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Tragluft

Zeichnung der Traglufthalle von innen, unten der Pool; eine Bank mit einem Handtuch. An der Wand zeichnen sich Schatten der Bäume ab

Über zwei große Becken spannt sich das weiße Membransystem. An seinen Wänden, im Inneren der Traglufthalle, zeichnen sich die filigranen Schatten der noch kargen Bäume draußen ab. Darüber kreisen die Vögel, deren Silhouetten man sieht, während man rücklings im Wasser treibt. Die Schwimmer sind konzentriert, sie ziehen leise ihre Bahnen. Hier drin ist es warm und ruhig. Ich bin jetzt schon traurig, dass diese Halle in wenigen Wochen für den Sommer abgebaut wird.

Heiße Schokolade

Zeichnung eines Plastikbechers mit heißer Schokolade

Seit Einbruch der Minusgrade sehnte ich mich nach einem eisigen Winterspaziergang und einem darauf folgenden Heißgetränk. Kaffee und literweise Tee gehören sowieso zu meiner Alltagsroutine – so beschloss ich, zu einer Heiße-Schokolade-Person zu werden.

Das Getränk, das sonst vor allem Kindern und kaffeeabtrünnigen Personen zugeschoben wird, hatte ich nach der antrainierten Koffeinabhängigkeit vollkommen vergessen. Dabei ist es doch perfekt für so einen kalten Körper, der gerade frisch aus dem Schneegestöber in die Wohnung stolpert. Ich erinnere mich an mein Studium, in dessen Wintersemestern Łukasz und ich regelmäßig zu den in Nischen verbauten Getränkeautomaten auf dem Flur trapsten: Für 50 Cent gab es dort einen kleinen, dünnen, braunen Plastikbecher voll mit dicker, heißer Schokolade. Wir tranken sie literweise.

Und als wäre es eine höhere Schokoladenanweisung des Schicksals gewesen, veröffentlichte jüngst Elisabeth Raether im ZEIT Magazin ein Rezept für »Heiße Schokolade für Erwachsene« (Z+). Eine Mixtur, die es in sich hat: Für eine Tasse erhitzt man 100 ml Milch, 100ml Sahne, 50 g Zartbitter- und etwa 30 g Vollmilch-Schokolade in einem Topf, und rührt dann noch einen kleinen Esslöffel Kakaopulver hinein. Die Erwachsenen-Komponente besteht aus einem kleinen starken Espresso, der zum Ende hinzugekippt wird. Macht satt und glücklich, und man fühlt sich kurz wie ein erwachsenes Kind.

Linksdrall

Der Hund hat einen Linksdrall. Das sehe ich immer, wenn ich ihn von der Leine lasse und er dann nach vorne rennt. Nach vorne links. Er hastet so los, schlägt Haken wie ein Hase, aber nie geradeaus. Immer in so einem kleinen Bogen nach links. Erst habe ich überlegt, ihn zu reklamieren. Mich hat das wahnsinnig gemacht. Es war unberechenbar, wohin er genau abbiegen würde, und ich wollte keine Risiken eingehen. Aber dann habe ich mich entschieden, ihn zu behalten. Ich war unsicher, ob das überhaupt ein triftiger Reklamationsgrund gewesen wäre, und dann waren die zwei Wochen Umtauschrecht verstrichen, und das wäre dann alles recht kompliziert geworden. Also blieb er bei mir. Ich versuche jetzt immer beim Werfen von Stöckchen oder Spielzeug, den Linksdrall des Hundes etwas auszugleichen, in dem ich ein wenig nach rechts werfe. Aber so wirklich klappen will das nicht.

Schimmernder Dunst über Oberhausen

Das Neubaugebiet, in dem meine Eltern wohnen, fühlt sich an wie der Ort aus Leif Randts „Schimmernder Dunst über Coby County“. Durch den glatt geteerten Weg in den neu angelegten Parks fahren die Rentner mit ihren E-Bikes. Ein leises Surren liegt in der immer-sommerlichen Luft. Am Wegesrand erblüht eine frisch gesäte Blumenwiese, daneben drehen drei Mädchen ein Video für TikTok. Am Horizont steht ein großer Gaskessel, im Westen wird gerade die letzte Baracke der Künstlerateliers abgerissen. Noch nie lag hier Müll auf der Straße, dafür ist hier alles viel zu neu.

Der Anfang der Welt kommt oft

Foto des Romans "Alles ist erleuchtet" von Jonathan Safran Foer

Das erste Mal habe ich Jonathan Safran Foers Debütroman »Alles ist erleuchtet« vor 15 Jahren gelesen (Blogpost von 2010), noch bevor ich die schlechte Verfilmung sah. Damals habe ich die Story nicht so ganz verstanden. Das Buch wechselt zwischen mehreren Zeiten, Erzählern und Formaten, die Sprache ist teilweise sperrig oder auch albern; es geschehen sehr viele nebensächliche und gleichzeitig wirre Dinge. Ich habe mich regelrecht durchgequält damals, ich kam im anhaltenden Gewusel aus Charakteren und Orten und Historie nicht zurecht.

Die letzten Seiten habe ich dann in der Ringbahn auf dem Weg zu einem Freund gelesen, und da habe ich dann alles gecheckt, und es gibt ein Kapitel, das ist so hart und streng, da bin ich dann in Tränen ausgebrochen, was mir bisher nicht passiert war bei einem Roman, vor allem nicht in der Öffentlichkeit, und das war peinlich und schön. Ich saß also heulend in der Bahn und musste dann aussteigen, und wann bitte hat ein Buch das letzte mal sowas wohltuend Erniedrigendes mit euch angestellt?

Nun habe ich das Buch aus Neugierde nochmal gelesen. Diesmal war es einfacher, ich konnte die Wirren und den ausufernden Drang Foers, hier noch und da noch eine kleine merkwürdige Anekdote dazwischen zu schreiben, genießen. Hab am Ende wieder geheult. Der Anfang der Welt kommt oft.

Speed-Dating

Für meinen Plan, mehr offline zu leben, habe ich mich bei einem Speed-Dating-Event angemeldet. Ein Freund kommentiert mein Vorhaben: Das sei ein wenig frech, weil ich ja gar nicht wirklich auf der Suche sei und quasi als Voyeur dort auftauchte. Aber es geht hierbei ja lediglich um eine Form des Kennenlernens, Ausgang ungewiss. Wir verbringen also, ganz offline, einen kurzweiligen Abend in einem Café; alle fünf Minuten läutet eine Glocke und wir wechseln die Tische. Einer meiner Gesprächspartner sagt, er wolle einfach normale Leute kennenlernen; auf den digitalen Dating-Plattformen seinen ja nur Freaks unterwegs. Ich frage mich, ob mittlerweile nicht eher bei so einer absurden Aktivität wie Speed-Dating die Freaks anzutreffen sind – uns beide einbezogen.

Eine Begegnung wie im letzten Jahrtausend

SMS von R. »Ich war übrigens am Freitag seit etwa 1000 Jahren mal wieder in einem Club! Es war ganz toll! Ich geriet in so eine recht große Clique an lauter netten Leuten und habe sehr viel und ausgiebig getanzt, das hat gut getan. Jedenfalls war es so eine Art Kostümparty, könnte man sagen, mehr oder weniger. Und dann habe ich Fabian kennengelernt, und als ich irgendwann aufbrechen wollte, wollten wir in Kontakt bleiben. Und weil wir wegen der Kostüme beide unsere Handys an der Garderobe abgegeben hatten, hat er an der Bar nach einem Zettel und Stift gefragt, und mir seine Nummer aufgeschrieben?! Auf Papier. Wie im letzten Jahrtausend! Jetzt liegt hier dieser Zettel mit der Nummer, und immer wenn ich ihn angucke, fühle ich mich ganz jung.«