Februar-Liste 2026

Foto-Collage: Kaffee, Donut, Zeichnungen, Schnee-Spaziergang

  • Vor meiner Haustür prügelt ein Mann auf den Parkscheinautomat ein. So eine Scheiße!, schreit er. Er hüpft einmal erzürnt auf der Stelle, wie so eine Comic-Figur, und hinterlässt eine Schmauchspur im Eis.
  • Die Uhren in der Riso-Werkstatt ticken langsamer. Der Cursor schiebt sich zäh über den Desktop; hier ein Testdruck, da ein paar Einstellungen an der Schneidemaschine. Man merkt hier nicht, wie die Zeit vergeht, und am Ende ist es dunkel, und die Drucke sind fertig.
  • Merkwürdig schlechte Laune, schon seit dem Aufwachen. Versuche ein paar Tage lang, Tagebuch im Thomas-Mann-Stil zu schreiben, um mich selbst nicht zu ernst zu nehmen.
  • Februar im Schnelldurchlauf: Curling, Alysa Liu, noch mehr Curling. Bin so froh, dass im März noch die Paralympics laufen; Olympia hat mich gut gerettet durch den eisig kalten Februar.
  • Anstatt des Regionalzugs entscheide ich mich doch für den ICE, das ist entspannter. Nix los hier. Niemand da. Keine Ereignisse, das Tagebuch: leer. Ich weiß, dass das nicht gut ist, oppose convenience, wenn nichts passiert hat man auch nichts zu erzählen. Aber entspannend war sie, die Fahrt.
  • »Sternzeichen Schnecke, Aszendent Stein.«
  • Die Sonne spiegelt sich in meinem Bildschirm. Ich traue dem warmen Wetter nicht. Vor wenigen Tagen schlitterten wir noch über den See, und jetzt soll ich hier im T-Shirt sitzen? Aber ich nehme was ich kriegen kann, und lasse mich auf darauf ein.
  • Ich betrachte mich und meinen Körper im Spiegel. Ich habe ein paar Kilo zugenommen, endlich. Sogar der viele Sport wird langsam sichtbar. Wenn ich das eine Licht aus und das andere an mache, finde ich den Anblick okay, gut sogar.
  • “My therapist: You are a good person and deserve to be loved.
    Me: Oh no, I have tricked you too!”

Zuschauen und Winken

Buch von Mercedes Lauenstein, Titel: Zuschauen und Winken

Mercedes Lauenstein hat letztes Jahr diesen schönen Fragmente-Roman veröffentlicht. Man kann ihn in wenigen Tagen durchlesen, und es sind viele nachhallende Sätze, Gedanken und Gefühle drin. Zum Beispiel die Beobachtung einer Frau, die im Supermarkt heimlich aus einem Gurkenglas nascht, und wie schrecklich es wäre, dabei erwischt zu werden:

Das Risiko, dem möglichen Beobachter in die Augen blicken zu müssen, käme schon der Strafe gleich. Wenn Konsequenzen folgen, erfährt man es früh genug. Wenn nicht, lebt man besser in dem Glauben, es habe einen niemand gesehen.

Oder hier, über Albträume und Angst und wie man ihnen entflieht (ein immer währendes Thema für mich):

Ich muss es schaffen, einen Finger zu bewegen. Einen Zeh. Als ich es schließlich schaffe, mich aufzusetzen, lässt der Spuk nach. Die Wohnungstür ist geschlossen, niemand ist da. Ich selbst bin das Geisterschloss, immer gewesen.«

Und auch wiedergefunden habe ich mich hier auf Seite 61, als über die Gesellschaft einer Katze sinniert wird. Die Anwesenheit eines Haustieres ist schön, aber die Verantwortung kommt für die Erzählerin nicht in Frage:

Es gibt nichts Schöneres als die Vorstellung einer Sache und nichts Enttäuschenderes, als wenn man sie bekommt. In der Sehnsucht nach dem, was nicht da ist, liegt das eigentlich Lebendige.

Das Buch ist nachdenklich und melancholisch und dennoch gemütlich, wie ein Regentag in München. Wer Fragmenten und schönen Sätzen etwas abgewinnen kann, ist damit gut beraten. Mercedes Lauenstein, Zuschauen und WinkenBlumenbar 2025.

Heiße Schokolade

Zeichnung eines Plastikbechers mit heißer Schokolade

Seit Einbruch der Minusgrade sehnte ich mich nach einem eisigen Winterspaziergang und einem darauf folgenden Heißgetränk. Kaffee und literweise Tee gehören sowieso zu meiner Alltagsroutine – so beschloss ich, zu einer Heiße-Schokolade-Person zu werden.

Das Getränk, das sonst vor allem Kindern und kaffeeabtrünnigen Personen zugeschoben wird, hatte ich nach der antrainierten Koffeinabhängigkeit vollkommen vergessen. Dabei ist es doch perfekt für so einen kalten Körper, der gerade frisch aus dem Schneegestöber in die Wohnung stolpert. Ich erinnere mich an mein Studium, in dessen Wintersemestern Łukasz und ich regelmäßig zu den in Nischen verbauten Getränkeautomaten auf dem Flur trapsten: Für 50 Cent gab es dort einen kleinen, dünnen, braunen Plastikbecher voll mit dicker, heißer Schokolade. Wir tranken sie literweise.

Und als wäre es eine höhere Schokoladenanweisung des Schicksals gewesen, veröffentlichte jüngst Elisabeth Raether im ZEIT Magazin ein Rezept für »Heiße Schokolade für Erwachsene« (Z+). Eine Mixtur, die es in sich hat: Für eine Tasse erhitzt man 100 ml Milch, 100ml Sahne, 50 g Zartbitter- und etwa 30 g Vollmilch-Schokolade in einem Topf, und rührt dann noch einen kleinen Esslöffel Kakaopulver hinein. Die Erwachsenen-Komponente besteht aus einem kleinen starken Espresso, der zum Ende hinzugekippt wird. Macht satt und glücklich, und man fühlt sich kurz wie ein erwachsenes Kind.

Linksdrall

Der Hund hat einen Linksdrall. Das sehe ich immer, wenn ich ihn von der Leine lasse und er dann nach vorne rennt. Nach vorne links. Er hastet so los, schlägt Haken wie ein Hase, aber nie geradeaus. Immer in so einem kleinen Bogen nach links. Erst habe ich überlegt, ihn zu reklamieren. Mich hat das wahnsinnig gemacht. Es war unberechenbar, wohin er genau abbiegen würde, und ich wollte keine Risiken eingehen. Aber dann habe ich mich entschieden, ihn zu behalten. Ich war unsicher, ob das überhaupt ein triftiger Reklamationsgrund gewesen wäre, und dann waren die zwei Wochen Umtauschrecht verstrichen, und das wäre dann alles recht kompliziert geworden. Also blieb er bei mir. Ich versuche jetzt immer beim Werfen von Stöckchen oder Spielzeug, den Linksdrall des Hundes etwas auszugleichen, in dem ich ein wenig nach rechts werfe. Aber so wirklich klappen will das nicht.

Januar-Liste 2026

Collage Januar: selbstgemachte Ravioli, ein Cocktail, ein Schild mit der Aufschrift

  • Ein Mann im Zug führt lautstark ein Telefonat. Mit heiserer Stimme klagt er sein Leid – er könne die Miete nicht mehr bezahlen, müsse die Wohnung auf Vordermann bringen, um die Kaution zurück zu bekommen. Er wolle sich kein Geld leihen, »Nein, bloß keine weiteren Schulden. Hätte ich doch nur diese Sporttasche nicht im Zug liegen lassen. Das war so dumm von mir. So unfassbar dumm.« Was da wohl drin war?!
  • In einer angesagten Bar studiere ich ratlos die Karte. Ich wünsche mir etwas rosafarbenes, feminines, das in einem kalten und albernen Glas serviert wird. Ich bestelle also meinen ersten Cosmopolitan, und bin nach drei Schlucken unerwartet beschwipst. Es ist ein ungewohntes Gefühl, da ich so gut wie nie Alkohol trinke – ein witziger, aber auch nennenswert unangenehmer Zustand.
  • Nach dem Schwimmen öffne ich die Tür zur Herrendusche, und laufe direkt in die versammelte Feuerwehrmannschaft, die gerade ihr Schwimmtraining beendet hat. War in meiner Fantasie irgendwie … anders.
  • Ein Typ, Anfang 20, zu seiner Freundin: »Ich hab’ überlegt, Dienstags etwas früher Feierabend zu machen, und dann noch zum Schreiben in die Bib zu gehen. Weil ich sonst echt nicht weiß wie ich das alles hinkriegen soll.« »Mit ›alles‹ meinst du das Buch?« »Ja was denn sonst?!« »Na ja, du hättest ja statt ›alles‹ auch einfach ›das Buch‹ sagen können.«
  • Die Frau neben mir packt eine große Tupperdose mit Nudelsalat aus. Kichernd genehmigt sie sich dazu ein kleines Fläschchen Eierlikör. Interessante Kombi, finde ich, aber ich gönne ihr natürlich ihren genussvollen Start ins Wochenende!
  • Ein Baby schreit und schreit und schreit so sehr dass es sich verschluckt, das arme Kind, aber es klingt, als bräuchte es eine kleine Pause und musste dabei dann kurz über sich selbst und seine geräuschvolle Performance lachen.
  • Der Therapeut rät mir: »Schalten Sie doch mal einen Gang runter«, und ich frage mich, ob anstatt MUT vielleicht einfach das mein Motto für 2026 sein sollte. Gang raus, ich fahre jetzt mal ’ne Weile im Leerlauf. Und dann wechsle ich vielleicht auf Automatik, mal sehen.
  • Der Trödelladen um die Ecke verkauft jetzt »Mystery Bags« – große braune Papiertüten, fest verschlossen. 15 €, sagt die krakelige Filzstiftschrift darauf. Und auch hier frage ich mich: Was da wohl drin ist?

Mut

Selfie von mir im Schaufenster, Roter Schriftzug MUT

Aktuell noch interne Debatte über das Jahresmotto 2026. Nachdem Risiko mehrere Tage der Front Runner war, ich dann aber beschlossen habe, dass Risiko einfach in den allermeisten Fällen nicht mein Ding ist und es auch nicht sein wird, ist momentan hoch im Kurs: Mut. Zumindest ein bewussteres Abwägen seiner Notwendigkeit.

Dezember-Liste 2025

Collage: Backgammon, Grünkohl, Mandarine

  • M. steht im Türrahmen und putzt sich die Zähne. »Normalerweise nehme ich morgens Aronal und abends Elmex. So wie es sich gehört. Aber wenn ich einen schlechten Tag habe, gönne ich mir auch mal zweimal Aronal, das finde ich geschmacklich geiler.“
  • Abends gehen wir zu R. Er lebt in einer WG direkt an der Pinakothek; München wird mit jedem Besuch surrealer. Über den Abend hinweg landen elf Leute am Küchentisch und reden und trinken und lachen. Es ist laut und lustig, und man kann gut zwischen Mitreden und Zuhören wechseln. Einen Küchentisch so zu bespielen ist auch ein besonderes Talent.
  • E. kommt morgens verschlafen in die Küche und sagt ganz aufgekratzt: »Ich habe eine existenzielle Krise! Wegen des neuen Instagram-Reels von Werner Herzog. Ich bin unglücklich, weil ich so glücklich bin!!«
  • An den Weihnachtstagen sitzen wir auf der Couch, meine Mutter bringt mir Stricken bei. Sie ist eigentlich wenig für textile Handarbeiten zu begeistern, aber stricken kann sie, und verfällt dabei in ein mystisches Strick-Vokabular: abnehmen, zunehmen, glatt links, kraus rechts, abketten, abheben, usw. usf.
  • R. zeigt mir seine selbstgebauten Möbel und bringt mir Backgammon bei. Ähnlich wie das Stricken habe ich am Folgetag fast alles wieder vergessen, aber es hat Spaß gemacht, und ich will mehr.
  • Bei E. und S. bin ich zum Käsefondue eingeladen. Es gibt vorweg gedörrte Grünkohlblätter mit Sojasauce; sie sind kross und crunchy und voller Umami. Die beiden haben ein Talent dafür, aus wenigen guten Zutaten etwas Besonderes herzustellen. S. sagt, dass er dieses Jahr auf einiges verzichtet und dadurch Wertschätzung nochmal neu und besser gelernt hätte.
  • Zwischen den Jahren passieren viele mikroskopisch kleine Dinge, die eine merkwürdige Busyness herstellen, und so komme ich kaum dazu, das Jahr angemessen zu reflektieren. Vielleicht ist es okay. Vielleicht kommt jetzt einfach das nächste Jahr, und es geht weiter, und die Dinge räumen sich unterwegs auf. So ist es ja meistens.