Alltagswahn

Meine Erdbeernase

illustration of a strawberry with eyes

In letzter Zeit trinke ich Unmengen an Wasser, in der Hoffnung, davon wunderschöne Haut zu bekommen. Oft erschrecke ich, wenn ich in den Spiegel schaue. Nicht, weil ich mich so hässlich fände, sondern einfach, weil die Haut bei genauem Hinsehen mehr gezeichnet ist, als sie es mit 29 sein sollte. Meine Augenbrauen haben keine besonders markante oder männliche Ausprägung. Die große, kantige Nase ist fleckig und von tiefen Poren übersäht, wie eine Erdbeere. Sie leuchtet rot. Die Augen fallen nach innen, die Haut unter ihnen liegt da wie ein dunkler See. Ich sehe ständig müde aus (oft bin ich es auch, ehrlich gesagt).

Vor einer Weile habe ich mir bei Douglas Consealer gekauft, um gegen diese Augenringe anzukämpfen, aber es fühlt sich nicht richtig an; ich kann diese Müdigkeit nicht einfach übermalen und vergessen. Außerdem bin ich nicht sonderlich begabt, was Makeup angeht; ständig sieht man Konturen und Farbflecken und kleine Makeup-Partikel. Aus Verzweiflung trage ich ein spezielles Gel auf, das in Zukunft Falten um meine Augenwinkel vermeiden soll, aber als ich es A. anbiete, sagt er, er brauche das nicht, denn wenn es zu schlimm werde mit den Falten, lasse er sie sowieso mit Botox aufspritzen. Finde ich plausibel, werde ich auch so machen.

Auch die Idee, meine Nase korrigieren zu lassen, flammt wieder auf – ich finde, 30 ist ein gutes Alter, um das noch anzugehen; viel später wäre es vermutlich zu spät. Vielleicht fange ich an, ein wenig Geld dafür auf die Seite zu legen. Es wäre außerdem ein gutes Training, um davon abzukommen, ständig nur über die Meinung der anderen zu grübeln. Ich bin mir sicher, alle fänden mich schöner und begehrenswerter und seriöser, wenn ich nicht so eine riesige rote Erdbeernase hätte. Andererseits: Vielleicht reicht auch einfach ein Face Filter; Schönheit passiert ja sowieso hauptsächlich online heute. Den bräuchte ich dann aber auch noch für meinen Spiegel.

Händewaschen

Ich schaue runter auf meine Hände und erschrecke mich: Sie sind überzogen von einem hellgrauen Flaum, fast wie Staub sieht es aus. Darunter schimmern die Haut violett und blau, hier und da ein wenig rosa, eigentlich alle Farben außer einer gesunden Hautfarbe sind zu sehen. Und darüber eben der grauer Schleier. Es sind richtige Winterhände, und das, obwohl schon Ende März ist. Obwohl ich sie wirklich wie ein Berserker eincreme jeden Tag. Aber das manische Händewaschen, das ich mir wegen der Pandemie angewöhnt habe, hinterlässt seine Spuren. Eigentlich kann ich mittlerweile nichts mehr berühren, oder mir danach oder auch davor die Wäsche zu waschen. Nicht immer 20 Sekunden, aber doch gründlich genug, um den kompletten Schutzfilm, den die Haut bildet, abzulösen. Ich lasse die Hände in die Taschen gleiten, damit ich sie in ihrer Hässlichkeit nicht sehen muss.

Der Himmel, heute

Die Stadt schläft noch; unberührt spannt sich der Himmel über uns auf. Die Sonne erleuchtet die gelbe Hauswand gegenüber, und ich muss die Augen zusammenkneifen, wenn ich meine Blicke nach oben schweifen lasse. Aber es lohnt sich. Alles ist ganz ruhig da oben. Hell und blau liegt er da, der Himmel. Nur an den Rändern ein paar Wolkenflecken und Kondensstreifen. Er sieht einladend aus. Als lohnte es sich, heute ein paar Schritte unter ihm zu gehen.

Im Erdgeschoss

In die Erdgeschosswohnung im Nachbarhaus ist jemand eingezogen. Lange stand sie leer – im Erdgeschoss wohnen ist in einer Großstadt ziemlich unattraktiv. Ständig laufen hier sehr viele verschiedene Leute vorbei, alle sind neugierig, viele bestimmt auch frech. Ich stelle es mir stressig vor.

Aber nun wohnt da jemand. Das Licht ist immer an. Gleißend weiß beleuchtet eine LED-Glühbirne das Zimmer zur Straße. Nichts Wohnliches strahlt dieses Licht aus. Aber es macht die spartanische Einrichtung sichtbar: Ein lustlos bezogenes Bett steht in der einen Ecke. In der anderen ist ein kleiner weißer Tisch mit einem wackelig aussehenden Plastikstuhl platziert. Auf ihm sitzt immer ein Mann, vielleicht Ende 30. Er schaut in sein Handy. Neben ihm: ein Gummibaum, und manchmal ein Wäscheständer.

Es ist nicht so, als hätte ich lange neugierig durchs Fenster in die Wohnung gestarrt. Aber das ist eben die Sache bei hell erleuchteten Erdgeschosswohnungen: Wer daran vorbei läuft, schaut zwangsweise auch hinein. Das weiße Licht irritiert mich jedes Mal. Wie kann man sich gerne in diesem Raum aufhalten? Aber immer wenn mein Blick dann auf die Person fällt, und auf die spärlichen Einrichtungsgegenstände, denke ich: Es sieht gar nicht nach wohnen oder nach aufhalten aus. Eher nach aushalten. Der Mann und die Gegenstände, dicht an die Wände des Zimmers gedrängt, sitzen die Situation nur so aus – bis ich und meine Blicke endlich an der Wohnung vorbei gegangen sind.

Die Fliege

Heute Morgen entdeckte ich eine sehr müde, große, dicke Fliege auf meiner Fensterbank. Sie konnte sich kaum bewegen, und auch als ich ihr näher kam, machte sie keine Anstalten zu fliehen. 

Ich ging davon aus, dass sie von der Kälte geschwächt war, und hob sie auf die Innenseite der Fensterbank. Dann schloss ich das Fenster und drehte die Heizung auf. »Warte einfach kurz hier«, sagte ich ihr, »gleich geht’s dir wieder besser.« 

Dann ging ich in die Küche und machte mir einen Tee. Ich wusste nicht so recht, was ich der Fliege zubereiten sollte, da sie ja – anders als Bienen – vermutlich kein gesüßtes Wasser zu sich nehmen würde. Ich hoffte also, dass ihr die warme Heizungsluft genügte.

Gegen 13 Uhr 30 ging ich erneut zum Fenster, um die Wohnung zu lüften. Auf dem Teppichboden lag, auf dem Rücken und alle Beinchen von sich gestreckt, die dicke schwarze Fliege. Naja. Ich habe es ja immerhin versucht.

Modehaus Manuel

An der Ampel bei Modehaus Manuel, da passierte es, da trafen wir uns, nach all den Jahren liefen wir ineinander, ja, genau da. Ich wartete auf meinem Rad auf Grün, und du fuhrst ran und sahst mich zuerst, und dann hast du wohl dein großes Grinsen aufgesetzt und mir entgegen geschleudert. Und wie das so ist in solchen Momenten, zögert man kurz, ob es nun angemessen wäre, wirklich innezuhalten und ein Gespräch zu entfachen, oder ob jeder lieber auf seinen Schienen bleibt, sich grüßt und weitergeht, und die Begegnung im Keim erstickt; oft ist das beiden ja lieber. Aber hier war es nicht so, wir gaben unsere Schienen auf und hievten die Räder von der Straße und da stehen wir nun, zwischen uns fünf, sechs Jahre, in denen viel passiert ist, aber das Grinsen, das du da hast / das kenne ich noch / lass’ mich damit bitte in Ruhe / ich geh’ in Flammen auf

062020: H is for Hawk

Image of a roof with a last ray of sun

We’re sitting in a small park somewhere in Berlin, when R. points to the sky: Look! The unusual bird lands on top of a street light, looking back at us. It’s a majestic animal, yet smaller than the usual crows we see around the city’s parking lots. In an unwary moment, as we look away, the sparrow hawk arrows right into the bushes behind us, and seconds later, we hear a sharp and short squeak. Then, the bird flies away over our heads, with a little mouse in its claws. We can see its tail squirming as the mouse is carried through the air on its last trip.

It was a weird moment. Bittersweet, like the beet root ice cream in my mouth. For a short second, all the people in the park were mesmerized; the guy on the lawn held his little chihuahua with both hands, in fear that the hawk’s claws would take it away. A very irrational fear, but still – understandable. Fear makes us do weird things.

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✳︎ In September I decided that my summer break had been long enough, and I started moving into a nice little office space to pursue my freelance career. I’m doing it at my pace, one step at a time. I’ve learned to say No to things, and being your own person really seems like a healthy concept to me? Thanks to myself for finally noticing!

✳︎ I jotted down a couple of vacation notes on my blog. I also wrote about an iconic IKEA clock and about the underwear in the tree outside my kitchen. I’ve been writing that weblog since 2006, and I still like the idea of having a room for myself on the internet — almost like my own little garden. Stop by if you wish.

✳︎ From now on, I contribute a little design column to the German form design magazine. Nina Sieverding and Anton Rahlwes are the new editors-in-chief, and I am really keen on their approach on topics, perspectives and the magazine’s design itself. Go get it!

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As quickly as the sparrow hawk took its prey, this year’s summer decided to take a leap and leave. My summer wasting was a success though; I had a lot of good outdoor pizza dinners, and I spent a vast amount of time speeding through the streets on my bike. I accept that the COVID anxiety behaves like a curve, too. Sometimes it’s high, sometimes it’s low. New Normal, etc etc. I hope you’re still coping somewhat well.