November-Liste 2025

Collage November 2025

  • Ich sitze im Taxi unterwegs nach Hause, es ist mitten in der Nacht. Im Nebel zieht die Siegessäule an mir vorbei, ein paar Gestalten rennen diebisch über den riesigen leeren großen Stern.
  • Im Starbucks stehen zwei junge Frauen vor mir an der Kasse. Sie sind ganz aufgeregt; ihr erster Besuch. Sie wollen die »mittlere Größe«. Grande?!, nuschelt der Barista genervt. Als er nach ihrem Namen fragt, denkt die eine, er flirtet mit ihr.
  • H. macht sich lustig über mich und meine Wärmflasche. »Christel hat wieder seine Regelschmerzen«, witzelt er. Ich liebe H. und ich liebe unseren Humor, aber meine Wärmflasche liebe ich auch!
  • Die Frau neben mir im Zug bearbeitet einen Text. Die Doppelseiten sind ausnahmslos gelb markiert. So wird das nix, denke ich, aber das Mindset »Alles ist interessant!« kann man auch niemandem verübeln.
  • A. und ich verbringen einen guten Nachmittag, und als wir am Ende auf die Uhr sehen, war sie stehen geblieben. Und das war fast ein bisschen zu viel des Guten, ein zu guter Moment. Die oberen Enden der Dinge muss man eigentlich immer abschneiden, sonst ist das Leben zu perfekt.
  • Lese mich durch mein Tagebuch, die vergangenen Monate, und denke ganz oft: Das war auch noch in diesem Monat?! Mein Leben fühlt sich oft an, als ob es auf mehreren Ebenen gleichzeitig und komplett anders verläuft. Mir reicht aber eigentlich eine einspurige Straße.
  • M. und ich begegnen uns überraschend bei der Schreibgruppe. Ich erzähle ihr, dass ich gerade gerade gerne in der Bahn eingeschlafen und unsichtbar geworden wäre. »Das wäre ein tolles Feature«, sage ich. »Was du willst ist ein Taxi«, antwortet sie nur trocken.

Haha

Ich habe in letzter Zeit beobachtet, wie ich bei lustigen Stellen in Filmen, Serien und Texten ohne Zurückhaltung lache. Manchmal sogar so richtig laut! Besonders wenn ich alleine bin, und mich dem Witz ganz hingeben kann. Ha ha ha! Ich sitze dann im Bett und jauchze bei der amüsanten Szene oder Stelle laut auf. Es ist sehr erleichternd! Kurz darauf komme ich mir merkwürdig und albern vor, aber dann ist es schon zu spät, und den Kicher-Genuss kann mir dann keiner mehr nehmen, nicht mal ich selbst.

Passend dazu ein Ohrwurm der letzten Wochen: Charlotte Adigéry & Bolis Pupul – HAHA (Bandcamp).

Oktober-Liste 2025

Foto-Collage: Kürbisse, ein kleiner Kuchen, Selfie von mir mit Schnurrbart

  • Auf einer Party erzählt mir eine Frau, dass sie gerade ein Entführungstraining für ihren NGO-Job gemacht hat. Habe erst Führungstraining verstanden, langweilig, aber dann berichtete sie von Auto-Kidnapping, Schutz vor Waffengewalt und Umgang mit Bedrohungen. Dagegen ist jedes Führungstraining wirklich die reinste Langeweile.
  • Meine Terrasse wird saniert. Dämmungs- und Kiesschichten werden abgetragen, die alten Platten werden zerkleinert und entsorgt. Der Abbruch dauert lange. Ich bin sicher: Gleich wird eine wertvolle Vase aus der Antike entdeckt, und ich muss die Wohnung räumen, und der ganze Prozess wird sich über Jahre hinziehen.
  • Ich spreche mit dem Dachdecker. »Nochmal würde ich den Job nicht machen«, sagt er. Ich frage ihn, was das Schöne an seinem Beruf sei. »Naja, die Freiheit. Ick bin immer draußen. Und ick kann immer ’ne Zigarette beim Arbeiten rauchen, wann immer ick will.«
  • Ich bin ehrlich: Nicht im eigenen Bett zu schlafen wird ab 30 einfach zu einer echten Herausforderung. Falsches Kissen, falsche Decke, falsche Morgenroutine. Das macht mein Körper alles nicht mehr mit!
  • Nach dem Theaterbesuch irren wir noch etwas durch die Stadt, auf der Suche nach einer Bar. Samstags um 22 Uhr einen Tisch in einer Bar zu bekommen ist offenbar ein Ding der Unmöglichkeit, und war das schon immer so, oder liegt es doch einfach an mir? Mir fehlt die entspannte Bar-Abend-Aura!
  • Ein Mann im Zug liest Herrndorfs Arbeit und Struktur. Er schaut kritisch und gebannt. Fühle ich so sehr.
  • In letzter Sekunde versucht eine Frau noch, in die U-Bahn zu springen, aber die Tür schließt sich, und nur ihre eilig vorausgeworfene Tüte mit dem chinesischen Take-out schafft es hinein. Das Essen klemmt traurig in der Tür und reist alleine mit uns weiter.
  • »Die Welt teilt sich in zwei Lager, die, die sich nehmen, was sie wollen, und die, die es nicht tun. Und wer interessiert sich schon für diese Langweiler?!«

September-Liste 2025

Kollage: Ein Xerox Drucker, ein falscher 100 Euro Schein, Ein selfie vor einem Riesenrad

  • Am Nebentisch in der Kneipe unterhalten sich Freunde über eine nicht anwesende Person. »We never know if she is normal or if she’s just acting normal…«
  • Sonntag, 7. September 2025, 21.30 Uhr. Wir strecken uns aus dem Fenster und schauen nach dem Blutmond. Nichts. Dann gucken wir ihn im Livestream auf YouTube, das geht wesentlich besser.
  • P. fragt sich, ob ich womöglich gar nicht echt sei, sondern lediglich sein imaginärer Freund. Ich überlege, wie ich meine Echtheit ihm gegenüber verifizieren könnte. Der Gedankengang erinnert mich an unsere laufende Debatte darüber, ob wir denn nun in einer Simulation leben oder nicht, und ob P. und ich in der gleichen stecken, oder ob es womöglich zwei verschiedene sind.
  • »Hab dich lange nicht mehr gesehen. Du siehst irgendwie ungleichmäßig aus im Gesicht.« Was man nicht hören will, wenn man Feierabends vor der Kneipe sitzt und den Tag verdaut.
  • Im Hof der Neuköllner Oper: Eine junge Frau im beigen Trenchcoat und großem aufgeklebten Schnurrbart schwingt ihre braune Ledertasche und setzt sich neben ihren Freund ins Publikum (provisorische Bierbankbestuhlung). Alles super.
  • Z. schreibt seine Gefühle auf kleine Zettel und lehnt sie neben den Bildschirm auf dem Schreibtisch, immer im Blick.
  • Durchsage im ICE von Leipzig nach München: In Wagen 6 wird ein Notarzt benötigt. Fast alle Fahrgäste stürmen zum Wagen 6. Fünf Minuten später nochmal eine Durchsage: »Vielen Dank für die zahlreichen Hilfsangebote, wir haben jemanden gefunden. Bitte setzen Sie sich wieder.« So endet der Viszeralmedizin-Kongress Leipzig 2025.
  • Im Vorbeigehen höre ich einen Mann zu seinem Kumpel sagen: »Ich bin jetzt wieder mit der Welt versöhnt.« Es wurmt mich immer noch, dass ich nicht weiß, was zum Ungleichgewicht und was zur Versöhnung geführt hat.
  • Budenzauber, das ist das Wort und das Gefühl, das mich überkommt, als ich mich (mich, of all people!) auf dem Oktoberfest wiederfinde. Alle sind so fröhlich und fesch und alles leuchtet, und ich komme mir ganz einfach und unkompliziert vor. Ein schönes Gefühl.
  • Im Zug auf meiner Heimfahrt erklärt eine Frau ihrer jungen Tochter: »Wenn du von Angst überfallen wirst, atme einfach fünfmal ganz tief ein und aus. Und dann wirst du sehen dass die Angst weg ist!« Wünsche beiden so sehr, dass das für sie funktioniert.

Der Anfang der Welt kommt oft

Foto des Romans "Alles ist erleuchtet" von Jonathan Safran Foer

Das erste Mal habe ich Jonathan Safran Foers Debütroman »Alles ist erleuchtet« vor 15 Jahren gelesen (Blogpost von 2010), noch bevor ich die schlechte Verfilmung sah. Damals habe ich die Story nicht so ganz verstanden. Das Buch wechselt zwischen mehreren Zeiten, Erzählern und Formaten, die Sprache ist teilweise sperrig oder auch albern; es geschehen sehr viele nebensächliche und gleichzeitig wirre Dinge. Ich habe mich regelrecht durchgequält damals, ich kam im anhaltenden Gewusel aus Charakteren und Orten und Historie nicht zurecht.

Die letzten Seiten habe ich dann in der Ringbahn auf dem Weg zu einem Freund gelesen, und da habe ich dann alles gecheckt, und es gibt ein Kapitel, das ist so hart und streng, da bin ich dann in Tränen ausgebrochen, was mir bisher nicht passiert war bei einem Roman, vor allem nicht in der Öffentlichkeit, und das war peinlich und schön. Ich saß also heulend in der Bahn und musste dann aussteigen, und wann bitte hat ein Buch das letzte mal sowas wohltuend Erniedrigendes mit euch angestellt?

Nun habe ich das Buch aus Neugierde nochmal gelesen. Diesmal war es einfacher, ich konnte die Wirren und den ausufernden Drang Foers, hier noch und da noch eine kleine merkwürdige Anekdote dazwischen zu schreiben, genießen. Hab am Ende wieder geheult. Der Anfang der Welt kommt oft.

August-Liste 2025

Collage August: Zeichnungen, ein Treppenhaus, Reis mit Erbsen, ein gelbes Buch in einer blauen Jackentasche

  • Zurück im Hotel krame ich den Glückskeks aus meiner Tasche hervor und knacke ihn auf. Leer. Was soll das denn jetzt bitte für eine Botschaft aus der Zukunft sein?!
  • Im Hotelbett liegen ist ein ganz besonderer State of Mind: Man schaut an die Decke und wartet auf die erleichternde Sekunde, in der die Badezimmerlüftung stoppt und wieder Stille herrscht, die man ja braucht, um das Piepen des Hosenbügelautomaten (!) zu hören. Der war übrigens eine Enttäuschung; kein Wunder, dass er aus Hotelzimmern verschwunden ist.
  • Ein alter Mann im Bus regt sich über das schreiende Kleinkind auf. Zeternd grummelt er in sich hinein, und ich hoffe, dass ich im Alter nicht so verbittert und entfremdet von der Welt werde.
  • Brandenburg. Auf den Stufen vor einem Kiosk sitzt ein kleiner Junge und isst ein Eis. Neben ihm sitzt ein Hund, bestimmt doppelt so groß, und schaut traurig und neidvoll zu. Die Szene ist wie aus einem 70er-Jahre-Film geschnitten, auch die Farben sind ganz blass.
  • M. sagt, dass ich ganz oft immer erst mal eine Lüge erzähle, um sie dann direkt zu korrigieren. Quasi als Conversation Starter. Das halte ich für eine merkwürdige Beobachtung, aber ich nehme mir vor, darauf zu achten. Quatsch, war gelogen, ist doch praktisch, so eine Conversation-Starter-Lüge!
  • Manche Samstage sind wie ein kleiner müder Urlaub.
  • Im Park begegne ich zwei Waschbären, wir halten inne und schauen uns in die Augen. Aus dem Freiluftkino kommen die dumpfen Geräusche von Gints Zilbalodis’ Flow.
  • Nachts am Küchenfenster schaue ich in die Wohnungen gegenüber. Es ist wie ein kleines Kammerspiel: Hier drüben rauchen drei Freunde bei einer Hausparty auf dem Balkon. Da unten schläft der Mann in seinem Sessel am Fenster. Eine Studentin tippt in ihr Laptop. Da drüben haben sich die Kids und ihre Eltern eine Höhle aus Kissen und Matratzen gebaut. Unten flackert ein einsamer Fernseher.

Speed-Dating

Für meinen Plan, mehr offline zu leben, habe ich mich bei einem Speed-Dating-Event angemeldet. Ein Freund kommentiert mein Vorhaben: Das sei ein wenig frech, weil ich ja gar nicht wirklich auf der Suche sei und quasi als Voyeur dort auftauchte. Aber es geht hierbei ja lediglich um eine Form des Kennenlernens, Ausgang ungewiss. Wir verbringen also, ganz offline, einen kurzweiligen Abend in einem Café; alle fünf Minuten läutet eine Glocke und wir wechseln die Tische. Einer meiner Gesprächspartner sagt, er wolle einfach normale Leute kennenlernen; auf den digitalen Dating-Plattformen seinen ja nur Freaks unterwegs. Ich frage mich, ob mittlerweile nicht eher bei so einer absurden Aktivität wie Speed-Dating die Freaks anzutreffen sind – uns beide einbezogen.