Berlin

Neon

Jeden Abend tritt der Mann gegenüber auf seinen Balkon. Er fotografiert den Sonnenuntergang. Immer dann, wenn er Himmel kurz rosa aufleuchtet und die schrägen Schatten die Dächer überziehen, kommt er kurz raus und hält er sein Telefon in die Luft.

Eigentlich hat dieser Mann überhaupt kein Gefühl für Licht und Stimmung. Jeden Abend, bis in die Nacht, ist seine Wohnung in einem grellen, kalt-weißen Neonlicht erleuchtet. Es prallt gegen die kargen Zimmerwände und gerüschten Polyestervorhänge. Aber gegen 21 oder 22 Uhr, wenn die Sommersonne im Westen untergeht, steht er auf dem Balkon und fotografiert den rosafarbenden Himmel mit seiner Handykamera. Zumindest in seiner Fotosammlung, oder in seinem WhatsApp Status, oder in seiner Vorstellung herrscht romantische Lichtstimmung.

Vielleicht reicht ihm das.

Mai-Liste 2023

Kollage mit Fotos aus dem Mai

  • Im Mai: Viel Müßiggang. Fast kommt in meiner freien Woche so etwas wie Langeweile auf; an so einem Punkt war ich lange nicht mehr, und ich genieße es sehr.
  • Im Mai gelernt: Ein schreiendes Kind in einem vollen Museum im Arm haben ist nicht so stressig, wie ich es mir vorgestellt habe. In der Situation ist man so mit dem Kind beschäftigt, dass einen die Menschen herzlich wenig interessieren.
  • Deutschlandticket: Mega!
  • Ich nehme mir vor, shoppen zu gehen. Aber alles kostet 200 Euro und sieht spießig aus. Sieht es wirklich spießig aus, oder bin ich einfach nur geizig? Ich weiß jedenfalls nicht, warum die Münchner so fasziniert sind von teuren, mit Strass besetzten Turnschuhen.
  • Alle paar Jahre besuche ich die Pinakothek der Moderne in München. Sie ist ein besonderer Ort für mich; ich erinnere mich, wie mich meine Eltern als Kind dorthin mitgenommen haben, und ich zum ersten Mal mein Interesse für Design und Objekte entdeckt habe. Das hallt immer noch nach in diesen Räumen.
  • Endlich viel viel viel Terrasse!
  • Ich laufe durch die neue Wohnung von E. An jeder Wand, an der wir vorbei kommen, hängt eine Kunst oder ein Bild oder eine Skulptur, zu der sie eine Geschichte hat, und ich denke: So sind wir jetzt. So wäre ich jedenfalls gerne.
  • Der Hund ist mir im Park ausgebüxt. Es war aber auch naiv von mir, sie loszulassen; ich spreche kein Italienisch und sie versteht kein Wort, wenn ich mit ihr rede. Ich musste eine ältere Dame und ihren Hund bitten, sie mit mir einzufangen. Danach kaufte ich eine Schleppleine (gefällt dem Hund überhaupt nicht).
  • Schon wieder stehe ich mit Anfang 30 an einer entscheidenden Weggabelung: Tonsur als Trendfrisur, oder Minoxidil?
  • Ich baue ein Regal auf, und obwohl es wirklich einfach geht, merke ich es: Ich bin schwach. Ein richtiger Schwächling! Meine kleinen Ärmchen drücken auf lächerliche Art und Weise die Regalböden ineinander, und nach einer Stunde sinke ich müde über dem Sideboard zusammen. Kurz darauf reaktiviere ich meine Fitnessstudio-Mitgliedschaft. Was ist nur aus meinem Plan geworden?!
  • Spaziergang mit P. Wir sind frustriert über unsere kreative Arbeit. Alle paar Wochen müssen wir uns deshalb gegenseitig einen kleinen Pep-Talk geben: »Du machst genug, du bist kreativ, das einzige woran du arbeiten musst sind deine Erwartungen an dich selbst.« Es hilft, für einen kurzen Moment jedenfalls.
  • Ordnung macht mich glücklich; Arbeit und Struktur.
  • Mittags in Mitte: Ich ertrage diese ganzen schönen Menschen mit ihren 500-Euro-Pullovern und knöchelfreien Hosen und perfekten Frisuren einfach nicht mehr. Ich wollte jahrelang auch so sein, und mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht: It ain’t me.
  • Ich fahre durch die Stadt, die Friedrichstraße hinunter. Überall leere Büros. Interessant, der Stadt so dabei zuzusehen, wie sie sich selbst abschafft.

Allesandersplatz

Haus der Statistik am Alexanderplatz

Manchmal fahre ich mit meinem Fahrrad über den Alexanderplatz. Ich dränge mich durch die Kreuzungen und roten Ampeln und Massen an Autos, und ich denke: Diese Stadt ist wirklich kompliziert geworden. Nichts hier ist mehr einfach. Das Fortkommen, das Ankommen; überall stellen sich Leute in Schlangen. Alle wollen aneinander vorbei. Ich stehe dann an der Kreuzung und schaue auf das Haus der Statistik. Über die letzten Jahre war es zu einer Ruine verkommen, nun wird es eingerüstet, und vermutlich wird irgendetwas damit passieren. Die großen roten Buchstaben STOP WARS verblassen so langsam. Auch das ist kompliziert geworden. Pazifist sein ist kompliziert geworden.

Und dann, wenn sich der Winter dem Ende neigt, und ich gegen 17 Uhr über die Jannowitzbrücke oder durch das Regierungsviertel fahre, und die Touristen am Ufer der Spree flanieren, und die Sonne so langsam untergeht, dann denke ich trotzdem immer noch: Diese Stadt ist die richtige.

November-Liste 2022

Foto-Collage für en November 2022

  • Vom Leben gelernt: Frag niemals einen Innenarchitekten, welche Fliesen er dir empfiehlt. Er zeigt dir nämlich die schönsten, teuersten, und dann hast du keine andere Wahl mehr. Am Samstag stand ich dann im Fliesengeschäft, erklärte meine Wünsche, und von der Verkäuferin kam nur schmunzelnd: »Ja, schön, da haben Sie sich für die oberste Preisklasse entschieden.«
  • Mit Kristina in Coworking-Spaces abzuhängen fühlt sich magisch nach 2010 und up.front und CoUp an, mir wird ganz warm ums Herz dabei.
  • Der November war irgendwie für alle und alles der Dammbruch; viele Tränen und viel Erleichterung und viel Bewegung in allen Dingen. Fast ausschließlich schöner Stress, hätte nicht gedacht, dass der in diesem Jahr nochmal ins Positive umschwingt.
  • Generell schön: Wenn sich andere Leute erlauben können, vor mir zu weinen.
  • Mit Martin über Arbeit reden fühlt sich eher an wie über das Leben reden, im besten Sinne, und ich hätte gerne noch viel mehr von diesen Gesprächen mit ihm.
  • Im November nochmal meine Vorliebe für bodenständige, mittelmäßige Restaurants entdeckt. Es gibt immer einen Platz, eine übersichtliche Karte, keine Warteschlangen und das Personal ist meist freundlich. Mehr Mittelmäßigkeit wagen!
  • Mitten im November fand ich mich auf einer Party wieder, auf der es ausschließlich Gin Tonic gab. Als meine Frage nach einem alkoholfreien Getränk verneint wurde, bin ich recht bald gegangen. Gut zu wissen, wo man einfach nicht hingehört; das spart allen Zeit und schont die Nerven!
  • Ein Wochenende in Hamburg: Im schrulligsten Hotel gewesen, in der Oper, in einer angenehm ruhigen Hotelbar und in angenehm leeren Zügen.
  • Kleine Empfehlung zwischendurch, aus gegebenem Anlass: Lasst dann und wann eure Muttermale und Leberflecken untersuchen. Es erspart einem womöglich böse Überraschungen und schlaflose Nächte (die Entwarnung hat sich Zeit gelassen!)
  • Im Tagebuch fehlen ganze Tagesstrecken. Das lag vor allen an einer Sache: Umzug. Ich habe mein Leben in Kartons und Kisten gepackt. Bye bye Berlin, oder zumindest Neukölln, 13 Jahre war ich hier, und jetzt ziehe ich weiter: In den Wedding! Habe gehört, der kommt …
  • Ich streiche die neue Wohnung: Rosa und grau und blau und vielleicht auch irgendwann noch grün. Mein Rücken schmerzt und meine Brille ist von Farbflecken nur noch schwer zu befreien, aber es macht Spaß, diese traumhafte Wohnung zu meiner zu machen. Obwohl großes Chaos herrscht, laufe ich regelmäßig wie wild auf und ab und freue mich über mein Glück und diesen neuen Ort.
  • Wären die vielen schönen Nachrichten und Telefonate nicht gewesen, hätte ich ihn fast vergessen, den Geburtstag. 31. Und schon ist er wieder vorbei. Weiter geht’s.

Juli-Liste 2022

Bildersammlung aus dem Juli 2022, zum Beispiel ich auf dem Fahrrad, ein durchtrennter Zweig, eine Limonade, ein japanischer Garten

  • Der Juli beginnt mit einem Paukenschlag: Ich habe eine Genossenschaft mitgegründet! Mehr Infos darüber gibt es hier.
  • Am ersten Juli also direkt: Erschöpfung und große Freude!
  • Pflanzen kaufen, Spaghetti kochen, Radfahren: Alles ist schön(er) zusammen.
  • Ich kämpfe seit Monaten mit Konzentrationsschwierigkeiten, und schiebe die Schuld auf Social Media. Mehrmals diesen Monat lösche ich alle Apps von meinem Handy, stelle das Display auf Schwarzweiß, Flugmodus, vergrabe es an der Biegung des Flusses. Ich nehme mir vor, an meiner Tagesroutine zu arbeiten: Morgens kein Handy, weniger Koffein, Meditation. Es klappt so mittelgut.
  • Das Jahr ist über den Zenith, und es passiert so unfassbar viel, dass ich es manchmal nicht genießen kann, sondern mit Scheuklappen durch die Monate hetze.
  • Bin fest entschlossen, mich ab jetzt nicht mehr so zu stressen. Wozu auch?!
  • Rihanna-Voice: Work Work Work Work Work Work / PDFs PDFs PDFs PDFs PDFs / Steuer Steuer Steuer Steuer Steuer Steuer / E-Mails E-Mails E-Mails E-Mails E-Mails E-Mails
  • Ich wurde in einem relativ formalen Setting gefragt, was meine Schwächen seien. Ich fand die Frage extrem unseriös! Ich antwortete also etwas unbeholfen: »Na ja, also ich bin sensibel; das ist zwar keine Schwäche, aber wird einem manchmal als solche angerechnet …« Unangenehm. Red Flag, diese Frage!
  • Wenn mir leicht esoterisch angehauchte Frauen im mittleren Alter von ihren spirituellen Wanderreisen erzählen, werde ich einfach schwach und bin schock-verliebt.
  • Im Hamburger Bahnhof sehe ich einen kleinen Zweig, den der Künstler Daniel Steegmann Mangrané akribisch in der Mitte durchtrennt hat. Irgendwas macht er mit mir.
  • N. schenkt mir in der Buchhandlung ein Buch: »Die Freiheit, frei zu sein« von Hannah Arendt. »Das ist doch dein Thema, Christi!«
  • Das Leben hier fühlt sich nicht mehr neu an. Wir sind nun schon so lange in dieser Stadt, dass sie uns nicht mehr ständig überrascht. An alles haben wir Erinnerungen von vor 10 Jahren, das Allermeiste hat nun irgendeinen Vergleich aus der Vergangenheit. Nach den neuen Dingen muss man nun noch aufmerksamer suchen.
  • »Ich habe mal wieder Lust auf eine Party mit vielen fremden Leuten, auf der man sich ganz neu erfinden kann!«
  • Mein Lehrauftrag an der UdK ging zu Ende. Wie schnell dieses Semester vorbei war … Mein Kopf raucht, und ich bin nicht sicher, wer hier wirklich etwas gelernt hat: Die Studierenden oder vor allem ich selbst?
  • Alles was ich will ist lange frühstücken, im Café sitzen, malen und Kuchen essen. Die Welt soll mich in Ruhe lassen mit ihrem Erwachsenenkram!
  • Immer wieder überrascht, wie nervös ich durchs Leben gehe, bei sämtlichen Job-Sachen aber absolute Ruhe bewahren kann.
  • Liebe es, wenn andere Leuten Essen für mich zubereiten! Es ist die schönste Geste, wenn mir jemand eine Vesperdose mit einer handgemachten Stulle überreicht.
  • Ähnlich gut: Andere Leute mit einem Einkauf überraschen (zum Beispiel Freunde in Quarantäne). Man kann all die Dinge kaufen, die sich die andere Person (oder man selbst) niemals kaufen würde (Joghurt mit der Ecke), und teilt so ein Stück persönliche Alltagskultur.
  • Das kam unerwartet: Habe in Brandenburg meine Freude an akribisch gepflegten japanischen Gärten entdeckt.
  • Auf dem CSD mal wieder fast kurz zu heulen begonnen: Einfach da sein können, zwischen so vielen gut gelaunten, queeren Leuten. Ein Tag für uns, und alle wollen und können teilhaben.
  • Wochenends: Radeln durch Brandenburg.
  • Besuch im Haus der Wannseekonferenz: Manchmal muss ich mich zwingen, mich mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen. Ich denke schnell: Das weiß ich ja alles schon. Aber das Erinnern ist mindestens genau so wichtig wie das Wissen selbst (und vieles weiß ich dann doch noch nicht).
  • Im Juli am eigenen Leibe erfahren: Mut lohnt sich.
  • Zwischendurch immer wieder kurz Weltschmerz: Corona, Krieg, Affenpocken, Energiekrise, Klimakatastrophe. Wie machen wir das alles?

Mai-Liste 2022

collage of images, like friends, flowers and fruits

  • 2. Mai, ich gebe mein erstes richtiges Seminar an der UdK. Mit Henning Wagenbreth in der Illustrationsklasse. Alles ist irgendwie surreal, vor allem, dass ich so wenig nervös bin. Was ist da los?!
  • Ich konnte in diesem Monat einige neue Dinge auf meine »Nein«-Liste schreiben, die mich im Nachhinein immer dankbar aufatmen lässt. Puh. Zum Glück habe ich das abgelehnt und keine Zeit dafür investiert.
  • Der Mai war definitiv zu voll mit Gesetzestexten, Juristensprech, Fremdwörtern und schlecht gescannten PDFs. Sobald man sich einen Tunnel durch die PDF-Berge gegraben hat, fällt man in ein noch tieferes Loch und es dauert wieder eine Woche, bis man den Begriff entschlüsselt und das richtige Dokument angefordert hat.
  • Generell: wolkig im Kopf.
  • Manchmal dauern 15 Minuten im Kopf 75 Minuten, und das frisst richtig viel Energie.
  • Habe mich mehrmals bei der Unsicherheit ertappt, ob Dinge nun tatsächlich oder nur im Traum passiert sind. Sowieso: Viel wild geträumt im Mai.
  • Sich hier und da nochmal beweisen, dass man gewisse Dinge kann, das muss manchmal sein.
  • Für die warmen Tage im Mai war der Südblock mein Happy Place. Pommes forever!
  • Außerdem: Nudeln und Netflix. Deep Dish Pizza bei Magic John’s. Tonka-Eis mit Sesam-Krokant mit Eva im Treptower Park. Aperol Spritz, fuzzy im Kopf. Schlimmster Koffeinrausch seit dem Club-Mate-Bachelor-Studium.
  • Ich bin eigentlich wirklich durch mit dem Coming-of-Age-Thema, aber Heartstopper hat auch mich gekriegt. So wholesome; und für Leute wie mich, die eine Schulzeit voller Queerfeidlichkeit und Tabuisierung erlebt haben, auch irgendwie eine Versöhnung.
  • Erkenntnis im Biergarten: Wir sind schon auch ein bisschen cooler geworden.
  • Jeden Tag dankbar dafür, keine OKRs im Nacken sitzen zu haben.
  • Den halben Monat damit verbracht, einen Haken zu suchen, aber es findet sich einfach keiner.
  • Mein wertvollster Besitz sind, und das klingt kitschig, zwei Kisten voller Briefe. An einem Freitag Abend bin ich darin versunken. Ich habe die schönsten Briefe von den besten Leuten. Schickt euch (mir!) Briefe, Leute!
  • Ich treffe Paul im Wedding. Er gibt mir eine Schreibaufgabe: 1000 Zeichen über meine Emotionen unserer Begegnung. Er hat mit eine 2+ drauf gegeben. Emotionstechnisch geht noch was.
  • Seit Wochen keinen Bleistift oder Pinsel mehr in der Hand gehabt. Seit sechs Monaten keinen Newsletter verschickt. Meine Kreativität trocknet vor sich hin wie eine kleine alte Rosine.
  • Aber immerhin: Neuköllner Maientage! Ich liebe die Soundkulisse, das Publikum, die Lichter. Alles, was mir sonst viel zu viel ist, sauge ich auf wie ein Schwamm.
  • Ein Freund erzählt mir eine Übung aus seiner Verhaltenstherapie: Schuhe kaufen und direkt danach zurück bringen. Würde ich mich niemals trauen! Sollte ich also mal ausprobieren.
  • Feiertage: Perfekt zum Arbeiten, niemand stört.
  • Meine Stimmung ist immer genau wie das Wetter. Die letzten Mai-Tage waren ein wilder Ritt aus Sonne, Sturm und Regen. Ich kann nicht mehr.
  • “Whatever you plan on happening, never happens. Stuff you would never think of happens. So you just have to come on. Come on, come on, come on, come on …”

Berlin, die Stadt der Schlangen

Schwarz-weiß-Illustration einer Schlange

Ich habe keinen Bock mehr, mich ständig für alles anzustellen. Ob für einen Tisch im Restaurant, für einen Termin beim Amt, oder für eine lächerliche Kugel Eis: Berlin ist die Stadt der Schlangen. Für alles muss man sich einreihen. Es nervt!

Ich lebe seit 12 Jahren in Berlin, aber erst seit drei oder vier Jahren scheinen die Schlangen zuzunehmen. Ein Restaurantbesuch an einem Freitag Abend ist in Kreuzberg eigentlich nicht mehr möglich, wenn man nicht Tage vorher einen Tisch reserviert hat. Wer Samstag Nachmittag ein Eis essen möchte, der bringt am besten eine halbe Stunde Zeit mit, um sich dafür in eine Warteschlange zu stellen. Lediglich die Tatsache, dass ich morgens um fünf aufstehen muss, damit ich um halb sieben vor dem Bürgeramt warten kann (um acht Uhr öffnen sich die Türen), ist kein neues Berliner Phänomen. Dass sich die Schlangen nun vom Bürgeramt aus auch in sämtlichen anderen Institutionen einnisten, hätte meiner Meinung nach nicht sein müssen.

Wenn ich in den Sommermonaten durch Kreuzberg und Neukölln laufe, beschleicht mich das Gefühl, dass die Stadt um ein Vielfaches voller ist als noch vor einigen Jahren. Warum sind plötzlich alle hier, wo das Leben hier doch viel teurer geworden ist? Ein Blick in die Statistik widerlegt meine Theorie: 2010 lebten 261.090 Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg, 2020 sind es 289.014; in Neukölln ist der Anstieg ähnlich gering. Sind es also Reisende, die im Sommer die Cafés und Restaurants und Eisdielen bevölkern? Vermutlich und auch verständlich, denn der Sommer hier könnte so schön sein. Wenn es nicht überall so viele Schlangen gäbe!

Oder liegt es an der Pandemie? Das war letztes Jahr noch plausibel, als es lediglich Sitzplätze in den Außenbereichen gab, und die Menschenansammlungen durch Abstandsregeln vergrößert wurden. Aber im Frühling 2022 sind alle Restaurants einfach immer voll, drinnen und draußen; und die Schlangen wachsen weiter.

Bin ich vielleicht einfach wählerischer bei der Auswahl meiner Restaurants geworden? Als klischeebehafteter Hipster esse ich natürlich gerne in aufregenden, schön eingerichteten Speisestätten. Was aber einmal im Cee Cee Newsletter erwähnt wurde, ist danach natürlich komplett over. Zahlreiche selbsternannte Food Critics empfehlen die besten Donut-Shops der Stadt auf TikTok, in denen daraufhin dann Schüler·innen ihr Taschengeld auf den Kopf hauen. Ich bin eigentlich auch eher ein Freund der Bodenständigkeit – ich brauche gar keine Fleur-de-Sel-Matcha-Sternanis-Eiscreme. Eiscafé Venezia (Erdbeer Schoko Vanille) und Konsorten sind mittlerweile nur einfach sehr rar geworden – zumindest in den Szenebezirken.

Am Ende liegt es also doch an mir. Auch ich bin eine Schlange. Eine, die sich durch ihr Hipsterviertel schlemmt, zur unsäglichsten Zeit (Freitag Abend 19 Uhr) einen Tisch für vier Personen will, und sich zur Not eben einreiht, wenn es um das Erstehen eines gefrorenen Milchdesserts geht. Vielleicht wird es Zeit, die Szenebezirke zu verlassen und sich ein Stammlokal zu suchen. Eins, in dem es immer einen Tisch gibt, und in dem ein Kaffee keine vier Euro kostet. Das sind meistens die Orte, vor denen sich niemand anstellt. Orte ohne Schlangen.