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Dingtausch

Habe die neue Regel, dass für jedes Ding, das ich mit in meine Wohnung bringe, ein bereits vorhandenes Ding ähnlicher Größe weichen muss. Ausgenommen nur Lebensmittel. War eben in der Drogerie; die alte Cremetube wird durch eine neue ersetzt, geschenkt. Der Paketbote hat vorhin die Diskokugel gebracht, die ich bestellt hatte. Ich entscheide mich, sie gegen die Berge an Altglas einzutauschen, die sich in meiner Wohnung angesammelt haben, und halte das für einen guten Deal. Seit jeher bin ich Profi darin, mich selbst zu bescheißen.

Sounds of Silence

Seit Jahren schläft Richard schlecht. Jede Nacht liegt er unter der gestärkten Bettdecke und malt sich bis ins kleinste Detail aus, wie jemand in sein Haus einbricht. Beim leisesten Knacken, Quietschen und Knarren schreckt er auf. Dann erstarrt er, und begibt sich in einen unaufhaltsamen Gedankenstrudel. Er malt sich aus, wie die fremde Person durch das Treppenhaus schleicht, die leisen Sohlen auf den Stufen. Richard sieht ihre Silhouette im Türrahmen stehen. Er weiß, dass er schon bei dem kleinen Geräusch vorhin die Flucht hätte ergreifen sollen, aber nun ist es zu spät, und er ist versteinert. Ein kleiner Lichtstrahl fällt vom Mond draußen ins Zimmer. Richard zeichnet gedanklich die Fluchtwege aus dem Haus auf, durchs Fenster auf das Vordach, aber er weiß, dass eine Flucht unmöglich wäre; niemals würde er sich und seine Frau überzeugen, das Geräusch ernst zu nehmen. Sie wären gefangen und müssten sich im Nahkampf dem bewaffneten Eindringling stellen. Sie hätten keine Chance. Sie würden beide sterben, und wenn sie nicht sterben würden, würden sie am Schock der Gräueltat zugrunde gehen. Richard würde sein Leben nicht mehr regeln können und das Paar würde alles verlieren. Das alles malt er sich aus, während er in einer Schockstarre und mit riesigen hochgestreckten Ohren im Bett liegt und auf das nächste, kleinste Geräusch wartet.

Frühlingsabend

Der erste richtige Frühlingsabend. Unten im Hof schlägt ein Kind unermüdlich zwei Metallschaufeln aufeinander. Auf das Dach des Altbaus gegenüber sind zwei Jugendliche geklettert, vielleicht für ein romantisches Date, vielleicht als Mutprobe. Sie blicken über die Dächer, wie ich, nur haarscharf weichen wir unseren Blicken aus. Ich habe keine Ahnung, wie die Margeriten auf meinem Balkon den Winter überlebt haben, aber die Blüten sind ganz neu, manche haben sich für die Nacht schon verschlossen. Die untergehende Sonne blitzt in den Metallprofilen der Dächer. Der Himmel ist ganz eben, kein Kondensationsstreifen und keine Wolke teilt ihn. Das Jahr liegt noch weit und offen vor uns.

Von außen nach innen

Was sind die großen Themen des Lebens? Was bleibt? Die Autorin Doris Dörrie antwortet auf die Frage, worauf es im Leben ankommt: genug geliebt zu haben. Und: seine Potenziale erkannt und ausgeschöpft zu haben. Das ist ein großes und schweres Ziel, finde ich. Die eigenen Potenziale zu erkennen braucht Zeit und Ressourcen, und auch Mentoren, die einem Mut zusprechen und Wege aufzeigen. Und gleichzeitig ist Mentor sein ja auch ein Potenzial, dass in einem schlummern könnte. Ich habe jedenfalls das Gefühl, meine Potenziale noch nicht so recht auszuschöpfen. Da geht noch was. Austin Kleon schreibt, dass man die Dinge nicht unbedingt in sich trägt, sondern eher in sich hinein lassen muss. Platz machen für Inspiration und Input, aber auch: Zeit schaffen dafür, dass sie wirken und eine Form annehmen können. Ein Buch schreibt sich nicht von innen heraus. Ein Bild malt sich nicht in mir drin. Es muss ja auch erst mal in mich reinkommen. Die Muse kommt im Akt der Kreation, eine Erkenntnis, die ich seit letztem Jahr sehr bewusst mit mir herum trage. Wird also Zeit, ein wenig mehr Zeit und Raum mit ihr zu verbringen.

Zock Zock Zock Zock

Am Silvesterabend stand ich am Fenster und blickte auf die Straße: Gegenüber war eine kleine Gruppe aus Teenagern am Böllern. Ein Mädchen, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, führte die Gruppe an. Sie trug eine weite Daunenjacke und hatte schwarze Haare. Immer wieder, wie aus dem Nichts, zückte sie eine Pistole und ballerte damit in die Luft. In schnellem Rhythmus, fast wie ein Maschinengewehr, zock-zock-zock-zock-zock. Wer produziert sowas – ein Gerät, das Pyrotechnik in Form einer Waffe in Sekundenschnelle abfeuert?

Hier auf der Hauptstraße, direkt neben dem Supermarkt, gibt es einen Waffenladen. Im Schaufenster stehen riesige Macheten, Butterflys, Nahkampfmesser, vor allem aber auch Schreckschusspistolen und Gewehre in sämtlichen Formen und Größen. Der Laden ist immer ganz gut besucht, wohl, weil er auch Zigaretten verkauft. Vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Clique aus meinem Haus gegenüber dort eine richtige Knarre gönnt, und sie nachts einem scheuen Teenager an die Brust hält, um ihm sein Handy abzuziehen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist einfach nur Silvester.

Oktober-Liste 2024

Foto-Collage Oktober 2024

  • Kurfürstendamm Ecke Joachimsthaler Straße. Ich haste an einem Piercing-Studio vorbei. Im Schaufenster liegen zwei abgehackte Hände!
  • Ein Monat, in dem ich mir mehr als einmal sicher war: Jetzt haben sie mich. Jetzt werde ich endlich, endlich als Hochstapler enttarnt. Was dann, eigentlich?
  • Wir spazieren zur Buchbox am Centre Français. Nachdem Paul sich mein Grübeln und Hadern eine halbe Stunde lang angehört hat, fragt er mich, ob ich im Herbst wohl immer besonders streng mit mir sei?
  • Kulinarisches Highlight im Oktober: Ich habe Ramen für mich entdeckt! Ich hatte es mal vor Jahren bei Cocolo gegessen, das war wirklich furchtbar. Aber neulich aß ich es in einem unscheinbaren Restaurant, und es war fantastisch!
  • Kulinarisches Highlight Nummer 2: Endlich die Kroketten bei Dashi gegessen. Sie waren winzig und teuer, aber sie haben mich überraschend glücklich gemacht.
  • Kulinarisches Lowlight dafür: Seit Jahren mal wieder bei McDonals gegessen. What is this place?!
  • Ich verkaufe mein Bett über Das Online-Portal Kleinanzeigen. Ein älteres Paar kommt vorbei, das die Matratze ausprobieren möchte. Ich sage, dass sie das natürlich machen können. Die Frau zieht fröhlich ihre Schuhe aus, und beide legen sich auf die Matratze. Sie ruckeln sich zurecht und fangen an zu kuscheln, Löffelchen-Stellung. Ich stehe sehr merkwürdig und unbeholfen daneben. Am Ende nehmen sie die Matratze nicht.
  • »I don’t know. You seem like the kind of guy who always knows what time it is.«
  • »Ich schätze dich für deinen Geist«, sagt Ralf am Telefon, und das gesagt zu bekommen, das wünsche ich wirklich jedem.

Wien schwitzt

Verbogener Poller auf Asphalt

U1 nach Leopoldau. Im Zug steht ein junger Mann in einem blassblauen Hemd. Die Arme nach oben gestreckt hält er sich an der Stange fest. Seine Achseln liegen frei, ein Anblick, den man in der stickigen Luft bitte nicht sehen möchte.

Blumenauergasse. Es gibt viele Erotik-Tanzlokale, alle etwas in die Jahre gekommen. An der Tür hängt ein blechernes Schild, »Mädchen gesucht«.

Im Augarten gibt es mehrere kompakte, durch Hecken abgetrennte Rasenflächen, die nur durch eine kleine Öffnung zugänglich sind. Aber sie sind öffentlich, dahinter feiern Familien und Freunde Geburtstage und machen Musik. Am Parkeingang steht groß und in goldenen Lettern: »Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs–Ort von ihrem Schätzer«, vom Volkskaiser Joseph II.

Farbenfrohes Hundertwasserhaus in Wien mit bunten Fassaden und Bäumen auf den Dächern

Nach Jahren besuche ich mal wieder das Hundertwasserhaus und das Kunsthaus Wien. Ich erinnere mich an die unebenen Böden, die ihm so wichtig waren, und stelle fest, dass der Ort und die Architektur nichts von ihrer Skurrilität und Magie verloren haben.

Die Stadt ist voll mit jungen Gästen, die für die drei Taylor-Swift-Konzerte angereist sind. Alle Konzerte wurden wegen eines geplanten Terroranschlags abgesagt, nun müssen sie sich andere Beschäftigungen suchen. Nicht so schwer hier. Im Kunsthaus bekommen sie freien Eintritt, und zum Café ein Glas Prosecco gratis. Aus den Lautsprechern spielen sie Taylors Songs in Dauerschleife. Die junge Amerikanerin neben mir singt lauthals mit und schaut ihren Freund verliebt an (er lächelt tapfer). Ich freue mich für sie, aber nach dem fünften inbrünstigen Karaokebeitrag muss ich mich umsetzen.

Gasthaus Hansy. Am Nebentisch sitzt eine amerikanische Familie. Sie fragen sich, aus welchen Tier wohl Wiener Schnitzel gemacht wird. Als die Tochter realisiert, dass es Kalbfleisch ist, veal, aus dem Kind einer Kuh, bestellt sie es nicht. Diese Erkenntnis hat wohl viele noch nicht erreicht.

Der Wiener Prater vom Hotelzimmer aus bei Nacht: Bunt leuchtende Fahrgeschäfte

Vom meinem Hotelzimmer aus sehe ich den Wurstelprater. Durch die große Fensterscheibe flackern Praterturm, Space Shot und das Wiener Riesenrad. Wenn man das Fenster öffnet, hört man bis in die Nacht das euphorische Kreischen der Fahrgäste. Hier im Hotel habe ich genau die Distanz, die ich zu solchen Orten schätze.

Im Joseph Brot wird man am Platz bedient, was ich ungewöhnlich finde für eine so hippe Lokalität. Die Belegschaft trägt eine Uniform, ganz unscheinbar: ein cremefarbenes T-Shirt mit kurzen Jeans.

Am Schwedenplatz hält ein schlaffer, junger Mann eine frische Zigarette in der Hand. Er dreht sich zu dem jungen Mädchen um, das an ihm vorbei läuft, und spricht sie an: »Hey, hast du vielleicht … Snap?« Ich versinke im Erdboden vor Scham.

Der Boden hier hat keine Risse. Keine Spalten, keine Fugen. Die Stadt ist eine glatte Betonfläche. Die Hitze steht zwischen den Häusern und läuft uns an Stirn und Nacken herunter. Bei 35 Grad flüchte ich aus der Stadt.