Herbst

Der Weg von der Haltestelle bis zu mir nach Hause ist düster, und das war kein guter Tag. Überall sehe ich Menschen, die gut aussehen. Auch am S-Bahnhof. Der Junge in der zu kurzen Jacke, mit der Brille, und das Mädchen, sie trägt schöne Schuhe. Sie raucht.

Ich biege in die Emser Straße und laufe vorbei an der Oberschule, über den kleinen Platz, hier hört die Straßenbeleuchtung auf. Ich gehe noch ein paar wenige Schritte, und kurz vor meiner Straße werde ich eigeholt von jemandem, dessen Silhouette ich nicht erkenne. Die Schritte hinter mir gelangen nur wenige Sekunden zuvor an mein Gehör. Dann sperrt mir die Person einen Fuß zwischen die Beine, und ich werde an der linken Schulter zu Boden gedrückt. Zwei Hände schieben mich zielstrebig nach unten, und alles geht sehr schnell, ich kann kaum Kraft zur Wehr ausüben. Der Versuch wird mit dem ersten Tritt in die Magengrube beantwortet, ein weiterer folgt in die Kniekehlen, so dass ich zu Boden gehe. Meine Hände, die Schulter und schließlich die Wange landen auf dem kalten Herbstasphalt. Die Schuhspitze des Unbekannten landet noch vor meinem Überkreuzen der Arme in meiner Brust – der letzte Tritt, bevor das Gesicht an der Reihe ist. Ein Hieb trifft mich auf den Nacken, es peitscht regelrecht, und die Gestalt scheint skrupellos zu sein, denn der darauf folgende Tritt trifft meine Nase und ich höre das Knacken eines Knochens im Zentrum meines Gesichts. Die Geräusche vermischen sich: Stöhnen, Schnauben, die Wucht und das Schürfen von Schuhen und Gliedmaßen auf dem Teer.

Der Boden ist kalt. Ich bleibe dann noch ein Weilchen liegen und fühle den roten Eisengeschmack auf der Zunge, der mir aus der Nase in den Mund sickert, oder woher das da auch immer gerade kommt. Ein paar Tropfen landen auf dem Boden und machen Flecken, über die die Nacht später Herbstblätter schieben wird.

15. Oktober 2013

Und wenn es nicht klappt,

bleiben uns die schönen Momente. Die schlechten Witze am Telefon. An meine Schulter gelehnt imitierst das Geräusch eines iPhones, das ans Akkuladegerät angeschlossen wird. Deine Augenlider, die immer so schön flackern, der Erdbeerfleck neben der rechten Brustwarze. All die gute Musik, und die Orte, die nun immer deinen Beigeschmack und unsere gemeinsame Duftmarke tragen.

3. Oktober 2013

Vier Dinge für mehr Fröhlichkeit

Manchmal sind es die kleinen Dinge des Alltags, die Großes bewirken: Vier Gegenstände auf meiner geheimen Wunschliste.

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Das puschelige Lenkrad: Nicht, dass ich ernsthaft über die Anschaffung eines Autos nachdenke, aber hätte ich eins, wäre der puschelige Lenkradüberzug das erste Accessoire. Er umschmeichelt die Handflächen und unterbindet jegliche Stresssituationen beim Fahren.

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Der Handstaubsauger: Unsere Brotschneidemaschine ist eins der wichtigsten Küchengeräte – und gleichzeitig eins der bröseligsten. Wie genugtuend wäre es, all die Brotkörner mit einer einfachen Handbewegung aufzusagen – man denke nur mal an das herrlich knisternde Geräusch!

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Die Stirnlampe: Beim Abspülen in der Wohnung eines Freundes trug ich neulich eine Stirnlampe und bemerkte: Alles wird so viel klarer durch einen konzentrierten Lichtstrahl! Jede Aktivität wird ordentlich beleuchtet und liegt mehr im Fokus. Großartig!

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Der Poncho: Ich verweise hiermit auf meine Lieblingsszene der britischen Serie The Mighty Boosh: Es ist im Grunde unmöglich, unglücklich zu sein, während man einen Poncho trägt. Ich habe es getestet und bemerkt: Stimmt!

28. Februar 2013

Hipstersteine

Pyrit

Vor ein paar Tagen saß ich mit meiner guten Freundin und Nachbarin Miriam am Küchentisch. Wir unterhielten uns über Grafikdesign und gestalterische Stile – um den Begriff Trendgestaltung elegant zu vermeiden. Von überpräsenten geometrischen Formen (▲) zu monochromen Bildern, kamen wir auch auf anhaltend angesagte Themenschwerpunkte, die oft zur grafischen Aufmachung sämtlicher Ideen dienen. Dazu wusste Miriam, wie so oft, eine schöne Anekdote zu erzählen:

Neulich kam ihr Freund von einer Reise aus Wien zurück und überreichte ihr freudestrahlend ein Geschenk: Bei der Wohnungsauflösung einer alten Dame hatte er eine Sammlung interessanter Steine entdeckt, von der er einen für Miriam eingesteckt hatte. Die freute sich auch total über den durchaus schönen, kinderfußgroßen Stein, einen klassischen Pyrit, aber bei unserem Gespräch am Küchentisch reflektierte sie verwundert: „Also, gestalterisch konnte ich ja viele Themen nachvollziehen: Dreiecke, Schrägstriche und Monochrombilder – ja, sogar das Universum als immer wiederkehrendes Thema fand ich spannend. Aber was die Designer neuerdings immer mit ihren Hipstersteinen haben – ich kann das einfach nicht begreifen.“

Begreifen hin oder her – Als Briefbeschwerer ist der Pyrit jedenfalls durchaus schön anzusehen. Und nach kurzem Grübeln widmeten Miriam und ich uns wieder unserem Nachmittagstee.

English version

Hipster Stones

A few days ago my friend and neighbour Miriam and I were sitting at the kitchen table, discussing graphic design topics and modern design techniques (to elegantly avoid the term trend design). We talked about overused geometrical shapes (▲), monochromatic photography and were also exploring trending topics that recently supported lots of ideas in graphic design visually. Miriam knew to tell a funny anecdote on that:

Recently her boyfriend came back from Vienna with a present for her: During the clearance of an old woman’s house, he found a collection of interesting stones. So he picked one and gave it to Miriam. She was quite excited, as the stone was, with it’s size if a children’s foot, indeed beautiful—a classic pyrite. But reflecting the scenario at my kitchen table, she felt weird about it: “From a design perspective, I’m really able to relate to a lot of things: I understood the coolness of triangles, exaggerated slashes, monochrome pictures, and even the universe as a creative topic was cool in some way—but really, I don’t get designers and their recent hype for hipster stones.”

To be honest, I don’t really get it either, but the pyrite looks good as a paperweight. And sooner than later, Miriam and I drew our attention from stones back to our afternoon tea.

5. August 2012