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Von außen nach innen

Was sind die großen Themen des Lebens? Was bleibt? Die Autorin Doris Dörrie antwortet auf die Frage, worauf es im Leben ankommt: genug geliebt zu haben. Und: seine Potenziale erkannt und ausgeschöpft zu haben. Das ist ein großes und schweres Ziel, finde ich. Die eigenen Potenziale zu erkennen braucht Zeit und Ressourcen, und auch Mentoren, die einem Mut zusprechen und Wege aufzeigen. Und gleichzeitig ist Mentor sein ja auch ein Potenzial, dass in einem schlummern könnte. Ich habe jedenfalls das Gefühl, meine Potenziale noch nicht so recht auszuschöpfen. Da geht noch was. Austin Kleon schreibt, dass man die Dinge nicht unbedingt in sich trägt, sondern eher in sich hinein lassen muss. Platz machen für Inspiration und Input, aber auch: Zeit schaffen dafür, dass sie wirken und eine Form annehmen können. Ein Buch schreibt sich nicht von innen heraus. Ein Bild malt sich nicht in mir drin. Es muss ja auch erst mal in mich reinkommen. Die Muse kommt im Akt der Kreation, eine Erkenntnis, die ich seit letztem Jahr sehr bewusst mit mir herum trage. Wird also Zeit, ein wenig mehr Zeit und Raum mit ihr zu verbringen.

Zock Zock Zock Zock

Am Silvesterabend stand ich am Fenster und blickte auf die Straße: Gegenüber war eine kleine Gruppe aus Teenagern am Böllern. Ein Mädchen, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, führte die Gruppe an. Sie trug eine weite Daunenjacke und hatte schwarze Haare. Immer wieder, wie aus dem Nichts, zückte sie eine Pistole und ballerte damit in die Luft. In schnellem Rhythmus, fast wie ein Maschinengewehr, zock-zock-zock-zock-zock. Wer produziert sowas – ein Gerät, das Pyrotechnik in Form einer Waffe in Sekundenschnelle abfeuert?

Hier auf der Hauptstraße, direkt neben dem Supermarkt, gibt es einen Waffenladen. Im Schaufenster stehen riesige Macheten, Butterflys, Nahkampfmesser, vor allem aber auch Schreckschusspistolen und Gewehre in sämtlichen Formen und Größen. Der Laden ist immer ganz gut besucht, wohl, weil er auch Zigaretten verkauft. Vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Clique aus meinem Haus gegenüber dort eine richtige Knarre gönnt, und sie nachts einem scheuen Teenager an die Brust hält, um ihm sein Handy abzuziehen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist einfach nur Silvester.

Meine Top- und Flop-Anschaffungen 2024!

Fahne mit der Aufschrift "Heiße Wurst"

Ein weiteres Jahr des Konsums geht zu Ende. Auch ich habe dieses Jahr wieder viel geshoppt!

Kleiner Scherz. Ich glaube zwar an Retail Therapy, aber ich gebe mich ihr nur sehr selten hin. Meine Lust an elektronischen Gadgets etwa habe ich komplett verloren. Kleidung zu kaufen finde ich schwierig, weil alles für Männer nur blau und schwarz ist, und nachhaltige, hochwertige Kleidung recht teuer ist (zurecht). Ich versuche immer erst mal, Dinge gebraucht zu kaufen; aber auch das ist oft nicht einfach. Am Ende kaufe ich dann meist gar nichts, was entweder dazu führt, dass ich das ursprüngliche Kaufbedürfnis vergesse, oder dass sich Dinge einfach nicht regeln (deshalb hängt in meiner Wohnung zum Beispiel immer noch die ein oder andere nackige Glühbirne; ich finde einfach keine passende Leuchte).

Ein paar High- und Lowlights im Konsumjahr 2024 gab es bei mir aber dennoch:

Blödeste Anschaffung: Die elektrische Zahnbürste
Auf Empfehlung meiner Zahnärztin bin ich von meiner geliebten Handzahnbürste auf ein elektrisches Modell gewechselt. Seitdem graust es mir vor dem täglichen Reinigungsritual: Dieses unangenehme Surren des Bürstenkopfes, dessen Vibration bei jeder Berührung den ganzen Schädel wackeln lässt – uaarggh. Aber was soll’s, nun hab ich sie. Mal sehen, was die Zahnärztin sagt.

Beste Anschaffung: Ein riesiges Bett
Nach langem Überlegen, Ausmessen und Probeliegen habe ich mir ein neues, großes Bett zugelegt. Ein Upgrade von 140 auf 180cm macht beim Schlafen durchaus was her: Plötzlich kann man wie ein Seestern im Bett liegen, ohne dass irgendein Gliedmaß von der Bettkante baumelt. So ein Upgrade geht zwar ins Geld (neuer Bettrahmen, neuer Lattenrost, neues Kopfteil, neue Matratze!), aber es hat sich gelohnt und ich liege nun noch lieber im Bett als eh schon.

Komplett egale Anschaffung: ein neues iPad
Ich nutze mein iPad viel und ausschließlich zum Zeichnen, und weil mein sieben Jahre altes Modell so langsam müde wurde, habe ich mir ein neues gegönnt. Mittlerweile kann man den Stift elegant via Magnet an die Seite klemmen – das war’s aber auch schon an „Innovation“. Diese Dinger (wie fast alle Apple-Geräte) sind mir mittlerweile leider komplett egal und ich sehe sie als Werkzeug, die bitte ihren Job machen und ansonsten möglichst nicht im Weg sein sollten.

Im neuen Jahr muss ich mir aber dann wirklich ein paar neue Pullover kaufen. Drüben bei Mastodon habe ich dazu ein paar gute Hinweise bekommen; die fasse ich vielleicht irgendwann mal hier im Blog zusammen. Bis dahin empfehle ich euch, einen fast vergessenen Trend wieder aufleben zu lassen: Window Shopping! Dabei gibt man quasi kein Geld aus, und kann sich dennoch an vielen schönen Produkten erfreuen.

Dr. Schnarchenbergers schnelle Einschlafhilfen

Kissenstudien Zeichnung von Albrecht Dürer

Bild: Kissenstudien von Albrecht Dürer

Ich habe das Glück, selten unter Schlafschwierigkeiten zu leiden. Normalerweise falle ich rasch in einen tiefen Schlaf, der sich allmorgendlich pünktlich um 7.45 Uhr von selbst beendet. Einige meiner Freunde jedoch werden oft von Schlafstörungen, wachen Nächten und scheinbar undurchdringbaren Gedankenkreiseln heimgesucht.

Mein Instagram-Algorithmus schlägt mir (anstatt ihnen!) seit neuestem immer wieder halbwissenschaftliche und pseudekluge Einschlaftipps vor. Damit sich niemand sonst diese unsäglichen Reels angucken muss, hat Dr. Schnarchenbergers sie hier für die geneigte Leserschaft versammelt. Wir wünschen geruhsame Nächte!

Tipp 1: Zählen und Blinzeln

Begeben Sie sich in ihre übliche Schlafposition und schließen Sie die Augen. Zählen Sie nun langsam bis 30. Öffnen Sie anschließend für ca. fünf bis zehn Sekunden Ihre Augen – jedoch nur einen kleinen Spalt breit! Anschließend wiederholen Sie den Vorgang. Bis Sie eingeschlummert sind.

Tipp 2: Wörterdröseln

Auch hier starten Sie in Ihrer gewöhnlichen Schlafposition, mit geschlossenen Augen. Wählen Sie nun ein einfaches Wort, und stellen Sie es sich in großen Buchstaben vor. Etwa das Wort DISTEL. Nun beginnen Sie, zu jedem der Buchstaben jeweils drei Worte aufzustählen. DISTEL. D wie Dromedar, Dinkel, Druckluft. I wie Ingwer, Igel, Iserlohn. S wie Säbel, Schnaps, Schlafen. Und so fort. Das machen Sie mit immer neuen Wörtern – bis Sie schlafen.

Tipp 3: Tierische Achter

Machen Sie sich bettfertig. Augen zu! Wählen Sie nun einen Buchstaben des Alphabets, etwa M. Nun beginnen Sie, zu zählen. Bei jedem Achterschritt (8, 16, 24, 32, 40, 48, etc.) halten Sie inne – und denken an ein Tier mit dem Buchstaben M. Marder! Zählen Sie weiter (… 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16!), M!, Meerschweinchen. Und so fort. Das funktioniert natürlich auch mit Pflanzen, Dingen, Städten, Ländern, oder Flüssen. Aber Achtung: Mache Sie es sich nicht zu kompliziert.

Schöne Träume wünscht Ihnen
Ihr Dr. Schnarchenberger

15 Jahre Berlin

Wie verdaut man 15 Jahre in dieser Stadt. Sie zu bewohnen ist ein kontinuierliches sich häuten. Hier leben ist wie ein Bad in einer Tinktur aus Wonne und Glück, aus zweifeln und hadern. Man massiert sie sich jeden Morgen in das müde Gesicht, in die Hautfalten, in die Rillen, die die Stadt hinterlässt. Die Stadt ist wach hinter Mauern aus Glas. Ich habe so viele Listen geschrieben in den letzten Jahren. Hier sein ist ein in immer währendes Aushandeln zwischen dem, was die Stadt einem nimmt, und was sie gibt, und ob es sich die Wage hält.

Oktober-Liste 2024

Foto-Collage Oktober 2024

  • Kurfürstendamm Ecke Joachimsthaler Straße. Ich haste an einem Piercing-Studio vorbei. Im Schaufenster liegen zwei abgehackte Hände!
  • Ein Monat, in dem ich mir mehr als einmal sicher war: Jetzt haben sie mich. Jetzt werde ich endlich, endlich als Hochstapler enttarnt. Was dann, eigentlich?
  • Wir spazieren zur Buchbox am Centre Français. Nachdem Paul sich mein Grübeln und Hadern eine halbe Stunde lang angehört hat, fragt er mich, ob ich im Herbst wohl immer besonders streng mit mir sei?
  • Kulinarisches Highlight im Oktober: Ich habe Ramen für mich entdeckt! Ich hatte es mal vor Jahren bei Cocolo gegessen, das war wirklich furchtbar. Aber neulich aß ich es in einem unscheinbaren Restaurant, und es war fantastisch!
  • Kulinarisches Highlight Nummer 2: Endlich die Kroketten bei Dashi gegessen. Sie waren winzig und teuer, aber sie haben mich überraschend glücklich gemacht.
  • Kulinarisches Lowlight dafür: Seit Jahren mal wieder bei McDonals gegessen. What is this place?!
  • Ich verkaufe mein Bett über Das Online-Portal Kleinanzeigen. Ein älteres Paar kommt vorbei, das die Matratze ausprobieren möchte. Ich sage, dass sie das natürlich machen können. Die Frau zieht fröhlich ihre Schuhe aus, und beide legen sich auf die Matratze. Sie ruckeln sich zurecht und fangen an zu kuscheln, Löffelchen-Stellung. Ich stehe sehr merkwürdig und unbeholfen daneben. Am Ende nehmen sie die Matratze nicht.
  • »I don’t know. You seem like the kind of guy who always knows what time it is.«
  • »Ich schätze dich für deinen Geist«, sagt Ralf am Telefon, und das gesagt zu bekommen, das wünsche ich wirklich jedem.

Wien schwitzt

Verbogener Poller auf Asphalt

U1 nach Leopoldau. Im Zug steht ein junger Mann in einem blassblauen Hemd. Die Arme nach oben gestreckt hält er sich an der Stange fest. Seine Achseln liegen frei, ein Anblick, den man in der stickigen Luft bitte nicht sehen möchte.

Blumenauergasse. Es gibt viele Erotik-Tanzlokale, alle etwas in die Jahre gekommen. An der Tür hängt ein blechernes Schild, »Mädchen gesucht«.

Im Augarten gibt es mehrere kompakte, durch Hecken abgetrennte Rasenflächen, die nur durch eine kleine Öffnung zugänglich sind. Aber sie sind öffentlich, dahinter feiern Familien und Freunde Geburtstage und machen Musik. Am Parkeingang steht groß und in goldenen Lettern: »Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs–Ort von ihrem Schätzer«, vom Volkskaiser Joseph II.

Farbenfrohes Hundertwasserhaus in Wien mit bunten Fassaden und Bäumen auf den Dächern

Nach Jahren besuche ich mal wieder das Hundertwasserhaus und das Kunsthaus Wien. Ich erinnere mich an die unebenen Böden, die ihm so wichtig waren, und stelle fest, dass der Ort und die Architektur nichts von ihrer Skurrilität und Magie verloren haben.

Die Stadt ist voll mit jungen Gästen, die für die drei Taylor-Swift-Konzerte angereist sind. Alle Konzerte wurden wegen eines geplanten Terroranschlags abgesagt, nun müssen sie sich andere Beschäftigungen suchen. Nicht so schwer hier. Im Kunsthaus bekommen sie freien Eintritt, und zum Café ein Glas Prosecco gratis. Aus den Lautsprechern spielen sie Taylors Songs in Dauerschleife. Die junge Amerikanerin neben mir singt lauthals mit und schaut ihren Freund verliebt an (er lächelt tapfer). Ich freue mich für sie, aber nach dem fünften inbrünstigen Karaokebeitrag muss ich mich umsetzen.

Gasthaus Hansy. Am Nebentisch sitzt eine amerikanische Familie. Sie fragen sich, aus welchen Tier wohl Wiener Schnitzel gemacht wird. Als die Tochter realisiert, dass es Kalbfleisch ist, veal, aus dem Kind einer Kuh, bestellt sie es nicht. Diese Erkenntnis hat wohl viele noch nicht erreicht.

Der Wiener Prater vom Hotelzimmer aus bei Nacht: Bunt leuchtende Fahrgeschäfte

Vom meinem Hotelzimmer aus sehe ich den Wurstelprater. Durch die große Fensterscheibe flackern Praterturm, Space Shot und das Wiener Riesenrad. Wenn man das Fenster öffnet, hört man bis in die Nacht das euphorische Kreischen der Fahrgäste. Hier im Hotel habe ich genau die Distanz, die ich zu solchen Orten schätze.

Im Joseph Brot wird man am Platz bedient, was ich ungewöhnlich finde für eine so hippe Lokalität. Die Belegschaft trägt eine Uniform, ganz unscheinbar: ein cremefarbenes T-Shirt mit kurzen Jeans.

Am Schwedenplatz hält ein schlaffer, junger Mann eine frische Zigarette in der Hand. Er dreht sich zu dem jungen Mädchen um, das an ihm vorbei läuft, und spricht sie an: »Hey, hast du vielleicht … Snap?« Ich versinke im Erdboden vor Scham.

Der Boden hier hat keine Risse. Keine Spalten, keine Fugen. Die Stadt ist eine glatte Betonfläche. Die Hitze steht zwischen den Häusern und läuft uns an Stirn und Nacken herunter. Bei 35 Grad flüchte ich aus der Stadt.