Der erste richtige Frühlingsabend. Unten im Hof schlägt ein Kind unermüdlich zwei Metallschaufeln aufeinander. Auf das Dach des Altbaus gegenüber sind zwei Jugendliche geklettert, vielleicht für ein romantisches Date, vielleicht als Mutprobe. Sie blicken über die Dächer, wie ich, nur haarscharf weichen wir unseren Blicken aus. Ich habe keine Ahnung, wie die Margeriten auf meinem Balkon den Winter überlebt haben, aber die Blüten sind ganz neu, manche haben sich für die Nacht schon verschlossen. Die untergehende Sonne blitzt in den Metallprofilen der Dächer. Der Himmel ist ganz eben, kein Kondensationsstreifen und keine Wolke teilt ihn. Das Jahr liegt noch weit und offen vor uns.
Ich geh in Flammen auf

Es ist Sommer 2004, und im Kino brennt mir der Film Sommersturm einen kleinen Sonnenbrand ins Bewusstsein. Als im Abspann der Song »Ich bin ich (Wir sind wir)« von Rosenstolz läuft, fühlen ich und viele andere uns einmal kurz nicht wie komplette Aliens. Im Sommer 2004 bin ich 13 Jahre alt.
Ich kenne viele Leute, die so einen Schlüsselmoment mit der Musik von Rosenstolz hatten, ganz egal aus welcher Generation, und egal, ob man deutsche Popmusik mag oder nicht. Rosenstolz war spätestens seit der Jahrtausendwende einfach da. Ich habe die Band kaum aktiv verfolgt oder gehört, kannte neben den einschlägigen Hits relativ wenige Songs, aber trotzdem war diese Band von Peter Plate und AnNa R. so verankert in der deutschen Musiklandschaft, dass dass sich wohl alle irgendwie darauf einigen konnten. Vielleicht, weil sie so einen merkwürdigen Spagat aus Pop und Schlager und Chanson hingekriegt haben, der sich durch alle Altersschichten erstrecken konnte.
Im März ist AnNa R. überraschend verstorben, und online wurden viele dieser Schlüsselmomente und Erinnerungen an ihre Musik geteilt. Ich habe auch nochmal viele Lieder gehört, auch mit Freunden zusammen, und war traurig und auch glücklich, dass Popmusik sich mal wieder als so verbindenderes Element bewiesen hat. Für mich ist vor allem »Ich geh in Flammen auf« ein wichtiges Lied. Beim Nachhören habe ich aber auch das erste Album »Soubrette werd ich nie« für mich entdeckt! Songs mit Titeln wie »Schlampenfieber« oder »Klaus-Trophobie«?! Genial! Das ganze Album klingt extrem nach seinem Erscheinungsjahr 1992, und es ist schön, sich nochmal durch die Jahre zu hören und zu fühlen und dabei ein paar traurige und dankbare YouTube-Kommentare zu lesen.
Manchmal sind die Dinge gar nicht so
Wie man sich’s vorgestellt hat
Sondern besser
Manchmal ist das Einzige was zählt
Dass ich nicht nachdenke
Sondern vergesse
Mach die Lichter an
Ich geh in Flammen auf
März-Liste 2025

- Zurück in Berlin: Kurz vor Sonnenuntergang stehen viele Menschen an der Straßenecke und blicken Richtung Himmel, ihre Smartphones weit nach oben gestreckt. Durch ihre Displays schauen sie in den rotblauen Abendhimmel, den Leuchtstreifen hinterher.
- Eine Frau auf der Straße spricht energisch Gebärden in ihre FaceTime-Unterhaltung, still und laut zugleich.
- Manche Leute haben diese Gabe, durch Witz und radikale Offenheit eine Entspannung zu erzeugen, die es sonst kaum gibt in meinem Leben.
- In der Bahn sitzt ein Wohnungsloser und malt mit Ölfarben ein tristes Bild: Ein graues Haus auf einer grauen Straße unter einem grauen Himmel.
- Morgens sehe ich noch den jungen Tauben auf meinem Balkon beim Strecken und Räkeln zu. Abends ist das Nest leer, am folgenden Morgen ist niemand mehr da. War es das schon? Sind sie ausgezogen? Nach wenigen Tagen Stille erwische ich sie beim Bau eines neuen Nests. So nicht!! Wer hier keine Miete zahlt, muss gehen. Eigenbedarf!
- J. erzählt beim Abendbrot von ihren Zukunftsplänen. Eine kleinere Stadt für die nächsten zehn Jahre, dann raus aufs Land. Sowas habe ich gar nicht, so eine klare Idee. Vielleicht ist mein Zukunftsplan einfach, irgendwann so eine schöne Katze wie Fenchel zu haben.
- Rabea Weihser liest aus ihrem neuen Buch über das Gesicht vor. »Wir können nur frontal in die Welt gucken, während sie uns von allen Seiten sehen kann.«
- Der März ist vorbei, ich hänge durch, die Tage sind schon seit Wochen so lang und enden verschwommen. Was machen wir jetzt?
Februar-Liste 2025

- Auf meiner Terrasse hat sich eine Taube eingenistet. Sie hat einfach meine Schuhe vom Regal geworfen, um ihr Nest zu bauen! Während ich noch recherchiere, wie man mit so einem Gast umgeht, bemerkt E. die beiden winzigen, ockergelben Taubenküken. Die bleiben da jetzt also erst mal.
- Immer wieder dieses ungute Gefühl eines bevorstehenden Unheils. Gleichzeitig bei sämtlichen schrecklichen und tatsächlich passierenden Ereignissen nur noch mit den Schultern zucken: Das ist das eigentliche Unheil.
- Ich sitze am Rechner und versuche zu arbeiten. Alle fünf Minuten kommt der Hund und klopft: Spielen! Kuscheln! Aufmerksamkeit! Wie kann man es ihr verübeln. Ich habe immer Zeit für ein ein fünfminütiges One-on-One mit Gisela.
- Das Licht blendet. Ich halte mit beiden Händen meine Augen zu, und die Dunkelheit eröffnet sich vor mir wie ein Raum, in den ich gucken kann. Ein tiefer, weiter Raum, voller kleiner Sterne. Das erste Mal, dass die Dunkelheit gut tut.
- Wir treffen K. in der Altstadt. Die Zeit löst sich auf, und noch Nachmittags ist es elf Uhr morgens. Ich hätte ewig hier sitzen und mit euch Kaffee trinken können.
- Das erste mal mit Taucherbrille im Meer getaucht (Taucherbrille mit Sehstärke sowieso: Game Changer!). Wie schön die Fische sind. Wie schön die Sonne durch die Wellen bricht. Und die Stille. Wunderschön.
Übrigens: Diese Listen gibt es als Newsletter: Fakten und Mirakel.
Oklou – choke enough

Genre-Beschreibungen haben sich für mich in den letzten Jahren verflüssigt und aufgelöst. Während es vor 20 Jahren noch einfach war, im Alternative-CD-Regal ein Shoegaze-Album am Cover zu erkennen, sind die heutigen tausendfach zersplitterten Sub-Genres und Wortschöpfungen sowohl seitens Artist, Producer, Label und digitaler Musikkataloge nur noch schwer zu navigieren. Ich brauche also andere Parameter, um neue Musik zu entdecken, wenn ich mich dabei nicht nur auf Algorithmen verlassen möchte.
Vor einiger Zeit bin ich von Spotify zurück zu iTunes bzw. Apple Music gewechselt. Die Gründe waren vielfältig: Das Spotify Interface war mir zu sperrig, die Plattform vermischte mir zu viele Medien, und der Fokus auf Vibe anstatt auf Künstler·innen ist nicht, was ich suche. Apple Music verkauft ein ebenso gurkiges und fehlerhaftes Interface, aber immerhin sitzt es bräsig auf meiner gut 20 Jahre alten Musiksammlung, die ich nach wie vor gerne höre, und gar nicht so viel neues brauche. Ich kaufe ab und an Alben von Künstler·innen auf Bandcamp, und die Möglichkeit, streamingfreie Playlists anzulegen und nostalgisch auf meinen iPod zu laden, füllt mich mit Glück.
Wie dem auch sei: Apple Music bietet die Funktion, Songinfos einzublenden, und verrät mir ohne viele Umwege, wer die Songs geschrieben, produziert und gemixt hat. Früher konnte ich mit diesen Infos wenig anfangen, aber heute habe ich immerhin ein paar Namen, die mir etwas sagen und mit denen ich etwas verbinde.
A. G. Cook ist einer davon. Bekannt vor allem als Creative Director, Produzent und langjähriger Kollaborateur von Charli xcx, hat er mit PC Music ein Musikgenre (»Hyperpop«) etabliert, das mich genau da abgeholt hat, wo ich mit Anfang 20 ausgestiegen bin: Elektronische, fast ironische Popmusik, die sich verquer (queer?) anhört und die auditiv als auch visuell und gestalterisch überpoliert ist. Seine eigenen Alben sind so flächig und detailliert, um gerade noch nicht im Hintergrund zu laufen, und dann setzen sie einem einen wochenlangen Ohrwurm ins Ohr.
Worauf ich eigentlich hinaus will: Unter anderem anhand dieser PC Music Armee hangele ich mich durch Veröffentlichungen, und erkenne Namen und Künster·innen wieder. Zuletzt: die französische Musikerin Oklou. Gerade hat sie ihr Debütalbum herausbracht: choke enough.
Das Album läuft seit Veröffentlichung bei mir ununterbrochen. Auch A. G. Cook hat zwei Tracks mitproduziert (thank you for recording und ict) – man hört das, und dennoch ist das Album ganz anders und nicht direkt Hyperpop. Eine mittelmäßig positive Musikexpress-Rezension beschreibt das Genre als Bedroom-Synth-Pop, und das trifft wirklich haargenau die Musik, auf die ich aus bin.
Oklou – choke enough
Release am 7. Februar 2025 auf True Panther Sounds
Anhören/kaufen auf Bandcamp
Von außen nach innen
Was sind die großen Themen des Lebens? Was bleibt? Die Autorin Doris Dörrie antwortet auf die Frage, worauf es im Leben ankommt: genug geliebt zu haben. Und: seine Potenziale erkannt und ausgeschöpft zu haben. Das ist ein großes und schweres Ziel, finde ich. Die eigenen Potenziale zu erkennen braucht Zeit und Ressourcen, und auch Mentoren, die einem Mut zusprechen und Wege aufzeigen. Und gleichzeitig ist Mentor sein ja auch ein Potenzial, dass in einem schlummern könnte. Ich habe jedenfalls das Gefühl, meine Potenziale noch nicht so recht auszuschöpfen. Da geht noch was. Austin Kleon schreibt, dass man die Dinge nicht unbedingt in sich trägt, sondern eher in sich hinein lassen muss. Platz machen für Inspiration und Input, aber auch: Zeit schaffen dafür, dass sie wirken und eine Form annehmen können. Ein Buch schreibt sich nicht von innen heraus. Ein Bild malt sich nicht in mir drin. Es muss ja auch erst mal in mich reinkommen. Die Muse kommt im Akt der Kreation, eine Erkenntnis, die ich seit letztem Jahr sehr bewusst mit mir herum trage. Wird also Zeit, ein wenig mehr Zeit und Raum mit ihr zu verbringen.
Januar-Liste 2025

- Breaking my silence: Ich liebe hartgekochte Eier! Warum habe ich so lange gebraucht, um diesen tollen Snack endlich wertschätzen zu können?! Ich esse sie gerne Mittags zu einer dicken Scheibe Käsebrot, mit Salz und einer halben, fein geschnittenen Gurke. Cöstlich!
- Bin in letzter Zeit außerdem besessen von Soba, japanischen Nudeln aus Buchweizen. Sie begegnen mir in Podcasts und Romanen, und ich bin sicher: in wenigen Monaten wird man sie vermutlich überall für viel Geld in Berliner Restaurants bestellen können.
- Das Schöne am Winter: wenn es nachts dunkel ist in meiner Wohnung, wirft der Mond sein Licht in den Schnee auf der Terrasse, und taucht mein Zimmer in ein weiches Leuchten.
- »Leider kann man hier keinen Elan kaufen«, sagt P., während wir durch den Künstlerbedarfsladen in der Gottschedstraße schlendern.

- Alle paar Jahre lasse ich neue Fotos von mir machen. Ich sehe mein Gesicht, und das Gesicht auf den Fotos von vor fünf Jahren, und wie sehr sich fünf Jahre bemerkbar machen. So ist es wohl.
- Montag Nachmittag. Eine Frau heult in der U-Bahn in ihr Telefon: »Ich bin echt wieder bereit fürs Wochenende!«

- M. nimmt an einem Schnellschach-Turnier teil. Die Teilnehmenden halten verkrampft ihre Hände über die Spielbretter. Das sei die notwendige Handhaltung beim Schachspielen. »Manchmal, wenn man die Spannung hoch genug hält, schwebt einem die Figur sogar zwei oder drei Zentimeter entgegen«, schreibt er mir.
- Wenn nun die digitalen sozialen Netzwerke in sich zusammenfallen, können wir uns endlich wieder auf unsere Offline-Communitys konzentrieren. Ich besuche einen Publix Thursday (sehr empfehlenswert!), treffe einige bekannte Gesichter, und bin dankbar für dieses Netzwerk aus sehr schlauen und sehr guten und sehr echten Menschen.
- Mehrmals am eigenen Leib erfahren: Bei all dem politischen Desaster und der mehr als schiefen Weltlage hilft: Mit Freunden sprechen, und zwar auch über die krudesten Sorgen und Ängste, und auch, wenn sie lächerlich scheinen. Sie aussprechen und sich ernst nehmen, das hilft immer.
- Generell hilft: In die Sonne schauen, so oft es geht. Die ist so hell, dass man alles andere für einen kurzen Moment nicht mehr sieht.
Übrigens: Diese Listen gibt es als Newsletter: Fakten und Mirakel.