Und ich träumte,

durch die leeren Straßen meiner ehemaligen Heimatstadt rennend: In der Dämmerung, einige dutzend Meter hinter mir, spaziert ein Mann. Weil ich pinkeln muss, beschleunige ich meinen Gang; der Mann tut es mir gleich. Er kommt mir näher. Ein zweites Mal drehe ich mich nach ihm um; verwirrt und beunruhigt. Der Mann hat langes, dunkles Haar, zum Pferdeschwanz gebunden. Dunkle Klamotten und unreine Haut, sein herbstgraues Gesicht erinnert mich an Aphex Twin. Er guckt streng und schreitet forsch. Ich schreite forscher, fange irgendwann an zu laufen, gehe in ein unbeholfenes Joggen über; der Mann hält Schritt. Mit einem dritten flüchtigen Blick nach hinten biege in meine Straße ein, der Mann kommt zu nah; schlage Haken zur Türe meines Elternhauses, drücke mit einem Herzschlag die Klingel –

— Und in der Sekunde, in der mir meine Mutter öffnet, kommt der Schnitt, mein Körper steht reglos da, und anstatt in mein Gesicht blickt Mutter in das fiese Grinsen des Verfolgers.

25. Oktober 2014

Funktion One

Wie du da stehst, neben dem Turm, im Dunkeln, im Nebel. Ein bisschen wie Stahl, ein bisschen wie Holz, wie ein Wald, wie ein Krieg durchdringt uns das Donnergrollen. Wie das Glimmen deiner Zigarette die Nasenspitze zum Leuchten bringt. Und das harte Arbeiten der anderweitigen Körper, nur du ruhig dastehend und wie du abwegig drein schaust, den Blick nach unten gerichtet. Und ach ja, hier ich, am anderen Ende des Nebels, jage Blicke durch die gelegentlichen Funken, die den Raum zitternd machen und wie ich durch die Nebeldecken grabend, auch zittern muss. Ein Zeitstop in meiner Verfolgungsjagd, Blaulicht, Flackern, Lärm und Muskeln – Ich Enter The Void, grabe mich vor, auf dich zu, und du da am Rand, formst die Mitte hier drin.

8. Oktober 2014

Über das Begründen von Entscheidungen

Mein Freund Lenni hat sich ein Auto gekauft, nachdem er zwei Jahre damit verbracht hat, sein Portemonnaie mit der täglichen Nutzung von DriveNow zu entleeren. Nun fährt er also jeden Tag einen eigenen, schwarzen BMW von Friedrichshain nach Kreuzberg.

Warum er nicht Fahrrad fahre, habe ich ihn gefragt – wegen des vielen Architektengepäcks, bekam ich als Antwort. Warum er dann nicht Bahn fahre, habe ich ihn gefragt – wegen der vielen unangenehmen Menschen, hat er geantwortet. Dann warf ich noch drei Sätze zu überfüllten innerstädtischen Straßen, Lärmbelastung und Umweltverschmutzung hinterher, und schließlich ließ ich ihn in Ruhe sein Auto kaufen.

Eigentlich ist es nämlich nervig, wenn man einen konkreten Plan, einen Wunsch oder ein Bedürfnis hat, das man sich erfüllen möchte, und ständig nur von allen Seiten hört, dass das schlecht für die Umwelt, das Umfeld oder das Karma sei. Lenni erzählt, er habe sich selten für eine Entscheidung so sehr erklären müssen wie für den Kauf eines eigenen Autos.

Dass man dabei vehement das Gefühl hat, sich selbst rechtfertigen zu müssen, und ob der Vorwurf dann direkt oder ganz unterschwellig durch die Blume kommt, ist anstrengend und stiftet Missmut. Macht doch was ihr wollt! Nur weil ein Grund nicht der eigene ist, ist es noch lange nicht kein Grund.

27. September 2014

Trouble Will Find Me

Standing at the port, with my chest beding over the quay. My eyes on the horizon; an angler and his sailboat, an island and it’s bridge. It’s quiet, no people, it’s loud, a storm is coming.

Dass das hier ein Ort ist, in den ich Gedanken legen kann mit der Sicherheit, dass sie nicht zu mir zurück kommen werden, so wie auch ich nicht vorhabe, hierhin nochmals zurück zu kommen; das erlaubt mir eine gewisse Erholung.

If I stay here / trouble will find me
If I stay here / I’ll never leave
If I stay here / trouble will find me
I believe.

2. September 2014

Die Silence darf nicht zu drastic werden

Ich hab zugegebenermaßen considered, die Content Strategy in diesem Blog zu ändern. Ich weiß, dangerous, weil die Leserschaft hier Quality Content erwartet. Und trotzdem teasen mich kleinere snippets; snackable Micro Formats, die einfach besser digestable sind. Ich frage mich oft, wie ich das ganze Zeug hier enrichen kann, aber am Ende bleibt es total fragmented, und das ist ja auch okay somehow, wisst ihr; es muss ja nicht immer alles total polished sein. Man muss auch nicht immer super frequently delivern – es kann auch mal eine Zeit lang nichts passieren. Wichtig ist, dass man das timeboxed, und auf dem Schirm hat, dass die Silence nicht zu drastic werden darf. Sonst droppen die visits und die bounce rate steigt mega an; das ist dann nicht so nice. Ich will euch ja engagen; darum geht es mir ja. Engage with great content. Das ist hier die message.

18. August 2014

Heimat

Das Warten am Bahnsteig in der Dämmerung, die Zigarette im Mundwinkel, auf den nächsten Regionalzug, der uns rausbringen soll aus diesem Kaff, wenigstens für ein paar Stunden in die Stadt. Dass auch den blöden Dingen im Leben eine Poesie innewohnt, nehmen wir erst wahr, wenn wir uns von ihnen befreit haben.

2. August 2014

Zur blauen Stunde

Es war der erste Sturm nach einer Reihe von heißen Sommertagen im Juli, der die Blaulichter in unsere Straße trieb. Kurz vor Mitternacht, und das Wohnzimmer füllte sich langsam mit dem Geschrei der Nachbarn; Kinderschritte auf dem Asphalt, Zurufe hallten an den Hauswänden entlang. Es war auch der erste Sturm, der den Schwefelgeruch in meine Wohnung trug. Und dann die Feuerwehrautos, meine Vermutung bestätigend, wie sie in ihrer Masse in die Straße rollten und die Leute magnetisch aus den Häusern zogen.

Unsere enge Straße war in ein sonderbares Licht getaucht – die Nacht, vermischt mit den grellblauen und roten Lichtern der Feuerwehrautos, den Polizeisirenen und dem Hundegebell; all das flackerte über die Wände und durchzog die Straße mit wilden Schatten. Immer mehr Menschen stolperten aus ihren Hauseingängen auf die Straße, um zu beobachten: Wie die Feuerwehrmänner den Schlauch auskurbeln, in den Hauseingang hinein und wieder heraus hasten, uniformiert und konzentriert. Die Kinder sind in der Überzahl. Sie untermalen das Rauschen und Blinken der Autos mit schrillen Jauchzern und Getrampel.

Am Fenster stehend schäme ich mich; komme mir noch schlimmer vor als die Gaffer da draußen auf der Straße. Über und unter mir schieben sich auch hin und wieder vereinzelt Köpfe in die Nacht; wir versuchen, unsere Ahnungen mit Beobachtungen zu untermauern. Aber alles ist ungewiss. Auf dem Gehweg unter dem Fenster torkelt ein Mann vorbei, hustet, röchelt, kommt ins Wanken. Die Frau bietet ihm eine Zigarette an. Er verschwindet. Und dann, aus dem Haus mit dem Rauch kommt ein Schrei, der das Gelächter und Geplauder durchzieht wie ein Schützengraben. In ihm: kein physischer Schmerz, keine Angst und keine Panik, so klingt ein Verlust; das Ablösen einer Kruste; das ins Schloss fallen einer Tür.

Nach dem Sturm vergeht eine Stunde, oder zwei. Die Nacht zwischen den Häusern hat sich beruhigt, und es steht zur Debatte, die Fenster doch über Nacht offen zu lassen, obwohl es immer so lärmt. Alles beim Alten, die Köpfe ziehen sich zurück.

29. Juli 2014