Der Teppichklopfer

Auf dem Rad vor mir fährt eine Frau mittleren Alters. Aus ihrem Fahrradkorb ragt, verstaut in eine große dunkle Tasche, der Griff eines – nun ja, Teppichklopfers? Verzwirbeltes, lackiertes Holz, das mich erst denken ließ, es handelte sich vielleicht um einen Badminton-Schläger (was die naheliegendere Option gewesen wäre). Aber der Griff war eben zu schnörkelig für ein Sportgerät, also musste es sich um einen Teppichklopfer handeln.

Ich erinnere mich an den Teppichklopfer meiner Großmutter, die ihn in ihrem Münchner Wohngebiet nutzte, um die großen Hochflorteppiche draußen zu säubern. Dazu wurden sie zusammengerollt, zusammen mit dem Großvater in den Gemeinschaftsgarten (der eher eine vertrocknete Wiese mit kaputten Plastikstühlen war) gebracht und auf große Metallstangen gehängt, die extra dafür installiert worden waren. Generell waren die Wiesen Nutzgärten nicht im landwirtschaftlichen, sondern im hauswirtschaftlichen Sinn: Zwischen den Häuserblocks verteilten sich Wäschespinnen, Teppichgestänge und vereinzelte Sitzgarnituren, auf denen Großeltern sitzen und ihren Enkelkindern beim Spielen im Rasen zusehen konnten.

Aber sowas gibt es in Berlin nicht. Zumindest nicht direkt in der Stadt. Hier haben die Hinterhöfe maximal verbogene Fahrradständer oder Mülltonnenhäuser; in den seltensten Fällen kleine Remisen, die von Studenten behaust werden, aber keine Teppich-Ausklopf-Vorichtungen. Ich weiß also nicht so recht, was die Frau auf dem Rad mit ihrem Teppichklopfer vorhatte. Vielleicht war sie Erzieherin in einem illegalen Kinderhort, der noch körperliche Gewalt als Erziehungsmaßnahme anwandte? Dann wäre meine Beobachtung womöglich unterlassene Hilfeleistung gewesen?! Oder sie hat ihn einfach auf eBay Kleinanzeigen gekauft und hängt ihn sich nun, wie erfolgreiche Tennisspieler ihre Schläger, über den Türrahmen? Als Erinnerung an ihre Zeit als erfolgreiche Teppichklopferin. Wissen werden wir es nicht; sie bog dann auf dem Mehringdamm links ab. Hoffen wir einfach, dass sie in keiner Einrichtung mit fragwürdigen Erziehungsmethoden arbeitet.

17. April 2019

Tele – Die Nacht ist jung (TV Noir)

Was macht eigentlich die Band Tele? Unklar, aber auch nicht ganz so wichtig, denn Francesco Wilking hat mit seiner Stimme die erste Dekade der Nullerjahre (wow, hässliches Wort!) so perfekt vertont wie keine andere deutsche Indieband. Das wird nochmal deutlich in diesem wunderbaren TV-Noir-Video, das den Song Die Nacht ist jung in seiner melancholischsten Gemütslage präsentiert. Gibt’s auch bei Spotify.

24. März 2019

Remembering: NEON Magazin, 2010

Das NEON Magazin, ein mittlerweile eingestelltes Fachblatt meiner Jugend, hatte auf seinen ersten Seiten immer eine Rubrik, in der jungen Menschen große (manchmal auch weniger große) Fragen gestellt wurden. 2010 liefen wir durch den Bergmannkiez und wurden von einem dieser fragenstellenden Reporter angehalten.

NEON: Was findet ihr an euch so richtig gut?
Nadine: Die Narbe an meinem Kinn.
Roman: Meine Brille.
Christoph: Mein Blog …?!

24. März 2019

Joan Mirós Studio, Palma de Mallorca

Joan Mirós studio auf Mallorca

“Drawing is simply another way of seeing, which we don’t really do as adults.” — Chris Ware (Source)

Früher war es eine Unart, von Fotos abzuzeichnen. Das Gefühl für Räumlichkeit ginge dabei verloren, so waren sich die Zeichenbücher einig – und sie lagen sicher auch richtig. Heute kann ich mich über diese Regel aber hinwegsetzen (auch, weil es manchmal einfach nicht geht, vor Ort zu zeichnen). Vor Joan Mirós Studio auf Mallorca kann man allerdings wunderbar sitzen, mit dem Meer im Rücken, und sein merkwürdig entworfenes Studio abzeichnen. Erst dadurch bekommt man einen Sinn für seine Ecken, Kanten, räumlichen Ideen.

8. März 2019

Die Geste: Das Ablösen der Armbanduhr

Two animated hands taking off a watch from the wrist

Die Geste der ultimativen Herrschaft über sich selbst: Die Befreiung vom Rhythmus des Tages. Meist abends, nach dem Fallen aufs Sofa, oder vor dem Händewaschen nach einem langen Arbeitstag. Die Uhr gleitet nach wenigen mechanischen Handgriffen vom Gelenk: Das Ziehen des Bandes aus der Lasche, das Herauslösen des Verschluss-Keils, das Abziehen und Abrollen der Uhr von den Knöcheln – das Metall des Batteriefachs, dessen Kälte man tagsüber nicht spürt. Der Vorgang gleicht der Befreiung aus Handschellen, und hält man die Uhr dann zwischen den Fingern, zusammengefaltet und schwer, wird sie wieder zum Objekt, losgelöst vom Zerren der Zeit.

30. Januar 2019

(Breathe In And Out And Go) Easy

Menschen beim Musik machen zusehen ist ja immer eine Freude – und wenn die Leute dann auch noch so gedankenversunken und gut aussehen wie die vier Herren der kalifornischen Band WHY?, lohnt es doppelt und dreifach, sich meinen seit Wochen festsitzenden Dauerohrwurm Easy in der Buzzsession-Variante zu Gemüte zu führen.

Eigentlich müsste man über WHY mal einen längeren, lobhudelnden Beitrag schreiben – wie ich mit Moni und meinen großen Kopfhörern 2008 auf dem Sportplatz lag, wir These Few Presidents hörten und ich mit den immer-schwurbeligen Lyrics nichts anfangen konnte, bis Moni mutmaßte, dass es sich bei den few presidents vermutlich um ein paar Geldscheine handelte, und wie mir Liedzeilen wie You’re a beautiful and violent work / With the skinny neck of a Chinese bird / In a fading ancient painting so nur noch mehr Freude und Poesie bereitet haben. Sollte man mal. Oder einfach die Alben genießen: Auf Apple Music oder Spotify.

29. Januar 2019