berlin

Modehaus Manuel

An der Ampel bei Modehaus Manuel, da passierte es, da trafen wir uns, nach all den Jahren liefen wir ineinander, ja, genau da. Ich wartete auf meinem Rad auf Grün, und du fuhrst ran und sahst mich zuerst, und dann hast du wohl dein großes Grinsen aufgesetzt und mir entgegen geschleudert. Und wie das so ist in solchen Momenten, zögert man kurz, ob es nun angemessen wäre, wirklich innezuhalten und ein Gespräch zu entfachen, oder ob jeder lieber auf seinen Schienen bleibt, sich grüßt und weitergeht, und die Begegnung im Keim erstickt; oft ist das beiden ja lieber. Aber hier war es nicht so, wir gaben unsere Schienen auf und hievten die Räder von der Straße und da stehen wir nun, zwischen uns fünf, sechs Jahre, in denen viel passiert ist, aber das Grinsen, das du da hast / das kenne ich noch / lass’ mich damit bitte in Ruhe / ich geh’ in Flammen auf

Superman

Slip of Superman in a tree

Im Baum vor meiner Küche hängt ein Schlüpfer! Ich habe ihn bemerkt, als ich am Fenster stand und in den Innenhof starrte; ja, da bemerkte ich ihn, wie er sich lose zwischen den Ästen verfangen hatte, direkt auf der Höhe des zweiten Stocks, direkt vor meiner Nase.

Wenn ich ganz nah ans Fenster gehe, kann ich ihn genauer inspizieren: Es ist ein Herrenslip – aber nicht irgendeiner. Er ist blau, mit weißem Bund, und auf der Vorderseite prangt ein großes, rot-gelbes S. Es ist der Slip von Superman! Ich erkenne es genau! Superman muss ihn hier in der Kiefer verloren haben – und das wirft natürlich die Frage auf: Was ist hier geschehen?!

War Superman zu Gast bei der Frau im 4. Stock, musste dann, um nicht in flagranti beim Liebesspiel erwischt zu werden, aus dem Küchenfenster flüchten – und hat sich dabei im Baum verheddert? Geistert nun ein schlüpferloser Superheld durch die Welt, in commando?!

Oder anders: Womöglich hatte Superman einen wichtigen Auftrag im 3. Stock, aber der Hauszugang war abgeschlossen (gut so; die Ratten!), und so musste er den Baum hochkraxeln? Keine leichte Aufgabe, denn Kiefern sind stachelig und unbequem – womöglich ist ihm da, im Eifer des Gefechts, einfach die Unterbuxe hängengeblieben?

Meine dritte Theorie: Superman wohnt hier im Haus, und durch das offene Küchenfenster hat die diebische Elster, die sonst in der Kiefer haust, sich schnurstracks den frisch gewaschenen Slip gekrallt. Dann hat sie gemerkt, dass er nicht passt, und wie man das in Neukölln so macht, hat sie ihn einfach weggeworfen. Nun hängt er da, unerreichbar für seinen eigentlichen Besitzer.

Aber gut – vielleicht ist es damit auch einfach mal an der Zeit für neue, neutralere Unterwäsche. Comic-Motive sind doch auch für Superhelden total unprofessionell.

Über Bioläden

Sieht man von einigen Nebensächlichkeiten wie den heruntergekommenen Häusern, den Massen an nicht abgeholtem Sperrmüll oder den hässlichen Neubauten ab, ist Neukölln tatsächlich wie ein junger Prenzlauerberg-Szenebezirk. An einigen Orten wird das ganz besonders deutlich: In Biomärkten zum Beispiel. Es gibt hier im Bezirk immer mehr davon, und sie sind der Hauptmagnetpunkt für junge Familien, besonders Mütter (den ehrlicherweise wird auch in den meisten jungen, conscious Bio-Familien das klassische Familienmodell gelebt).

Ich muss deshalb mal kurz etwas über Biomärkte loswerden. In vielen Aspekten (abgesehen von der Tatsache, dass ich gerade weder Ehe noch Kinder habe noch will), entspreche ich total dem Biomarkt-Klientel. Ich versuche, möglichst verpackungsarm einzukaufen (klappt weniger gut); wenn ich die Wahl habe, greife ich zu regionalen Produkten, etc pp. Ich bin kein besonders erfolgreicher Öko, aber ich gebe mir Mühe.

Samstag Vormittag laufe ich also durch Neukölln, um ganz yuppieesk meine Errands zu erledigen – ich bringe die leeren Milchflaschen zurück, die man nur in diesem Laden kaufen und abgeben kann. Natürlich ist am Samstag viel los dort – alle müssen ja ihre Errands erledigen, das haben wir auf dem Land von unseren Müttern so gelernt. 

Und hier ertappe ich mich dabei, wie ich mich in meinem selbsterwählten Lifestyle furchtbar nerve; und wie mich alles daran und drumherum nervt. Biomärkte sind oft sehr klein – aber die Biofamilien kommen nicht allein: Sie bringen ihre Lastenräder mit, und ihre Fahrradanhänger zum Kindertransport (ein Konzept, das mir auf den ruppigen Berliner Straßen bisher sowieso unangenehm ist), und die müssen durch den Bioladen gekarrt werden. Ich bin absolut für Lastenräder, denn das heißt, dass man nicht im SUV die Straße verstopft – wieso also haben Bioläden anstatt der pseudogemütlichen Cafés, in denen niemals jemand sitzt und Pastinakensuppe für acht Euro schlürft, nicht einfach einen Parkplatz für diese sperrigen Vehikel? Nur so als Idee.

Außerdem sind im Biomarkt alle Menschen sehr langsam. Das kann man ihnen natürlich positiv anrechnen – die Leute hier sind nicht so alltagsgestresst; hier geht man es ruhig an und lässt sich Zeit, um Kundinnen und Kassiererinnen ein Lächeln zu schenken. Aber ich, der als Zehnter mit seinen fünf Milchflaschen in der Reihe steht (mehr darf man nicht sammeln, es gibt nämlich kein Pfandlager; alles sehr beengt hier!), vermisse in diesem Moment die Effizienz meiner REWE-Kassiererin. Sie ist freundlich und schnell – und damit dem Bioladen um einiges voraus.

Ich will mich nicht direkt beschweren; eher beobachten. Das alles sind selbst gemachte Probleme (ich könnte ja auch die Pseudo-Biomilch im Tetrapack kaufen!), aber manchmal tut es gut, sich kurz über Belangloses zu erzürnen. Wenn wir ehrlich sind, sind die meisten der Probleme, über die wir uns gerne aufregen, handgemacht. Regional. Artisanal. Bio vermutlich auch. Problemmanufaktur »Ich!«

032017: Stay Golden

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As the sun is making an appearance after a couple of weeks of rain and cold weather here in Berlin, I am sitting on the back seat of the M41 bus line (the only bus line that has its own song). Next to me, a woman—probably in her early sixties—explains to her friend: “For a long time, I was only able to take selfies with this phone, because I didn’t know how to switch the camera around! Yesterday, my daughter explained it to me. Look!” She clumsily points at the camera interface to take a photo of the sun breaking through the dirty windows. It’s autumn, friends! Welcome back to this newsletter.

So many things happened within the last months, and at the same time, nothing exciting happened at all. Life just passed by; I passed through it. The woman’s situation on the bus reminded me of all the bad technology that we’re surrounded with. Like the visit to my parent’s house earlier this month, where my dad has a technology setup I just don’t understand anymore (and therefore hardly can help with tech problems). He switched to an Apple ecosystem a while ago, but the Windows DOS mindset is buried very deeply within his brain and pedantry. Everything could be so easy, but people don’t want things to be easy. (Except that one time, when Microsoft announced a couple of months ago that their infamous MS Paint software would be discontinued—no worries though, it will be around somehow). Sometimes, it’s the dumb and simple things that have a strong cultural and emotional impact.

Speaking of dumb: I watched “The Circle” the other night. To clarify: I haven’t read the book, so I can’t compare the differences there, but even though the movie was fine as a simple piece of entertainment, it had so many flaws within the storyline and the topic in general! I just didn’t believe a word Emma Watson said as her character Mae, and I got tired by the very thin dialogues. Half of the story and all possible twists were left open-ended. There was simply nothing either desirable or dystopian—it was just silly most of the time. The semi-futuristic interfaces looked like they were designed in 2002 (check out this great film on how to depict the internet and messaging in film!). Even to logo of “The Circle” was horribly executed! The one Jessica Hische drew for the book in 2013 was much nicer. To sum it up: I was very glad that in my reality, we already overcame platforms like Facebook and 24/7 oversharing of boring nonsense. The movie’s topic almost became obsolete for me.

Most of the time, at least. I’ve been consuming Instagram excessively during the last months, and experimented with their Story feature a couple of times. What bothers me there: People don’t take the time to actually tell stories. They just use it as a dumpster for candids. If you have recommendations for great Instagram story tellers, ping me! My current favorites are Jürgen Siebert’s “Fontstories”, Kübra’s diary posts and Sophie Passmann’s jabbering.

Some more personal and project-related news: At ZEIT ONLINE, we launched a new digital magazine called “Arbeit”. It’s a platform about our relationship to work and work-life-balance, about changes and chances, and failures, too. I designed the thing (and am still totally in love with Milieu Grotesque’s Patron font family).

I was also working on a book which will go to print later this month—my first assignment as a copywriter, which was exciting and fun. Also, I am still working on a seminar paper, which I’ll publish in a couple of weeks, too. Follow me on Twitter and Instagram to never ever miss out again about my exciting life (spent on my couch for 80 percent of the day).

Ok. So far. Have a great start into autumn, and let’s hope that the sun makes a couple of more appearances before it finally gets grey and cold outside for good. Also: remember to switch your phone’s front camera to the back from time to time, to capture some of the rays and golden leaves. Happy October!

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Ich Rasier’ Euch Alle

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Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis eins der großartigsten Graffitis dieser Stadt verschwinden wird. Das Haus am Hermannplatz, Hasenheide 119, gegenüber von „Berlins größtem Bräunungs-Center“ (sic), dessen Schicksal der TIP Berlin schon im vergangenen Jahr portraitiert hat, ist seit Monaten eingerüstet. Laut Morgenpost muss es bald einem Büroturm weichen. Was könnte man auch sonst bauen an einen Platz, der zwei lebhafte, multikulturelle Stadtteile verbindet.

Durch das Baugerüst finden sich zahlreiche Graffitis an der Fassade, aber das Schönste thront seit einigen Jahren ganz oben: »Ich rasier euch alle« steht in Blockbuchstaben auf dem Rooftop über der Hermannstraße. Ich werd’s vermissen. Es scheint fast, als rasiere nun doch die Gentrifizierung uns alle.

Im Neuköllner und bei kreuzberg süd-ost gibt es ältere, bessere Fotos. R.I.P.

Was es braucht, um sich hier nicht zu Hause zu fühlen

Hallo Leute, ich bin gerade in Augsburg. Ich muss mich ein bisschen entspannen von der Großstadt, und hier kann ich immer gut Luft holen. Meine einzige Aufgabe besteht darin, die Dean & David Stempelkarte durch den Verzehr von Green Smoothies zu füllen. Bis ich hier abreise ist die voll!

Es ist kurz vor Feierabend – hier schließt alles um 18 Uhr – und ich kaufe das letzte verbleibende Viertel Schrotkerndl in der Hofpfisterei. Damit laufe ich dann über den verregneten, leeren Rathausplatz, der bei sommerlichem Wetter normalerweise so dicht mit Menschen befüllt ist, dass man den Boden nicht sehen kann. Sie setzen sich alle auf das unebene Kopfsteinpflaster neben dem Brunnen. Es gibt keine einzige Bank, damit die Cafés an den Rändern ihre Stühle nicht umsonst aufstellen, und damit im Winter der furchtbare Weihnachtsmarkt aufgebaut werden kann. Auf keinem anderen Platz in der Stadt wird so viel Aperol Spritz von WhatsApp-Freundinnen mit teuren Handtaschen getrunken wie hier.

Aber jetzt ist der Platz leer, weil gleich alles schließt und die Luft nass ist vom Regen, und ich mache mich auf den Heimweg. Ich bin bei fünf von zehn Stempeln, ich muss also noch mindestens fünf mal mit einem D&D Getränk durch die Innenstadt spazieren. Gibt Schlimmeres. Hier kann man alles innerhalb von 20 Minuten erlaufen; es gibt in jeder Straße zwei unabhängige Buchläden, durch deren enge Regale man sich lesen kann, und das neue Café, in dem früher der Bastelladen war, verkauft sogar überteuerten Filterkaffee.

Die Frau an der Supermarktkasse schaut auf meine Berliner Sparkassenkarte und zieht die Augenbrauen hoch. Ich fühle mich hier auch immer ein bisschen als Fremdkörper – als würde man mich angucken. Das brauche ich, um hier nicht bleiben zu wollen; um mich in Berlin zu Hause zu fühlen. Auch hier fällt einem irgendwann die Decke auf den Kopf – irgendwann ist die Stempelkarte voll, und man hat alle Straßen gesehen, und beginnt, die Leute in Cafés zu treffen, die man nicht treffen will. Aber eine gute Woche hab’ ich noch. Dann hab ich sicher auch keine Lust mehr auf Green Smoothies.

Zurück in Berlin: 6 Beobachtungen

Nach drei Wochen Augsburg komme ich zurück nach Neukölln. Drei Wochen Berlin-Pause, kurz mal durchatmen – durch Neubausiedlungen spazieren, um elf die letzte Straßenbahn erwischen, auf dem Weg in die Stadt zwei ehemalige Lehrer treffen. Zurück in Berlin kann ich mit Abstand auf die Dinge schauen, die ich dann doch vermisst habe:

Eine Frau steht auf einem alten Stuhl, reckt sich nach oben und mopst Beeren von dem Strauch, der am Zaun der Turnhalle entlang wächst. Ich dachte immer, die seien giftig.

Einige der Baumbeete in der Richardstraße hat jemand mit kleinen Schildern versehen: »Vorsicht, echte Bäume!«

Hier in der Gegend hat eine richtige Bäckerei eröffnet! Die große Backstube ist gleichzeitig auch der Verkaufsraum, und es gibt handgemachte Zimtschnecken, und der Bäcker warnte, dass das Brot SO frisch sei, dass man es besser erst ab morgen essen sollte. Und zu allem Überfluss gibt es hin und wieder Kunstausstellungen. Kønigliche Backstube, Zwiestädter Straße 10, 12055 Berlin.

Jemand hat endlich die matschigen Reste einer heruntergefallen Blaubeerpackung vor unserer Haustüre entfernt (oder es zumindest versucht). Danke!

Mein Briefkasten quillt über mit Wahlwerbung, die in letzter Minute eingeworfen worden sein muss. Dass mein Kiez schon so gentrifiziert ist, dass bei der Abgeordnetenhauswahl 2016 überwiegend grün (und die Linke) gewählt wurde, hätte ich gar nicht erwartet.

Die Vormittage in meiner Wohnung sind schön, mit der Herbstsonne, die durch die geputzten Fenster herein scheint. Wenn man das nur alle zwei Jahre mal macht, sieht man auch einen richtig genugtuenden Effekt!