Benehmen

Es wird Zeit, dass mein Freundeskreis anfängt zu heiraten und Kinder zu bekommen, damit ich mich auf den Hochzeiten schlecht benehmen und den Kindern schlechtes Benehmen beibringen kann.

6. Juni 2014

Es gibt Texte, die muss man eigentlich auch nicht veröffentlichen

Manchmal sitze ich mit krummem Rücken auf meinem Schreibtischstuhl und starre in den Monitor, die kleinen weißen Lichtpunkte starren zurück, und ich merke erst ganz spät, dass meine Nase blutet. Nur als der erste rote Tropfen auf der grauen Tischplatte landet, entkrümmt sich der Rücken für eine kleine Sekunde, und stets aufs Neue bin ich minimal geschockt.

Währenddessen höre ich das immer gleiche Lied, weil es das Erste in der „Stared“ Liste ist, und es summt jemand melodisch zum Geschrei des Nachbarn auf der Straße unten, der seinen Sohn wieder tadelt, immer mit diesem speichelfeuchten Röcheln in der Kehle; sein Kopf muss so blutrot sein wie der Tropfen, der eben aus meiner Nase fiel.

Ich stecke den Finger rein und gucke, ob da noch mehr kommt, und dann stürzt ein roter Schwall aus meinem Gesicht und macht die Tastatur dreckig. Ich drücke nochmal gegen die Nasenflügel, für die zweite Ladung. Jeder weiß: den Kopf niemals in den Nacken legen; das Blut nicht in den Kopf laufen lassen. Da bräuchte ich es aber eigentlich. Immer schön nach vorne bücken; laufen lassen; da ist der krumme Rücken ja vorteilhaft.

Am liebsten mag ich, wenn man nach einigen Stunden noch irgendwo auf der Haut eine nicht entfernte, dünne Blutkruste findet, und die dann abschrubben kann, unter warmem Wasser. Mit richtig Schmackes abreiben, wo man ja in der Zeit zuvor den Kopf nur ganz vorsichtig bewegte: Nur nicht zu schnell, sonst geht es wieder los, nix raus lassen. Ganz sachte. Bis es trocken ist. Bis zum nächsten Tadel.

27. Mai 2014

Die wandernde Gurke

Seit einigen Tagen wohne ich also in der neuen Wohnung. Ein Wohnhaus aus den dreißiger Jahren, hübsch und nicht übertrieben luxuriös. Das Haus, so viel habe ich schon beobachtet, wird in den unteren Etagen von älteren Menschen bewohnt (Rollatoren im Hausflur!); in den oberen Etagen wohnen Familien (spielende Kinder im Hinterhof!).

Beim Treppensteigen nach der ersten Wohnungsbesichtigung fiel mir die doppelt halbierte Gurke auf, die es sich in einem dunklen Winkel am Fuße des Treppengeländers gemütlich gemacht hatte. Die zuerst mittig durchtrennte, dann längs halbierte Salatgurke lag mit ihrer saftigen Seite zum Boden gekehrt auf dem Treppenabgang und schrumpelte vor sich hin.

Option 1: Eins der spielenden Kinder hat die Gurke als Pausensnack von der Mutter erhalten, beim Spielen im Treppenhaus (darüber reden wir nochmal!) angenagt und schließlich dort versteckt (vielleicht für später?). Oder aber, Option 2, einer der älteren Herrschaften hatte die Gurke übrig, wollte sie aber a) nicht wegwerfen, und b) nicht bis in den Hinterhof zur Biotonne schlurfen; und so wurde die Gurke in einem unbemerkten Moment unter das senfgelbe Geländer geschoben.

Bei meinem zweiten Wohnungsbesuch war das Gurkenstück immer noch da. Etwas schrumpeliger als beim letzten Mal, und um eine komplette Etage (plus – pi mal Daumen – drei Stufen) nach oben gewandert. Das schließt folglich die Senioren als Gurkenstreuer aus (mangelnder Bewegungsspielraum im Treppenhaus). Also doch die Kinder: Handelt es sich bei der Gurke um eine in das Spiel eingebundene Figur / Hostie / Geißel? Oder doch nur weiterhin ein Spielpausen-Snack, von dem lange gezehrt wird (offensichtlich mehrere Wochen!)?

Als ich nun vorgestern mit Sack und Pack in die Wohnung einzog, hatte der mittlerweile wirklich kümmerlich dreinblickende Salatgurken-Knilch seinen Platz am Fenster zum zweiten Obergeschoss hin gefunden. Wie eine kleine Figur stand er auf dem Fenstersims und schaute nach draußen – die runzeligen Gurkenränder erinnerten mich an die Trolle mit den bunten Plastikhaaren, die viele (zu viele!) Leute sammeln und für teuer Geld auf eBay verkaufen. Sie erinnern mich auch an das Schaufenster der Erdgeschosswohnung (die Wohnung muss der Frau mit dem Rollator gehören), in dem zum Bürgersteig hin viele kleine Figürchen und Stofftiere auf Regalbrettern sitzen und traurig auf die Straße gucken. Vielleicht vermissen sie jemanden. Oder sie ahnen, welches Schicksal ihnen blühen könnte.

21. April 2014

Ich bau’ mir ein Luftschloss


Nach viereinhalb Jahren lösen wir unsere Wohngemeinschaft auf. 2009 sind wir gemeinsam hier in dieser Stadt und in dieser Wohnung angekommen, und jetzt wird es Zeit, dass jeder seinen eigenen Raum bekommt – manche von uns gehen auf Reisen, andere suchen sich diesen Raum hier. Ich zum Beispiel.

Ich habe mich nicht wirklich getraut, während der Wohnungssuche zu jammern. Ja ja, auch in Berlin sieht es düster aus auf dem Wohnungsmarkt, und alles wird teurer und teurer, und sowas wie das hier findet man sowieso nie wieder. Aber ich muss an meinen Bruder denken, der in München lebt, da sieht die Sache ganz anders aus (viel düstererer). Ich muss mir immer wieder vor Augen führen, was für ein unglaublicher Luxus uns in unseren riesigen, mit Dielenboden und öffentlichem Nahverkehr ausgestatteten Wohnungen zur Verfügung steht – und das nicht in Vororten, sondern mitten in der Stadt. (Da ist es natürlich von Vorteil, wenn eine Stadt vier anstatt nur ein Stadtzentrum hat.)

Aber ich wurde fündig, und in wenigen Wochen wohne ich in meinen eigenen vier Wänden. Seit Monaten scrolle ich durch Einrichtungsmagazine, erdenke mir die schönsten Wohn-, Arbeits- und Badeparadiese und zerbreche an dem Gedanken, welche Küchenarbeitsplatte nun die Raffinierteste ist. Pinterest ist bei solcherlei Brainstormings übrigens absolut keine Hilfe – da wird ziemlich schnell deutlich, dass alles, was uns als Lifestyle verkauft wird, erstunken, erlogen und im wahren Leben entweder viel zu teuer oder nicht mit Wasser abwischbar ist. Am Ende holt einen der Spaziergang durch das schwedische Küchencenter sowieso auf den Boden der Tatsachen zurück.

Und um direkt dort zu bleiben, habe ich mich gegen visuelle Inspiration entschieden und ganz pragmatisch gescribbelt. Kritzeleien sehen sowieso besser (und nach drei Wochen Benutzung auch realistischer) aus als all die Hochglanzfotos von Wohnträumen im Internet.

2. April 2014

T Magazine: The Writer’s Room

T Magazine: The Writer’s Room

24. März 2014

Über die Dinge, die weh tun

Vom Leben gelernt: Die Dinge, die weh tun, sind oft die, die gleichzeitig als die Schönsten gelten. Das ist im Alltag so, man muss sich nur mal all die tätowierten Menschen angucken, oder die Kinder, die es lieben, den eigenen Schorf von den Beinen zu kratzen. Auch im emotionalen Alltag ist es so; zum Beispiel mit Vorwürfen, die gerade durch ihre grausame Bequemlichkeit so schwer wiegen und leicht von der Zunge gehen, oder mit der Liebe, oder der Beziehung zu Menschen generell. Wenn es glatt läuft, ist da nichts, was die Sache aufrecht erhält.

Mit der Beziehung zu Dingen ist es ähnlich – Christian Boros sagt im wunderbaren Videoportrait von Freunde von Freunden: »Man verliebt sich ja auch manchmal falsch in Sachen, die eben gefällig sind. Es muss auch zwicken und weh tun, um richtig lange eine Bedeutung zu haben.«

Sowieso gibt es so viel aus diesem Film, das einer Zitierung würdig ist: »Es ist sehr schön, dass ich mich nicht daran gewöhne«, sagt er über die Tatsache, dass er den Luftschutzbunker an der Friedrichstraße besitzt und sogar bewohnt – eine Tatsache, die man ihm nach diesem Satz auch gönnen kann. Wer sich durch die Sammlung Boros im Inneren des Bunkers führen lässt, bemerkt, was gemeint ist: »Das ist nicht meine Kunst«, denkt man, aber eigentlich ist das niemandes Kunst. Sie ist nur da, um eben nicht gefällig zu sein; weil man weiß, dass das der Reiz daran ist.

15. März 2014