Über Medien

Black Marble: Bigger Than Life

Gerade habe ich überraschend viel Freunde daran, hier über Musik zu schreiben. Es geht, nach Hatchie, also direkt weiter mit meinem aktuellen Dauerbrenner: Dem 2019 erschienen Album Bigger Than Life von Black Marble. Entstanden ist das Album allerdings in LA, und so hört es sich auch an; sonnenbestrahlte Cold Wave Songs, analog-oszillierend zwischen NY und LA, und das alles klingt so furchtbar nach fadenscheinigem Musikjournalismus, dass Martin mir für diesen Text persönlich die Rübe abreißen wird, aber: I’m in for it! Das großartige Cover hatte ich vor einiger Zeit auf Instagram gesehen und wieder vergessen, obwohl eigentlich schon das Foto allein all the feels auslöst. Jeder kennt die Situation, und dass man sich in den 40 Minuten, die das Album durchspielt, in diese Umarmung hinein fühlen kann, das ist doch schon was; mehr braucht es doch gar nicht.

Ganz nebenbei ist die Musik dazu dann aber auch noch großartig, und perfekt geeignet für Wohnzimmersockentanz und Sommervorfreude. Live haben wir sie gerade leider verpasst, also bleibt erst mal nichts anderes, als das Album beim Streaming-Dienst eures Vertrauens rauf und runter zu hören. Viel Spaß!

Black Marble: Bigger Than Life (Sacred Bones Records) bei Bandcamp, Spotify, Apple Music

Streams of Consciousness

image of a scarf with a glitch in its pattern

Ich denke darüber nach: Was sind heute noch gute Orte im Internet? Was kann ich ansteuern, das mich wirklich glücklich macht, erhellt, und mich mit einem guten Gefühl zurücklässt?

Früher kam ich von der Schule nach Hause und war voller Vorfreude darauf, die Lesezeichen meines Browser anzuklicken; Neues zu erfahren von Leuten, die mich wirklich interessierten; Themen, die mich anfixen konnten und meinen Horizont erweiterten. Damals waren das Blogs, und sie waren überschaubar: Vielleicht ein Duzend Websites, deren Autorinnen und Autoren echt waren, und denen es um die Inhalte und Geschichten ging. Spreeblick, Popnutten, Hurra, Gegenfrage, Franziskript, Riesenmaschine, you know who you are.

Heute gibt es diese Orte kaum noch. Oder es sind viel zu viele geworden: Ich folge auf Instagram und Twitter nur Menschen, die mich interessieren – aber es ist alles zu schnell und zu einfach. Digitale Inhalte verschwimmen und zerlaufen und sind zu sehr angereichert mit Irrelevantem. Das Dilemma ist, dass man nur durch Quantität an der Oberfläche bleibt, und da ist Überflüssigkeit folglich vorprogrammiert.

Marcel sagt, er habe sich komplett von seinen digitalen Newsstreams verabschiedet. Kein Instagram mehr, kein Twitter, keine Nachrichten. Nichts davon bringe ihn weiter, sagt er; er verpasse ja nichts, wenn er diesen Twitter-Streit oder jenen bissigen Kommentar nicht mitbekomme. Im Gegenteil: all das wühle ihn unnötigerweise auf. Das geht mir auch so; wann hat mich zuletzt eine flüchtige Online-Debatte bereichert? Ich fürchte, das ist zehn Jahre her (wenn es diesen Moment überhaupt je gab).

Stattdessen lese er eine Wochenzeitung, die ihm die Geschehnisse und Themen kondensiert und gleichzeitig vertieft. Auch das fand ich plausibel. Ich beneide ihn um seine Konsequenz, und gleichzeitig versetzt mir der Gedanke, nicht mehr mehrere Stunden am Stück in meinem Instagram-Stream zu versinken, einen kleinen Stich. Vermutlich das ultimative Zeichen, dass ich diesen Verzicht mehr als nötig hätte. Vielleicht kriegt man dann mal wieder mehr von anderen Streams mit, und das, was früher in meiner Lesezeichenleiste war, lässt sich heute eher bei gemeinsamen Küchentischabenden oder in Telefonaten finden. Es passiert ja alles gleichzeitig.

Hatchie

Kommt nicht mehr oft vor, aber hin und wieder spielt mit der Spotify Algorithmus dann doch Songs in die generierten Playlists, die tatsächlich dazu führen, dass ich mir Interpret und Titel merke, sogar mal einen Blick in die Songtexte werfe, oder mir Musikvideos und ähnliche Interpreten ansehe.

Zuletzt war das bei Hatchie so – und ehrlicherweise hat da schon der Name gereicht, um mich absolut zu überzeugen. Gesundheit! Hatchie ist der Künstlername der australischen Singer-Songwriterin Harriette Pilbeam, ihr Album Keepsake ist vom vergangenen Sommer, aber mich holt es auch in diesem regnerischen Winter ziemlich ab. Und das Musikvideo zu meinem Dauerohrwurm Obsessed setzt uns einfach mit in den Tourbus und lässt nochmal kurz verlotterte Teenage Dreams aufleben. Ehrlicherweise genau das, was ich gerade brauche.

Hatchie gibt’s bei Spotify, Apple Music, und Bandcamp.

Sommer 2006

Was gäb ich für Küsse wie kalte Kirschen,
Zeit wie Sand am Meer
Was gäb ich her, wenn jeder Tag
wie der erste des Sommers wär.

Mia. – Engel (YouTube Link)

Rilke: Das Stunden-Buch

Cover zu Rilkes Stunden-Buch als Insel Taschenbuch; gestaltet von Willy Fleckhaus, der auch für das ikonische Design der Suhrkamp-Taschenbücher verantwortlich ist.

Jahrelang hing über dem Schreibtisch meines Jugendzimmers ein Stück Karton, auf dem ein Vers aus Rilkes Gedichtzyklus Das Stunden-Buch stand. Ich erinnere mich nicht, woher ich die Zeilen hatte, vielleicht aus einem Film oder einer Deutschstunde, jedenfalls haben sie sich fest in meinen Kopf gebrannt. Und ohne ihre genaue Bedeutung oder ihren Kontext zu verstehen, hielt ich sie für relevant oder schön genug, um jeden Tag daran erinnert zu werden:

Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und wirfst du in mein Hirn den Brand,
so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

Ich kenne mich mit Gedichten nicht aus; meistens finde ich es schwierig sie überhaupt richtig zu lesen. Am ehesten funktioniert Lyrik für mich als Vortrag; so hört man immerhin, welche Stimmung intendiert war. Und je mehr ich über den Kontext des Stunden-Buchs lese, desto weniger räsoniert es mit mir: Ein Großteil im Buch dreht sich im Rilkes Beziehung zu Gott (Stundenbücher oder Horarien nannte man Gebetsbücher zum Stundengebet).

Wenn du der Träumer bist, bin ich dein Traum.
Doch wenn du wachen willst, bin ich dein Wille
und werde mächtig aller Herrlichkeit
und ründe mich wie eine Sternenstille
über der wunderlichen Stadt der Zeit.

Für Laien wie mich funktionieren die meisten Verse aber auch ohne religiösen Kontext. Fast besser noch: Die rhythmische Sprache kann gelesen werden wie eine Andacht, aber an das Leben selbst, oder an eine Person, oder sogar an sich selbst:

Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,
und will niemals blind sein oder zu alt
um dein schweres, schwankendes Bild zu halten.
Ich will mich entfalten.
Nirgends will ich gebogen bleiben,
denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.
Und ich will meinen Sinn
wahr vor dir. Ich will mich beschreiben
wie ein Bild das ich sah,
lange und nah,
wie ein Wort, das ich begriff,
wie meinen täglichen Krug,
wie meiner Mutter Gesicht,
wie ein Schiff,
das mich trug
durch den tödlichsten Sturm.

Ich habe die Zeilen damals alle als Liebesgedichte gelesen. Ganz ohne Gottesbezug, sondern mit dem Gedanken an eine Person; als weltliche Ansprache. Und auch jetzt, wo ich mehr Kontext zu den Gedichten habe, denke ich beim Lesen sofort an Personen – nicht immer an eine bestimmte, aber doch immer an eine direkte Beziehung zu sich oder anderen. Die Vehemenz; die kompromisslose Zugewandtheit der Verse ist das, was mich jedes Mal erschaudern lässt.

Stefanie Schrank: Fabrik

Es ist doch schön, zu sehen, dass sich manche Dinge nicht verändern. Dass manche Sphären immer noch die gleichen sind; sich nicht kontinuierlich entwickeln müssen. Dass es auch Kunst gibt, die nicht immer etwas neues, noch abstrakteres, grenzüberschreitenderes sein muss. Es ist doch schön, dass es Musik gibt, die man nach zehn oder 15 Jahren noch gut finden kann, und die sich seitdem auch nicht komplett verwandelt halt.

Stefanie Schrank ist so ein Fall: Ich habe ihre Musik in der Band Karpatenhund und vor allem Locas in Love geliebt. Und nicht nur das – auch ihre Haltung: Dieses Okay mit sich sein, nicht rebellieren müssen, sondern einfach Spaß an der Sache haben. Und deswegen macht es mich froh, dass eine weitere Single-Auskopplung ihres bevorstehenden Solo-Albums (VÖ am 27. September bei staatsakt) einfach ein Stop-Motion-Film in klassischer Manier ist. No fuzz! So wie wir das im Designstudium früher gemacht haben. Und auch, wenn mir das erste Mal die Musik nicht so zusagt: Schön, dass das alles immer noch da ist.

› Das Video zu »Schrank« bei YouTube
› Stefanie Schrank bei Spotify / Apple Music
› Das beste Lied von Locas in Love: Nein (Bandcamp)

(via musikexpress)

Jamila Woods

Wichtige und gute Musik geht ja sehr oft und sehr gerne an mir vorbei. Nun stolperte ich aber neulich über dieses Audio-Feature des New Yorker, das das neue Album LEGACY! LEGACY! von Jamila Woods bespricht:

On “Legacy!,” Woods is […] looking backward, putting herself in dialogue with a long line of predecessors—from Betty Davis to Sonia Sanchez to Jean-Michel Basquiat—by reanimating them through song. She treats these historical figures not as idols but as artists, for whom existing and creating were acts of subversion, personal salvation, and grace.

Wobei – besprechen ist nicht das richtige Wort, es lässt nämlich vor allem die Musik der Künstlerin für sich sprechen. Selten fand ich Audio in Textbeiträgen so sinnvoll (oder überhaupt sinnvoll) wie hier.

Letzten Endes hat mich der Beitrag über die Künstlerin, die wie erwähnt bisher unbemerkt an mir vorbei gezogen war, aber vor allem auf ihr Debütalbum HEAVN von 2016 aufmerksam gemacht. Das läuft seitdem hier in Dauerschleife, und den Song Bubbles liebe ich besonders.

→ Jamila Woods bei Spotify, Apple Music, und Bandcamp.