Tele – Die Nacht ist jung (TV Noir)

Was macht eigentlich die Band Tele? Unklar, aber auch nicht ganz so wichtig, denn Francesco Wilking hat mit seiner Stimme die erste Dekade der Nullerjahre (wow, hässliches Wort!) so perfekt vertont wie keine andere deutsche Indieband. Das wird nochmal deutlich in diesem wunderbaren TV-Noir-Video, das den Song Die Nacht ist jung in seiner melancholischsten Gemütslage präsentiert. Gibt’s auch bei Spotify.

24. März 2019

Remembering: NEON Magazin, 2010

Das NEON Magazin, ein mittlerweile eingestelltes Fachblatt meiner Jugend, hatte auf seinen ersten Seiten immer eine Rubrik, in der jungen Menschen große (manchmal auch weniger große) Fragen gestellt wurden. 2010 liefen wir durch den Bergmannkiez und wurden von einem dieser fragenstellenden Reporter angehalten.

NEON: Was findet ihr an euch so richtig gut?
Nadine: Die Narbe an meinem Kinn.
Roman: Meine Brille.
Christoph: Mein Blog …?!

24. März 2019

Joan Mirós Studio, Palma de Mallorca

Joan Mirós studio auf Mallorca

“Drawing is simply another way of seeing, which we don’t really do as adults.” — Chris Ware (Source)

Früher war es eine Unart, von Fotos abzuzeichnen. Das Gefühl für Räumlichkeit ginge dabei verloren, so waren sich die Zeichenbücher einig – und sie lagen sicher auch richtig. Heute kann ich mich über diese Regel aber hinwegsetzen (auch, weil es manchmal einfach nicht geht, vor Ort zu zeichnen). Vor Joan Mirós Studio auf Mallorca kann man allerdings wunderbar sitzen, mit dem Meer im Rücken, und sein merkwürdig entworfenes Studio abzeichnen. Erst dadurch bekommt man einen Sinn für seine Ecken, Kanten, räumlichen Ideen.

8. März 2019

Die Geste: Das Ablösen der Armbanduhr

Two animated hands taking off a watch from the wrist

Die Geste der ultimativen Herrschaft über sich selbst: Die Befreiung vom Rhythmus des Tages. Meist abends, nach dem Fallen aufs Sofa, oder vor dem Händewaschen nach einem langen Arbeitstag. Die Uhr gleitet nach wenigen mechanischen Handgriffen vom Gelenk: Das Ziehen des Bandes aus der Lasche, das Herauslösen des Verschluss-Keils, das Abziehen und Abrollen der Uhr von den Knöcheln – das Metall des Batteriefachs, dessen Kälte man tagsüber nicht spürt. Der Vorgang gleicht der Befreiung aus Handschellen, und hält man die Uhr dann zwischen den Fingern, zusammengefaltet und schwer, wird sie wieder zum Objekt, losgelöst vom Zerren der Zeit.

30. Januar 2019

(Breathe In And Out And Go) Easy

Menschen beim Musik machen zusehen ist ja immer eine Freude – und wenn die Leute dann auch noch so gedankenversunken und gut aussehen wie die vier Herren der kalifornischen Band WHY?, lohnt es doppelt und dreifach, sich meinen seit Wochen festsitzenden Dauerohrwurm Easy in der Buzzsession-Variante zu Gemüte zu führen.

Eigentlich müsste man über WHY mal einen längeren, lobhudelnden Beitrag schreiben – wie ich mit Moni und meinen großen Kopfhörern 2008 auf dem Sportplatz lag, wir These Few Presidents hörten und ich mit den immer-schwurbeligen Lyrics nichts anfangen konnte, bis Moni mutmaßte, dass es sich bei den few presidents vermutlich um ein paar Geldscheine handelte, und wie mir Liedzeilen wie You’re a beautiful and violent work / With the skinny neck of a Chinese bird / In a fading ancient painting so nur noch mehr Freude und Poesie bereitet haben. Sollte man mal. Oder einfach die Alben genießen: Auf Apple Music oder Spotify.

29. Januar 2019

Mein persönliches Rauchverbot

Bild von Robert Pfallers Buch »Wofür es sich zu leben lohnt«

Schon vor zwei Jahren erzählte ich in meinem Bekanntenkreis freudig von meinem Vorsatz, nun endlich mit dem Rauchen anfangen zu wollen. Wollte ich natürlich nicht wirklich, aus den offensichtlichen Gründen: Rauchen stinkt, ist ungesund, und dazu noch ziemlich teuer.

Leider finde ich aber auch, dass die Aura des Rauchers eine sehr Erhabene ist; sie setzt ihn auf eine höhere Ebene, von der aus er herabschauen kann auf die Uncoolen, die Unentspannten; die, die sich vom Nichtstun stressen lassen. Der Raucher steht währenddessen lässig mit einer Fluppe zwischen den Fingern an die Hauswand gelehnt und vernebelt sich in giftigem Rauch, mit dem er seinem Umfeld desinteressiert zu verstehen gibt: Ich bin cool genug für dieses Risiko. Ich nehme mich selbst nicht zu ernst (und gleichzeitig doch sehr).

Der Philosoph Robert Pfaller beobachtet in seinem Buch Wofür es sich zu leben lohnt dieses Phänomen der zur Schau gestellten Exzesse: Sie »geschehen offenbar aus Furcht, die Anderen könnten glauben, wir hätten keinen Spaß, wenn sie ihn nicht sehen« (S. 58). Und genau das will ich heimlich: Wahrgenommen werden als jemand, der ordentlich Spaß haben kann.

Ein Fachbegriff für maximale Verspanntheit

Und gleichzeitig: als jemand, der diesen Spaß nicht braucht. Ich habe es natürlich probiert mit dem Rauchen: Heimlich saß ich nachts am Fenster und zog an einer Zigarette; übte, sie lässig zwischen den Fingern zu halten und suchte nach einem Weg, ihren Rauch einigermaßen ästhetisch auszuatmen, ohne dass etwas davon in meine Wohnung geriet. Vor anderen Leuten kann ich das aber nicht; zu albern komme ich mir dabei vor, zu sehr verpasst mir die Zigarette ein Gefühl des Schwindels; eine maximale Verspanntheit.

Auch für diese Unlockerheit hat Pfaller die passende Herleitung: Er nennt sie eine »biopolitische Mentalität«; ein Haushalten mit dem Genuss, der Verschwendung. Im gleichen Atemzug nimmt er das auch scharf in die Kritik: Wer sparsam sei, gehe mit dem Leben um, als wäre es bereits vorbei (S. 172). Im Verschwenden liege die Kultiviertheit der schönen Momente. Das Risiko birgt Lebendigkeit, das Verbotene den Genuss.

Lob der Unvernunft

Wofür es sich zu leben lohnt ist ein gut 250 Seiten langes Lob der Unvernunft, eine sachliche Erörterung des Verbotenen, eine detaillierte Sammlung aller Momente, auf die ich bisher aus biopolitischer Mentalität heraus verzichtet habe. Ich werde vermutlich kein Raucher mehr in diesem Leben. Das ist auch besser so, aber die ein oder andere Seite des Buches hat durchaus meine Einstellung zum Laster verändert: »Das Zerrbild des Genusses ist die Sünde« (S. 52), und ich stelle fest: Für mich ist schon allzuoft der Genuss an sich die Sünde. Während der Rest der Menschheit am Samstagabend ein nettes Glas Rotwein in seiner Hand schwenkt, klammere ich mich an einem Wasserglas (ohne Sprudel) fest. Mein Leben als Zerrbild!

Das wird vor allem deutlich, wenn ich dabei – als witzige Geschichte verpackt – meinen Freunden erzähle, nun endlich mit dem Rauchen anfangen zu wollen: In meinem Kopf ist diese Idee der blanke Wahnsinn, vollkommen unvernünftig und bescheuert. Gleichzeitig stecken sich ja immer noch ein Drittel meiner Altersgenossen regelmäßig eine Kippe zwischen die Lippen, und niemand hindert mich daran es ihnen gleich zu tun. Aber irgendwie: nein. Ich bleibe vorerst beim Bleistift in Zigarettenform, und romantisiere weiterhin die Figur des rauchenden Schreibenden. Vielleicht auch noch etwas mehr als vorher.

Robert Pfaller: Wofür es sich zu leben lohnt (S. Fischer Verlag, 2011)

26. Januar 2019