21. April 2021

Austin Kleon: Blogs als Forgiving Medium

Ich habe gestern etwas getwittert, und kurz darauf wieder gelöscht. Es war nichts Schlimmes; ein blöder Formfehler, der mich etwas dumm hätte dastehen lassen. Twitter als Medium hat mich da mit seiner fehlenden Editier-Funktion mal wieder schrecklich genervt. Kurz darauf stolperte ich über Austin Kleons Blogpost »Blogging as a forgiving medium«, und er spricht mir aus der Seele:

I am on Twitter, still, despite my better judgment, and it seems to me to be The extremely unforgiving medium in my life.

It is risky compositionally. You can delete a tweet, but you can’t edit a tweet. You can add to a tweet, but it’s hard to improve upon it.

It is risky socially. Every tweet is an invitation for scrutiny if not consultation if not correction if not misunderstanding if not rancor. Forgiveness, even if we agreed it still existed in the wider culture, I think we could probably agree it doesn’t really exist on Twitter. (“Never Tweet” is not terrible advice.)

Das Gleiche gilt für Instagram. Soziale Netzwerke mit ihren doch eher wenig verzeihenden Nutzer:innen und der nicht gebotenen Möglichkeit, Inhalte (bzw. Meinungen!) zu ändern oder wachsen zu lassen, werden immer uninteressanter für mich. Ich empfinde sie als unpassend für meine persönliche Meinungsbildung, und oft auch als kontraproduktiv für den allgemeinen Diskurs.

Blogs wiederum: Sie können sich ändern und wachsen, sie können ausführen oder weiterleiten, in die Tiefe gehen oder mehrere Gedanken miteinander vernetzen. Eine milde Form der Digital Gardens; ein forgiving medium, wie Kleon schreibt.

Das Christowski Blog wird diesen Monat 15 Jahre alt. Und wenn ich durch das Archiv hier stolpere, merke ich: Es ist, mehr noch als Notizbücher oder Skizzenblöcke, mein liebstes forgiving medium. Schön, dass ihr mitlest.

17. April 2021

Im Eis

Eis auf dem Landwehrkanal

Mitten im Februar: Der Landwehrkanal ist zugefroren, und M. drängt darauf, dass wir uns für ein paar Schritte aufs Eis wagen. Es wird die letzte Chance sein; Klimawandel generell, und auch heute: in ein paar Stunden wird die Polizei hier alles abgeriegelt haben. Aber noch schlittern die Kreuzberger und Neuköllner hier auf dem Eis – jemand hat eine Boombox dabei; es gibt Menschen in Schlittschuhen und auf Skiern. Knallbunte Overalls; der Hipster lebt, she’s alive and well. Unter der Brücke: Ein toter Schwan, dramatisch auf dem Eis platziert. Leute haben Blumen drumherum gelegt. Und irgendwo hat jemand ein Loch ins Eis gehackt: vier, fünf Zentimeter, dicker ist das Eis nicht. Jeder Schritt knirscht, und wir klettern mutig/freudig/erregt zurück ans Ufer.

Nur ein paar Kilometer entfernt, im Treptower Karpfenteich, soll zeitgleich jemand unter dem Eis ertrunken sein. Auf Twitter sehe ich einen nackten Mann, der auf Schlittschuhen über das Eis rast und einbricht. Ich war noch nie ein Freund des Nervenkitzels, und Mut ist auch keine meiner ausgeprägteren Eigenschaften – aber zwischen Mut und Dummheit liegt ein schmaler Grad, dessen Exploration mir nicht lohnenswert scheint.

Stunden später laufen wir über die Hobrechtbrücke zurück nach Neukölln. Die Polizei hat, wie erwartet, den Kanal geräumt. Alles ist jetzt leer und das Eis hat seine Stille wieder. Der Schwan wird als letztes entfernt, er hinterlässt eine mit Blumen umrankte Silhouette. Auf der Brücke schauen Menschen auf sie herab.

9. April 2021

Meine Erdbeernase

illustration of a strawberry with eyes

In letzter Zeit trinke ich Unmengen an Wasser, in der Hoffnung, davon wunderschöne Haut zu bekommen. Oft erschrecke ich, wenn ich in den Spiegel schaue. Nicht, weil ich mich so hässlich fände, sondern einfach, weil die Haut bei genauem Hinsehen mehr gezeichnet ist, als sie es mit 29 sein sollte. Meine Augenbrauen haben keine besonders markante oder männliche Ausprägung. Die große, kantige Nase ist fleckig und von tiefen Poren übersäht, wie eine Erdbeere. Sie leuchtet rot. Die Augen fallen nach innen, die Haut unter ihnen liegt da wie ein dunkler See. Ich sehe ständig müde aus (oft bin ich es auch, ehrlich gesagt).

Vor einer Weile habe ich mir bei Douglas Consealer gekauft, um gegen diese Augenringe anzukämpfen, aber es fühlt sich nicht richtig an; ich kann diese Müdigkeit nicht einfach übermalen und vergessen. Außerdem bin ich nicht sonderlich begabt, was Makeup angeht; ständig sieht man Konturen und Farbflecken und kleine Makeup-Partikel. Aus Verzweiflung trage ich ein spezielles Gel auf, das in Zukunft Falten um meine Augenwinkel vermeiden soll, aber als ich es A. anbiete, sagt er, er brauche das nicht, denn wenn es zu schlimm werde mit den Falten, lasse er sie sowieso mit Botox aufspritzen. Finde ich plausibel, werde ich auch so machen.

Auch die Idee, meine Nase korrigieren zu lassen, flammt wieder auf – ich finde, 30 ist ein gutes Alter, um das noch anzugehen; viel später wäre es vermutlich zu spät. Vielleicht fange ich an, ein wenig Geld dafür auf die Seite zu legen. Es wäre außerdem ein gutes Training, um davon abzukommen, ständig nur über die Meinung der anderen zu grübeln. Ich bin mir sicher, alle fänden mich schöner und begehrenswerter und seriöser, wenn ich nicht so eine riesige rote Erdbeernase hätte. Andererseits: Vielleicht reicht auch einfach ein Face Filter; Schönheit passiert ja sowieso hauptsächlich online heute. Den bräuchte ich dann aber auch noch für meinen Spiegel.

3. April 2021

022021: The Sound of 7 o’Clock

Photo of balloons behind a transulcent window

Almost one year ago, in April 2020: I’m sitting in my reading chair at the window, the iPad on my lap, flipping through a New Yorker issue. David Remnick’s comment on the city’s situation, overwhelmed by the chaos the pandemic had been causing. He describes how the city applauds the essential workers at 7pm every evening (one year later, this feels even more like a farce). I cry over the text, it’s a lot. In April 2020, everything is a lot.

12 months later, we’re still here. The applause silenced, obviously. My routines, like reading magazines before work, also fizzled out. The home office gym classes, the Instagram live dances, the eagerness to cook something new – it all got swallowed by commonplace. The internet, a place I was always happy to spend time, also got boring: The dances have inhabited Instagram, too, and Twitter is overshadowed by arguments and horrific stories, eating up my soul. Paul Bokowski puts it into the right words (I quickly translated): “[…] It may be vital for me to strive for less psychological toxicity. That is, to do something that actually goes against my nature: to deliberately close my eyes. Not from the problem itself, but from its multimedia symptoms. […] The only thing that keeps me happy these days is reading and writing.”

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On words. As much as I like design as a practice, I often struggle talking about it. I want to describe a certain phenomenon, but cannot find the right term for it. Recently, Malte pointed me to Evan Collin’s are.na boards – his (mostly architectural) research provides words for everything! For example: Utopian Scholastic, Gen-X Corporate or The Global Village Coffeehouse (you’ll know it when you see it).

Another term I encountered and liked: Corporate Memphis! Author and designer Rachel Hawley analyzed the illustration style we’ve all seen and internalized during the past years of using digital services: oddly-shaped humans with exaggerated limbs, roller-skates and cheerful colors. Read about how this style is made-to-scale to tell a corporate fairy tale about big tech companies, and how it might evolve in the future.

What else? I’ve been blogging during the past months (mainly in German). I wrote about the sky, about oysters, about my hands, and about the the guy who moved into the ground-floor apartment.

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Quietly, this little e-mail dispatch turned 5 years old. Thanks for reading along! You can find the first issue from 2016 here, but I rather recommend you last year’s letter on temperature guns. In it I wrote: “a lot of things just feel a bit weird right now, right?” The right now part turns 12 months these days, and well, it’s still a lot. But at least we’ve managed it through the dark winter, so let’s stay positive. What other options do we have?

(If you enjoy content like this: I send it out as a (irregular) monthly newsletter called Christel’s CornerSign up for it here.)

31. März 2021

Händewaschen

Ich schaue runter auf meine Hände und erschrecke mich: Sie sind überzogen von einem hellgrauen Flaum, fast wie Staub sieht es aus. Darunter schimmern die Haut violett und blau, hier und da ein wenig rosa, eigentlich alle Farben außer einer gesunden Hautfarbe sind zu sehen. Und darüber eben der grauer Schleier. Es sind richtige Winterhände, und das, obwohl schon Ende März ist. Obwohl ich sie wirklich wie ein Berserker eincreme jeden Tag. Aber das manische Händewaschen, das ich mir wegen der Pandemie angewöhnt habe, hinterlässt seine Spuren. Eigentlich kann ich mittlerweile nichts mehr berühren, oder mir danach oder auch davor die Wäsche zu waschen. Nicht immer 20 Sekunden, aber doch gründlich genug, um den kompletten Schutzfilm, den die Haut bildet, abzulösen. Ich lasse die Hände in die Taschen gleiten, damit ich sie in ihrer Hässlichkeit nicht sehen muss.

21. März 2021

Vier Texte über Austern

Image of an oyster

1 — Als Kind war ich besessen von Schalentieren. Nicht davon, sie zu essen, sondern von ihrer Form, ihrem Material, ihrem Mythos. Einmal kam mein Vater von einer Dienstreise zurück und brachte mir die Schalen echter Austern mit. Nur für mich habe er sie gegessen! In dem Moment war ich zwar begeistert, die von ihm aufgebrachte Überwindung war mir aber nicht ganz klar. Doch jedes Mal, wenn ich heute daran denke, wächst meine Wertschätzung für diese Geste.

2 — Bei einem Spaziergang auf der Friedrichstraße biegen wir, suchend nach einem Platz zum Sitzen, in eine Seitenstraße ein. Alle Geschäfte haben geschlossen, aber vor dem Restaurant Austernbank gibt es, na ja, eine Bank. Zufrieden lassen wir uns nieder, und erst nach einer Weile merken wir: Die oberen Ablagen der Bank-Konstruktion sind komplett mit leeren, toten Austern gefüllt. Als Kind wäre ich ausgeflippt vor Freude – heute fühlt sich diese Dekoration irgendwie nicht ganz richtig an.

3 — Als Freund der großen Geste suche ich stets nach den glanzvollen Momenten im Alltag. Mein Tipp: Eine Tomate lässt sich ähnlich theatralisch genießen wie eine Auster! Einfach eine große Tomate halbieren, eine Hälfte auf den Fingern platzieren, mit Salz bestreuen, und zum Mund führen. Dann mit gespitzten Lippen das Fruchtfleisch aussaugen, und dabei genussvoll schmatzen. Dazu ein Glas Sekt, köstlich. Fleischtomaten – Die Austern des Fußvolks!

4 — Austern sind mir nix. Zu schleimig, zu lebendig, und auch zu dekadent. Aber anlässlich meines Geburtstags will ich mir die Festlichkeit ein wenig vorspielen, und wir bestellen in einem schicken Restaurant Austern. Das Getue gefällt mir – wie sie serviert werden, wie man sie mit Soße oder Zitrone beträufelt. Aber schmecken tun sie mir nicht. Ich erinnere mich wieder an meinen Vater und seine Aufopferung, nur für meine merkwürdig kindliche Begeisterung.

17. März 2021

Im Greenscreen-Studio mit Marzia Gaggioli

Für regnerische Tage, wie wir sie gerade durchleben, habe ich neulich die perfekte musikalische Untermalung wiederentdeckt. Darf ich vorstellen? Die Künstlerin Marzia Gaggioli!

Vor Jahren sendete mir ein Freund ihren Hit »Oggi Il Sole Non C’è« – Heute gibt es keine Sonne. Ich fand das Video damals witzig und irgendwie trashig, habe mich aber nicht weiter damit befasst. Als ich mir den Song vor einigen Wochen nochmal anhörte, verlor ich mich allerdings komplett im Werk der Singer-Songwriterin. 

Marzia Gaggioli, geboren in Italien, ist ein wahres Multitalent. Sie singt in mindestens sieben verschiedenen Sprachen (und hat auch diverse deutsche Songs, wie etwa den Ohrwurm Wer bist du) in den verschiedensten Genres; von Klassik bis Schlager. Alle Songs sind von ihr geschrieben, komponiert, gespielt und – vor allem – mit haarsträubenden Musikvideos ausgestattet. Der Charme der kruden Greenscreen-Technik zieht sich durch ihr gesamtes visuelles Werk. Sogar die Kostüme sind von Marzia großteils handgefertigt. In ihren farbenfrohen Videos schreckt sie auch nicht davor zurück, genderbending in die männlichen Rollen und Outfits zu schlüpfen, wenn die Story des Stücks es verlangt.

Laut ihrer Website komponiert sie seit ihrem sechsten Lebensjahr Musik, und nach eigenen Angaben umfasst Marzias musikalisches Œuvre über 1.300 Stücke. Bei einer solchen Menge an Output muss diese, doch recht spezielle, Ästhetik also beabsichtigt sein. Und wenn man sich dessen erst mal bewusst wird, kann man sich Marzias Talent voll und ganz hingeben und genießen! Zum Beispiel auf ihrem YouTube Kanal, oder, wer möchte, auch auf ihrer Patreon-Seite. Auf dass die Sonne bald wieder scheint.

Oggi il sole non c’è
Dovevo venire a casa da te
E prendere il sole sull’erba
Ma oggi piove e qui è tutta una melma
Schifossissima melma! Ah ah è tutta una melma