Alltagswahn

Sommerkörper

Wenn ich abends nach Hause komme und die ausstehende Hausarbeit verrichtet habe, stelle ich mich manchmal, später gegen 21 oder 22 Uhr, gerne ans offene Fenster. Ich schaue auf die blaue Straße. Es gibt hier nur Wohnhäuser, meistens ist nichts los. In der Küche gegenüber wird abgespült, ansonsten ist der Block lichtlos.

Die Geräusche der Familien fliegen von überall her, aber ihn höre ich jetzt ganz deutlich: Unten auf dem Gehweg, keine 30 Meter Luftlinie von meinem Fenster entfernt, weint ein Junge. Das Schluchzen lässt seinen kleinen Sommerkörper zusammenfallen und sich winden, und zwei Meter, nach dem ich ihn erblickt habe, muss er innehalten, sein Schlurfen trägt ihn nicht mehr.

Hey was ist denn los, traue ich mich nicht zu rufen, aus Angst, er könnte mich nicht hören. Oder aus Angst, ich könnte ihn bei seinem Weinen stören. Oder aus Angst, ich wollte die Gründe seines Schocks gar nicht wissen. Oder aus Angst, es ginge mich wohl nichts an.

Die letzten fünf Meter schleppt er sich noch, in denen ich ihm zusehe, vielleicht auch denke, dass ich ihm nicht helfen kann, oder muss, bis zum Hauseingang, der ihm ein Zuhause zu sein scheint.

Sommer in Berlin

An der Ampel steht ein hagerer junger Mann im Unterhemd, über die Schultern eine dünne Lederjacke geworfen. Seine kleine Freundin hebt die linke Seite der Jacke an, steckt ihren Kopf unter die Achsel des Mannes, verweilt kurz – und dreht sich eingeschnappt weg. Die Ampel wird grün. Sommer in Berlin.

On Designing Books Well

Ein schönes Beispiel dafür, warum ich etwa 80 Prozent der Bücher des vergangenen Jahres auf englisch gelesen habe: Links im Bild die englische Originalausgabe von William Zinssers “On Writing Well” – rechts daneben die deutsche Fassung des Autorenhaus Verlags.

Zinssers vielfach überarbeiteter Ratgeber rund ums Schreiben hing schon seit Monaten auf auf meiner Amazon-Wunschliste. Die Bestellung der englischen Ausgabe hatte im örtlichen Buchladen eine Lieferzeit von zwei Wochen. Natürlich hätte ich einfach auf ›Bestellen‹ in meiner Jackentasche klicken können – aber man will ja den Einzelhandel unterstützen, und so bestellte ich die deutsche Ausgabe, mit dem tristesten Cover, das man sich vorstellen kann. In dem Buch geht es um Persönlichkeit in der Sprache bei Sachtexten! Dabei ist dem deutschen Autorenhaus Verlag wohl die Persönlichkeit der Umschlaggestaltung abhanden gekommen.

Der Brand:

Kastanienallee – Menschen laufen mir in Paaren entgegen. Ich prüfe: sie rennen nicht, sie scheinen vor keiner konkreten Gefahr zu flüchten. Ich trete mein Fahrrad langsam die Straße entlang: immer mehr Menschen, der erste Polizeibus. Ein sanftes Dröhnen in der Luft: dann das erste Feuerwehrauto, und da merke ich es am Geruch: ein Brand. Die Leute im Restaurant gegenüber blicken aus den Fenstern zur Straße hin: Eine Menschenmenge entfernt sich. Mehr Polizei, mehr Feuerwehr, ich steuere auf die Kreuzung zu. Die Scheiben der Bar sind mit grauem Rauch bedeckt. Aus der Eingangstür an der Hausecke qualmt es Wolken nach außen, die Feuerwehr beginnt bedacht ihre Arbeit. Ich traue mich nicht anzuhalten: Anhalten macht mich zum Zuschauer, Zuschauer stören in solch einer Situation.

Aber kaum jemand ist hier. Die Menschen spazieren, die Feuerwehr geht entspannt ihrer Arbeit nach: Sie tragen ihre Schutzkleidung, sie tragen den Schlauch. Ich blicke am Gebäude nach oben: Ist noch jemand drin? Warum herrscht hier keine Panik? Vereinzelt brennt Licht in den Wohnungen, doch es scheint alles leer zu sein. Die Bar qualmt weiter. Ich biege in die Seitenstraße.

Eine Woche später fahre ich wieder an der Hausecke vorbei – es ist spät am Abend. Mein Blick huscht an den großen Scheiben der Bar entlang: Die Stühle sind hochgestellt, und auf den Tischen stehen in kleinen Vasen die ersten Tulpen des Jahres.

January: Thermal underwear, 100 essays and Berlin drawings

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One of the hardest months of the year is coming to an end. The darkness of winter is eating me up, I want to hide inside and just wait till it’s over. Neukölln is not a pleasurable place to be during the winter months – I hate spending time outside after 5pm, which leads to a lot of home office days and me temporarily moving to my friend’s home in Prenzlauer Berg.

Something that helped my dark mood and misanthropy: Avoiding public transport. I stepped up the cycling game, buying thermal underwear, rain clothes, and made a DIY ass-saver (who would buy a bicycle without mud guards?!). When it was -10°C, my most important purchase was a pair of really expensive Roeckl gloves, which I lost one week later. By then, January was well-disposed; temperatures almost spring-like.

Also purchased were too many books this month: Brian Christian’s The Most Human Human, Sarah Ruhl’s 100 Essays I Don’t Have Time to Write, and a couple of novels I want to read this year. The latter – 100 Essays – is just a pleasure to read because it consists of really short, really fun musings on theatre. I tend to buy a lot of books and never make it past the first 80 pages, and for a long time I thought I am just not the smart book person I wanted to be. In fact, my attention span is very short when it comes to reading, but oftentimes, I also just choose the wrong ones. I had maybe two or three books last year that I read in one go, for example Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore: A fantastic novel with simply the right amount of zeitgeist and magic. I bought it at The Curious Fox in Neukölln, which you should pay a visit if you’re into english books.

Other findings of joy this month: This set by Robag Whrume; I did not listen to anything else. Elisabeth’s weekly writing, especially this text after the first week of January. I fell in love with the drawings and paintings of Sholem Krishtalka: An intense capturing of the city and queer clubbing scene in Berlin.

Two more months to go until spring is back.

Eigentlich ganz friedlich

Neulich stand ich an meinem Fenster und blickte auf die Straße; es war einer der ersten Abende, an denen die Stadt mit dicken Schneeflocken bedeckt wurde. Und ich schaute hinunter und hinaus und ich dachte, eigentlich ist es doch ganz friedlich: Diese Stille, die der Schnee mitbringt, das heimliche Knirschen, Menschen, die ihre Autos frei schaufeln. Ich las die Anekdote eines jungen Mannes, der Geflüchteten Deutsch beibringt: wie die Konzentration dahin war, als die Menschen teilweise den allerersten Schnee ihres Lebens gesehen haben – da dachte ich, eigentlich ist es alles ganz friedlich.

An diese Magie des ersten Schnees erinnere ich mich von früher: Schneefrei, weil der Schulbus nicht fährt! Heute ärgern wir uns über die Straßenbahn, die ausfällt, denn Bürofrei gibt es nicht als Erwachsener. Iglus bauen, wenn der Schnee richtig schön pappig ist! Heute? Der Mann, der sein Auto vom Schnee befreit (der, den ich eben noch verträumt dabei beobachtet habe) flucht, und ich finde es auch nicht so toll, das Rad wegen Glätte und Matsch zu Hause lassen zu müssen. Das Rodeln auf dem Berg am Stadtrand! Und heute gehen eigentlich nur noch die Leute rodeln, die selbst schon Kinder haben.

In 24 Tagen geht die Sonne wieder um 7 Uhr 30 oder früher auf (11. Februar). In 40 Tagen wird endlich die Zeit umgestellt: Die Sonne geht erst um 18 Uhr 30 oder später unter (26. März). In zweieinhalb Monaten können wir vermutlich die Winterjacke durch die Übergangsjacke ersetzen (1. April). Bis dahin schaue ich mir die Welt versteckt durch den schmalen Sichtschlitz meiner Winterjacke an.

Growing Up Is For Trees

In den letzten Wochen, die sich vor den Tag meines Geburtstags reihten, geriet ich in Panik. Torschlusspanik: Jetzt, so schien es mir, wäre die letzte Chance zum großen Wurf: Es schließen sich die Türen zu neuen Aufgaben; Türen zu neuen Bekannten; die letzte Möglichkeit, sich nochmal aufrichtig zu entschuldigen, oder die Chance, mit einer Entscheidung in ein anderes, noch besseres Leben zu gelangen. Die letzte Möglichkeit, besser zu werden.

All das schien mir zu entrinnen. Dabei hatte ich vor einigen Monaten erst die durchaus reizende Gelegenheit, für einige Monate in die USA zu gehen, mit gutem Gewissen an mir vorbei ziehen lassen, ja, sie sogar wissentlich weitergeschickt. Alle meine Freunde gehen auf die 30 zu, oder sind schon mitten drin, und man belächelt mich: 24, das ist doch kein Alter. Sie denken über den Kauf von Wohnungen in der Stadt nach, über Rentenversicherungen und Nachwuchs. Ich habe es dieses Jahr gerade mal geschafft, mir eine Haftpflichtversicherung zuzulegen. 24, wie soll in den Rest noch ein Master reinpassen, eine Weltreise, ein Sabbatical, eine neue Wohnung, mal eine andere Stadt, wo ist da noch Platz für einen besseren Job, wo ich doch den Besten schon habe.

Die Sommer haben nur ein paar wenige Monate. Und gleichzeitig vergehen die Jahre, und Beziehungen passieren, fangen an und beenden sich, und mein Umfeld scheint nicht zu altern. Alle sind einfach da. Nur mir rennt die Zeit davon. Mir ist klar: die Chance auf Änderung ist doch immer vorhanden. Vielleicht sehe ich mir an, wie bequem ich werde, vielleicht sogar faul; wie schwer mir das Fällen von Entscheidungen fällt, und am Ende bleibt es so wie es ist, und dann ist der Zug abgefahren, und ich denke, ich hab nichts gemacht aus meinem Leben.