Learn The Rules

Von unten her: deine brauen Sohlen, dick wie Kinderhände, sind das einzig Farbige an deinem Outfit. Sie halten die klassischen schwarzen Doc Martens Halbschuhe, deren Kappen angekratzt und gut getragen aussehen. Aus diesen schweren Schuhen ragend, zwei zarte Knöchel mit dünnen Mädchenbeinen dran, die wiederum in eine schwarze Strumpfhose gefädelt. Darüber ein Paar schwarze Socken, die du ordentlich nach oben gezogen hast – es sind, weiträumig verteilt, kleine weiße Punkte darauf.

Weiter hoch: Ein Rock endet zehn Zentimeter oberhalb deiner Kniescheiben. Eine breite Falte wird von zwei augapfelgroßen, schwarzen Knöpfen geziert, aber viel sieht man davon nicht, denn der Cardigan fällt asymmetrisch über deinen Oberkörper. Nur ein Stück der schwarz-matten Seidenbluse, hochgeknöpft bis unter den Hals, schimmert hervor.

Dann bis ganz nach oben: Deine langen schwarzen Haare fallen dir über die Schultern, nicht ganz zahm, aber endend in einem säuberlich gestutztem Pony, der horizontal tief in deine Stirn ragt. Fast wie ein Helm wirkt dein Haarschnitt, einerseits schützend, andererseits gleich der Überzeichnung einer Comicfigur. Darunter hervor lächelt dein asiatischer Blick; die Augen, die den Witz aus deiner Erscheinung nehmen. Zaghaft aber doch stilsicher steht die schwarze Gestalt in der gelben Straßenbahn.

24. November 2013

Kalter Kaffee

Was mich glücklich macht, sind die Archive unserer Blogs, in die man flüchten kann; zurück leben in den Jahren, in denen mit einer Gelassenheit so viel Kleines und Großartiges entstanden ist, und in den Momenten bin ich wirklich froh, dass das Internet nichts nichts nichts vergisst.

19. November 2013

Über Beleidigungen

In letzter Zeit wurde ich mehrmals auf unfeine Art beleidigt. Einfach so, auf offener Straße – ganz ohne Scherz! Als ich beispielsweise neulich aus der U-Bahn stieg und eine Blume für die neue Vase in unserer Wohnung kaufte, zischte mir der Teenager auf dem Rad, der mir vorher auch eindringlich ins Gesicht gestiert hatte, ein abfälliges »Schwuchtel« zu. Wegen einer Blume! Also bitte.

Ein anderes Mal, als ich am Bahnsteig der Friedrichstraße entlang lief und einen neuen Titel auf meinem mp3-Player auswählte, murmelte eine Frau unüberhörbar »Schau nach vorne, Brillenschlange.« Brillenschlange! Ich war mir gar nicht bewusst, dass es alberne Beschimpfungen wie diese überhaupt noch gibt.

Nicht nur ist die Tatsache absurd, dass Leute tatsächlich noch von wirklich flachen Beschimpfungen wie »Schwuchtel« und »Brillenschlange« (!!!) Gebrauch machen – Es fällt mir schon von vornherein schwer, nachzuvollziehen, wie es Leute aus heiterem Himmel dazu hinreißen kann, eine absolut fremde Person, die man noch nie gesehen hat und vermutlich auch nie wieder sehen wird, zu beleidigen – das sind doch verschwendete Emotionen. Ich wünschte, ich hätte manchmal die Kraft, meine Wut so nach außen zu tragen; aber doch eher zu Leuten, die mir etwas bedeuten, wo sich das dann auch wenigstens lohnt, und man weiterkommt.

Gleichzeitig weiß ich nicht, was mich mehr ärgern soll: Die Beschimpfung selbst, oder meine Reaktion darauf. Meistens bin ich nämlich so perplex (also mal ernsthaft, wann wurdet ihr zuletzt Brillenschlange genannt?!), dass ich einfach so tue, als hätte ich es nicht gehört, und rede mir ein, dass ich mich verhört haben muss. Doch eigentlich würde ich gern kontern, auf die Albernheit der Beleidigung hinweisen, lässig durch meine coole Sonnenbrille hindurch zwinkern, oder dem Radfahrer einen Strauß Strelitzien zwischen die Speichen jagen. Aber ich tue nichts. Ich lasse den Griesgram schimpfen und tue so, als hätte ich nichts gehört.

Und dann ist da natürlich noch, bei aller Professionalität, mit der man so eine Beleidigung einsteckt, der doofe Nachgeschmack; die nicht zu verleumdende Tatsache, dass es wirklich ein wenig in der Magengrube weh tut, wenn man »Schwuchtel« genannt wird, und die Verärgerung, dass Leute so albern-bösartige Kommentare nötig haben.

Es hilft wohl nur, sich doppelt an der Blume zu freuen, und doppelt scharfsinnig durch die gern getragene Brille Ausschau nach den richtigen Menschen zu halten, mit denen es sich lohnt, ärgerfreie Zeit zu verbringen.

25. Oktober 2013

Herbst

Der Weg von der Haltestelle bis zu mir nach Hause ist düster, und das war kein guter Tag. Überall sehe ich Menschen, die gut aussehen. Auch am S-Bahnhof. Der Junge in der zu kurzen Jacke, mit der Brille, und das Mädchen, sie trägt schöne Schuhe. Sie raucht.

Ich biege in die Emser Straße und laufe vorbei an der Oberschule, über den kleinen Platz, hier hört die Straßenbeleuchtung auf. Ich gehe noch ein paar wenige Schritte, und kurz vor meiner Straße werde ich eigeholt von jemandem, dessen Silhouette ich nicht erkenne. Die Schritte hinter mir gelangen nur wenige Sekunden zuvor an mein Gehör. Dann sperrt mir die Person einen Fuß zwischen die Beine, und ich werde an der linken Schulter zu Boden gedrückt. Zwei Hände schieben mich zielstrebig nach unten, und alles geht sehr schnell, ich kann kaum Kraft zur Wehr ausüben. Der Versuch wird mit dem ersten Tritt in die Magengrube beantwortet, ein weiterer folgt in die Kniekehlen, so dass ich zu Boden gehe. Meine Hände, die Schulter und schließlich die Wange landen auf dem kalten Herbstasphalt. Die Schuhspitze des Unbekannten landet noch vor meinem Überkreuzen der Arme in meiner Brust – der letzte Tritt, bevor das Gesicht an der Reihe ist. Ein Hieb trifft mich auf den Nacken, es peitscht regelrecht, und die Gestalt scheint skrupellos zu sein, denn der darauf folgende Tritt trifft meine Nase und ich höre das Knacken eines Knochens im Zentrum meines Gesichts. Die Geräusche vermischen sich: Stöhnen, Schnauben, die Wucht und das Schürfen von Schuhen und Gliedmaßen auf dem Teer.

Der Boden ist kalt. Ich bleibe dann noch ein Weilchen liegen und fühle den roten Eisengeschmack auf der Zunge, der mir aus der Nase in den Mund sickert, oder woher das da auch immer gerade kommt. Ein paar Tropfen landen auf dem Boden und machen Flecken, über die die Nacht später Herbstblätter schieben wird.

15. Oktober 2013

Und wenn es nicht klappt,

bleiben uns die schönen Momente. Die schlechten Witze am Telefon. An meine Schulter gelehnt imitierst das Geräusch eines iPhones, das ans Akkuladegerät angeschlossen wird. Deine Augenlider, die immer so schön flackern, der Erdbeerfleck neben der rechten Brustwarze. All die gute Musik, und die Orte, die nun immer deinen Beigeschmack und unsere gemeinsame Duftmarke tragen.

3. Oktober 2013

Vier Dinge für mehr Fröhlichkeit

Manchmal sind es die kleinen Dinge des Alltags, die Großes bewirken: Vier Gegenstände auf meiner geheimen Wunschliste.

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Das puschelige Lenkrad: Nicht, dass ich ernsthaft über die Anschaffung eines Autos nachdenke, aber hätte ich eins, wäre der puschelige Lenkradüberzug das erste Accessoire. Er umschmeichelt die Handflächen und unterbindet jegliche Stresssituationen beim Fahren.

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Der Handstaubsauger: Unsere Brotschneidemaschine ist eins der wichtigsten Küchengeräte – und gleichzeitig eins der bröseligsten. Wie genugtuend wäre es, all die Brotkörner mit einer einfachen Handbewegung aufzusagen – man denke nur mal an das herrlich knisternde Geräusch!

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Die Stirnlampe: Beim Abspülen in der Wohnung eines Freundes trug ich neulich eine Stirnlampe und bemerkte: Alles wird so viel klarer durch einen konzentrierten Lichtstrahl! Jede Aktivität wird ordentlich beleuchtet und liegt mehr im Fokus. Großartig!

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Der Poncho: Ich verweise hiermit auf meine Lieblingsszene der britischen Serie The Mighty Boosh: Es ist im Grunde unmöglich, unglücklich zu sein, während man einen Poncho trägt. Ich habe es getestet und bemerkt: Stimmt!

28. Februar 2013