Zur blauen Stunde

Es war der erste Sturm nach einer Reihe von heißen Sommertagen im Juli, der die Blaulichter in unsere Straße trieb. Kurz vor Mitternacht, und das Wohnzimmer füllte sich langsam mit dem Geschrei der Nachbarn; Kinderschritte auf dem Asphalt, Zurufe hallten an den Hauswänden entlang. Es war auch der erste Sturm, der den Schwefelgeruch in meine Wohnung trug. Und dann die Feuerwehrautos, meine Vermutung bestätigend, wie sie in ihrer Masse in die Straße rollten und die Leute magnetisch aus den Häusern zogen.

Unsere enge Straße war in ein sonderbares Licht getaucht – die Nacht, vermischt mit den grellblauen und roten Lichtern der Feuerwehrautos, den Polizeisirenen und dem Hundegebell; all das flackerte über die Wände und durchzog die Straße mit wilden Schatten. Immer mehr Menschen stolperten aus ihren Hauseingängen auf die Straße, um zu beobachten: Wie die Feuerwehrmänner den Schlauch auskurbeln, in den Hauseingang hinein und wieder heraus hasten, uniformiert und konzentriert. Die Kinder sind in der Überzahl. Sie untermalen das Rauschen und Blinken der Autos mit schrillen Jauchzern und Getrampel.

Am Fenster stehend schäme ich mich; komme mir noch schlimmer vor als die Gaffer da draußen auf der Straße. Über und unter mir schieben sich auch hin und wieder vereinzelt Köpfe in die Nacht; wir versuchen, unsere Ahnungen mit Beobachtungen zu untermauern. Aber alles ist ungewiss. Auf dem Gehweg unter dem Fenster torkelt ein Mann vorbei, hustet, röchelt, kommt ins Wanken. Die Frau bietet ihm eine Zigarette an. Er verschwindet. Und dann, aus dem Haus mit dem Rauch kommt ein Schrei, der das Gelächter und Geplauder durchzieht wie ein Schützengraben. In ihm: kein physischer Schmerz, keine Angst und keine Panik, so klingt ein Verlust; das Ablösen einer Kruste; das ins Schloss fallen einer Tür.

Nach dem Sturm vergeht eine Stunde, oder zwei. Die Nacht zwischen den Häusern hat sich beruhigt, und es steht zur Debatte, die Fenster doch über Nacht offen zu lassen, obwohl es immer so lärmt. Alles beim Alten, die Köpfe ziehen sich zurück.

29. Juli 2014

Günter Eich – Träume

Ich merkte es unterwegs. Ich sah gerade auf die Uhr, es war 17 Uhr 30, da merkte ich es. Jetzt sitzen sie mir am Herzen. Es tut nicht weh, aber ich bin ganz ausgehöhlt. Wenn du mich anfasst, zerfalle ich.

Günter Eich – Träume

14. Juli 2014

Der Sommer, der heiß von der Stirn rinnt

Im Sommer, in der Hitze, durchziehen tausend Farben mein Gesicht. Die Stirn unter dem hundeblonden Haar glänzt mattrosa, grobporig. Zu den Augenbrauen hin wird die Haut weißer, zieht ein helles Oval um das Gesicht bis herunter zum Kinn. Zwischen den struppigen Schläfen sitzen zwei kleine graue Augen, gläsern, unterzogen von einem wasserblauen Streifen, Pünktchen, Äderchen, umrahmt von der erdbraunen Brille. Ganz tief in der Mitte thront das Gestell, darunter leuchtet der fleischrote Nasenrücken, kantig und schweißschimmernd; er zieht sich vertikal durchs Gesicht. Blaue Lippen, als käme ich gerade aus dem Wasser gestiegen, und dann vereinzelt: wundrote Haut vom Rasieren, Leberflecken, Sonnenflecken, und dazwischen die vielen asymmetrischen Druckstellen vom Grübeln.

10. Juli 2014

Anderer Mütter Kühlschränke

Als Kind fand ich es immer extrem verwerflich, wenn ich in den Kühlschränken meiner Freunde eine Fünferbatterie Kinder Pingui entdeckte. An den heißen Sommertagen, die Stefan und ich im Hof verbrachten, pausierten wir manchmal in seiner Küche, um Limonade zu trinken. Der kleine Bruder schlich dann um unsere Beine und öffnete irgendwann die Kühlschranktür, um im Seitenfach drei Kinder Pingui aus der Packung zu lösen, uns zu überreichen und sich bei uns beliebt zu machen.

So etwas gab es in unserem Kühlschrank nicht. Nichts dergleichen, nicht einmal Milchschnitte. Meine Mutter weigerte sich. Das Verlangen danach wurde uns ausgetrieben, als ein Reigen an Müttern im Kindergarten einmal versuchte, den Nachwuchs mit der »gesunden Milchschnitte« zu überzeugen: Zwei Pumpernickelscheiben, deren Innenseiten sparsam mit Quark und Honig bestrichen waren. Sämtliches Interesse ging ohne Verzögerung beim ersten Happen verloren; wir nahmen hin, dass Milchschnitten verwerflich waren, und das Leben keinerlei Alternative bereit hielt.

Nur die Kühlschränke der Freunde waren gefüllt damit. Und heute, wo ich meinen Kühlschrank selbst befülle, bemerke ich: Ich fand es natürlich nicht verwerflich, ich war einfach nur neidisch. Und obwohl ich an Trotzigkeit und Regelbruch nie sonderlich interessiert war, kaufe ich heute, hin und wieder und nur ganz selten, eine Fünferbatterie von diesem künstlichen Süßkram. Mütter, euer Pumpernickel hat nicht gesiegt. Nicht in diesem Fall.

5. Juli 2014

Nachricht von M.

Mein Exfreund schoss mit seiner gesamten Clique ins B. Zum Glück trafen wir uns nicht, ich wäre sehr betroffen gewesen. Ich traf nur seine Freunde. Ich habe mich dann selbst sehr getroffen, mit viel Special K. Das war sehr dumm von mir.

9. Juni 2014

Benehmen

Es wird Zeit, dass mein Freundeskreis anfängt zu heiraten und Kinder zu bekommen, damit ich mich auf den Hochzeiten schlecht benehmen und den Kindern schlechtes Benehmen beibringen kann.

6. Juni 2014

Es gibt Texte, die muss man eigentlich auch nicht veröffentlichen

Manchmal sitze ich mit krummem Rücken auf meinem Schreibtischstuhl und starre in den Monitor, die kleinen weißen Lichtpunkte starren zurück, und ich merke erst ganz spät, dass meine Nase blutet. Nur als der erste rote Tropfen auf der grauen Tischplatte landet, entkrümmt sich der Rücken für eine kleine Sekunde, und stets aufs Neue bin ich minimal geschockt.

Währenddessen höre ich das immer gleiche Lied, weil es das Erste in der „Stared“ Liste ist, und es summt jemand melodisch zum Geschrei des Nachbarn auf der Straße unten, der seinen Sohn wieder tadelt, immer mit diesem speichelfeuchten Röcheln in der Kehle; sein Kopf muss so blutrot sein wie der Tropfen, der eben aus meiner Nase fiel.

Ich stecke den Finger rein und gucke, ob da noch mehr kommt, und dann stürzt ein roter Schwall aus meinem Gesicht und macht die Tastatur dreckig. Ich drücke nochmal gegen die Nasenflügel, für die zweite Ladung. Jeder weiß: den Kopf niemals in den Nacken legen; das Blut nicht in den Kopf laufen lassen. Da bräuchte ich es aber eigentlich. Immer schön nach vorne bücken; laufen lassen; da ist der krumme Rücken ja vorteilhaft.

Am liebsten mag ich, wenn man nach einigen Stunden noch irgendwo auf der Haut eine nicht entfernte, dünne Blutkruste findet, und die dann abschrubben kann, unter warmem Wasser. Mit richtig Schmackes abreiben, wo man ja in der Zeit zuvor den Kopf nur ganz vorsichtig bewegte: Nur nicht zu schnell, sonst geht es wieder los, nix raus lassen. Ganz sachte. Bis es trocken ist. Bis zum nächsten Tadel.

27. Mai 2014