Über Medien

Alles Immer!

image of two kids playing Peter Pan

Foto: © Jan von Holleben: Dreams of Flying

Vor etwa tausend Jahren flog mir eine Ausgabe der Chrismon in die Hände. Ich muss so 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein. Zwar war ich damals schon weitestgehend über meine religiöse Phase hinaus (falls ich die jemals wirklich hatte), aber die Themen des Hefts fand ich trotzdem hin und wieder spannend. Dass das Magazin aber stilprägend für meine Jugend und meinen visuellen Blick wurde, hatte einen sehr einfachen, anderen Grund: Es druckte damals die Fotostrecke Dreams of Flying von Jan von Holleben.

Auf den Bildern der Serie, die Jan ca. 2002 begann, werden Traumsituationen in der Horizontalen nachgebaut. Diese Technik ermöglicht die abstrusesten Fantasiewelten – auf Hunden reitende Kinder, durchs Weltall fliegende Astronauten, Ballspiele mit riesigen Steinbrocken. Alles wird am Boden liegend fotografiert, meist mit Kindern in der Haupttrolle, und doch überhaupt nicht kindisch.

Über diese Fotos bin ich neulich bei einer Bildrecherche wieder gestolpert, und ich habe mich erneut mit Jan von Hollebens Arbeit beschäftigt. Die ist mittlerweile natürlich über diese Technik hinausgewachsen, aber immer noch herrlich verspielt, fantasievoll und merkwürdig. Und das Beste: Es gibt sie nun gesammelt in einem dicken Bilderbuch mit dem fordernden Titel ALLES IMMER. Das ist auch das Gefühl, das man beim Durchblättern bekommt: Zurückgeworfen werden in eine Welt voller Möglichkeiten, festhalten am Gefühl der Carefree Childhood, festgehalten in Fotos. Und wer wünscht sich das nicht.

Jan von Holleben: Alles Immer – Das Bilderbuch. Beltz 2019

Tele – Die Nacht ist jung (TV Noir)

Was macht eigentlich die Band Tele? Unklar, aber auch nicht ganz so wichtig, denn Francesco Wilking hat mit seiner Stimme die erste Dekade der Nullerjahre (wow, hässliches Wort!) so perfekt vertont wie keine andere deutsche Indieband. Das wird nochmal deutlich in diesem wunderbaren TV-Noir-Video, das den Song Die Nacht ist jung in seiner melancholischsten Gemütslage präsentiert. Gibt’s auch bei Spotify.

Remembering: NEON Magazin, 2010

Das NEON Magazin, ein mittlerweile eingestelltes Fachblatt meiner Jugend, hatte auf seinen ersten Seiten immer eine Rubrik, in der jungen Menschen große (manchmal auch weniger große) Fragen gestellt wurden. 2010 liefen wir durch den Bergmannkiez und wurden von einem dieser fragenstellenden Reporter angehalten.

NEON: Was findet ihr an euch so richtig gut?
Nadine: Die Narbe an meinem Kinn.
Roman: Meine Brille.
Christoph: Mein Blog …?!

(Breathe In And Out And Go) Easy

Menschen beim Musik machen zusehen ist ja immer eine Freude – und wenn die Leute dann auch noch so gedankenversunken und gut aussehen wie die vier Herren der kalifornischen Band WHY?, lohnt es doppelt und dreifach, sich meinen seit Wochen festsitzenden Dauerohrwurm Easy in der Buzzsession-Variante zu Gemüte zu führen.

Eigentlich müsste man über WHY mal einen längeren, lobhudelnden Beitrag schreiben – wie ich mit Moni und meinen großen Kopfhörern 2008 auf dem Sportplatz lag, wir These Few Presidents hörten und ich mit den immer-schwurbeligen Lyrics nichts anfangen konnte, bis Moni mutmaßte, dass es sich bei den few presidents vermutlich um ein paar Geldscheine handelte, und wie mir Liedzeilen wie You’re a beautiful and violent work / With the skinny neck of a Chinese bird / In a fading ancient painting so nur noch mehr Freude und Poesie bereitet haben. Sollte man mal. Oder einfach die Alben genießen: Auf Apple Music oder Spotify.

Mein persönliches Rauchverbot

Bild von Robert Pfallers Buch »Wofür es sich zu leben lohnt«

Schon vor zwei Jahren erzählte ich in meinem Bekanntenkreis freudig von meinem Vorsatz, nun endlich mit dem Rauchen anfangen zu wollen. Wollte ich natürlich nicht wirklich, aus den offensichtlichen Gründen: Rauchen stinkt, ist ungesund, und dazu noch ziemlich teuer.

Leider finde ich aber auch, dass die Aura des Rauchers eine sehr Erhabene ist; sie setzt ihn auf eine höhere Ebene, von der aus er herabschauen kann auf die Uncoolen, die Unentspannten; die, die sich vom Nichtstun stressen lassen. Der Raucher steht währenddessen lässig mit einer Fluppe zwischen den Fingern an die Hauswand gelehnt und vernebelt sich in giftigem Rauch, mit dem er seinem Umfeld desinteressiert zu verstehen gibt: Ich bin cool genug für dieses Risiko. Ich nehme mich selbst nicht zu ernst (und gleichzeitig doch sehr).

Der Philosoph Robert Pfaller beobachtet in seinem Buch Wofür es sich zu leben lohnt dieses Phänomen der zur Schau gestellten Exzesse: Sie »geschehen offenbar aus Furcht, die Anderen könnten glauben, wir hätten keinen Spaß, wenn sie ihn nicht sehen« (S. 58). Und genau das will ich heimlich: Wahrgenommen werden als jemand, der ordentlich Spaß haben kann.

Ein Fachbegriff für maximale Verspanntheit

Und gleichzeitig: als jemand, der diesen Spaß nicht braucht. Ich habe es natürlich probiert mit dem Rauchen: Heimlich saß ich nachts am Fenster und zog an einer Zigarette; übte, sie lässig zwischen den Fingern zu halten und suchte nach einem Weg, ihren Rauch einigermaßen ästhetisch auszuatmen, ohne dass etwas davon in meine Wohnung geriet. Vor anderen Leuten kann ich das aber nicht; zu albern komme ich mir dabei vor, zu sehr verpasst mir die Zigarette ein Gefühl des Schwindels; eine maximale Verspanntheit.

Auch für diese Unlockerheit hat Pfaller die passende Herleitung: Er nennt sie eine »biopolitische Mentalität«; ein Haushalten mit dem Genuss, der Verschwendung. Im gleichen Atemzug nimmt er das auch scharf in die Kritik: Wer sparsam sei, gehe mit dem Leben um, als wäre es bereits vorbei (S. 172). Im Verschwenden liege die Kultiviertheit der schönen Momente. Das Risiko birgt Lebendigkeit, das Verbotene den Genuss.

Lob der Unvernunft

Wofür es sich zu leben lohnt ist ein gut 250 Seiten langes Lob der Unvernunft, eine sachliche Erörterung des Verbotenen, eine detaillierte Sammlung aller Momente, auf die ich bisher aus biopolitischer Mentalität heraus verzichtet habe. Ich werde vermutlich kein Raucher mehr in diesem Leben. Das ist auch besser so, aber die ein oder andere Seite des Buches hat durchaus meine Einstellung zum Laster verändert: »Das Zerrbild des Genusses ist die Sünde« (S. 52), und ich stelle fest: Für mich ist schon allzuoft der Genuss an sich die Sünde. Während der Rest der Menschheit am Samstagabend ein nettes Glas Rotwein in seiner Hand schwenkt, klammere ich mich an einem Wasserglas (ohne Sprudel) fest. Mein Leben als Zerrbild!

Das wird vor allem deutlich, wenn ich dabei – als witzige Geschichte verpackt – meinen Freunden erzähle, nun endlich mit dem Rauchen anfangen zu wollen: In meinem Kopf ist diese Idee der blanke Wahnsinn, vollkommen unvernünftig und bescheuert. Gleichzeitig stecken sich ja immer noch ein Drittel meiner Altersgenossen regelmäßig eine Kippe zwischen die Lippen, und niemand hindert mich daran es ihnen gleich zu tun. Aber irgendwie: nein. Ich bleibe vorerst beim Bleistift in Zigarettenform, und romantisiere weiterhin die Figur des rauchenden Schreibenden. Vielleicht auch noch etwas mehr als vorher.

Robert Pfaller: Wofür es sich zu leben lohnt (S. Fischer Verlag, 2011)

“Forget Being a Genius and Develop Some Skills”

screenshot of Jerry Saltz’s article

One of the best things I’ve read this week was art critic Jerry Saltz’s “How to Be an Artist” (New York Magazine, Nov. 26, 2018). In 33 rules, he describes and explains how to deal with life as a creative person, and how to become a better, more confident artist. I nodded my head at almost every single point, but here are the quotes and ideas I actually enjoyed to most:

1: Don’t be Embarrassed. You often reveal things about yourself that others may find appalling, weird, boring, or stupid. People may think you’re abnormal or a hack. Fine. When I work, I feel sick to my stomach with thoughts like None of this is any good. It makes no sense. But art doesn’t have to make sense. It doesn’t even need to be good.

I’ve been studying and working in the creative field for about 10 years now and still feel it, and Jerry’s list doesn’t sound like this feeling of embarrassment and insecurity will go away. So I guess I better learn to deal with it.

Lesson 5: Work, Work, Work. (…) Every artist and writer I know claims to work in their sleep. I do all the time. (…) How many times have you been given a whole career in your dreams and not heeded it? It doesn’t matter how scared you are; everyone is scared. Work. Work is the only thing that takes the curse of fear away.

This last sentence stuck with me. I am going to paint it on the wall of my living room, maybe even on the insides of my eyelids. It’s not necessarily meant in a workaholic way, but in a way to remember myself that creative work can always a safe haven, too.

Lesson 6: Start With a Pencil. (…) Next, draw the square foot in front of you. This can be tight, loose, abstract, realistic. It’s a way to see how you see objects, textures, surfaces, shapes, light, dark, atmosphere, and patterns. It tells you what you missed seeing.

I just enjoyed this little exercise and can recommend it to everyone. Drawing helps you see things.

Forget Being a Genius and Develop Some Skills.

D’uh.

Lesson 9: “Embed thought in material.” — Roberta Smith. (…) An object should express ideas; art should contain emotions. And these ideas and feelings should be easy to understand — complex or not.

Exercise: An Archaeology. Make an index, family tree, chart, or diagram of your interests. All of them, everything: visual, physical, spiritual, sexual. Leisure time, hobbies, foods, buildings, airports, everything. Every book, movie, website, etc. The totality of this self-exposure may be daunting, scary. But your voice is here. This will become a resource and record to return to and add to for the rest of your life.

This reminded me a lot on the Starterpack meme I made a couple of months ago, which was so much fun and taught me a lot about myself. It also made me accept myself more.

Lesson 14: Compare Cats and Dogs. Okay, this sounds ridiculous, but call your dog and it comes right over to you, placing its head in your lap, slobbering, wagging its tail: a miraculous direct communication with another species. Now call your cat. It might look up, twitch a bit, perhaps go over to the couch, rub against it, circle once, and lie down again. What am I saying? In seeing how the cat reacted, you are seeing something very close to how artists communicate.

This quote is a much needed argument for cat people, like me.

The best definition of success is time — the time to do your work.

When I was working in an agency full-time, I enjoyed the work I did, but it often didn’t feel like creative work—as it was never work that included myself as an artist. It was client work. After I couple of years I noticed that this doesn’t make me happy. Today I still sometimes feel guilty about it; something in my head tells me that anything but a full-time job is just lazy. Turns out: Creativity is a full-time job by itself.

Envy looks at others but blinds you.

I guess the only way to prevent my eyes from getting worse is to change my view on fellow designers and artists. Not that I am full of envy, but I noticed looking at other people’s work too much prevents me from believing in my own stuff.

After beating yourself up for half an hour or so, stop and say out loud, “Yeah, but I’m a fucking genius.”

Because you are! Amen.

Read “How to Be an Artist” by Jerry Saltz on Vulture.

The Embassy – White Lake

Cover artwork for The Embassy’s album White Lake

Das schwedische Elektropop-Duo The Embassy hat, nach fünf Jahren, ein neues Album veröffentlicht. White Lake heißt es, und wie schon die Vorgänger-Alben und -Compilations bewiesen haben, sind Fredrik Lindson und Torbjörn Håkansson hinter das Geheimnis perfekter Popmusik gekommen: Nicht nervig, nicht langweilig, und zwischendurch mit sanften Seufzern versehen funktioniert auch White Lake erfreulich gut als Vorder- wie auch Hintergrundmusik. Nicht ganz so gut wie meine All-Time-Favourites Tacking (2005) und Life in the Trenches (2011), aber hörenswert.

White Lake auf Bandcamp / Spotify / Apple Music