April-Liste 2024

Collage für April 2024

  • Linie 4 nach Hütteldorf. Zwei Bros in der Bahn, sie erfüllen wirklich all ihre Klischees. Plötzlich fängt der eine an, den anderen zu kitzeln!
  • Am Nebentisch im Restaurant redet eine junge Frau mit Vokuhila unerbittlich über die teuren Mieten in Wien. Sie beneidet den Freund neben ihr um seinen alten Mietvertrag. Generell sind die Wiener um alles zu beneiden; ehrlich gesagt.
  • Rückweg, U4. Ein junges Paar verabschiedet sich. Der Mann steigt in die Bahn, die Frau dreht sich um und geht. One charming night gives more delight than a hundred lucky days.
  • Das Mädchen am Flughafen, das lauthals die heißesten Gerüchte mit ihrer Freundin am Telefon bespricht. Der ältere Mann, der stundenlang seiner Sitznachbarin ins Gesicht hustet. Der Typ, der beim Dinner endlos von seinem langweiligen Job erzählt – wenn alle so viel Platz einnehmen auf der Welt, dann kann ich das ja wohl auch.
  • Der Rhabarberkuchen ist absolut nix geworden. Es hätte so schön sein können: Ich war auf dem Markt und habe romantisiert einen großen Bund gekauft, und mir schon vorgestellt, wie wir den duftenden Kuchen dann auf der Terrasse essen … Aber dann hab’ ich mir nicht genug Mühe gegeben. Na ja.
  • Ich zeige meinen Arbeitsstand im Call. D. sagt: »Sieht gut aus. Als hätte ein Profi das gemacht.« Bin erst unsicher, ob er das ernst meint, aber dann nehme ich es einfach als gute Erinnerung daran, dass ich diesen Kram seit über 10 Jahren mache, und wohl ganz gut darin bin.
  • Passiert nur nachts: Einfach nur liegen und die Gedanken wachsen lassen.
  • Im Kino: Dream Scenario von Kristoffer Borgli. Ich merke schnell, dass mit der Film ein bisschen zu viele Horror-Elemente hat, und ehrlich gesagt hätte ich gehen sollen – Ich komme nicht so gut klar mit Home-Intruder-Szenen. Aber ich habe dann doch durchgehalten. Und den Film überraschend gut verdaut, nach drei Tagen.
  • »True vers — sometimes happy, sometimes depressed.«
  • Eine Freundin schickt ein Foto aus Tibet. Auf dem Bild grinst sie mir mid-air aus einem Fallschirmsprung entgegen. Kurz vor der Rückreise sei sie noch dabei, ihre Bucket List abzuarbeiten. Ich bin kein Abenteurer, aber ich frage mich: was will ich noch haben vom Leben und von der Welt in den nächsten zehn, zwanzig Jahren?
  • Ich besuche Kathi auf ihrem Hof in Brandenburg. Alles ist so ruhig und leise. Ich frage sie, ob ihr Leben hier entspannter sei. Sie sagt: Stress wird vor allem durch Nein sagen reduziert; das ist hier auf dem Dorf nicht anders als in der Großstadt.

Walnusssätze

Wenn ich morgens im Bett liege, im Halbschlaf, fällt es mir leicht, die Dinge in Worte zu fassen und schöne Sätze daraus zu spinnen. Mein Gehirn ist dann ganz weich, wie frisch geboren, oder als hätte man es sanft aus einer speziellen Flüssigkeit gehoben. Alles ist neu und unberührt. Die Sätze lassen sich formen wie weicher Draht, sie ergeben eine interessante Struktur, sie passen zusammen und ergänzen sich. Sobald sich aber die Welt klärt und der Schleier des Schlafs sich verzieht, löst sich dieses Konstrukt auf; das Gehirn härtet aus; die weiche Masse wird zu einem walnussartigen Kloß, rau und trocken, fast ungenießbar. Und dann geht er los, der Tag.

Wien wort auf di

Mann mit Zeitung in der Sonne an der Wiener spanischen Hofreitschule

Anfang April habe ich einige Tage in Wien verbracht, zum Arbeiten und für eine kleine Portion Müßiggang. Dass ich Wien liebe, wusste ich bereits, aber dieses Mal hat es mich wirklich ganz besonders heiß erwischt. Nach 30 Minuten flanieren frage ich mich: Wieso lebe ich nicht hier?! Was mache ich noch in Berlin?!

Und während ich also so durch die Gassen laufe, die sauberen Gehwege und Gebäude und Fußgängerzonen und Menschen (all die schönen Menschen!) bewundere, lief mir diese Frage nach wie ein Schatten. Wieso eigentlich nicht Wien? Natürlich ein absurder Gedanke, jetzt, mit Anfang 30. Darüber hätten wir vor sechs, sieben Jahren sprechen sollen. Jetzt scheint es mir zu spät – mein Lebensmittelpunkt ist Berlin, seit 15 Jahren nun schon. Ich habe mich hier eingerichtet; meine Freunde, meine Wohnung, viele meiner Arbeitgeber sind hier. Und obwohl ich seit der Pandemie die meiste Zeit in meinem kleinen Dachbodenbüro verbringe, und kaum nennenswert an der flirrenden Design- und Tech-Szene Berlins teilnehme, hätte ich doch Skrupel, mich vollkommen aus ihr herauszulösen.

Und dann ist da noch die Tatsache, dass die Dinge immer besonders verlockend sind, wenn man sie nicht haben kann. Ist Wien genau so schön, wenn man dort wohnt? Wenn man ständig umgeben ist von diesen Gebäuden, diesem Dialekt, diesem Land mit seiner durchaus sonderbaren (politischen) Stimmung? Erträgt man das? Aber gut, andererseits: Wie um Himmels Willen erträgt man Berlin mit der Tristesse und den ganzen Drogen und der Wohnungsnot und der Ausgebranntheit? Wie erträgt man’s?!

Mein Wien-Besuch hat mich jedenfalls einigermaßen tief in eine Sinnkrise gestürzt. So tief, dass ich wohl schleunigst wieder hin muss! Ja, so tief sogar, dass ich seit April einen Ohrwurm habe vom Song der Austropop-Band Granada: Wien wort auf di (ein Cover von Billy Joels Vienna, schönes Video auch!). Ich finde Austropop meist wirklich unerträglich, aber dieser Song kriegt mich immer wieder. So wie Wien eben.

Dass d’ wast, so is es hoit
Entweder hackelst wie blöd
Oder wirst glücklich oid
Konnst nix neies ongehen
Wenn wos holbfertig is
Du Geni-i-i-e
Wann wirst’s kapiern?
Wien wort auf di!

012024: The long hard stupid way

Image of piled-up cobble stones

Coordinates: I am typing this—again!—on a train, as this seems to be the only place for me to unplug from the world and jot down some words. As night falls, one very orange strip of light just disappeared behind the horizon, somewhere between Germany and Austria. Here we are.

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Recently I’ve been thinking about the value in my work, and the current times I work in. In my day job I make websites; tons of buttons and rounded corners and modules and typographic pairings and responsive grid layouts. A significant other part of my job is writing proposals and documentation for these websites, and communicating with the people they are made for—clients, and luckily also the viewers and users of these sites.

What is it that adds value to these websites? Why are they worth making, viewing, using? I recently came back to a lecture from Frank Chimero from 2012, where he talked about doing things “the long hard, stupid way”. Ultimately, the talk was about making an effort, and about gift-giving.

So, what makes a good gift? It is personal. Its value is subjective; maybe it sparks joy, or adds ease to the recipient’s daily life. It is made with care and thought, and the less care and thought go into it, the less personal it becomes. I liked Frank’s idea of seeing the digital tools we make as gifts for others. Inefficiency—or doing things the long hard stupid way—can become an advantage, even a feature, if you think of it as a gift. A thing someone—you or I—cared for makes the world (the internet!) a more precious place. And isn’t that what we all need right now?

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The year has moved into April already, and I hope this email finds you well. Here are some work updates:

Village One + Freelance

In July, Village One—our small design + tech cooperative—celebrates its 2nd birthday. It’s been a great and wild ride so far! From April on, however, I split my time between juggling projects for Village One and doing more freelance work for myself again. I want to write and draw more, and longed for a less repetitive day-to-day-life. Let‘s see how that goes!

The Village One team standing in front of a building, everyone staring at their phones

Writing = Design Workshop

Just like in recent years, Sonja and I will host another Writing = Design workshop at University of the Arts this summer. From July 22—26, we will explore writing as a design tool. You can learn more and sign up here; would love to see you there!

Team photo of a previous Writing class; people holding their manuscripts in front of their faces

Illustrations for Krautreporter

My friend Gabriel Yoran writes a great column for Krautreporter about the “enshittification” of the world: Why do products get worse and worse, whilst everything was promised to get better?! I am illustrating the series, have a look here (German).

Illustrations for Krautreporter

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As the train approaches my destination, it emptied out almost completely. I love these quiet evenings on a softly rumbling train carriage, so peaceful and focussed. I hope you had a good start into the year so far. Daylight has been saved, spring is here, we made it!

By the way: You can subscribe to these (irregular) english posts via my email newsletter here.

März-Liste 2024

Collage mit Fotos aus dem März 2024

  • Die Kollegin stellt einen Teller mit einer Kuchenauswahl auf den Tisch: »Mit besten Grüßen von Angela Merkel! Die stand vor mir in der Schlange beim Bäcker, und ich habe einfach das gleiche gewählt wie sie.«
  • Der junge Mann neben mir beim Friseur bekommt scheinbar zum ersten Mal die Haare von einer Friseurin gewaschen. »War alles gut?« »Ja war sehr angenehm. Eine ganz neue Erfahrung«.
  • Kitsch-Alarm! Aber ich liebe es einfach, den Mond anzusehen. Wie er da hängt, als riesiger Ball am Himmel, und wie man manchmal seine im Schatten liegenden Konturen erkennt; wie er an Tiefe gewinnt, und man das Bild durchschaut.
  • Ich sehe mir die Skulpturen von Hans Uhlmann in der Berlinischen Galerie an. Seit einiger Zeit entwickle ich ein Faible für Skulpturen; sie reizen mich meist mehr als Gemälde, sie sind stärkere Zeitzeugen. Uhlmanns Spiel mit Härte und Leichtigkeit passt gut in die Mitte des 20. Jahrhunderts.
  • Im ersten Raum der Galerie liegen mehrere tote Tiere. Sie sind ganz leise, so leblos und ruhig wie sie da liegen. Ein Fuchs. Ein Greifvogel. Ich laufe um sie herum.
  • Wir durchstöbern die Verkleidungskiste, die eine Freundin für ihre Tochter angelegt hat (quasi die Aussteuer für coole Leute!), und darauf freue ich mich: Das Verkleiden, und wieder so albern sein können, wie man es selbst als Kind war, und wie es einem dann irgendwann ausgetrieben wurde.
  • Ich stehe zum ersten Mal in der Stille der Staatsbibliothek Unter den Linden, und denke: Wenn ich etwas hätte, über das ich schreiben könnte, würde ich es wohl hier tun.
  • 20. März: Habe heute das Rudergerät für mich entdeckt.
    26. März: Immer noch und weiterhin: Muskelkater des Todes vom Rudern.
  • Berlin Warschauer Straße: Es regnet in Strömen. Eine Gruppe britischer Frauen trägt zum Schutz Schwimmbrille, und watschelt lachend durchs Unwetter.
  • Dune 2 geschaut. Fürchterlich; habe oft einfach die Augen geschlossen, um es nicht ertragen zu müssen. Ich mag Sci-Fi, finde auch die Story von Dune theoretisch ganz interessant, aber im 2. Teil ging es ja wirklich nicht ansatzweise um irgendeine Science Fiction. Es war einfach nur stundenlange Lust am Krieg – hat mich komplett nicht abgeholt.
  • Ein Stück Kuchen im Café kostet mittlerweile 6 Euro! SECHS Euro!! Das sind 12 Mark, das muss man sich mal vorstellen! (Kaufe es natürlich dennoch. Käsekuchen mit roten Beeren, sehr lecker. Aber so richtig Spaß macht es nicht, und ich nehme mir vor, selbst mal wieder einen zu backen.)
  • Habe meinem Freund meinen Bildschirmzeit-Code gegeben – scheinbar wirklich der einzige Weg, das Doomscrolling durch Instagram in Schach zu halten. Es funktioniert gut; ich fühle mich nicht komplett losgelöst von meiner Bubble, aber ich weiß auch: Nach einer Stunde ist der Bann durchbrochen. Schluss für heute.
  • Manchmal frage ich mich, wann und ob ich nicht irgendwann doch mal verloren gehe in dieser Stadt.
  • Der erste warme Tag des Jahres. 18 Grad. Die Luft riecht gut. Es ist anders als das konstant warme Wetter auf Gran Canaria im Februar. Es schwingt das Gefühl von Erlösung mit.

»Macht es für euch!«

Schauspieler Fabian Hinrichs und Turner im Stück »Kill Your Darlings«

Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia © Thomas Aurin

Am 26. Februar 2024 starb der Dramatiker und Regisseur René Pollesch. Zu früh, wie es so oft ist. Auf 3Sat kann man eins seiner berühmtesten Stücke nochmal ansehen: Kill Your Darlings – Streets of Berladelphia.

Die besten Szenen werden Sie heute Abend nicht sehen, denn die würden wir alle nicht ertragen. Deswegen heißt der Abend »Kill Your Darlings«.

Fabian Hinrichs und sein Turner-Chor, das »Netzwerk«, hasten durch so viele Themen, die einen mit Anfang 20, und vielleicht auch noch das ganze restliche Leben beschäftigen. Den ewigen Ohrwurm dazu habe ich hier schon 2012 gebloggt.

Ich bin wirklich kein Theaterkenner – es ist eins dieser Dinge, die ich eigentlich liebe, aber viel zu selten tue, weil es teuer ist, oder aufwändig, oder mir eine gewisse Orientierung darin fehlt. Aber zu Beginn der 2010er Jahre war ich oft in der Volksbühne. Einige von Polleschs Stücken habe ich mehrmals gesehen, Roman hat phasenweise nur in Pollesch-Zitaten gesprochen, und Nadine hat immer für alle Karten gekauft. Wir waren damals Studenten; es war günstig ins Theater zu gehen, und in der Volksbühne wussten wir irgendwann, was uns bei welchen Regisseuren erwartete.

Bei Pollesch wusste ich: Es wird bunt und witzig, und gleichzeitig theoretisch und komplex. Es ging immer tief, aber kurz bevor man aus Verwirrheit abgeschaltet hätte, lief ein Popsong, oder es explodierte irgendwas, oder ein riesiger Fisch wurde aus dem Bühnenturm herunter gelassen. Es begann schon bei den witzigen Titeln der Stücke: »Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors!«, oder »Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!«, oder »Herein! Herein! Ich atme euch ein!«. Bei allen Stücken habe ich irgendetwas mitgenommen. Am meisten vermutlich bei »Don Juan«, in dem Pollesch die Liebe und das Lieben seziert (ich war Anfang 20, natürlich hat mich das abgeholt!). Vermutlich hat mich kein Stück so geprägt wie dieses.

Man kommt nicht, ohne sie zu spielen, an die Liebe heran. Du musst schon irgendetwas machen, das wie Liebe aussieht, und dann liebst du auch. Das kommt nicht tief aus dir drinnen. Wenn man aufhört, die Liebe zu spielen, ist sie weg.

Ich wünschte, all diese Stücke wären in irgendeiner Mediathek verfügbar. Oder würden nochmal aufgeführt. Aber ich habe keine großen Hoffnungen. Der Rewatch von Kill Your Darlings war jedenfalls ein harter Wurf zurück in die Vergangenheit, in meine Zeit als Student, und in die Zeit, in der wir alle das Gefühl teilten: Es reicht doch nicht. Da fehlt doch was. Es reicht! Doch! Nicht!

Das hier war nicht für euch. Es war immer für uns. Macht es für euch! Zwei, drei, vier! AAHHHHHHH!

Kill Your Darlings (Volksbühne 2012) in der 3Sat Mediathek.