Wie die Nase eines Mannes

Als noch Sommer war: Nadine und ich sitzen auf einer Decke im Park und lassen die warme Luft um unsere Knöchel streifen. Das ist eine gute Beschäftigung, und gesund für die Knöchel. Alte Leute wissen: was den Füßen gut tut, hilft dem ganzen Körper. Im entfernteren Sinne könnte man hier an den Fußpfleger Claude aus Frauke Finsterwalders Film „Finsterworld“ denken, der die abgeraspelte Hornhaut seiner Patienten in den Teig seiner Plätzchen mischt, die er dann wiederum seinen Patienten schenkt.

Wir sitzen also so da, und auf Nadines Nase landet ein Tier. Es ist ein Brummer, wo Nadines Nase doch so klein und zart ist, und als ich genau das bemerke, erwidert Nadine, Ja ja, das stimmt, und wäre dieses Flugobjekt auf deiner Nase gelandet, wirkte es ganz klein, nicht wahr, du mit deiner großen Nase.

Ich muss schon sagen, Nadine ist geübt, was Anspielungen auf meinen etwas kantigen Körper angeht. Als ich ihr von der Idee erzählte, mein Ohrloch mit einem circa fünf Millimeter breiten Tunnel durchbohren zu lassen, wies sie mich nach kurzem Überlegen nüchtern darauf hin, dass sie an meiner Stelle diese Ohren nicht noch mehr betonen würde.

Ich ließ die Bemerkung unkommentiert, und der Gedanke daran führte mich zur Erinnerung an meinen ehemaligen Klassenkameraden Max, der unglaublich große Hände hatte (und sie vermutlich immer noch hat!). Bei jeder Möglichkeit, die Diskussion im Klassenraum voran zu treiben, wuchtete Max seine maximal dimensionierten Handflächen wild gestikulierend durch das Zimmer, stets darauf bedacht, seine Argumente mit einem ordentlich nachwirkenden Windstoß zu untermalen.

Und genau das ist doch das Gute an unseren kantigen, unförmigen Körpern: Die Dramatik; die Karikatur, die wir unserer Erscheinung verleihen, und ich, wie ich mit meiner sonnensegelgroßen Nase windschnittig durch die diesjährige Sommerluft düsen werde.

20. Januar 2014

Ein letztes Glimmen

Das Schreiben von Jahresrückblicken fällt mir von Jahr zu Jahr schwerer. Gefühle, nicht erreichte Ziele, Zufälle und Glücksgriffe verschwimmen im Laufe der Monate, und ich traue mich nicht, Schlüsse daraus zu ziehen. Es passiert nicht, dass mir zum Dezemberende hin alles klar wird und ich im neuen Jahr alles besser machen will. Das geschieht eher gleitend.

Auch Vorsätze für das kommende Jahr formuliere ich nicht mehr, habe ich noch nie eingehalten und kenne mich auch zu gut; daraus wird nichts. Dafür bin ich zu sehr im Hier und Jetzt, ich finde es schwierig, eine klare Strategie für das Leben auszumachen. Ich bin froh, wenn ich die wichtigsten Ereignisse der letzten zwölf Monate zusammengekratzt bekomme; die werden gebündelt und verstauben ab jetzt in einem Dokument. Wie so vieles vom Leben Gelernte.

Und Silvester, dieses Flackern zur letzten Stunde des aufgebrauchten Jahres, das verschwindet auch immer mehr. Zu laut das Großstadtrauschen, zu hoch die Erwartungen: So ist es doch immer – alle wollen die beste Nacht des Jahres, einen krönenden Abschluss, und in letzter Sekunde passiert immer etwas unvorhergesehen Schlimmes.

Trotzdem kann ich euch verstehen: Diese Euphorie auf etwas Neues, Unverhofftes, alles wird besser im nächsten Jahr. Einen Schnitt machen wollen; das stetig flackernde Gefühl. Wir brauchen diese Lücke, die es zu überwinden gilt, um etwas Neues zu beginnen: Besser schneller schöner vernünftiger ordentlicher und so weiter. Der Sprung ist unser Ritual. Ich verkrieche mich solange dann in der Lücke. Bis 2014.

30. Dezember 2013

Bernauer Straße

Im InterCity Express Richtung München. Die Frau in der Sitzbank schräg gegenüber von mir leckt mit Genuss den Deckel ihres Joghurtbechers ab. Sie ist hager, hat graues, langes Haar und sieht nicht wirklich gesund aus. Joghurtbecherdeckel ablecken ist ja bekanntlich auch nicht gesund.

Ich frage mich, warum es mir so schrecklich schwer fällt, mich mit Fremden zu unterhalten. Meinen Tischplatz teile ich mit einem Mann Ende 20, mit Schwarzer Denkerbrille, Dreitagebart und traurigem Blick. Auf dem Tisch hat er ein Notebook, eine Ledertasche und ein Notizbuch mit der Aufschrift »Bernauer Strasse« ausgebreitet. Manchmal guckt er verlegen aus dem Fenster.

Wir hätten sicher ein paar bereichernde Sätze zu wechseln. Ich glaube, er arbeitet an einem Film. Er schreibt jedenfalls viel. Und er liest »We have to talk about Kevin«. Ich weiß nur nicht, wie ich das Gespräch eröffnen soll – und vor allem nicht, wie ich es länger als drei Minuten am Leben erhalten könnte. In solcherlei Situationen habe ich irgendwie Angst vor Menschen. Vor seiner Expertise in Sachen Film, Bernauer Straße und Grübeln. Vielleicht ist es auch mehr die Stille, die immer folgt, die ich nicht mag; vor der ich schon mal vorsichtshalber Angst habe.

2. Dezember 2013

Learn The Rules

Von unten her: deine brauen Sohlen, dick wie Kinderhände, sind das einzig Farbige an deinem Outfit. Sie halten die klassischen schwarzen Doc Martens Halbschuhe, deren Kappen angekratzt und gut getragen aussehen. Aus diesen schweren Schuhen ragend, zwei zarte Knöchel mit dünnen Mädchenbeinen dran, die wiederum in eine schwarze Strumpfhose gefädelt. Darüber ein Paar schwarze Socken, die du ordentlich nach oben gezogen hast – es sind, weiträumig verteilt, kleine weiße Punkte darauf.

Weiter hoch: Ein Rock endet zehn Zentimeter oberhalb deiner Kniescheiben. Eine breite Falte wird von zwei augapfelgroßen, schwarzen Knöpfen geziert, aber viel sieht man davon nicht, denn der Cardigan fällt asymmetrisch über deinen Oberkörper. Nur ein Stück der schwarz-matten Seidenbluse, hochgeknöpft bis unter den Hals, schimmert hervor.

Dann bis ganz nach oben: Deine langen schwarzen Haare fallen dir über die Schultern, nicht ganz zahm, aber endend in einem säuberlich gestutztem Pony, der horizontal tief in deine Stirn ragt. Fast wie ein Helm wirkt dein Haarschnitt, einerseits schützend, andererseits gleich der Überzeichnung einer Comicfigur. Darunter hervor lächelt dein asiatischer Blick; die Augen, die den Witz aus deiner Erscheinung nehmen. Zaghaft aber doch stilsicher steht die schwarze Gestalt in der gelben Straßenbahn.

24. November 2013

Kalter Kaffee

Was mich glücklich macht, sind die Archive unserer Blogs, in die man flüchten kann; zurück leben in den Jahren, in denen mit einer Gelassenheit so viel Kleines und Großartiges entstanden ist, und in den Momenten bin ich wirklich froh, dass das Internet nichts nichts nichts vergisst.

19. November 2013

Über Beleidigungen

In letzter Zeit wurde ich mehrmals auf unfeine Art beleidigt. Einfach so, auf offener Straße – ganz ohne Scherz! Als ich beispielsweise neulich aus der U-Bahn stieg und eine Blume für die neue Vase in unserer Wohnung kaufte, zischte mir der Teenager auf dem Rad, der mir vorher auch eindringlich ins Gesicht gestiert hatte, ein abfälliges »Schwuchtel« zu. Wegen einer Blume! Also bitte.

Ein anderes Mal, als ich am Bahnsteig der Friedrichstraße entlang lief und einen neuen Titel auf meinem mp3-Player auswählte, murmelte eine Frau unüberhörbar »Schau nach vorne, Brillenschlange.« Brillenschlange! Ich war mir gar nicht bewusst, dass es alberne Beschimpfungen wie diese überhaupt noch gibt.

Nicht nur ist die Tatsache absurd, dass Leute tatsächlich noch von wirklich flachen Beschimpfungen wie »Schwuchtel« und »Brillenschlange« (!!!) Gebrauch machen – Es fällt mir schon von vornherein schwer, nachzuvollziehen, wie es Leute aus heiterem Himmel dazu hinreißen kann, eine absolut fremde Person, die man noch nie gesehen hat und vermutlich auch nie wieder sehen wird, zu beleidigen – das sind doch verschwendete Emotionen. Ich wünschte, ich hätte manchmal die Kraft, meine Wut so nach außen zu tragen; aber doch eher zu Leuten, die mir etwas bedeuten, wo sich das dann auch wenigstens lohnt, und man weiterkommt.

Gleichzeitig weiß ich nicht, was mich mehr ärgern soll: Die Beschimpfung selbst, oder meine Reaktion darauf. Meistens bin ich nämlich so perplex (also mal ernsthaft, wann wurdet ihr zuletzt Brillenschlange genannt?!), dass ich einfach so tue, als hätte ich es nicht gehört, und rede mir ein, dass ich mich verhört haben muss. Doch eigentlich würde ich gern kontern, auf die Albernheit der Beleidigung hinweisen, lässig durch meine coole Sonnenbrille hindurch zwinkern, oder dem Radfahrer einen Strauß Strelitzien zwischen die Speichen jagen. Aber ich tue nichts. Ich lasse den Griesgram schimpfen und tue so, als hätte ich nichts gehört.

Und dann ist da natürlich noch, bei aller Professionalität, mit der man so eine Beleidigung einsteckt, der doofe Nachgeschmack; die nicht zu verleumdende Tatsache, dass es wirklich ein wenig in der Magengrube weh tut, wenn man »Schwuchtel« genannt wird, und die Verärgerung, dass Leute so albern-bösartige Kommentare nötig haben.

Es hilft wohl nur, sich doppelt an der Blume zu freuen, und doppelt scharfsinnig durch die gern getragene Brille Ausschau nach den richtigen Menschen zu halten, mit denen es sich lohnt, ärgerfreie Zeit zu verbringen.

25. Oktober 2013