The Screenshots

Albumcover The Screenshots

Ich bin mal wieder spät dran, aber nachdem ich etwa zwei Jahre nur nebensächlich daran interessiert war, dass meine komplette Twitter-Blase die Band The Screenshots bedingungslos abfeiert, bin ich jetzt, wenige Tage vor ihrem Album-Release, auf den Geschmack gekommen und – mildly said – HOOKED! Nicht nur wegen der absoluten Süßmäuse Dax Werner, Susi Bumms und Kurt Prödel, die die Musik machen, sondern auch einfach, weil ~das Gesamtpaket~ stimmt! Das Cover des neuen Albums »2 Millionen Umsatz mit einer einfachen Idee« ziert das Maskottchen Glühbi, und auch sonst ist die Gestaltung und die Goodies, die man zur Vorbestellung bekommt, genau so wholesome wie die Musik (lieb gemeint).

Besser als all das ist aber die Morning Show, die die drei seit Mai moderieren. Sie trifft genau meinen Geschmack: Kurzweilig, ironisch und trotzdem nicht fies, mit knackigen Kategorien und Gästen wie Ilona Hartmann oder Ilgen Nur, und (natürlich!) einer Begleit-Playlist ist es dieses Jahr vermutlich mit eins der besten Dinge, die im Internet passieren.

In der heutigen Folge sprechen die Screenshots über ihr neues Musikvideo, das visuell inspiriert ist von – never forget! – Sofaplanet, und damit wäre wirklich alles Schöne und Gute in der Welt vereint. Wie kann man eine Band nicht lieben, die ganz harmlos über Snacks singt?!

✳︎ The Screenshots auf Spotify, Apple Music und Bandcamp
✳︎ Die Morning Show auf Spotify und Apple Podcasts
✳︎ Das neue Album kann man in ihrem Shop vorbestellen

15. Oktober 2020

062020: H is for Hawk

Image of a roof with a last ray of sun

We’re sitting in a small park somewhere in Berlin, when R. points to the sky: Look! The unusual bird lands on top of a street light, looking back at us. It’s a majestic animal, yet smaller than the usual crows we see around the city’s parking lots. In an unwary moment, as we look away, the sparrow hawk arrows right into the bushes behind us, and seconds later, we hear a sharp and short squeak. Then, the bird flies away over our heads, with a little mouse in its claws. We can see its tail squirming as the mouse is carried through the air on its last trip.

It was a weird moment. Bittersweet, like the beet root ice cream in my mouth. For a short second, all the people in the park were mesmerized; the guy on the lawn held his little chihuahua with both hands, in fear that the hawk’s claws would take it away. A very irrational fear, but still – understandable. Fear makes us do weird things.

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✳︎ In September I decided that my summer break had been long enough, and I started moving into a nice little office space to pursue my freelance career. I’m doing it at my pace, one step at a time. I’ve learned to say No to things, and being your own person really seems like a healthy concept to me? Thanks to myself for finally noticing!

✳︎ I jotted down a couple of vacation notes on my blog. I also wrote about an iconic IKEA clock and about the underwear in the tree outside my kitchen. I’ve been writing that weblog since 2006, and I still like the idea of having a room for myself on the internet — almost like my own little garden. Stop by if you wish.

✳︎ From now on, I contribute a little design column to the German form design magazine. Nina Sieverding and Anton Rahlwes are the new editors-in-chief, and I am really keen on their approach on topics, perspectives and the magazine’s design itself. Go get it!

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As quickly as the sparrow hawk took its prey, this year’s summer decided to take a leap and leave. My summer wasting was a success though; I had a lot of good outdoor pizza dinners, and I spent a vast amount of time speeding through the streets on my bike. I accept that the COVID anxiety behaves like a curve, too. Sometimes it’s high, sometimes it’s low. New Normal, etc etc. I hope you’re still coping somewhat well.

29. September 2020

Design-Nostalgie: Die Tischuhr IKEA Klunsa

Illustration der IKEA Klunsa Tischuhr 2001

Neulich hat Ikea ein Katalog-Archiv aus über 70 Jahren Möbelgeschichte veröffentlicht. Diese Kataloge sind ein hervorragendes Beispiel, wie sehr Möbeldesign unser Leben prägt. Wie haben Einrichtungen die Definition von Freizeit und Arbeit verändert? Welche Jahrzehnte waren farbig, welche zurückhaltend? Die Zeit zeichnet sich in diesen Katalogen ab.

Auf jeder Seite entdeckt man ein Objekt, das eine persönliche Erinnerung aufruft. Wer hat nicht schon mal in einem MALM Bett geschlafen? Der durchlöcherte Bürostuhl JULES war Teil fast jeden Kinderzimmers. Und ganz ehrlich, wer in den 2010ern kein KLIPPAN Sofa in der WG stehen hatte, hat nicht gelebt (meine Meinung)!

Beim Stöbern in den Katalogen war ich unterbewusst aber auf der Suche nach einem ganz bestimmten Objekt: Ich hielt Ausschau nach der Tischuhr KLUNSA. Sie war in den 2000ern fester Bestandteil jedes Reihenhauses. Nichts schreit »Ich bin Hausfrau und Mutter mit zwei Kindern, und ich mache es uns zu Hause schön (aber auch modern!)« so sehr wie diese kleine Uhr. Und das meine ich überhaupt nicht wertend – nichts ist falsch daran Hausfrau und Mutter zu sein (außer die Tatsache, ist dass Care Arbeit nicht bezahlt wird). Aber die Uhr spiegelt meine damalige Lebensrealität in einer Kleinstadt wider, in der es viele Familien in Reihenhäusern und mit klassisch-konservativem Lebensmodell gab.

Die Uhr stand in Bücherregalen, neben dem Fernseher, auf dem elterlichen Nachttisch oder in der Büro-Vitrine. Ihre Gestaltung war schlicht: Ein dicker Aluminiumrahmen in hellem, fast blauem Silber, der ein extrem minimalistisches Zifferblatt umschloss. Durch die Simplizität war die Uhr trotz ihrer geringen Größe auch aus der Entfernung gut lesbar, und der runde Kreis (es gab keinen sichtbaren Sockel) fügte sich nahtlos in jede Umgebung.

Das erste Mal taucht die Uhr im Katalog von 2001 auf. Schon die ersten Seiten prägen das visuelle Bild der frühen Nullerjahre: Alles ist weiß und hell, Akzente werden mit mattem Metall, semi-transparenten Kunststoffoberflächen oder natürlich der schrecklichen Y2K-Blume, der Gerbera!, gesetzt. Für die Menschen meiner Generation ruft das neben einem gewissen Cringe-Moment auch eine große Nostalgie hervor.

Die 2000er, das war der Anfang vom Ende: Die satten 1990er übergaben sich in eine futuristische Ästhetik, die sich letztendlich immer weiter nach oben schraubte. Ihr dystopischer Beigeschmack hält bis heute an. Die Uhr KLUNSA ist eine letzte Minute Ruhe in der Millennial-Ästhetik, mit der die Zeit schließlich unkontrolliert schnell wurde, und ja nach wie vor ist.

18. September 2020

Sächselnde Schweiz 3: Spritz Aperol

watercolor drawing of rocks

Ich bin offenbar einer dieser Hotelgäste, die nach der ersten Nacht zur Rezeption gehen und sich nach einem neuen, »festeren« Kissen erkundigen. Ich schiebe es aufs Alter: Wenn ich alt genug bin, Urlaub in einem ordentlichen Hotel zu machen, kann ich auch öffentlich zu meinen Rücken- und Nackenbeschwerden stehen. Abends telefoniere ich mit einem Freund, der mir von einem Hotelbesuch erzählt, bei dem es ein »Kissenmenü« gab. Dort konnte man zwischen diversen Kissen und Bedürfnissen wählen, und dann beim Zimmerservice das gewünschte Kissen bestellen. Das hat für mich neue Maßstäbe gesetzt.

Abends gehe ich ins Hotel-eigene Restaurant – das einzige im Ort, das neben der Zwiebelssuppe noch weitere vegetarische Gerichte anbietet. Im Hintergrund laufen Popsongs im Panflöten-Remake: »Angels« von Robbie Williams, irgendwas von Elvis, Moon River. Musik zum Überhören. Ich bin nicht der einzige Alleinreisende: Hinter mir auf der Terrasse telefoniert ein Mann, vor sich hat er ein großes Bier stehen. Er dropt einen Dad Joke nach dem anderen in sein Handymikrofon und wiehrt laut. Später verabschiedet er seinen Gesprächspartner mit »Servas«. Rechts von mir sitzt noch ein älterer Herr. Er ist nervös; beschwert sich über die flackernde Beleuchtung und verlässt in Windeseile seinen Platz, sobald sein Bier leer ist. Alleine essen gehen ist auch wirklich merkwürdig, man fühlt sich von allen beobachtet, die Blicke schreien dich an, obwohl du selbst ja ganz leise bist.

Die ältere Frau weht in ihrem dünnen Leoprint-Strandmantel über die Hotelterrasse und schreit nach ihrem Mann. Der hat es sich vorne an der Promenade bereits mit einem Bier gemütlich gemacht und hält seine Glatze in die Sonne. Aber die Frau kann da nicht sitzen; die Sonne, das ist ihr zu heiß, also setzen sie sich neben mich in den Schatten und bestellen: Er Spaghetti-Eis, sie Spritz Aperol. »Apoerol Spritz?« fragt der Kellner. »Ja, gena, Spritz Aperol«, antwortet die Frau, wickelt sich in ihr Strandtuch und widmet sich wieder ihren WhatsApp Nachrichten. Alte Ehepaare erzählen sich nur noch, welche Anrufe sie verpasst und welche WhatsApp Nachrichten sie erhalten haben. Mehr ist nicht. Davor wird der Hugo kommentiert, die Erdbeeren sähen ja nett aus, dann Schweigen bis zur nächsten WhatsApp Nachricht. Uwes OP wurde verlegt. Wer ist Uwe? Na der Mann von der Sybille. Achso. Schweigen.

Sächselnde Schweiz 1: Schiffsgeräusche
Sächselnde Schweiz 2: Ausblick

10. September 2020

Sächselnde Schweiz 2: Ausblick

watercolor drawing of rocks

Ich merke beim Wandern schnell: Wichtiger als das Ziel und die Aussicht ist der Weg dahin. Bei dem Gedanken tadle ich mich ob seiner Schlichtheit, aber man merkt beim Laufen am eigenen Körper, dass es wahr ist. Aussichten sind doch uninteressant: Man kann nicht nah an die Dinge ran, und der kurze Rausch der Erhabenheit, des Überblicks, ebbt so schnell ab: Mehr als Stehen und Schauen geht eh nicht. Ich erinnere mich an »Das größere Wunder« von Glavinic; ich habe schon wieder komplett vergessen, ob der Protagonist die Spitze des Mount Everest am Ende erreicht hat; darum ging es ja gar nicht. An seinen Weg erinnere ich mich; an jede einzelne Seite.

Wandern ist etwas für Macher. Eine Ertüchtigung für Kreative. Es ist produktiv und erschöpfend. Vermutlich deshalb haben viele meiner Freunde in den letzten Jahren damit begonnen, zur Erholung in die Berge anstatt ans Meer zu fahren. Und deshalb war mein Opa auch so gerne in den Bergen. Ihn habe ich als unruhigen Geist in Erinnerung; er hat die Dinge immer bearbeitet, vielleicht auch eine Ingenieurs-Krankheit; er hat immer nach Optimierung gesucht. Zur Entspannung hat er gemalt; oft die Berge, oder die Horizonte, weil die sich kaum bewegten. Ich erinnere mich an eine Situation, in der er uns ein Foto von einem Ausblick zeigt: Um die fehlenden Wolken für den perfekten Horizont herbeizuzaubern, hatte er beim Auslösen seine fleischige Hand in die obere linke Ecke des Motivs gehalten. Auf dem Foto sah man sie als verschobenes, rosiges Etwas. Es war sein Versuch, die Natur zu bezwingen. Sein Optimierungsversuch.

Sächselnde Schweiz 1: Schiffsgeräusche
Sächselnde Schweiz 3: Spritz Aperol

10. September 2020

Sächselnde Schweiz 1: Schiffsgeräusche

watercolor drawing of a house

Das erste mal lerne ich von meiner miserablen Kondition am Beginn der Tour, als ich vom Taxi aus zum Gleis rennen muss, durch den kompletten Bahnhof, um den Zug nach Dresden noch zu erwischen. Als nervöser Typ nehme ich von zu Hause aus standardmäßig sowieso zwei S-Bahnen vor der S-Bahn, die noch reichen würde. Leider sind alle ausgefallen.

Ich haste also zum Taxistand und bitte den Fahrer, den möglichst kürzesten Weg zum Bahnhof einzuschlagen. Der führt über den Berliner Stadtring, und, richtig: auf dem herrscht Stau. Ich entspanne mich also mit dem Wissen, dass ich den passenden Zug sowieso nicht mehr erwische. Dann brettert der Fahrer aber die erste Ausfahrt wieder raus, kurvt durch einige Seitenstraßen (ich vertrage Autofahrten nicht sonderlich gut und schließe die Augen), und biegt dann mit einem Quietschen auf den Parkplatz des Bahnhofs ein. Drei Minuten hab ich noch – er wünscht mir Glück und ich renne los.

Die Stadt erreicht man vom Bahnhof aus nur über eine Fähre, die im 30-Minuten-Takt die Elbe überquert. Es ist ein bisschen lächerlich: Das verhältnismäßig große Schiff tuckert einige wenige Kilometer über den Fluss, macht dann eine rabiate Wende, und fährt wieder zurück. Aber die Geräusche des Schiffsbauchs im Wassers mag ich. Dumpf und hohl und hallend, trocken und düster, und trotzdem: Urlaub.

Es ist heiß und ich spaziere durch die Straßen. Geisterhaft wirken sie: Sobald ich mich vom Marktplatz entferne, werden die Gehwege schmal und die Fassaden grau. Gefühlt jede zweite Ladenfläche ist leer; mit Zeitung tapezierte Schaufenster und verwitterte Ladenschilder verblassen in der Morgensonne. Es gibt ein paar Bäckereien, die aufgebackene Brote und Fertigkuchen verkaufen, die Eisdielen öffnen erst Mittags. Ich habe Angst, dass ich mittlerweile einer dieser versnobten Kaffee-Städter bin, die das Kaffeegemisch aus dem Vollautomaten angewidert verachten. Ein »Modeeck« gibt es natürlich auch, in der kurzen Einkaufszeile mit dem üblichen chinesischen Restaurant; Camping-Bestuhlung und batteriebetriebene Neon-Leuchtschilder. Kaum ein Laden hat geöffnet, und ich habe die Befürchtung, dass dieser »Kurort« nur ein Ort der Durchreise ist – für Wandernde, und vor allem: Für Autos.

Davon gibt es hier viele. Die Leute wollen schnell ins Naturschutzgebiet, und dass der Ort primär für fahrende Autos gemacht ist, merkt man auch daran, dass es nur einen riesigen Parkplatz vor dem Supermarkt gibt, und die einzige Verbindung zur anderen Elbseite eine große Brücke ohne Fußweg ist. Wander-Feelings kommen hier noch nicht direkt auf.

Sächselnde Schweiz 2: Ausblick
Sächselnde Schweiz 3: Spritz Aperol

10. September 2020

Superman

Slip of Superman in a tree

Im Baum vor meiner Küche hängt ein Schlüpfer! Ich habe ihn bemerkt, als ich am Fenster stand und in den Innenhof starrte; ja, da bemerkte ich ihn, wie er sich lose zwischen den Ästen verfangen hatte, direkt auf der Höhe des zweiten Stocks, direkt vor meiner Nase.

Wenn ich ganz nah ans Fenster gehe, kann ich ihn genauer inspizieren: Es ist ein Herrenslip – aber nicht irgendeiner. Er ist blau, mit weißem Bund, und auf der Vorderseite prangt ein großes, rot-gelbes S. Es ist der Slip von Superman! Ich erkenne es genau! Superman muss ihn hier in der Kiefer verloren haben – und das wirft natürlich die Frage auf: Was ist hier geschehen?!

War Superman zu Gast bei der Frau im 4. Stock, musste dann, um nicht in flagranti beim Liebesspiel erwischt zu werden, aus dem Küchenfenster flüchten – und hat sich dabei im Baum verheddert? Geistert nun ein schlüpferloser Superheld durch die Welt, in commando?!

Oder anders: Womöglich hatte Superman einen wichtigen Auftrag im 3. Stock, aber der Hauszugang war abgeschlossen (gut so; die Ratten!), und so musste er den Baum hochkraxeln? Keine leichte Aufgabe, denn Kiefern sind stachelig und unbequem – womöglich ist ihm da, im Eifer des Gefechts, einfach die Unterbuxe hängengeblieben?

Meine dritte Theorie: Superman wohnt hier im Haus, und durch das offene Küchenfenster hat die diebische Elster, die sonst in der Kiefer haust, sich schnurstracks den frisch gewaschenen Slip gekrallt. Dann hat sie gemerkt, dass er nicht passt, und wie man das in Neukölln so macht, hat sie ihn einfach weggeworfen. Nun hängt er da, unerreichbar für seinen eigentlichen Besitzer.

Aber gut – vielleicht ist es damit auch einfach mal an der Zeit für neue, neutralere Unterwäsche. Comic-Motive sind doch auch für Superhelden total unprofessionell.

7. September 2020