17. April 2022

Berlin, die Stadt der Schlangen

Schwarz-weiß-Illustration einer Schlange

Ich habe keinen Bock mehr, mich ständig für alles anzustellen. Ob für einen Tisch im Restaurant, für einen Termin beim Amt, oder für eine lächerliche Kugel Eis: Berlin ist die Stadt der Schlangen. Für alles muss man sich einreihen. Es nervt!

Ich lebe seit 12 Jahren in Berlin, aber erst seit drei oder vier Jahren scheinen die Schlangen zuzunehmen. Ein Restaurantbesuch an einem Freitag Abend ist in Kreuzberg eigentlich nicht mehr möglich, wenn man nicht Tage vorher einen Tisch reserviert hat. Wer Samstag Nachmittag ein Eis essen möchte, der bringt am besten eine halbe Stunde Zeit mit, um sich dafür in eine Warteschlange zu stellen. Lediglich die Tatsache, dass ich morgens um fünf aufstehen muss, damit ich um halb sieben vor dem Bürgeramt warten kann (um acht Uhr öffnen sich die Türen), ist kein neues Berliner Phänomen. Dass sich die Schlangen nun vom Bürgeramt aus auch in sämtlichen anderen Institutionen einnisten, hätte meiner Meinung nach nicht sein müssen.

Wenn ich in den Sommermonaten durch Kreuzberg und Neukölln laufe, beschleicht mich das Gefühl, dass die Stadt um ein Vielfaches voller ist als noch vor einigen Jahren. Warum sind plötzlich alle hier, wo das Leben hier doch viel teurer geworden ist? Ein Blick in die Statistik widerlegt meine Theorie: 2010 lebten 261.090 Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg, 2020 sind es 289.014; in Neukölln ist der Anstieg ähnlich gering. Sind es also Reisende, die im Sommer die Cafés und Restaurants und Eisdielen bevölkern? Vermutlich und auch verständlich, denn der Sommer hier könnte so schön sein. Wenn es nicht überall so viele Schlangen gäbe!

Oder liegt es an der Pandemie? Das war letztes Jahr noch plausibel, als es lediglich Sitzplätze in den Außenbereichen gab, und die Menschenansammlungen durch Abstandsregeln vergrößert wurden. Aber im Frühling 2022 sind alle Restaurants einfach immer voll, drinnen und draußen; und die Schlangen wachsen weiter.

Bin ich vielleicht einfach wählerischer bei der Auswahl meiner Restaurants geworden? Als klischeebehafteter Hipster esse ich natürlich gerne in aufregenden, schön eingerichteten Speisestätten. Was aber einmal im Cee Cee Newsletter erwähnt wurde, ist danach natürlich komplett over. Zahlreiche selbsternannte Food Critics empfehlen die besten Donut-Shops der Stadt auf TikTok, in denen daraufhin dann Schüler·innen ihr Taschengeld auf den Kopf hauen. Ich bin eigentlich auch eher ein Freund der Bodenständigkeit – ich brauche gar keine Fleur-de-Sel-Matcha-Sternanis-Eiscreme. Eiscafé Venezia (Erdbeer Schoko Vanille) und Konsorten sind mittlerweile nur einfach sehr rar geworden – zumindest in den Szenebezirken.

Am Ende liegt es also doch an mir. Auch ich bin eine Schlange. Eine, die sich durch ihr Hipsterviertel schlemmt, zur unsäglichsten Zeit (Freitag Abend 19 Uhr) einen Tisch für vier Personen will, und sich zur Not eben einreiht, wenn es um das Erstehen eines gefrorenen Milchdesserts geht. Vielleicht wird es Zeit, die Szenebezirke zu verlassen und sich ein Stammlokal zu suchen. Eins, in dem es immer einen Tisch gibt, und in dem ein Kaffee keine vier Euro kostet. Das sind meistens die Orte, vor denen sich niemand anstellt. Orte ohne Schlangen.