Alltagswahn

30

I remember how big of a deal it was when I turned 20—the end of being a teenager, the end of carefree childhood, basically, the end of everything. Society lures us into thinking that whenever we change decades, everything is over; turning 30 means getting old, turning 40 means getting older, turning 50, and so on. But I’m not having it. Not this year. My 20s were the full package; I’ve had wild times and sick times and sad times and joyful times—it was all in there.

Sure, I have moments when I think: This is it? Will it go on like this? Am I moving fast enough? These thoughts always lead me to the scene in Miranda July’s movie The Future, where the main character Sophie and her boyfriend Jason want to adopt an old cat. The vet says: “If he bonds with you, he can easily hang on five years.” “We’ll be 40 in five years.” “40 is basically 50, and then …” “… That’s it for us!” They start to reprioritize things; get rid of the internet, try to find their purpose in life. We all do that, all the time, right? I’m not going to just start now. I’m already in the middle of it. And 30, that’s certainly not the end of it.

I drew this drawing when I turned 20. I lived in Nottingham at the time, was about to finish my design studies and was genuinely excited for what’s to come. I just updated it now as I turn 30. On we go.

November halt

Ich laufe morgens am Kanal entlang Nun ist es also so weit Sämtliche Farben haben die Stadt verlassen und Berlin bleibt als graues Scheusal zurück Die machen’s richtig, denke ich mir Jedes Jahr aufs Neue stellen sich hier alle, die zurückbleiben, die Frage Warum tun wir uns das an Aber die Antwort ist leider sehr simpel Wir stecken hier fest

Zack die Bohne!

Tonkabohne

Über das Trendgewürz des Jahrzehnts: Die Tonkabohne

Erwischt: Ich bin einer der letzten erwachsenen Menschen, die Joghurt mit Geschmack kaufen. Dieses saure, langweilige Naturjoghurt kann ich einfach nicht ausstehen, und greife daher lieber auf künstliche, durch Sägespäne erzeugte Aroma-Produkte zurück. Der Vorteil: Man ist den bisweilen absurden und kreativen Kompositionen der Hersteller ausgesetzt. Und hin und wieder macht man auch eine Neuentdeckung, wie ich neulich: Ich kam so auf den Geschmack der Tonkabohne!

Die Tonkabohne ist eine kleine Bohne aus Südamerika. Ich habe sie zwar durch meine kulinarische Anspruchslosigkeit als Joghurt-Edition entdeckt, aber eigentlich fungiert sie als Dessert- und Kochgewürz. Verkauft wird sie ähnlich wie eine Muskatnuss: Teuer und in kleinen Mengen. Die Bohne ist fingernagelgroß und recht unansehnlich; schwarz und schrumpelig. Ihr Geschmack aber ist wie die erwachsene Variante einer Vanilleschote: Süß aber auch herb, ein bisschen bitter, und vor allem: sehr erwachsen. Man reibt kleine Mengen in Nachspeisen oder auch mal in eine deftige Suppe, und fühlt sich, als hätte man die kindliche Phase der obligatorischen Zimtstange überwunden und könnte nun – endlich! – zu den Mitteln eines Erwachsenen greifen, und mit einer kleinen Gewürzreibe in der Küche hantieren. Wegen ihres Cumarin-Anteils sind sie zusätzlich auch ein ganz kleines bisschen gefährlich, was sie zum ultimativen Erwachsenen-Genussmittel macht.

Das Schönste an der schrumpeligen Bohne ist aber ihr symbolischer Wert: Wer eine Tonkabohne bei sich trägt, wird dem Mythos nach nach mit Glück gesegnet. Wer einen dringlichen Wunsch hat, schnappt sich eine Bohne und eine tote Schlange (klar!), wirft die Bohne in den Fluss und die Schlange in den Tonkabaum, und überlässt sich so dem Schicksal. Dieser komplizierte Ritus (zu dem ich keine verlässliche Quelle gefunden habe) rührt vielleicht auch daher, dass es früher noch nicht so einfach war, lediglich durch ein Stück gut gewürzten Käsekuchen glücklich zu werden.

Ich bin froh, hier in Europa gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, nach einem Tonkabaum und einer toten Schlange Ausschau zu halten. Aber wer weiß, vielleicht bringt mich diese kleine, schrumpelige Bohne dazu, mich wirklich wie ein Erwachsener zu verhalten, und endlich Naturjoghurt zu kaufen. Ganz ohne Geschmack, nur mit – zack! – einer Prise frisch geriebener Tonkabohne.

Im Perseidenstrom

Photo of a night sky with meteors

Foto via Tengyart

Es ist mitten in der Nacht, mitten im August, und ich hab mich unter mein Fenster auf den Boden gesetzt. Mein Kopf lehnt am Bett – so kann ich perfekt durchs geöffnete Fenster in den Nachthimmel schauen. Die Stadt rauscht unter mir vorbei, und oben: Der Perseidenstrom.

Viel Hoffnung wohnt in diesem Naturereignis: Ich stelle mir vor, dass ich einfach nur nach oben schauen muss, und dass es da dann richtig abgeht, und die Meteore nur so umherfliegen. Aber am Ende schaue ich einfach sehr lange in den schwarzen Sternenhimmel. Und ich werde ein bisschen verrückt dabei – alles verschwimmt und es kommt mir so vor, als würde es die ganze Zeit und ununterbrochen Sternschnuppen regnen. Aber das stimmt gar nicht. Alles ist still. Erst, wenn dann wirklich mal eine über den Himmel rauscht, erkenne ich den Unterschied. Für diesen ganz ganz kurzen Moment kann ich mit ein wenig Abstand auf unseren verrückten Planeten schauen, ihn in einen größeren Kontext setzen. Und dann erinnere ich mich, dass man sich bei einer Sternschnuppe ja etwas wünschen darf. Mit diesem Zustand aus Weitblick und Abstand, in den einen so eine Sternschnuppe versetzen kann, weiß ich: So ein Wunsch ist sorgsam einzusetzen in dieser Zeit, wenn wir so auf den Zustand unserer Erde blicken, von außen, vom Universum aus. Vom Perseidenstrom aus.

Auf mein Nacken

Person, die sich in ein schwarzes Loch beugt

Zum Schreiben habe ich mir mein altes iBook reaktiviert. Es ist von 2003, läuft nur noch mit eingestecktem Netzteil, und das Internet funktioniert darauf nicht. Die Schreib-Experience ist nicht die beste, aber sie ist weitestgehend ablenkungsfrei. Das ist, was ich brauche, denn in den letzten Wochen (daher rührt auch mein versteifter Nacken) wirken die Bildschirme meines Smartphones und Tablets mehr als magnetisch auf mich. Sie paralysieren mich; stundenlang hänge ich mit dem Kopf im iPhone über der Küchenarbeitsplatte und scrolle durch Timelines, auch, wenn das Nudelwasser schon längst kocht. Es ist die Krankheit meiner Generation, unserer Zeit, aber es ist vor allem ein wirklich stark magnetisches schwarzes Loch, in das ich, gerade in der Pandemie, zu oft und zu gerne reinfalle. Vom Aufprall dann der steife Nacken.

Austin Kleon: Blogs als Forgiving Medium

Ich habe gestern etwas getwittert, und kurz darauf wieder gelöscht. Es war nichts Schlimmes; ein blöder Formfehler, der mich etwas dumm hätte dastehen lassen. Twitter als Medium hat mich da mit seiner fehlenden Editier-Funktion mal wieder schrecklich genervt. Kurz darauf stolperte ich über Austin Kleons Blogpost »Blogging as a forgiving medium«, und er spricht mir aus der Seele:

I am on Twitter, still, despite my better judgment, and it seems to me to be The extremely unforgiving medium in my life.

It is risky compositionally. You can delete a tweet, but you can’t edit a tweet. You can add to a tweet, but it’s hard to improve upon it.

It is risky socially. Every tweet is an invitation for scrutiny if not consultation if not correction if not misunderstanding if not rancor. Forgiveness, even if we agreed it still existed in the wider culture, I think we could probably agree it doesn’t really exist on Twitter. (“Never Tweet” is not terrible advice.)

Das Gleiche gilt für Instagram. Soziale Netzwerke mit ihren doch eher wenig verzeihenden Nutzer:innen und der nicht gebotenen Möglichkeit, Inhalte (bzw. Meinungen!) zu ändern oder wachsen zu lassen, werden immer uninteressanter für mich. Ich empfinde sie als unpassend für meine persönliche Meinungsbildung, und oft auch als kontraproduktiv für den allgemeinen Diskurs.

Blogs wiederum: Sie können sich ändern und wachsen, sie können ausführen oder weiterleiten, in die Tiefe gehen oder mehrere Gedanken miteinander vernetzen. Eine milde Form der Digital Gardens; ein forgiving medium, wie Kleon schreibt.

Das Christowski Blog wird diesen Monat 15 Jahre alt. Und wenn ich durch das Archiv hier stolpere, merke ich: Es ist, mehr noch als Notizbücher oder Skizzenblöcke, mein liebstes forgiving medium. Schön, dass ihr mitlest.

Im Eis

Eis auf dem Landwehrkanal

Mitten im Februar: Der Landwehrkanal ist zugefroren, und M. drängt darauf, dass wir uns für ein paar Schritte aufs Eis wagen. Es wird die letzte Chance sein; Klimawandel generell, und auch heute: in ein paar Stunden wird die Polizei hier alles abgeriegelt haben. Aber noch schlittern die Kreuzberger und Neuköllner hier auf dem Eis – jemand hat eine Boombox dabei; es gibt Menschen in Schlittschuhen und auf Skiern. Knallbunte Overalls; der Hipster lebt, she’s alive and well. Unter der Brücke: Ein toter Schwan, dramatisch auf dem Eis platziert. Leute haben Blumen drumherum gelegt. Und irgendwo hat jemand ein Loch ins Eis gehackt: vier, fünf Zentimeter, dicker ist das Eis nicht. Jeder Schritt knirscht, und wir klettern mutig/freudig/erregt zurück ans Ufer.

Nur ein paar Kilometer entfernt, im Treptower Karpfenteich, soll zeitgleich jemand unter dem Eis ertrunken sein. Auf Twitter sehe ich einen nackten Mann, der auf Schlittschuhen über das Eis rast und einbricht. Ich war noch nie ein Freund des Nervenkitzels, und Mut ist auch keine meiner ausgeprägteren Eigenschaften – aber zwischen Mut und Dummheit liegt ein schmaler Grad, dessen Exploration mir nicht lohnenswert scheint.

Stunden später laufen wir über die Hobrechtbrücke zurück nach Neukölln. Die Polizei hat, wie erwartet, den Kanal geräumt. Alles ist jetzt leer und das Eis hat seine Stille wieder. Der Schwan wird als letztes entfernt, er hinterlässt eine mit Blumen umrankte Silhouette. Auf der Brücke schauen Menschen auf sie herab.