Kann dieses Brezel mehr Fans als Tokio Hotel haben?

Seit Anfang des Jahres klebt an meiner Wohnungstür ein Post-It, das mir immer beim Verlassen des Hauses ins Blickfeld springt. EIN TEXT AM TAG steht darauf, in ungelenken, krakeligen Versalien.

Ich habe das Post-It geschrieben, um die Zeit, die ich in Zügen und Wartephasen verbringe, effektiver zu nutzen. Im Status Quo starre ich in mein Mobiltelefon, hin und wieder lese ich sogar ein paar Seiten meiner aktuellen Lektüre. Aber primär verstreicht die Zeit als Wartezeit. Ein motivierender Zettel sollte das ändern.

Seit Anfang des Jahres, seit dem Aufhängen des Post-Its, habe ich keinen Text mehr geschrieben. Ein paar Absätze hier und da, nichts formhaftes, nichts echtes. 35 Entwürfe, die lediglich aus einer Headline bestehen (weil sie gut klingt). Heute habe ich den Zettel abgenommen. Ab heute geht es weiter. 00:01. Publish.

21. Februar 2015

Kurze / Januar 2015

Auf der Rolltreppe steht ein junges Pärchen, und als ich mich auf den Weg nach oben mache, starrt die Frau mich lange an; ist kurz davor, ihrem Partner etwas zuzuflüstern. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen angrinsen und beschämt wegsehen.

Einer der fünf Jungs lehnt immer am Gitter des Sportplatzes, mit scheuem Blick der Welt da draußen zugewandt, und wenn ich Abends mit dem Rad am an ihm vorüber fahre, streichen seine Finger ganz langsam von Gitterstab zu Gitterstab, und dann bin ich schon an ihm vorbei.

Da ist ein Entsetzen in Michaels Blick, als er das Feuerzeug auf meinem Schreibtisch sieht; rauchst du jetzt etwa auch, fragt er.

Woher die Leute ihre Geduld nehmen für die Verschlafenheit der Katertage, die sie nach ihren vielen Gin Tonics erwartet, frage ich mich manchmal, aber nicht zu sehr, denn ich gönne es ihnen, genau wie ich euch eure Zigaretten gönne und eure Autos und

Eines nachts höre ich es: ein Flüstern im Hausflur, Treppensteigen. Das türkische Mädchen, das über mir wohnt, ruft sanft den Namen ihrer Katze. Tzschiep tzschiep tzschiep. Ich kenne nun einen türkischen Katzennamen, und auch die Ursache des beißenden Geruchs im Treppenhaus.

Der Indikator für einen schlechten Tagesstart ist der Moment, in dem man die Creme auf den Handflächen verteilt, die Hände Richtung Gesicht führt und dann mit richtig viel Kraft das Gesicht einbalsamiert, ohne vorher die Brille abgenommen zu haben.

17. Januar 2015

Kennt ihr das auch?

Kennt ihr das auch,
dass ihr manchmal eine Pause von euren Freunden braucht; die einfach nicht sehen wollt, weil ein blöder Satz gefallen ist oder ihr euch drei Tage am Stück auf der Pelle gesessen habt?

Kennt ihr das auch,
dass ihr manchmal von der Arbeit nach Hause kommt und auf dem Badezimmerteppich zusammen sinkt, weil man im Bad seine Ruhe hat, weil da keiner ist und weil es niemanden etwas angeht, wie lange man dort bleibt?

Kennt ihr das auch,
dass ihr manchmal hinter Menschen her lauft, weil euch deren Geruch an eine Person erinnert, die ihr mal geliebt habt, oder an ein Haustier, das es nicht mehr gibt? Und ihr lauft dann mehrere duzend Meter mit, weil die Erinnerung so gut tut?

Kennt ihr das auch,
dass ihr manchmal so brennend an der Meinung anderer zu einem Thema interessiert seid, dass ich während der Diskussion kein einziges Wort sagt, bis irgendwann die Stimmung kippt, und ihr gar kein Wort mehr zum Thema sagen wollt?

Kennt ihr das auch,
dass ihr wochenlang auf einen Moment hin fiebert; ein Treffen ein Gespräch das Ende eines Wartens, und dann, wenn alles geschafft ist und ihr angekommen seid, wünscht ihr euch so weit wie nur irgendwie möglich entfernt vom Hier und Jetzt?

25. Dezember 2014

Zum Ende des Kapitalismus

Wir sitzen spätabends im Schnellrestaurant, und mein guter Freund S. erzählt mir vom Ende des Kapitalismus. Es gäbe zwei Möglichkeiten, sagt er: Mit der einen bricht der Kapitalismus entzwei und alles Geld wird wertlos. Mit der anderen explodiert die Wissenschaft – so in zehn, zwölf Jahren – und knackt den Schlüssel zur künstlichen Intelligenz. Binnen kürzester Zeit werden sämtliche Arbeitskräfte (er wirft einen Blick auf die McDonalds-Mitarbeiter hinter uns) durch Maschinen ersetzt. Alle Arbeit des Alltags wird von Robotern übernommen: die Verkäufer, die Kassierer, die Banker, die Fahrer der U-Bahnen.

In beiden Fällen, sagt S., ist er der Gewinner: Zerbricht der Kapitalismus, verschwindet auch sein Minus auf dem Konto – ein Problem verpufft zu Rauch. Und mit dem Einzug der künstlichen Intelligenz werden wir die Einzigen sein, die die Welt noch braucht; die Kreativen, Intuitiven, deren Schaffen noch nicht durch Mathematik zu bezwingen ist.

29. November 2014

Im November

Was mir nicht zusagt, ist die Tatsache, dass die Tage einfach so verstreichen; wenn ich im Halbdunklen aufstehe, mich aus dem Bett ins Büro schäle und hier bin, bis irgendwann zum Nachmittagskaffee das Licht draußen wieder verschwindet. Dann ist aus Anfang plötzlich Ende November geworden, ohne dass etwas geschehen ist – oder zumindest ohne, dass ich es als Geschehenes wahrgenommen hätte.

20. November 2014