OTTO

Es ist 2007 und auf meinem iPod läuft zum zwanzigsten Mal About You Now von den Sugababes; quasi in Dauerschleife. Dieser Moment wiederholt sich gerade, nur mit dieser Version von OTTO, die perfekt in diese wirre, verzerrte Zeit passt. Otto Benson veröffentlichte 2020 auf dem Londoner Label PLZ Make It Ruins seine Debut-EP World Greetings, und während sowohl die EP als auch sämtliches Artwork ziemlich glitchy und eerie daher kommt, kann man das Album Clam Day durchaus hören, ohne dass einem sämtliche Nervenstränge vibrieren. Mehr über OTTO erfährt man zum Beispiel im Coeval Magazin. Die Musik gibt es auf Bandcamp, Spotify und Apple Music.

Anke Engelkes Handtasche

Das Format der Handtaschen-Obduktion prominenter Menschen ist altbekannt und oft auch sehr ermüdend, denn meistens kramen sie alle nur ein paar Schminkutensilien, Ladekabel und Lutschpastillen aus ihren Leder-Etuis. Um so erfrischender ist Anke Engelkes Tascheninhalt, den sie für die VOGUE seziert: Spitzkohl, Datteln, Postkarten und Kartenspiele – diese Frau trägt einen kompletten Hausrat mit sich herum. Sämtliche Tascheninhalte in eigene kleine Extrataschen zu packen habe ich mir auch vor einiger Zeit angewöhnt. Und die Idee mit den Datteln werde ich exakt so auch übernehmen. Und das mit den Postkarten auch. Und eine Thermoskanne könnte ich mir auch mal zulegen … Ach und sowieso, ich glaube, es würde der Welt gut tun, wenn wir alle ein bisschen mehr wie Anke Engelke wären.

Februar-Liste 2022

  • Es gibt wenige Anrufer, die auf den Handydisplay Vorfreude auslösen. Aber es gibt sie!
  • Kreative Arbeit und Deadlines, das passt doch einfach nicht zusammen.
  • Tut gut: Nach langem Ringen dann doch aufgeben.
  • Die Kunst des Lebens ist es, es an den richtigen Stellen zu intensivieren.
  • Leute, wenn ihr mich für zwei Stunden in eurem Zoom Call haben wollt, dann stelle ich euch das in Rechnung! Do the math.
  • Unverzichtbar im Februar: Vitamin-Tabletten, und eine Handvoll Slow Days (malen, rumliegen, nirgendwo hin müssen).
  • Wo ist eigentlich die Grenze, an der Self Care in Faulheit übergeht?
  • Der ultimative Test für die Stärke einer Beziehung ist und bleibt der gemeinsame Besuch bei IKEA. Wer noch eine Schippe drauf legen will, sucht danach an einem Freitag Abend in Neukölln einen Parkplatz.
  • Lotte Laserstein: Abend über Potsdam. Ein Bild von 1930, ein Bild wie aus der Gegenwart.
  • Draußen wütet ein Sturm.
  • Was hilft: Spiralen ins Tagebuch malen wie Lynda Barry.
  • Mit ein wenig Abstand kann man beim Blättern zwischen den Februar-Seiten sehen, wie sich der Himmel über der Welt verdunkelt.
  • So lange ich noch kann, muss ich die Welt aussperren, sonst gehe ich an ihr kaputt.

Januar-Liste 2022

Nachdem die erste Januar-Woche schon so turbulent war, war der Rest des ersten Zwölftel des Jahres doch eher gemäßigt. Was vor allem an der Tatsache lag, dass ich durch eine kleine Operation am Fuß nur schlecht laufen konnte und so knapp zwei Wochen das Haus kaum verlassen habe. Nach zwei Jahren Corona ist das aber ja auch irgendwie nichts besonderes mehr. Also los:

  • Bzgl. Corona: Die Luft ist raus.
  • Generelles Misstrauen dem niedrigen Stresslevel gegenüber.
  • Gutes Gefühl: Instinkt! Das hat doch bisher auch immer ganz gut geklappt. Und im Zweifel: Euphorie hilft auch.
  • Musical-Filme sind wirklich absolut furchtbar anzusehen. Alles in mir wehrt sich gegen diese Synthetik-Emotionen. Die Darsteller·innen glauben sich das doch selbst nicht!
  • 24. Januar, 14 Uhr: Mein Kalender erinnert mich an das nächste anstehende Ereignis: »Nickerchen«. So muss das sein.
  • Matschige Tage, innen wie außen
  • Drehe einen Texteinstieg hin und her. Er will mir einfach nicht gelingen. Wie schrecklich muss es sein, Schreiben zum Beruf zu haben?! Wie kommt ihr klar?!
  • 2002. 2012. 2022. Ab irgendeinem Punkt im Leben kann man sich an alles erinnern, und die Jahre rasen nur so an einem vorbei.
  • Mitten im Januar fange ich an, meine persönlichen Excel-Tabellen akribisch neu zu strukturieren. Nach Jahren lerne ich endlich verschiedene Formeln und Funktionen und am Ende sitze ich vor einer Vielzahl an Tabellenblättern, die ich so in zwei Monaten (wenn ich meine Steuererklärung mache) definitiv überhaupt nicht mehr verstehen werde.
  • Gelernt: Ein Großteil meiner Unentschlossenheit hängt damit zusammen, dass ich mir selbst nichts erlaube. Wer sich selbst wichtig nimmt, der stellt sich doch manche Fragen erst gar nicht.
  • Denke über die Anschaffung einer lauteren Präsenz nach.
  • Bisher hat mein krampfhaftes Mantra »Jetzt hab ich’s, jetzt hab ich Corona!« zuverlässig gegen eine Infektion geholfen. Und die Tatsache, dass ich das Haus leider so gut wie gar nicht verlassen habe.
  • Da hinten im Kopf sitzt sie, die kleine Sorge, und manchmal macht sie sich bemerkbar.
  • Live in the moment then let it go.

Über alberne Trinkgläser

Foto von mir, auf dem ich eine Perlenkette trage und ein albern geschwungenes Cocktail-Glas in der Hand halte

Ich trinke ziemlich selten Alkohol. Dass ich mich dafür immer noch ständig rechtfertigen muss: was soll’s. Der Verzicht bringt aber noch einen weiteren unschönen Aspekt mit sich, über den ich mich kurz aufregen möchte: Sämtliche meiner Getränkebestellungen werden mir immer in sehr albernen Gläsern serviert. Als wäre es ein Gesetz!

Die vermeintliche Demütigung beginnt bereits bei der Namensgebung alkoholfreier Cocktails: Virgin Mary, Nojito, Safer Sex on the Beach – da ist die Aufforderung direkt klar: »Bitte setz’ dich rüber an den Katzentisch«.

Aber gut, es müssen auch nicht immer gleich alkoholfreie Cocktails sein, denn dass die in albernen Gläsern serviert werden, ist Gang und Gäbe. Nein, auch weniger aufregende Getränke werden in merkwürdigen Gefäßen serviert. Ich habe es am eigenen Leibe erfahren:

Als ich in England lebte, kam ich um den wöchentlichen Pub-Besuch mit meinen trinkfesten Kollegen nicht umhin. Weil mir irgendwann die Schikane um meine Cola-Bestellungen so auf die Nerven ging, wechselte ich und orderte Radler. Das nennt man in England Shandy. Dieser etwas klebrige Name wurde vermutlich gewählt, damit Männer beim Aussprechen in ihrem fragilen Ego erschüttert werden, und es deshalb gar nicht erst bestellen. Dass ich mich so sehr darüber echauffiere, beweist, dass ich mich wohl auch selbst dieser Kränkung nicht entziehen kann. Männer trinken eben Bier. Wer Shandy bestellt, bekommt es garantiert in einem kurvigen Glas, mit Stiel und Deckchen. Und einem mitleidigen Blick der Arbeitskollegen, die kopfschüttelnd ihr Pint runterkippen.

Ist meine Männlichkeit also tatsächlich so fragil, dass ein witzig geformtes Glas ausreicht, um sie zu Bruch zu bringen? Wird mein Ego allein von einem Papierdeckchen so zerkratzt, wie es sonst nur ein Topfschwamm schaffen könnte? Das darf nicht sein! Ich habe nämlich überhaupt nichts gegen Extravaganz und Albernheit, auch bei Getränken und Trinkgläsern nicht. In Zukunft gilt: Ich behalte meinen Stolz, wenn mir meine kleine Cola wieder in einem Poco Grande Glas serviert wird, oder die Rhabarberschorle in einem Sling Glas daher kommt, oder das kleine Radler in einem Tulpenglas. Whatever works! Prost!

Tagebuchbloggen: 1/2022

Zeichnung des Autors der Tagebuch schreibt

1. – 9. Januar 2022

Der erste Tag des Jahres beginnt mit einem Spaziergang an der Spree. Vorbei am alten Magnet Club über die Oberbaumbrücke; die letzten Nachtgestalten flüchten nach Hause. Immer öfter sehe ich anstatt Freiheit und Abenteuer nur den Dreck auf den Straßen dieser Stadt, und frage mich, ob ich noch richtig hier bin.

Über die letzten Jahre immer mehr gelernt und perfektioniert: Die Fähigkeit, am Wochenende erst mal im Bett zu bleiben. Bis der Gedankenstrudel reinkickt – dann muss man schnell aufstehen und Kaffee kochen.

Magnetische Tage mit magnetischen Menschen.

Muss lernen, souveräner auf die Frage »Was war bei dir so los?« zu antworten.

Friedrichshain ist einfach ein fucking Labyrinth aus Kopfsteinpflastern; jede Ecke sieht gleich aus. Ich check’s nicht und es nervt.

Jemand hat mir ein Dick Pic als Linoldruck geschickt. Per Post. That’s the effort I expect from my fellow creative Gays!

»Auf einer Skala von 1 bis 10, wie sehr siehst du mich in der Zukunft als hochverschuldeten Penthouse-Besitzer?!«

2022 wird das Jahr, in dem ich modisch zu mir selbst finde, ganz bestimmt!

Im Kino gesehen: »Spider Man«. War genau so schön und unterhaltsam, wie ich ihn erwartet hatte. »Große Freiheit« von Sebastian Meise wiederum war atemberaubend. Unsicher, wann ich zuletzt so einen guten, intensiven Film gesehen habe.

“I don’t know what fall in love means. It’s not part of my world.” — Joan Didion, The Center Will Not Hold, Netflix