Dicke Luft

Ist ja auch irgendwie geil, so durch diese Luft zu radeln, die sich die ganze Zeit so anfühlt, als würde das Wasser seit Tagen in ihr rumstehen wie ein vergessenes Wasserglas. Und die Hitze, in der sie sich nicht so recht bewegen kann, und ich mich dann auch nicht; das ist ja irgendwie auch ein witziges Gefühl, da so durchzufahren. Durch diese dicke, klebrige Luftschicht. Diese Gewitter-Vorahnung. Aber heute kriegt sie mich irgendwie nicht. Heut fühl ich’s nicht.

19. Juni 2019

Jamila Woods

Wichtige und gute Musik geht ja sehr oft und sehr gerne an mir vorbei. Nun stolperte ich aber neulich über dieses Audio-Feature des New Yorker, das das neue Album LEGACY! LEGACY! von Jamila Woods bespricht:

On “Legacy!,” Woods is […] looking backward, putting herself in dialogue with a long line of predecessors—from Betty Davis to Sonia Sanchez to Jean-Michel Basquiat—by reanimating them through song. She treats these historical figures not as idols but as artists, for whom existing and creating were acts of subversion, personal salvation, and grace.

Wobei – besprechen ist nicht das richtige Wort, es lässt nämlich vor allem die Musik der Künstlerin für sich sprechen. Selten fand ich Audio in Textbeiträgen so sinnvoll (oder überhaupt sinnvoll) wie hier.

Letzten Endes hat mich der Beitrag über die Künstlerin, die wie erwähnt bisher unbemerkt an mir vorbei gezogen war, aber vor allem auf ihr Debütalbum HEAVN von 2016 aufmerksam gemacht. Das läuft seitdem hier in Dauerschleife, und den Song Bubbles liebe ich besonders.

→ Jamila Woods bei Spotify, Apple Music, und Bandcamp.

9. Juni 2019

Alles Immer!

image of two kids playing Peter Pan

Foto: © Jan von Holleben: Dreams of Flying

Vor etwa tausend Jahren flog mir eine Ausgabe der Chrismon in die Hände. Ich muss so 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein. Zwar war ich damals schon weitestgehend über meine religiöse Phase hinaus (falls ich die jemals wirklich hatte), aber die Themen des Hefts fand ich trotzdem hin und wieder spannend. Dass das Magazin aber stilprägend für meine Jugend und meinen visuellen Blick wurde, hatte einen sehr einfachen, anderen Grund: Es druckte damals die Fotostrecke Dreams of Flying von Jan von Holleben.

Auf den Bildern der Serie, die Jan ca. 2002 begann, werden Traumsituationen in der Horizontalen nachgebaut. Diese Technik ermöglicht die abstrusesten Fantasiewelten – auf Hunden reitende Kinder, durchs Weltall fliegende Astronauten, Ballspiele mit riesigen Steinbrocken. Alles wird am Boden liegend fotografiert, meist mit Kindern in der Haupttrolle, und doch überhaupt nicht kindisch.

Über diese Fotos bin ich neulich bei einer Bildrecherche wieder gestolpert, und ich habe mich erneut mit Jan von Hollebens Arbeit beschäftigt. Die ist mittlerweile natürlich über diese Technik hinausgewachsen, aber immer noch herrlich verspielt, fantasievoll und merkwürdig. Und das Beste: Es gibt sie nun gesammelt in einem dicken Bilderbuch mit dem fordernden Titel ALLES IMMER. Das ist auch das Gefühl, das man beim Durchblättern bekommt: Zurückgeworfen werden in eine Welt voller Möglichkeiten, festhalten am Gefühl der Carefree Childhood, festgehalten in Fotos. Und wer wünscht sich das nicht.

Jan von Holleben: Alles Immer – Das Bilderbuch. Beltz 2019

8. Juni 2019

Seeing A Therapist

drawing of a person on a therapists couch

Left: Me from my therapist’s viewport, right before he takes place in his seat behind my head.

Right: My point of view, lying at the therapist’s day bed, talking (or, sometimes, silencing).

28. April 2019

Der Teppichklopfer

Auf dem Rad vor mir fährt eine Frau mittleren Alters. Aus ihrem Fahrradkorb ragt, verstaut in eine große dunkle Tasche, der Griff eines – nun ja, Teppichklopfers? Verzwirbeltes, lackiertes Holz, das mich erst denken ließ, es handelte sich vielleicht um einen Badminton-Schläger (was die naheliegendere Option gewesen wäre). Aber der Griff war eben zu schnörkelig für ein Sportgerät, also musste es sich um einen Teppichklopfer handeln.

Ich erinnere mich an den Teppichklopfer meiner Großmutter, die ihn in ihrem Münchner Wohngebiet nutzte, um die großen Hochflorteppiche draußen zu säubern. Dazu wurden sie zusammengerollt, zusammen mit dem Großvater in den Gemeinschaftsgarten (der eher eine vertrocknete Wiese mit kaputten Plastikstühlen war) gebracht und auf große Metallstangen gehängt, die extra dafür installiert worden waren. Generell waren die Wiesen Nutzgärten nicht im landwirtschaftlichen, sondern im hauswirtschaftlichen Sinn: Zwischen den Häuserblocks verteilten sich Wäschespinnen, Teppichgestänge und vereinzelte Sitzgarnituren, auf denen Großeltern sitzen und ihren Enkelkindern beim Spielen im Rasen zusehen konnten.

Aber sowas gibt es in Berlin nicht. Zumindest nicht direkt in der Stadt. Hier haben die Hinterhöfe maximal verbogene Fahrradständer oder Mülltonnenhäuser; in den seltensten Fällen kleine Remisen, die von Studenten behaust werden, aber keine Teppich-Ausklopf-Vorichtungen. Ich weiß also nicht so recht, was die Frau auf dem Rad mit ihrem Teppichklopfer vorhatte. Vielleicht war sie Erzieherin in einem illegalen Kinderhort, der noch körperliche Gewalt als Erziehungsmaßnahme anwandte? Dann wäre meine Beobachtung womöglich unterlassene Hilfeleistung gewesen?! Oder sie hat ihn einfach auf eBay Kleinanzeigen gekauft und hängt ihn sich nun, wie erfolgreiche Tennisspieler ihre Schläger, über den Türrahmen? Als Erinnerung an ihre Zeit als erfolgreiche Teppichklopferin. Wissen werden wir es nicht; sie bog dann auf dem Mehringdamm links ab. Hoffen wir einfach, dass sie in keiner Einrichtung mit fragwürdigen Erziehungsmethoden arbeitet.

17. April 2019

Tele – Die Nacht ist jung (TV Noir)

Was macht eigentlich die Band Tele? Unklar, aber auch nicht ganz so wichtig, denn Francesco Wilking hat mit seiner Stimme die erste Dekade der Nullerjahre (wow, hässliches Wort!) so perfekt vertont wie keine andere deutsche Indieband. Das wird nochmal deutlich in diesem wunderbaren TV-Noir-Video, das den Song Die Nacht ist jung in seiner melancholischsten Gemütslage präsentiert. Gibt’s auch bei Spotify.

24. März 2019