19. September 2021

Zack die Bohne!

Tonkabohne

Über das Trendgewürz des Jahrzehnts: Die Tonkabohne

Erwischt: Ich bin einer der letzten erwachsenen Menschen, die Joghurt mit Geschmack kaufen. Dieses saure, langweilige Naturjoghurt kann ich einfach nicht ausstehen, und greife daher lieber auf künstliche, durch Sägespäne erzeugte Aroma-Produkte zurück. Der Vorteil: Man ist den bisweilen absurden und kreativen Kompositionen der Hersteller ausgesetzt. Und hin und wieder macht man auch eine Neuentdeckung, wie ich neulich: Ich kam so auf den Geschmack der Tonkabohne!

Die Tonkabohne ist eine kleine Bohne aus Südamerika. Ich habe sie zwar durch meine kulinarische Anspruchslosigkeit als Joghurt-Edition entdeckt, aber eigentlich fungiert sie als Dessert- und Kochgewürz. Verkauft wird sie ähnlich wie eine Muskatnuss: Teuer und in kleinen Mengen. Die Bohne ist fingernagelgroß und recht unansehnlich; schwarz und schrumpelig. Ihr Geschmack aber ist wie die erwachsene Variante einer Vanilleschote: Süß aber auch herb, ein bisschen bitter, und vor allem: sehr erwachsen. Man reibt kleine Mengen in Nachspeisen oder auch mal in eine deftige Suppe, und fühlt sich, als hätte man die kindliche Phase der obligatorischen Zimtstange überwunden und könnte nun – endlich! – zu den Mitteln eines Erwachsenen greifen, und mit einer kleinen Gewürzreibe in der Küche hantieren. Wegen ihres Cumarin-Anteils sind sie zusätzlich auch ein ganz kleines bisschen gefährlich, was sie zum ultimativen Erwachsenen-Genussmittel macht.

Das Schönste an der schrumpeligen Bohne ist aber ihr symbolischer Wert: Wer eine Tonkabohne bei sich trägt, wird dem Mythos nach nach mit Glück gesegnet. Wer einen dringlichen Wunsch hat, schnappt sich eine Bohne und eine tote Schlange (klar!), wirft die Bohne in den Fluss und die Schlange in den Tonkabaum, und überlässt sich so dem Schicksal. Dieser komplizierte Ritus (zu dem ich keine verlässliche Quelle gefunden habe) rührt vielleicht auch daher, dass es früher noch nicht so einfach war, lediglich durch ein Stück gut gewürzten Käsekuchen glücklich zu werden.

Ich bin froh, hier in Europa gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, nach einem Tonkabaum und einer toten Schlange Ausschau zu halten. Aber wer weiß, vielleicht bringt mich diese kleine, schrumpelige Bohne dazu, mich wirklich wie ein Erwachsener zu verhalten, und endlich Naturjoghurt zu kaufen. Ganz ohne Geschmack, nur mit – zack! – einer Prise frisch geriebener Tonkabohne.