Alltagswahn

Klarkommen in der Pandemie

Klarkommen geht gerade am besten, wenn man Nachrichten weitestgehend vermeidet. Und statt in Newsfeeds in Gesichter schaut. Zum Beispiel wusste ich noch nie so gut, wie es ist meine Freunden in anderen Städten und Ländern geht. Ich weiß jetzt, wie Christians Leben in L.A. aussieht. Und welche Dinge Martin und den anderen Christian in Wien so beschäftigen. Und was Gabby in New York umtreibt, und Hayden. Ich weiß sogar, wie es meinem Bruder geht. Wir reden in den Telefonaten immer über das gleiche, aber gerade das hat etwas beruhigendes: Überall auf der Welt sind wir auf dem gleichen Level; also, vermutlich auf unseren Sofas und Sesseln, und niemand kann sich mehr als ein paar duzend Meter vom Fleck bewegen. Und dann erzählen wir uns wie es bisher war und wie es weitergeht, und an welchen Gedanken wir uns festhalten, und welche erfahrungsgemäß eher keinen guten Halt bieten. Und wir fangen uns irgendwie gegenseitig auf, durch unsere Mobiltelefone hinweg, und das ist doch ganz gut gerade. Mehr geht sowieso nicht.

Knäckebrot und Kaffeesorgen

Gerade bleiben wir alle zu Hause, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Lisa und Kevin (Clickclickdecker!) und das Kollektiv Barner 16 haben die Musik (YouTube-Video) dazu gemacht, und jeden Abend holt mich dieser Track kurz und schön aus meinem täglichen Meltdown. Danke dafür.

Über den gesellschaftlichen Status von Salat

Salat ist doch komisch, oder? Das Zeug wächst auf oder sogar unter der Erde, und irgendwer rupft es da dann heraus, knibbelt die ganze Erde ab, und nach 1000 weiteren logistischen Schritten landet es hier vor mir in einer Schüssel. Und ich soll mich beim Essen dann gut fühlen, wie die Frauen in diesem Meme, Women Laughing Alone With Salad.

Gemüse an sich finde ich super. Gurken, bestes Gewächs! Tomaten, so schön fruchtig. Die Auster des kleinen Mannes, wie ich immer sage, denn wenn man sie halbiert, mit abgespreiztem kleinen Finger in einer Hand hält, und dann auslutscht, kann man sich schon sehr mondän fühlen. Auch Rüben sind cool. Kann man nix sagen; schön knackig und irgendwie schrullig.

Aber Salat?! Das ist doch nix. Salatblätter sind immer labberig, meistens zu groß, machen mit Dressing also immer eine Sauerei. Und der knackige Part … dem traue ich erst recht nicht! Was soll das sein?! Irgendwie wässrig, aber auch total bissfest, und am Ende einfach nur unbefriedigend, weil null sättigend. Sorry, aber das ist für mich ein totaler Scam!

Das Beste am Salat sind leider immer die Sättigungsbeilagen. Wobei – nicht leider. Zum Glück! Ohne die hätte der Salat seinen Status als vollwertige Mahlzeit definitiv nicht verdient. Die Nudeln zum Beispiel sind das Beste an asiatischem Salat. Mozzarella und Parmesan – ohne die könnte man italienischen Salat auch sein lassen. Die drei Baguettescheiben, die man sich in der Kantine zum Salat nehmen darf, um das übrige Dressing aufzusaugen – ohne euch wäre Salat niemals da, wo er jetzt ist!

Wir gehen jetzt auf die 30 zu

Vor einem Jahr noch fand ich diesen Satz witzig. Da war das ja auch einfach; ich war gerade 27 geworden, vom Feeling her also immer noch Mitte 20; da war das alles noch weniger greifbar. Der Satz fiel, um den Kauf eines teuren Möbelstücks zu rechtfertigen. »Wir gehen doch jetzt auf die 30 zu«, da kann man schon mal in etwas investieren, was qualitativ und preislich über IKEA-Niveau hinausgeht. Und daraus ist dann irgendwie ein geflügeltes Wort geworden – fast 30 sein rechtfertigt alles!

Aber jetzt rückt auch bei mir die 30 näher. Ich habe keine Angst vor dem Älter werden, ich finde es generell sogar super. Es ist eher der Drang, die Umstände zu prüfen und abzuwägen, der mich zermürbt. Habe ich mir Erwachsen sein so vorgestellt? Lebe ich eigentlich so, wie ich will? Was genau sind die Dämonen, die mir im Nacken sitzen und mich hetzen? Und wie werde ich sie los?

Früher war mir wichtig, mir auszumalen, wie die Zukunft aussieht. Es hat mir geholfen, mich zu orientieren und Ziele zu haben. Heute scheue ich mich davor, mir die kommenden 10, 20 Jahre vorzustellen. Warum eigentlich? Wieso nicht zugeben, dass gewisse Träume geplatzt sind und so auch Platz für Neues entstanden ist? Wieso nicht ernsthaft hinterfragen, ob mir diese Menschen, diese Arbeit, diese Wohnung, diese Stadt noch das geben, was ich brauche? Wofür all diese Unabhängigkeit, wenn ich mich nicht von ihr losreißen kann?

Wir gehen jetzt auf die 30 zu. Zeit, die Zügel mal selbst in die Hand zu nehmen.

Die Stadt ist wach hinter Mauern aus Glas. Zehn Jahre Berlin

10 Jahre Berlin

Im Sommer 2009 sitzen mein Vater, Roman und ich in dem kleinen Dönerladen am Hertzbergplatz mit dem klingenden Namen Traumeck. Neukölln gilt als runtergekommener Stadtteil mit Potential; insgeheim wissen aber alle, dass hier die Mieten in den nächsten zehn Jahren um 99 Prozent steigen werden. Wir suchen eine Wohnung für Roman, Kathi und mich.

Ein paar Monate später, eigentlich genau jetzt vor zehn Jahren, sind wir dann gelandet: In einer WG in Neukölln, in einem Altbau mit riesigen, hohen Zimmern, mit kreativen Studienplätzen und vielen verrückten Phasen; wir haben unsere Leben komplett hierher verlegt, und wir sind immer noch hier. Ehrlich gesagt ist es in den allermeisten Aspekten meines Lebens so, als wäre ich nie woanders gewesen. Mit 17 kam ich her, und alles, was davor passiert ist, fühlt sich in der Retrospektive an, als wäre es nur so halb oder zumindest mit sehr wenig Elan passiert.

Stimmt natürlich nicht. Aber dennoch waren die letzten zehn Jahre mit die prägendsten in meinem Leben. Berlin ist immer noch die Stadt, die mich nicht los lässt; auch wenn sie mir regelmäßig auf den Kopf fällt. Um dieser Schwere entgegen zu wirken, hier eine leicht verdauliche Liste meiner letzten Dekade in dieser Stadt:

  • Das selbstbetitelte Album von The XX erscheint 2009, und es funktioniert immer noch – kaum etwas hat das erste neue Lebensjahr so vertont und verinnerlicht wie diese Musik.
  • Weekday war damals modisch das Aufregendste, was meinem Teenager-Körper passieren konnte. Und American Apparel sowieso – wie uns diese Firma 2009 alle in sehr enge Hosen und diese schrecklichen V-Ausschnitt-Shirts plus Opa-Cardigans gekleidet hat. Unfassbar.
  • Während heute die New Yorker Totebag das ultimative Hipsteraccessoire ist, war es 2009 definitiv der Do You Read Me?! Beutel. Wer von euch hat ihn noch?
  • Sowieso, Beutel: Was sollte das?! Alles wurde in Stoffbeuteln transportiert; auch wenn es viel zu viel und zu schwer und unhandlich war. Noch heute klemmt mir das Zetern meines Freundes B. im Ohr: »Lieber 20 Beutel als ein Rucksack!!!«
  • Meine Freundin J. hat mir zum Umzug damals eine Bauchtausche von Eastpak geschenkt – damit ich »in Neukölln zwischen den ganzen coolen Jungs nicht so raus falle«. Heute heißt sowas Dealerbag und ist ein nicht mehr wegzudenkendes Alltagsaccessoire für alle, die gerne rauchend oder kaffeetrinkend in Parks, Cafés, Agenturen und Clubs rumstehen.
  • À propos Clubs: 2009 wusste ich nicht mal, was das Berghain ist. Ein paar Jahre später ging ich jedes Wochenende ein und aus, um dann irgendwann zu merken, dass es doch auch sinnvollere Dinge gibt, die man an seinen freien Sonntagen machen kann. Selten hat mich ein Mythos aber so mitgerissen, und ich finde es sowohl albern als auch nach wie vor faszinierend.
  • Wenn es einen Club gibt, den ich wirklich vermisse, ist dass das NBI; das sich früher immer nach Wohnzimmer angefühlt hat. Hier war ich auf meiner ersten Berliner Party mit Kiwi, und hier hat das schönste Konzert von Me Succeeds stattgefunden. Der Ort (der jetzt ein Gravis-Store ist …) hat ein Nostalgie-Gefühl in sich, dass ich noch in 20, 40, 60 Jahren kennen werde.
  • Während mir zu Schulzeiten prophezeit wurde, dass ich eins dieser Ritalin-Opfer werden würde, die ihre Bedeutungssucht durch leistungssteigernde Mittel befriedigen, habe ich bisher stets die Finger von Drogen gelassen – und auch erst Jahre später gemerkt, dass ich damit einer der wenigen in dieser Stadt bin. Ich finde Drogen nicht mehr so schockierend und angsteinflößend wie früher, aber reizen tun sie mich genau so wenig wie damals. Gibt’s Ritalin überhaupt noch?!
  • Eine der schlimmsten Erinnerungen ist vermutlich die Silvesternacht auf der Warschauer Brücke. Im Nachhinein einfach ein sehr großer Faux-Pas aus Jugendlichkeit und Zugezogenen-Naivität.
  • Was immer noch nervt an dieser Stadt: Dass es in Parks keinen Rasen und keine Sitzgelegenheiten gibt.
  • Und dass man überall hin 30 Minuten braucht. Mindestens.
  • 10 Jahre Berlin sind auch: Eine Jugendliebe, zwei Umzüge, sehr viele Ballettstunden, dreieinhalb Jahre Agenturleben, zweieinhalb Jahre Therapie, zwei Studienabschlüsse, zwei Festanstellungen, ein geklautes Fahrrad, ein gebrochener Arm, drei Besuche in der Notaufnahme, einige merkwürdige Begegnungen, ein CSD-Besuch, eine Hand voll sehr guter, enger, neuer oder intensivierter Freundschaften, sechs Monate im Ausland, und so wenige Silvesterabende wie möglich in dieser Stadt.

Ob ich hier bleibe? Vor zehn Jahren hätte sich diese Frage nicht gestellt. Vor drei Jahren habe ich zum ersten mal gegrübelt, ob ich hier glücklich werden kann. Dieses Jahr sage ich: Für immer hier bleiben muss nicht sein. Aber solange hier alles ist, was ich liebe, gibt es keinen Grund, zu gehen. Also auf die nächsten Monate, oder Jahre, oder Dekaden.

Gegen das Aus-der-Welt-fallen

Ich habe etwas Schorf an der Schläfe. Ich bin angehalten, ihn nicht aufzukratzen, um Narbenbildung zu vermeiden. Daran halte ich mich natürlich. Aber für immer kann dieser Schorf da nicht bleiben; irgendwann wird er verschwinden. Er wird sich auflösen und irgendwann abfallen, im Ganzen oder Stück für Stück. Irgendwo wird er sich also verteilen; so eklig das auch klingen mag. Aber das ist ja das, was sowieso die ganze Zeit passiert. Hausstaub besteht zu einem Großteil aus alten Hautschuppen. Wir häuten uns permanent. Wir lassen uns andauernd und überall zurück. Das ist vielleicht auch eine Praxis, um nicht aus der Welt zu fallen – seine Spuren zu hinterlassen, das will ja irgendwie jeder. Dafür machen wir die Dinge: die Kunst, die Texte, die heroischen Taten, die Grausamkeiten – um zu bleiben; sich festzusetzen wie ein Anker. Wie, wenn man bei einem Date den Pulli absichtlich liegen lässt, um sich nochmal treffen zu müssen. Als Beeinflussung des Schicksals, sozusagen. Wenn ich das meinem Schorf erzähle!

Über Awkward Handshakes

Wenn es eine Sache gibt, für die man mich in Erinnerung behalten wird, dann sind das Awkward Handshakes. Das kann ich richtig gut! Während die Begrüßung enger Freundinnen kein Problem darstellt (man umarmt sich halt, was soll der Geiz?), ist es mit deren Freunden, oder generell mit Männern, immer ein bisschen schwierig. Eine Fallstudie:

Ich treffe meinen Kumpel M. auf der Straße; wir haben uns schon ein paar Wochen (Monate?) nicht mehr gesehen, wie das in Berlin manchmal so ist, aber wir finden uns generell super. Wie begrüßt man sich also? Mit einer Umarmung hätte ich Angst, ihm zu Nahe zu treten – wir sind nicht allerbeste Freunde, und er ist sehr heterosexuell, das könnte ihm alles viel zu viel sein. Dass ich damit in voller Fahrt meine eigene innere Homophobie auf andere projiziere, ist mir durchaus klar – aber ich sag’ wie’s ist!

Man könnte sich also einfach die Hände schütteln. Ganz alte Schule; da bin ich ja ein ein Freund von. Gerne höflich die Hand ausstrecken, womöglich dabei noch die linke Hand auf dem Rücken, dreimal schütteln, sich kurz zunicken und leicht verbeugen – fertig! Das wäre ehrlich gesagt meine Traumbegrüßung mit allem, was nicht umarmungswillig ist. Aber so einfach ist es nicht, denn gerade, wenn ich die Hand ausstrecke, passiert sowas:

M. (oder wer auch immer), streckt auch die Hand aus, aber in einem anderen Winkel. Irgendwie rechtwinklig nach oben; als würde man ein High-Five mit einem Händeschütteln verbinden. Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes, was mir da entgegen gestreckt wird. Wie greifen da bitte die Hände ineinander? Berühren sich die Ellbogen? Und die Kür: Folgt darauf eine Bro-eske Umarmung mit Auf-die-Schulter-Klopfen, oder bleibt man auf Distanz?

Eins ist, wenn M. mir mit so einer komischen 90-Grad-Arm-Geste begegnet, gewiss: Es. Wird. Awkward. Ich, schon mit halb ausgestreckter Händeschüttelhand, versuche cool und heterolike auf diesen High-Five-Arm zu reagieren, verpasse ihn aber um einige Millisekunden; was dann dazu führt, dass die Hände sehr merkwürdig ineinandergreifen und ich mich in eine etwas zu intensive Umarmung rette, um meinem gegenüber nicht ins Gesicht schauen zu müssen.

Was sich M. nach diesem Begrüßungsüberfall denkt – ich will es besser gar nicht wissen. Das Eis der Awkwardness ist danach jedenfalls ein für alle mal gebrochen.