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»Macht es für euch!«

Schauspieler Fabian Hinrichs und Turner im Stück »Kill Your Darlings«

Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia © Thomas Aurin

Am 26. Februar 2024 starb der Dramatiker und Regisseur René Pollesch. Zu früh, wie es so oft ist. Auf 3Sat kann man eins seiner berühmtesten Stücke nochmal ansehen: Kill Your Darlings – Streets of Berladelphia.

Die besten Szenen werden Sie heute Abend nicht sehen, denn die würden wir alle nicht ertragen. Deswegen heißt der Abend »Kill Your Darlings«.

Fabian Hinrichs und sein Turner-Chor, das »Netzwerk«, hasten durch so viele Themen, die einen mit Anfang 20, und vielleicht auch noch das ganze restliche Leben beschäftigen. Den ewigen Ohrwurm dazu habe ich hier schon 2012 gebloggt.

Ich bin wirklich kein Theaterkenner – es ist eins dieser Dinge, die ich eigentlich liebe, aber viel zu selten tue, weil es teuer ist, oder aufwändig, oder mir eine gewisse Orientierung darin fehlt. Aber zu Beginn der 2010er Jahre war ich oft in der Volksbühne. Einige von Polleschs Stücken habe ich mehrmals gesehen, Roman hat phasenweise nur in Pollesch-Zitaten gesprochen, und Nadine hat immer für alle Karten gekauft. Wir waren damals Studenten; es war günstig ins Theater zu gehen, und in der Volksbühne wussten wir irgendwann, was uns bei welchen Regisseuren erwartete.

Bei Pollesch wusste ich: Es wird bunt und witzig, und gleichzeitig theoretisch und komplex. Es ging immer tief, aber kurz bevor man aus Verwirrheit abgeschaltet hätte, lief ein Popsong, oder es explodierte irgendwas, oder ein riesiger Fisch wurde aus dem Bühnenturm herunter gelassen. Es begann schon bei den witzigen Titeln der Stücke: »Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors!«, oder »Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!«, oder »Herein! Herein! Ich atme euch ein!«. Bei allen Stücken habe ich irgendetwas mitgenommen. Am meisten vermutlich bei »Don Juan«, in dem Pollesch die Liebe und das Lieben seziert (ich war Anfang 20, natürlich hat mich das abgeholt!). Vermutlich hat mich kein Stück so geprägt wie dieses.

Man kommt nicht, ohne sie zu spielen, an die Liebe heran. Du musst schon irgendetwas machen, das wie Liebe aussieht, und dann liebst du auch. Das kommt nicht tief aus dir drinnen. Wenn man aufhört, die Liebe zu spielen, ist sie weg.

Ich wünschte, all diese Stücke wären in irgendeiner Mediathek verfügbar. Oder würden nochmal aufgeführt. Aber ich habe keine großen Hoffnungen. Der Rewatch von Kill Your Darlings war jedenfalls ein harter Wurf zurück in die Vergangenheit, in meine Zeit als Student, und in die Zeit, in der wir alle das Gefühl teilten: Es reicht doch nicht. Da fehlt doch was. Es reicht! Doch! Nicht!

Das hier war nicht für euch. Es war immer für uns. Macht es für euch! Zwei, drei, vier! AAHHHHHHH!

Kill Your Darlings (Volksbühne 2012) in der 3Sat Mediathek.

Allesandersplatz

Haus der Statistik am Alexanderplatz

Manchmal fahre ich mit meinem Fahrrad über den Alexanderplatz. Ich dränge mich durch die Kreuzungen und roten Ampeln und Massen an Autos, und ich denke: Diese Stadt ist wirklich kompliziert geworden. Nichts hier ist mehr einfach. Das Fortkommen, das Ankommen; überall stellen sich Leute in Schlangen. Alle wollen aneinander vorbei. Ich stehe dann an der Kreuzung und schaue auf das Haus der Statistik. Über die letzten Jahre war es zu einer Ruine verkommen, nun wird es eingerüstet, und vermutlich wird irgendetwas damit passieren. Die großen roten Buchstaben STOP WARS verblassen so langsam. Auch das ist kompliziert geworden. Pazifist sein ist kompliziert geworden.

Und dann, wenn sich der Winter dem Ende neigt, und ich gegen 17 Uhr über die Jannowitzbrücke oder durch das Regierungsviertel fahre, und die Touristen am Ufer der Spree flanieren, und die Sonne so langsam untergeht, dann denke ich trotzdem immer noch: Diese Stadt ist die richtige.

Berlin, die Stadt der Schlangen

Schwarz-weiß-Illustration einer Schlange

Ich habe keinen Bock mehr, mich ständig für alles anzustellen. Ob für einen Tisch im Restaurant, für einen Termin beim Amt, oder für eine lächerliche Kugel Eis: Berlin ist die Stadt der Schlangen. Für alles muss man sich einreihen. Es nervt!

Ich lebe seit 12 Jahren in Berlin, aber erst seit drei oder vier Jahren scheinen die Schlangen zuzunehmen. Ein Restaurantbesuch an einem Freitag Abend ist in Kreuzberg eigentlich nicht mehr möglich, wenn man nicht Tage vorher einen Tisch reserviert hat. Wer Samstag Nachmittag ein Eis essen möchte, der bringt am besten eine halbe Stunde Zeit mit, um sich dafür in eine Warteschlange zu stellen. Lediglich die Tatsache, dass ich morgens um fünf aufstehen muss, damit ich um halb sieben vor dem Bürgeramt warten kann (um acht Uhr öffnen sich die Türen), ist kein neues Berliner Phänomen. Dass sich die Schlangen nun vom Bürgeramt aus auch in sämtlichen anderen Institutionen einnisten, hätte meiner Meinung nach nicht sein müssen.

Wenn ich in den Sommermonaten durch Kreuzberg und Neukölln laufe, beschleicht mich das Gefühl, dass die Stadt um ein Vielfaches voller ist als noch vor einigen Jahren. Warum sind plötzlich alle hier, wo das Leben hier doch viel teurer geworden ist? Ein Blick in die Statistik widerlegt meine Theorie: 2010 lebten 261.090 Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg, 2020 sind es 289.014; in Neukölln ist der Anstieg ähnlich gering. Sind es also Reisende, die im Sommer die Cafés und Restaurants und Eisdielen bevölkern? Vermutlich und auch verständlich, denn der Sommer hier könnte so schön sein. Wenn es nicht überall so viele Schlangen gäbe!

Oder liegt es an der Pandemie? Das war letztes Jahr noch plausibel, als es lediglich Sitzplätze in den Außenbereichen gab, und die Menschenansammlungen durch Abstandsregeln vergrößert wurden. Aber im Frühling 2022 sind alle Restaurants einfach immer voll, drinnen und draußen; und die Schlangen wachsen weiter.

Bin ich vielleicht einfach wählerischer bei der Auswahl meiner Restaurants geworden? Als klischeebehafteter Hipster esse ich natürlich gerne in aufregenden, schön eingerichteten Speisestätten. Was aber einmal im Cee Cee Newsletter erwähnt wurde, ist danach natürlich komplett over. Zahlreiche selbsternannte Food Critics empfehlen die besten Donut-Shops der Stadt auf TikTok, in denen daraufhin dann Schüler·innen ihr Taschengeld auf den Kopf hauen. Ich bin eigentlich auch eher ein Freund der Bodenständigkeit – ich brauche gar keine Fleur-de-Sel-Matcha-Sternanis-Eiscreme. Eiscafé Venezia (Erdbeer Schoko Vanille) und Konsorten sind mittlerweile nur einfach sehr rar geworden – zumindest in den Szenebezirken.

Am Ende liegt es also doch an mir. Auch ich bin eine Schlange. Eine, die sich durch ihr Hipsterviertel schlemmt, zur unsäglichsten Zeit (Freitag Abend 19 Uhr) einen Tisch für vier Personen will, und sich zur Not eben einreiht, wenn es um das Erstehen eines gefrorenen Milchdesserts geht. Vielleicht wird es Zeit, die Szenebezirke zu verlassen und sich ein Stammlokal zu suchen. Eins, in dem es immer einen Tisch gibt, und in dem ein Kaffee keine vier Euro kostet. Das sind meistens die Orte, vor denen sich niemand anstellt. Orte ohne Schlangen.

November halt

Ich laufe morgens am Kanal entlang Nun ist es also so weit Sämtliche Farben haben die Stadt verlassen und Berlin bleibt als graues Scheusal zurück Die machen’s richtig, denke ich mir Jedes Jahr aufs Neue stellen sich hier alle, die zurückbleiben, die Frage Warum tun wir uns das an Aber die Antwort ist leider sehr simpel Wir stecken hier fest

Im Eis

Eis auf dem Landwehrkanal

Mitten im Februar: Der Landwehrkanal ist zugefroren, und M. drängt darauf, dass wir uns für ein paar Schritte aufs Eis wagen. Es wird die letzte Chance sein; Klimawandel generell, und auch heute: in ein paar Stunden wird die Polizei hier alles abgeriegelt haben. Aber noch schlittern die Kreuzberger und Neuköllner hier auf dem Eis – jemand hat eine Boombox dabei; es gibt Menschen in Schlittschuhen und auf Skiern. Knallbunte Overalls; der Hipster lebt, she’s alive and well. Unter der Brücke: Ein toter Schwan, dramatisch auf dem Eis platziert. Leute haben Blumen drumherum gelegt. Und irgendwo hat jemand ein Loch ins Eis gehackt: vier, fünf Zentimeter, dicker ist das Eis nicht. Jeder Schritt knirscht, und wir klettern mutig/freudig/erregt zurück ans Ufer.

Nur ein paar Kilometer entfernt, im Treptower Karpfenteich, soll zeitgleich jemand unter dem Eis ertrunken sein. Auf Twitter sehe ich einen nackten Mann, der auf Schlittschuhen über das Eis rast und einbricht. Ich war noch nie ein Freund des Nervenkitzels, und Mut ist auch keine meiner ausgeprägteren Eigenschaften – aber zwischen Mut und Dummheit liegt ein schmaler Grad, dessen Exploration mir nicht lohnenswert scheint.

Stunden später laufen wir über die Hobrechtbrücke zurück nach Neukölln. Die Polizei hat, wie erwartet, den Kanal geräumt. Alles ist jetzt leer und das Eis hat seine Stille wieder. Der Schwan wird als letztes entfernt, er hinterlässt eine mit Blumen umrankte Silhouette. Auf der Brücke schauen Menschen auf sie herab.

Im Erdgeschoss

In die Erdgeschosswohnung im Nachbarhaus ist jemand eingezogen. Lange stand sie leer – im Erdgeschoss wohnen ist in einer Großstadt ziemlich unattraktiv. Ständig laufen hier sehr viele verschiedene Leute vorbei, alle sind neugierig, viele bestimmt auch frech. Ich stelle es mir stressig vor.

Aber nun wohnt da jemand. Das Licht ist immer an. Gleißend weiß beleuchtet eine LED-Glühbirne das Zimmer zur Straße. Nichts Wohnliches strahlt dieses Licht aus. Aber es macht die spartanische Einrichtung sichtbar: Ein lustlos bezogenes Bett steht in der einen Ecke. In der anderen ist ein kleiner weißer Tisch mit einem wackelig aussehenden Plastikstuhl platziert. Auf ihm sitzt immer ein Mann, vielleicht Ende 30. Er schaut in sein Handy. Neben ihm: ein Gummibaum, und manchmal ein Wäscheständer.

Es ist nicht so, als hätte ich lange neugierig durchs Fenster in die Wohnung gestarrt. Aber das ist eben die Sache bei hell erleuchteten Erdgeschosswohnungen: Wer daran vorbei läuft, schaut zwangsweise auch hinein. Das weiße Licht irritiert mich jedes Mal. Wie kann man sich gerne in diesem Raum aufhalten? Aber immer wenn mein Blick dann auf die Person fällt, und auf die spärlichen Einrichtungsgegenstände, denke ich: Es sieht gar nicht nach wohnen oder nach aufhalten aus. Eher nach aushalten. Der Mann und die Gegenstände, dicht an die Wände des Zimmers gedrängt, sitzen die Situation nur so aus – bis ich und meine Blicke endlich an der Wohnung vorbei gegangen sind.

012021: Where You Find Me

Berlin is preparing for the snowstorm. It’s awaited for Sunday, temperatures are supposed to go below -10°C, and we’re expecting up to 30 centimeters of snow. This city is not used to it anymore; the last time I worried if my shoes were winter-proof was about ten years ago. But sitting in my apartment, as I’ve basically done for the past year, I’m excited for it. I’m excited for the sound of the snow, the silence of city, the brightness and the crisp air.

While I started the year with a big slice of uncertainty, January took care of things itself, and by now, lots of them are clarified. There’s enough work to do, and I’ve accepted that my motivation oscillates between “I’ll make this Wednesday a Sunday and stay in bed” to “LET’S GET THIS DONE”. As we all know, January and February are the hardest months to get through—mood, productivity and serotonin are on their lowest levels. But we are already halfway through! You can find motivation in anything if you’re desperate. And if you can’t, it’s also okay to just stay in bed from time to time.

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Not much else noteworthy happened in January. And as we’re going to be covered unter 30 centimeters of snow at any given moment, things might stay that way a little longer. So here is a short list:

I’ve been listening to the new The Notwist album on repeat the past week. It‘s eery and gloomy; perfectly composed for this weird time. My favorite song is Into Love / Stars, but Where You Find Me is also great and a very typical Notwist song.

If you’re rather in need of uplifting music, give the new Baio album “Dead Hand Control” a spin (e.g. on Spotify). It’s catchy and weird and fun to listen to.

In case we’re not going to be completely snowbound, the Berlinische Galerie published three audio tours guiding you along remarkable 1980s architecture in Berlin. For me as a big Baller-enthusiast, this will be the perfect companion for snowy Sunday walks.

For the readers who are more into nature than architecture: In this Twitter thread, I received some great recommendations on where to meet animals in Berlin these days.

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Animals can be great mood boosters during winter. Unfortunately I only get to see my friends’ and colleagues’ pets via Zoom, but the decision to get a four-legged flatmate is getting closer and closer. Just like the snowstorm! Stay safe, stay at home, and if you want: Stay in bed.

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