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Heiße Schokolade

Zeichnung eines Plastikbechers mit heißer Schokolade

Seit Einbruch der Minusgrade sehnte ich mich nach einem eisigen Winterspaziergang und einem darauf folgenden Heißgetränk. Kaffee und literweise Tee gehören sowieso zu meiner Alltagsroutine – so beschloss ich, zu einer Heiße-Schokolade-Person zu werden.

Das Getränk, das sonst vor allem Kindern und kaffeeabtrünnigen Personen zugeschoben wird, hatte ich nach der antrainierten Koffeinabhängigkeit vollkommen vergessen. Dabei ist es doch perfekt für so einen kalten Körper, der gerade frisch aus dem Schneegestöber in die Wohnung stolpert. Ich erinnere mich an mein Studium, in dessen Wintersemestern Łukasz und ich regelmäßig zu den in Nischen verbauten Getränkeautomaten auf dem Flur trapsten: Für 50 Cent gab es dort einen kleinen, dünnen, braunen Plastikbecher voll mit dicker, heißer Schokolade. Wir tranken sie literweise.

Und als wäre es eine höhere Schokoladenanweisung des Schicksals gewesen, veröffentlichte jüngst Elisabeth Raether im ZEIT Magazin ein Rezept für »Heiße Schokolade für Erwachsene« (Z+). Eine Mixtur, die es in sich hat: Für eine Tasse erhitzt man 100 ml Milch, 100ml Sahne, 50 g Zartbitter- und etwa 30 g Vollmilch-Schokolade in einem Topf, und rührt dann noch einen kleinen Esslöffel Kakaopulver hinein. Die Erwachsenen-Komponente besteht aus einem kleinen starken Espresso, der zum Ende hinzugekippt wird. Macht satt und glücklich, und man fühlt sich kurz wie ein erwachsenes Kind.

Linksdrall

Der Hund hat einen Linksdrall. Das sehe ich immer, wenn ich ihn von der Leine lasse und er dann nach vorne rennt. Nach vorne links. Er hastet so los, schlägt Haken wie ein Hase, aber nie geradeaus. Immer in so einem kleinen Bogen nach links. Erst habe ich überlegt, ihn zu reklamieren. Mich hat das wahnsinnig gemacht. Es war unberechenbar, wohin er genau abbiegen würde, und ich wollte keine Risiken eingehen. Aber dann habe ich mich entschieden, ihn zu behalten. Ich war unsicher, ob das überhaupt ein triftiger Reklamationsgrund gewesen wäre, und dann waren die zwei Wochen Umtauschrecht verstrichen, und das wäre dann alles recht kompliziert geworden. Also blieb er bei mir. Ich versuche jetzt immer beim Werfen von Stöckchen oder Spielzeug, den Linksdrall des Hundes etwas auszugleichen, in dem ich ein wenig nach rechts werfe. Aber so wirklich klappen will das nicht.

Januar-Liste 2026

Collage Januar: selbstgemachte Ravioli, ein Cocktail, ein Schild mit der Aufschrift

  • Ein Mann im Zug führt lautstark ein Telefonat. Mit heiserer Stimme klagt er sein Leid – er könne die Miete nicht mehr bezahlen, müsse die Wohnung auf Vordermann bringen, um die Kaution zurück zu bekommen. Er wolle sich kein Geld leihen, »Nein, bloß keine weiteren Schulden. Hätte ich doch nur diese Sporttasche nicht im Zug liegen lassen. Das war so dumm von mir. So unfassbar dumm.« Was da wohl drin war?!
  • In einer angesagten Bar studiere ich ratlos die Karte. Ich wünsche mir etwas rosafarbenes, feminines, das in einem kalten und albernen Glas serviert wird. Ich bestelle also meinen ersten Cosmopolitan, und bin nach drei Schlucken unerwartet beschwipst. Es ist ein ungewohntes Gefühl, da ich so gut wie nie Alkohol trinke – ein witziger, aber auch nennenswert unangenehmer Zustand.
  • Nach dem Schwimmen öffne ich die Tür zur Herrendusche, und laufe direkt in die versammelte Feuerwehrmannschaft, die gerade ihr Schwimmtraining beendet hat. War in meiner Fantasie irgendwie … anders.
  • Ein Typ, Anfang 20, zu seiner Freundin: »Ich hab’ überlegt, Dienstags etwas früher Feierabend zu machen, und dann noch zum Schreiben in die Bib zu gehen. Weil ich sonst echt nicht weiß wie ich das alles hinkriegen soll.« »Mit ›alles‹ meinst du das Buch?« »Ja was denn sonst?!« »Na ja, du hättest ja statt ›alles‹ auch einfach ›das Buch‹ sagen können.«
  • Die Frau neben mir packt eine große Tupperdose mit Nudelsalat aus. Kichernd genehmigt sie sich dazu ein kleines Fläschchen Eierlikör. Interessante Kombi, finde ich, aber ich gönne ihr natürlich ihren genussvollen Start ins Wochenende!
  • Ein Baby schreit und schreit und schreit so sehr dass es sich verschluckt, das arme Kind, aber es klingt, als bräuchte es eine kleine Pause und musste dabei dann kurz über sich selbst und seine geräuschvolle Performance lachen.
  • Der Therapeut rät mir: »Schalten Sie doch mal einen Gang runter«, und ich frage mich, ob anstatt MUT vielleicht einfach das mein Motto für 2026 sein sollte. Gang raus, ich fahre jetzt mal ’ne Weile im Leerlauf. Und dann wechsle ich vielleicht auf Automatik, mal sehen.
  • Der Trödelladen um die Ecke verkauft jetzt »Mystery Bags« – große braune Papiertüten, fest verschlossen. 15 €, sagt die krakelige Filzstiftschrift darauf. Und auch hier frage ich mich: Was da wohl drin ist?

Speed-Dating

Für meinen Plan, mehr offline zu leben, habe ich mich bei einem Speed-Dating-Event angemeldet. Ein Freund kommentiert mein Vorhaben: Das sei ein wenig frech, weil ich ja gar nicht wirklich auf der Suche sei und quasi als Voyeur dort auftauchte. Aber es geht hierbei ja lediglich um eine Form des Kennenlernens, Ausgang ungewiss. Wir verbringen also, ganz offline, einen kurzweiligen Abend in einem Café; alle fünf Minuten läutet eine Glocke und wir wechseln die Tische. Einer meiner Gesprächspartner sagt, er wolle einfach normale Leute kennenlernen; auf den digitalen Dating-Plattformen seinen ja nur Freaks unterwegs. Ich frage mich, ob mittlerweile nicht eher bei so einer absurden Aktivität wie Speed-Dating die Freaks anzutreffen sind – uns beide einbezogen.

Juli-Liste 2025

Collage aus dem Juli: München, Monstera, CSD, Kunst, Superman im Kino, ein 3D-gedruckter Croc

  • Ich laufe durch München und beobachte mehrmals am Tag, wie sich Leute zufällig treffen und sich freuen und in die Arme fallen. Die Stadt gibt sich große Mühe, von mir romantisiert zu werden. Ich falle nicht darauf herein, oder nur kurz: Die Menschen sind zu schön, die Straßen zu sauber, die Kleider zu glatt, die Mieten zu hoch.
  • M. überredet mich, mit ihm in den Eisbach zu springen: »Zehn Jahre jünger fühlst du dich danach!« Er hatte recht.
  • Auf einer Party unterhalte ich mich mit einer Kollegin. Unter Freunden sei sie total extrovertiert und könnte eine Karaoke-Party starten, behauptet sie. Aber im beruflichen Kontext sei sie ganz schüchtern und still. Bei mir ist es wohl umgekehrt (nur Karaoke mache ich weder hier noch dort).
  • 1:30 Uhr: Ich wache durch ein Knistern neben meinem Bett auf. Eine riesige Heuschrecke kriecht am Boden entlang direkt auf mich zu. Sie ist so groß wie meine Faust! Als hätte ich jahrelang für diesen Moment trainiert, schieße ich aus dem Bett und befördere sie nach draußen. Es dauert keine Minute! Wer weiß, was sie mit mir gemacht hätte, wenn sie mein Kopfende erreicht hätte.
  • Gerade als ich die Haustür aufschließen will, fährt J. mit dem Rad an mir vorbei und drückt mir zwei riesige Avocados in die Hand, die sie beim Food Sharing ergattert hat. »Frische Ware!« flötet sie, und rauscht davon.
  • Mittlerweile bin ich wohl ein derartiger Spießer, dass ich mich über Leute wundere, die keine Vorhänge in ihren Wohnungen haben.
  • Auf dem Balkon gegenüber sitzen zwei Frauen im Abendlicht und rauchen. Eine nach der anderen quarzen sie weg. Sie gackern nicht, sie lehnen sich nur zurück und quatschen und rauchen eben.
  • Computertomographie. Während ich in der Röhre liege, merke ich erst, wie angespannt mein Kiefer ist. Ich schließe die Augen und mein Kopf verspannt sich, ich spüre die bleischwere Zunge, die sich gegen meinen Gaumen presst, und die Zähne, die verkeilt gegeneinander drücken. Um mich herum rotiert die Maschine.
  • »To make progress, you need to be willing to begin again.«

Eine Begegnung wie im letzten Jahrtausend

SMS von R. »Ich war übrigens am Freitag seit etwa 1000 Jahren mal wieder in einem Club! Es war ganz toll! Ich geriet in so eine recht große Clique an lauter netten Leuten und habe sehr viel und ausgiebig getanzt, das hat gut getan. Jedenfalls war es so eine Art Kostümparty, könnte man sagen, mehr oder weniger. Und dann habe ich Fabian kennengelernt, und als ich irgendwann aufbrechen wollte, wollten wir in Kontakt bleiben. Und weil wir wegen der Kostüme beide unsere Handys an der Garderobe abgegeben hatten, hat er an der Bar nach einem Zettel und Stift gefragt, und mir seine Nummer aufgeschrieben?! Auf Papier. Wie im letzten Jahrtausend! Jetzt liegt hier dieser Zettel mit der Nummer, und immer wenn ich ihn angucke, fühle ich mich ganz jung.«

Dingtausch

Habe die neue Regel, dass für jedes Ding, das ich mit in meine Wohnung bringe, ein bereits vorhandenes Ding ähnlicher Größe weichen muss. Ausgenommen nur Lebensmittel. War eben in der Drogerie; die alte Cremetube wird durch eine neue ersetzt, geschenkt. Der Paketbote hat vorhin die Diskokugel gebracht, die ich bestellt hatte. Ich entscheide mich, sie gegen die Berge an Altglas einzutauschen, die sich in meiner Wohnung angesammelt haben, und halte das für einen guten Deal. Seit jeher bin ich Profi darin, mich selbst zu bescheißen.