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November halt

Ich laufe morgens am Kanal entlang Nun ist es also so weit Sämtliche Farben haben die Stadt verlassen und Berlin bleibt als graues Scheusal zurück Die machen’s richtig, denke ich mir Jedes Jahr aufs Neue stellen sich hier alle, die zurückbleiben, die Frage Warum tun wir uns das an Aber die Antwort ist leider sehr simpel Wir stecken hier fest

042021: I Am at War with My Time

Portrait of Cate Blanchett

© 2015 Julian Rosefeldt, “Manifesto”

I am standing in front of a photograph of Cate Blanchett; a film still by Julian Rosefeldt’s “Manifesto” video installation. The portrait is huge, Cate’s cold gaze is staring at me. Underneath it, in small serif letters, the sentence: “I am at war with my time.”

Rosefeldt borrowed that sentence from artist and architect Lebbeus Woods, who wrote it in 1993. Originally, that sentence was only introducing a long list of things he was at war with: “I am at war with my time, with history, with all authority that resides in fixed and frightened forms.”

Battles. I often find myself residing in fixed and frightened forms, incapable of moving forward, weighed down by fear, uncertainty and an annoyingly low level of self-esteem. I am at war with my time, as in: it always feels like it’s running out; I need to do more, faster, better, louder; my work needs to be more precise, more recognizable, more in general; even my personality needs to be more decisive, more sharpened, more consistent.

To get out of that sword fight, Autumn is a great month to start reflecting the year. What has happened so far? What was achieved, what was done for the first, what for the last time? Which battles were won, which were lost? I sat down at my desk, wrote a list of all the projects I’ve finished this year. I rated them by categories like ‘Fun’, ‘Pride’, ‘Revenue’. Luckily, most cards showed a positive score, and the ones that didn’t were already archived. I’ve learned my lessons, let’s move on.

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Sculptures. Summer was so full of work that I was grateful for a month off, visiting a handful of art museums around Germany. I saw Cate Blanchett’s portrait, but I also really enjoyed looking at sculptures by Hans Arp in Hannover and the œuvre of Beuys in Bonn. I saw the two Gutenberg bibles (the oldest books printed with movable type) in Mainz and I stumbled upon a long-lost book about dreams in an antique book shop in Heidelberg. I drew some drawings of the cities I visited and posted them on Instagram.

Slow Mornings. Back at my desk, I enjoy taking some slow time to get my head started in the mornings. Just me and my notebook. Austin Kleon’s demonstration of his slow use of the Pentel Brush pen—a pen I really love as well—was a great inspiration for that ritual.

Music. Black Marble released a new album, Fast Idol, which is just as perfect as their 2019 release Bigger Than Life. I’ve also been listening to a lot of DJ Sabrina The Teenage DJ, to Red Hearse, and to German rapper Haiyti. And to my annoying neighbor with their most recent passion: The bagpipe.

A Personal Note. My friend Gabriel Yoran and I worked on a small book that will be published on November 9th. I am very excited about it! “Warum heißt es Traum und nicht Memoryschaum” (“Why is it called dream and not memory foam”) is a collection of playful (German) language twists, which I illustrated. The book is published by the great Frohmann Verlag, and you can pre-order it directly there or at your favorite book store. It makes a great gift for people who love language and drawings.

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I am at war with my time. It’s my birthday soon, another decade hits; and I recently found an old (now private) blog post from October 2011: “What my life will be like in 10 years”. It was a fantasy about me being super independent, living in my own nice space in the middle of Berlin, surrounded by great people. With some distance, I realize that lots of these 10-year-old wishes turned true, and some things happened I couldn’t even dream of back then. Maybe the long run isn’t always that important. As Woods wrote in his manifesto: “I know only moments, and lifetimes that are as moments, and forms that appear with infinite strength, then ‘melt into air’.” Choose your battles wisely.

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Zack die Bohne!

Tonkabohne

Über das Trendgewürz des Jahrzehnts: Die Tonkabohne

Erwischt: Ich bin einer der letzten erwachsenen Menschen, die Joghurt mit Geschmack kaufen. Dieses saure, langweilige Naturjoghurt kann ich einfach nicht ausstehen, und greife daher lieber auf künstliche, durch Sägespäne erzeugte Aroma-Produkte zurück. Der Vorteil: Man ist den bisweilen absurden und kreativen Kompositionen der Hersteller ausgesetzt. Und hin und wieder macht man auch eine Neuentdeckung, wie ich neulich: Ich kam so auf den Geschmack der Tonkabohne!

Die Tonkabohne ist eine kleine Bohne aus Südamerika. Ich habe sie zwar durch meine kulinarische Anspruchslosigkeit als Joghurt-Edition entdeckt, aber eigentlich fungiert sie als Dessert- und Kochgewürz. Verkauft wird sie ähnlich wie eine Muskatnuss: Teuer und in kleinen Mengen. Die Bohne ist fingernagelgroß und recht unansehnlich; schwarz und schrumpelig. Ihr Geschmack aber ist wie die erwachsene Variante einer Vanilleschote: Süß aber auch herb, ein bisschen bitter, und vor allem: sehr erwachsen. Man reibt kleine Mengen in Nachspeisen oder auch mal in eine deftige Suppe, und fühlt sich, als hätte man die kindliche Phase der obligatorischen Zimtstange überwunden und könnte nun – endlich! – zu den Mitteln eines Erwachsenen greifen, und mit einer kleinen Gewürzreibe in der Küche hantieren. Wegen ihres Cumarin-Anteils sind sie zusätzlich auch ein ganz kleines bisschen gefährlich, was sie zum ultimativen Erwachsenen-Genussmittel macht.

Das Schönste an der schrumpeligen Bohne ist aber ihr symbolischer Wert: Wer eine Tonkabohne bei sich trägt, wird dem Mythos nach nach mit Glück gesegnet. Wer einen dringlichen Wunsch hat, schnappt sich eine Bohne und eine tote Schlange (klar!), wirft die Bohne in den Fluss und die Schlange in den Tonkabaum, und überlässt sich so dem Schicksal. Dieser komplizierte Ritus (zu dem ich keine verlässliche Quelle gefunden habe) rührt vielleicht auch daher, dass es früher noch nicht so einfach war, lediglich durch ein Stück gut gewürzten Käsekuchen glücklich zu werden.

Ich bin froh, hier in Europa gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, nach einem Tonkabaum und einer toten Schlange Ausschau zu halten. Aber wer weiß, vielleicht bringt mich diese kleine, schrumpelige Bohne dazu, mich wirklich wie ein Erwachsener zu verhalten, und endlich Naturjoghurt zu kaufen. Ganz ohne Geschmack, nur mit – zack! – einer Prise frisch geriebener Tonkabohne.

Im Perseidenstrom

Photo of a night sky with meteors

Foto via Tengyart

Es ist mitten in der Nacht, mitten im August, und ich hab mich unter mein Fenster auf den Boden gesetzt. Mein Kopf lehnt am Bett – so kann ich perfekt durchs geöffnete Fenster in den Nachthimmel schauen. Die Stadt rauscht unter mir vorbei, und oben: Der Perseidenstrom.

Viel Hoffnung wohnt in diesem Naturereignis: Ich stelle mir vor, dass ich einfach nur nach oben schauen muss, und dass es da dann richtig abgeht, und die Meteore nur so umherfliegen. Aber am Ende schaue ich einfach sehr lange in den schwarzen Sternenhimmel. Und ich werde ein bisschen verrückt dabei – alles verschwimmt und es kommt mir so vor, als würde es die ganze Zeit und ununterbrochen Sternschnuppen regnen. Aber das stimmt gar nicht. Alles ist still. Erst, wenn dann wirklich mal eine über den Himmel rauscht, erkenne ich den Unterschied. Für diesen ganz ganz kurzen Moment kann ich mit ein wenig Abstand auf unseren verrückten Planeten schauen, ihn in einen größeren Kontext setzen. Und dann erinnere ich mich, dass man sich bei einer Sternschnuppe ja etwas wünschen darf. Mit diesem Zustand aus Weitblick und Abstand, in den einen so eine Sternschnuppe versetzen kann, weiß ich: So ein Wunsch ist sorgsam einzusetzen in dieser Zeit, wenn wir so auf den Zustand unserer Erde blicken, von außen, vom Universum aus. Vom Perseidenstrom aus.

Arbeit und Struktur

Buchcover »Arbeit und Struktur«

Viel zu spät (8 Jahre, um genau zu sein) lese ich Wolfgang Herrndorfs postum veröffentlichtes Tagebuch-Blog »Arbeit und Struktur«. Von dem Autor, der 2010 eine Glioblastom-Diagnose bekam und der sich deshalb 2013 selbstbestimmt das Leben nahm, hatte ich bisher nur »Tschick« gelesen. Das fand ich, damals, ganz okay. Ich wusste aber, weil ich es immer mal wieder irgendwo aufschnappte, dass »Arbeit und Struktur« als sein treffenderes Werk gehandelt wird. Und es hat mich absolut fertig gemacht; ich fand es großartig.

Das Format: Tagebucheinträge, ursprünglich als Blog geschrieben; vielleicht eins meiner liebsten Textformate. Die Nüchternheit des Autors haben mich wütend gemacht; sein Blick für Details neidisch; der Fokus, mit dem er die Welt beschreibt ansteckend. Habe danach reflexhaft selbst komplett trocken, analytisch und in einer übertriebenen Fülle wieder Tagebuch geschrieben.

Hier sind einige Annotationen aus meiner Ausgabe:

Neben Passig und Hubrich ist Cornelius derjenige, bei dem es mich am meisten schmerzt, nicht zu wissen, wo er in zehn Jahren sein wird. Dieses unfassbare Potenzial, das nirgends hinsteuert. Vielleicht sitzt er dann bei Alexander Kluge. Oder versackt in Princeton. Oder redet weiter im Prassnik Leute an die Wand. (S. 45)

Das Wissen, dass das Leben vermutlich nicht mehr länger als ein paar Monate oder Jahre dauern wird, vermisst die Dinge neu. Vor allem misst man sich wohl nicht mehr so sehr mit der Welt. Wo werden meine Freunde in zehn Jahren sein?

Passig kommt zum Korrekturlesen für den fertigen Roman vorbei. (S. 64)

Immer wieder schreibt Herrndorf davon, wie er und seine Freunde durch die Arbeit (vor allem an Texten) verbunden sind. Das ist für mich die schönste Vorstellung: Wie Freunde vorbei kommen, um gemeinsam zu arbeiten, womöglich sogar bei der eigenen Arbeit helfen. Die eigenen Texte gegenlesen. Das ist mir zuletzt zu Unizeiten vor zehn Jahren passiert, und ich vermisse es.

Die Bewegung tut dem Körper gut, trotzdem heute wieder den ganzen Tag in Gedanken. Dann ist es nur eine Armlänge bis zum Wahnsinn und noch zwei Fingerbreit zum Nichts. Ich muss nur die Hand ausstrecken. Es wundert mich, dass es den anderen nicht so geht. (S. 74)

Ein Wahnsinnssatz, den man vielleicht ein bisschen nachfühlen kann, wenn man es kennt, sich in Gedankenstrudeln zu verlieren.

Der einfachste Weg zu gutem Stil: Sich vorher überlegen, was man sagen will. Dann sagt man es einfach, und wenn es einem dann zu einfach erscheint, kann das zwei Gründe haben. Erstens, die Sprache ist nicht aufgeladen genug von ihrem Gegenstand, oder der Gedanke ist so einfach, dass er einen selbst nicht interessiert. In diesem Fall löscht man ihn. (S. 284)

Gilt eigentlich für alles, was man macht und veröffentlichen will. Ich wünschte, dieses Mantra würden die Menschen auf Twitter wieder mehr verinnerlichen.

Merkwürdig und schön sind vor allem die Gedichte, die Herrndorf hier und da einstreut (z.B. S. 420):

Niemand kommt an mich heran
bis an die Stunde meines Todes.
Und auch dann wird niemand kommen.
Nichts wird kommen, und es ist in meiner Hand.

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, Rowohlt 2013

Der Knacks

knacks

Noch vor einigen Monaten habe ich mir ausgemalt, wie ich nach der Pandemie meinen Freunden und Freundinnen in die Arme falle – zu lange konnten wir uns nicht nah sein. Ich habe mir vorgestellt, wie ich erleichtert und ohne Hemmungen in einer Menschenmenge in einem Konzertsaal stehe, wie ich beherzt an den Haltegriff in der S-Bahn greife, oder mit Freunden eine große Portion Pommes esse (ohne Besteck, alle mit den Fingern rein!). All das wird wieder erlaubt und möglich sein, es ist absehbar.

Aber der Punkt der Euphorie ist überschritten. Es gab einen Knacks. Die Leichtigkeit der Vorfreude ist weg. Das Unnormale dauerte zu lange an, ist normal geworden; ich habe mir das Unbehagen einverleibt. Selbst meine Impf-Begeisterung ist ob der Hektik und Ungeduld der Massen getrübt; es wird, neben der Erlösung, vor allem ein eiliges Gerangel um einen Termin bei irgendeiner Hausärztin im Nirgendwo sein. Woher das Narrativ eines magischen Rituals in meinem Kopf kam, das die Pandemie mit einem glanzvollen Feuerwerk für alle beenden würde, weiß ich nicht. Ich hatte wohl zu viel Zeit, es mir auszudenken.

Aber statt Feuerwerk gab es diesen Knacks, vor einigen Monaten schon. Krrck. Knack. Womöglich werde ich nie wieder eine Türklinke berühren. Immer einen Schritt zurück weichen wenn mich jemand anspricht. Immer Abstand halten wollen müssen. Manches davon ist okay, Händeschütteln können wir meinetwegen für immer sein lassen. Aber meine Freunde würde ich gerne ohne eine Schere im Kopf umarmen. Nach einem Jahr ist alles viel weiter voneinander entfernt – erst physisch, jetzt auch psychisch. Knacks, und wenn wir nicht aufpassen, treibt alles auseinander.

Auf mein Nacken

Person, die sich in ein schwarzes Loch beugt

Zum Schreiben habe ich mir mein altes iBook reaktiviert. Es ist von 2003, läuft nur noch mit eingestecktem Netzteil, und das Internet funktioniert darauf nicht. Die Schreib-Experience ist nicht die beste, aber sie ist weitestgehend ablenkungsfrei. Das ist, was ich brauche, denn in den letzten Wochen (daher rührt auch mein versteifter Nacken) wirken die Bildschirme meines Smartphones und Tablets mehr als magnetisch auf mich. Sie paralysieren mich; stundenlang hänge ich mit dem Kopf im iPhone über der Küchenarbeitsplatte und scrolle durch Timelines, auch, wenn das Nudelwasser schon längst kocht. Es ist die Krankheit meiner Generation, unserer Zeit, aber es ist vor allem ein wirklich stark magnetisches schwarzes Loch, in das ich, gerade in der Pandemie, zu oft und zu gerne reinfalle. Vom Aufprall dann der steife Nacken.