re not going to be the stud, you might as well be the freak«. Patrick Moore in der neuen Netflix-Serie über Andy Warhol
  • »A few years into a decade is when it really becomes a decade«, schreibt der in sein Tagebuch. Lasst uns also noch ein paar Jahre durchhalten, um zu sehen, was aus den 20ern des 21. Jahrhunderts wird.
  • »In some ways, it’s the way we figure out who we are, rather than express who we are« sagt Glenn Ligon über Wahrhol und seine Queerness. Wie Kleist: »Die Idee kommt beim Sprechen.«
  • Ostern allein zu Haus: Spaghetti mit Feta und roter Beete, Tortiglioni mit Kichererbsen und Parmesan, Ravioli mit Zucchini und Kirschtomaten.
  • Zur Feier der Feiertage rasiere ich mir einen Schnurrbart. Im Spiegel: eine völlig andere Person. Es sieht nicht komplett schrecklich aus, aber ich glaube, es ist gerade nicht die Person, die ich sein will.
  • Nachmittags aus Lust und Laune rüber zum Traumeck und mir eine kleine Portion Pommes gegönnt – beste Leben!!
  • Hockney in der Gemäldegalerie, Gabby auf dem Tempelhofer Feld, Paul am Potsdamer Platz.
  • Unter Druck entstehen Diamanten – oder zumindest die Vorbereitungen meiner Workshop-Woche.
  • Gestrandet in Hannover: Was haben Menschen eigentlich vor Smartphones gemacht?!
17. April 2022

Berlin, die Stadt der Schlangen

Schwarz-weiß-Illustration einer Schlange

Ich habe keinen Bock mehr, mich ständig für alles anzustellen. Ob für einen Tisch im Restaurant, für einen Termin beim Amt, oder für eine lächerliche Kugel Eis: Berlin ist die Stadt der Schlangen. Für alles muss man sich einreihen. Es nervt!

Ich lebe seit 12 Jahren in Berlin, aber erst seit drei oder vier Jahren scheinen die Schlangen zuzunehmen. Ein Restaurantbesuch an einem Freitag Abend ist in Kreuzberg eigentlich nicht mehr möglich, wenn man nicht Tage vorher einen Tisch reserviert hat. Wer Samstag Nachmittag ein Eis essen möchte, der bringt am besten eine halbe Stunde Zeit mit, um sich dafür in eine Warteschlange zu stellen. Lediglich die Tatsache, dass ich morgens um fünf aufstehen muss, damit ich um halb sieben vor dem Bürgeramt warten kann (um acht Uhr öffnen sich die Türen), ist kein neues Berliner Phänomen. Dass sich die Schlangen nun vom Bürgeramt aus auch in sämtlichen anderen Institutionen einnisten, hätte meiner Meinung nach nicht sein müssen.

Wenn ich in den Sommermonaten durch Kreuzberg und Neukölln laufe, beschleicht mich das Gefühl, dass die Stadt um ein Vielfaches voller ist als noch vor einigen Jahren. Warum sind plötzlich alle hier, wo das Leben hier doch viel teurer geworden ist? Ein Blick in die Statistik widerlegt meine Theorie: 2010 lebten 261.090 Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg, 2020 sind es 289.014; in Neukölln ist der Anstieg ähnlich gering. Sind es also Reisende, die im Sommer die Cafés und Restaurants und Eisdielen bevölkern? Vermutlich und auch verständlich, denn der Sommer hier könnte so schön sein. Wenn es nicht überall so viele Schlangen gäbe!

Oder liegt es an der Pandemie? Das war letztes Jahr noch plausibel, als es lediglich Sitzplätze in den Außenbereichen gab, und die Menschenansammlungen durch Abstandsregeln vergrößert wurden. Aber im Frühling 2022 sind alle Restaurants einfach immer voll, drinnen und draußen; und die Schlangen wachsen weiter.

Bin ich vielleicht einfach wählerischer bei der Auswahl meiner Restaurants geworden? Als klischeebehafteter Hipster esse ich natürlich gerne in aufregenden, schön eingerichteten Speisestätten. Was aber einmal im Cee Cee Newsletter erwähnt wurde, ist danach natürlich komplett over. Zahlreiche selbsternannte Food Critics empfehlen die besten Donut-Shops der Stadt auf TikTok, in denen daraufhin dann Schüler·innen ihr Taschengeld auf den Kopf hauen. Ich bin eigentlich auch eher ein Freund der Bodenständigkeit – ich brauche gar keine Fleur-de-Sel-Matcha-Sternanis-Eiscreme. Eiscafé Venezia (Erdbeer Schoko Vanille) und Konsorten sind mittlerweile nur einfach sehr rar geworden – zumindest in den Szenebezirken.

Am Ende liegt es also doch an mir. Auch ich bin eine Schlange. Eine, die sich durch ihr Hipsterviertel schlemmt, zur unsäglichsten Zeit (Freitag Abend 19 Uhr) einen Tisch für vier Personen will, und sich zur Not eben einreiht, wenn es um das Erstehen eines gefrorenen Milchdesserts geht. Vielleicht wird es Zeit, die Szenebezirke zu verlassen und sich ein Stammlokal zu suchen. Eins, in dem es immer einen Tisch gibt, und in dem ein Kaffee keine vier Euro kostet. Das sind meistens die Orte, vor denen sich niemand anstellt. Orte ohne Schlangen.

31. März 2022

März-Liste 2022

Foto von einem großen Blumenstrauß auf dem Nachtisch eines Bettes. Daneben liegen Taschentücher und Schmerztabletten
  • An manchen Orten haben die Tage doppelt so viele Stunden.
  • Vom Leben gelernt: Wer sich nicht selbst platziert, kommt an den blöden Tisch in der komisch riechenden Nische neben der Küche.
  • Ich bin in Wien und traue mich nicht, ein Schnitzel zu bestellen, weil ich Angst vor dem Moment habe, die halbe Portion wegen ihrer übertriebenen Größe zurückgehen zu lassen. Die Blicke des Personals würde ich nicht ertragen. Wie verkorkst kann man sein?!
  • Meine Vermutung: Die Wiener checken selbst nicht, wie sich ihre verwirrend betitelten Kaffeespezialitäten voneinander unterscheiden. Alles heißt überall anders, das meiste ist letzten Endes eine Art bitterer Cappuccino.
  • Am meisten in Wien bedauert: Habe voreilig Topfenstrudel anstatt Buchteln bestellt. Aber eigentlich kann man auch mit Topfenstrudel nie etwas falsch machen.
  • Schön in Wien: Die Straßenmusik. Während es in Berlin nur verstimmte Gitarren und Saxophone gibt, die »Hit The Road Jack« spielen, gibt es hier Akkordeon, Violine, Klavier; alles durchströmt die sonnigen Straßen mit einem angenehmen Klang. Die beste Form von Kitsch.
  • Zwischen Negativ und Positiv liegt manchmal nur ein Rachenabstrich. Knapp die Hälfte des Monats verbringe ich krank und schlapp im Bett. In meinem Hals hat jemand ein Feuer gelegt.
  • Blumen helfen immer!
  • Ich höre einen Vortrag von Doris Dörrie über ihr neues Buch zur Heldinnenreise; es ist der Tag, an dem Marina Owssjannikowa im russischen Staatsfernsehen ein Plakat gegen den Krieg in die Kamera hält. Sie riskiert damit alles. Mein Freundeskreis ist sich einig: Wir wären wohl nicht so mutig gewesen.
  • In zwei Wochen Corona habe ich alle übrigen Gehirnzellen durch The-Office-Bingewatching zu Brei verarbeitet.
  • Ich habe das morgendliche Frühstück von der dunklen Küche ans helle Wohnzimmerfenster verlegt. Life-changing!
  • Das Leben der Charaktere in Almodóvar-Filmen ist nicht immer beneidenswert, aber ihre Wohnungen und Wandfarben sind es definitiv!
  • 30 sein heißt für mich: Wenn ich nach 24 Uhr ins Bett gehe, habe ich am nächsten Tag einen Kater, egal ob mit oder ohne Alkoholkonsum.
  • Aus der Corona-Höhle direkt in einen Arbeitsstunnel gefallen. Aber einen von der guten Sorte – wissen, was zu tun ist, ist der beste Arbeitszustand.
  • War das erste Mal in einem dieser Restaurants, in denen man sehr exzellentes Essen in sehr kleinen Portionen bekommt, und ich hätte nicht gedacht, dass ich es so aufregend und interessant und schön finde.
18. März 2022

OTTO

Es ist 2007 und auf meinem iPod läuft zum zwanzigsten Mal About You Now von den Sugababes; quasi in Dauerschleife. Dieser Moment wiederholt sich gerade, nur mit dieser Version von OTTO, die perfekt in diese wirre, verzerrte Zeit passt. Otto Benson veröffentlichte 2020 auf dem Londoner Label PLZ Make It Ruins seine Debut-EP World Greetings, und während sowohl die EP als auch sämtliches Artwork ziemlich glitchy und eerie daher kommt, kann man das Album Clam Day durchaus hören, ohne dass einem sämtliche Nervenstränge vibrieren. Mehr über OTTO erfährt man zum Beispiel im Coeval Magazin. Die Musik gibt es auf Bandcamp, Spotify und Apple Music.

12. März 2022

Anke Engelkes Handtasche

Das Format der Handtaschen-Obduktion prominenter Menschen ist altbekannt und oft auch sehr ermüdend, denn meistens kramen sie alle nur ein paar Schminkutensilien, Ladekabel und Lutschpastillen aus ihren Leder-Etuis. Um so erfrischender ist Anke Engelkes Tascheninhalt, den sie für die VOGUE seziert: Spitzkohl, Datteln, Postkarten und Kartenspiele – diese Frau trägt einen kompletten Hausrat mit sich herum. Sämtliche Tascheninhalte in eigene kleine Extrataschen zu packen habe ich mir auch vor einiger Zeit angewöhnt. Und die Idee mit den Datteln werde ich exakt so auch übernehmen. Und das mit den Postkarten auch. Und eine Thermoskanne könnte ich mir auch mal zulegen … Ach und sowieso, ich glaube, es würde der Welt gut tun, wenn wir alle ein bisschen mehr wie Anke Engelke wären.

28. Februar 2022

Februar-Liste 2022

  • Es gibt wenige Anrufer, die auf den Handydisplay Vorfreude auslösen. Aber es gibt sie!
  • Kreative Arbeit und Deadlines, das passt doch einfach nicht zusammen.
  • Tut gut: Nach langem Ringen dann doch aufgeben.
  • Die Kunst des Lebens ist es, es an den richtigen Stellen zu intensivieren.
  • Leute, wenn ihr mich für zwei Stunden in eurem Zoom Call haben wollt, dann stelle ich euch das in Rechnung! Do the math.
  • Unverzichtbar im Februar: Vitamin-Tabletten, und eine Handvoll Slow Days (malen, rumliegen, nirgendwo hin müssen).
  • Wo ist eigentlich die Grenze, an der Self Care in Faulheit übergeht?
  • Der ultimative Test für die Stärke einer Beziehung ist und bleibt der gemeinsame Besuch bei IKEA. Wer noch eine Schippe drauf legen will, sucht danach an einem Freitag Abend in Neukölln einen Parkplatz.
  • Lotte Laserstein: Abend über Potsdam. Ein Bild von 1930, ein Bild wie aus der Gegenwart.
  • Draußen wütet ein Sturm.
  • Was hilft: Spiralen ins Tagebuch malen wie Lynda Barry.
  • Mit ein wenig Abstand kann man beim Blättern zwischen den Februar-Seiten sehen, wie sich der Himmel über der Welt verdunkelt.
  • So lange ich noch kann, muss ich die Welt aussperren, sonst gehe ich an ihr kaputt.