berlin

Riesenblumen

Ärztehaus Treptow: Ein Berliner Haus mit großen Blumenskulpturen

Seit Jahren fahre ich an diesem Haus vorbei, immer wollte ich es schon fotografieren: Das Ärztehaus in Treptow (Wikipedia), ein Mehrfamilienhaus aus den 1880er Jahren, an dem der Künstler Sergej Alexander Dott seine zehn »Riesenblumen« installiert hat: »Mir war es wichtig, in einer Metropole wie Berlin einen poetischen Ort zu gestalten, der die Genialität der Natur widerspiegelt.« Die Arzneipflanzen sind aus Stahl und Polyesterharz, und wurden als Kunst am Bau 2012 angebracht.

Tragluft

Zeichnung der Traglufthalle von innen, unten der Pool; eine Bank mit einem Handtuch. An der Wand zeichnen sich Schatten der Bäume ab

Über zwei große Becken spannt sich das weiße Membransystem. An seinen Wänden, im Inneren der Traglufthalle, zeichnen sich die filigranen Schatten der noch kargen Bäume draußen ab. Darüber kreisen die Vögel, deren Silhouetten man sieht, während man rücklings im Wasser treibt. Die Schwimmer sind konzentriert, sie ziehen leise ihre Bahnen. Hier drin ist es warm und ruhig. Ich bin jetzt schon traurig, dass diese Halle in wenigen Wochen für den Sommer abgebaut wird.

Speed-Dating

Für meinen Plan, mehr offline zu leben, habe ich mich bei einem Speed-Dating-Event angemeldet. Ein Freund kommentiert mein Vorhaben: Das sei ein wenig frech, weil ich ja gar nicht wirklich auf der Suche sei und quasi als Voyeur dort auftauchte. Aber es geht hierbei ja lediglich um eine Form des Kennenlernens, Ausgang ungewiss. Wir verbringen also, ganz offline, einen kurzweiligen Abend in einem Café; alle fünf Minuten läutet eine Glocke und wir wechseln die Tische. Einer meiner Gesprächspartner sagt, er wolle einfach normale Leute kennenlernen; auf den digitalen Dating-Plattformen seinen ja nur Freaks unterwegs. Ich frage mich, ob mittlerweile nicht eher bei so einer absurden Aktivität wie Speed-Dating die Freaks anzutreffen sind – uns beide einbezogen.

Eine Begegnung wie im letzten Jahrtausend

SMS von R. »Ich war übrigens am Freitag seit etwa 1000 Jahren mal wieder in einem Club! Es war ganz toll! Ich geriet in so eine recht große Clique an lauter netten Leuten und habe sehr viel und ausgiebig getanzt, das hat gut getan. Jedenfalls war es so eine Art Kostümparty, könnte man sagen, mehr oder weniger. Und dann habe ich Fabian kennengelernt, und als ich irgendwann aufbrechen wollte, wollten wir in Kontakt bleiben. Und weil wir wegen der Kostüme beide unsere Handys an der Garderobe abgegeben hatten, hat er an der Bar nach einem Zettel und Stift gefragt, und mir seine Nummer aufgeschrieben?! Auf Papier. Wie im letzten Jahrtausend! Jetzt liegt hier dieser Zettel mit der Nummer, und immer wenn ich ihn angucke, fühle ich mich ganz jung.«

Zock Zock Zock Zock

Am Silvesterabend stand ich am Fenster und blickte auf die Straße: Gegenüber war eine kleine Gruppe aus Teenagern am Böllern. Ein Mädchen, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, führte die Gruppe an. Sie trug eine weite Daunenjacke und hatte schwarze Haare. Immer wieder, wie aus dem Nichts, zückte sie eine Pistole und ballerte damit in die Luft. In schnellem Rhythmus, fast wie ein Maschinengewehr, zock-zock-zock-zock-zock. Wer produziert sowas – ein Gerät, das Pyrotechnik in Form einer Waffe in Sekundenschnelle abfeuert?

Hier auf der Hauptstraße, direkt neben dem Supermarkt, gibt es einen Waffenladen. Im Schaufenster stehen riesige Macheten, Butterflys, Nahkampfmesser, vor allem aber auch Schreckschusspistolen und Gewehre in sämtlichen Formen und Größen. Der Laden ist immer ganz gut besucht, wohl, weil er auch Zigaretten verkauft. Vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Clique aus meinem Haus gegenüber dort eine richtige Knarre gönnt, und sie nachts einem scheuen Teenager an die Brust hält, um ihm sein Handy abzuziehen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist einfach nur Silvester.

15 Jahre Berlin

Wie verdaut man 15 Jahre in dieser Stadt. Sie zu bewohnen ist ein kontinuierliches sich häuten. Hier leben ist wie ein Bad in einer Tinktur aus Wonne und Glück, aus zweifeln und hadern. Man massiert sie sich jeden Morgen in das müde Gesicht, in die Hautfalten, in die Rillen, die die Stadt hinterlässt. Die Stadt ist wach hinter Mauern aus Glas. Ich habe so viele Listen geschrieben in den letzten Jahren. Hier sein ist ein in immer währendes Aushandeln zwischen dem, was die Stadt einem nimmt, und was sie gibt, und ob es sich die Wage hält.

Wien wort auf di

Mann mit Zeitung in der Sonne an der Wiener spanischen Hofreitschule

Anfang April habe ich einige Tage in Wien verbracht, zum Arbeiten und für eine kleine Portion Müßiggang. Dass ich Wien liebe, wusste ich bereits, aber dieses Mal hat es mich wirklich ganz besonders heiß erwischt. Nach 30 Minuten flanieren frage ich mich: Wieso lebe ich nicht hier?! Was mache ich noch in Berlin?!

Und während ich also so durch die Gassen laufe, die sauberen Gehwege und Gebäude und Fußgängerzonen und Menschen (all die schönen Menschen!) bewundere, lief mir diese Frage nach wie ein Schatten. Wieso eigentlich nicht Wien? Natürlich ein absurder Gedanke, jetzt, mit Anfang 30. Darüber hätten wir vor sechs, sieben Jahren sprechen sollen. Jetzt scheint es mir zu spät – mein Lebensmittelpunkt ist Berlin, seit 15 Jahren nun schon. Ich habe mich hier eingerichtet; meine Freunde, meine Wohnung, viele meiner Arbeitgeber sind hier. Und obwohl ich seit der Pandemie die meiste Zeit in meinem kleinen Dachbodenbüro verbringe, und kaum nennenswert an der flirrenden Design- und Tech-Szene Berlins teilnehme, hätte ich doch Skrupel, mich vollkommen aus ihr herauszulösen.

Und dann ist da noch die Tatsache, dass die Dinge immer besonders verlockend sind, wenn man sie nicht haben kann. Ist Wien genau so schön, wenn man dort wohnt? Wenn man ständig umgeben ist von diesen Gebäuden, diesem Dialekt, diesem Land mit seiner durchaus sonderbaren (politischen) Stimmung? Erträgt man das? Aber gut, andererseits: Wie um Himmels Willen erträgt man Berlin mit der Tristesse und den ganzen Drogen und der Wohnungsnot und der Ausgebranntheit? Wie erträgt man’s?!

Mein Wien-Besuch hat mich jedenfalls einigermaßen tief in eine Sinnkrise gestürzt. So tief, dass ich wohl schleunigst wieder hin muss! Ja, so tief sogar, dass ich seit April einen Ohrwurm habe vom Song der Austropop-Band Granada: Wien wort auf di (ein Cover von Billy Joels Vienna, schönes Video auch!). Ich finde Austropop meist wirklich unerträglich, aber dieser Song kriegt mich immer wieder. So wie Wien eben.

Dass d’ wast, so is es hoit
Entweder hackelst wie blöd
Oder wirst glücklich oid
Konnst nix neies ongehen
Wenn wos holbfertig is
Du Geni-i-i-e
Wann wirst’s kapiern?
Wien wort auf di!