berlin

Der Pfau

Mehrere Jahre lebte ich in einem Irrglauben. Ich war der festen Überzeugung, dass das gequälte, schrillen Pfeifen, das immer wieder durch die gekippten Fenster in unser Büro drang, der Kehle eines Pfaus entstammte. Ich stellte mir vor, wie das gefederte Tier vom Tiergarten bis zu uns seine balzenden Laute ruft. Bis ich neulich aufgeklärt wurde – das Geräusch rührte nicht von einem Tier, sondern von den quietschenden Reifen des M84er Busses, der die Bremse betätigte.

Sommer in Berlin

An der Ampel steht ein hagerer junger Mann im Unterhemd, über die Schultern eine dünne Lederjacke geworfen. Seine kleine Freundin hebt die linke Seite der Jacke an, steckt ihren Kopf unter die Achsel des Mannes, verweilt kurz – und dreht sich eingeschnappt weg. Die Ampel wird grün. Sommer in Berlin.

Der Brand:

Kastanienallee – Menschen laufen mir in Paaren entgegen. Ich prüfe: sie rennen nicht, sie scheinen vor keiner konkreten Gefahr zu flüchten. Ich trete mein Fahrrad langsam die Straße entlang: immer mehr Menschen, der erste Polizeibus. Ein sanftes Dröhnen in der Luft: dann das erste Feuerwehrauto, und da merke ich es am Geruch: ein Brand. Die Leute im Restaurant gegenüber blicken aus den Fenstern zur Straße hin: Eine Menschenmenge entfernt sich. Mehr Polizei, mehr Feuerwehr, ich steuere auf die Kreuzung zu. Die Scheiben der Bar sind mit grauem Rauch bedeckt. Aus der Eingangstür an der Hausecke qualmt es Wolken nach außen, die Feuerwehr beginnt bedacht ihre Arbeit. Ich traue mich nicht anzuhalten: Anhalten macht mich zum Zuschauer, Zuschauer stören in solch einer Situation.

Aber kaum jemand ist hier. Die Menschen spazieren, die Feuerwehr geht entspannt ihrer Arbeit nach: Sie tragen ihre Schutzkleidung, sie tragen den Schlauch. Ich blicke am Gebäude nach oben: Ist noch jemand drin? Warum herrscht hier keine Panik? Vereinzelt brennt Licht in den Wohnungen, doch es scheint alles leer zu sein. Die Bar qualmt weiter. Ich biege in die Seitenstraße.

Eine Woche später fahre ich wieder an der Hausecke vorbei – es ist spät am Abend. Mein Blick huscht an den großen Scheiben der Bar entlang: Die Stühle sind hochgestellt, und auf den Tischen stehen in kleinen Vasen die ersten Tulpen des Jahres.

Funktion One

Wie du da stehst, neben dem Turm, im Dunkeln, im Nebel. Ein bisschen wie Stahl, ein bisschen wie Holz, wie ein Wald, wie ein Krieg durchdringt uns das Donnergrollen. Wie das Glimmen deiner Zigarette die Nasenspitze zum Leuchten bringt. Und das harte Arbeiten der anderweitigen Körper, nur du ruhig dastehend und wie du abwegig drein schaust, den Blick nach unten gerichtet. Und ach ja, hier ich, am anderen Ende des Nebels, jage Blicke durch die gelegentlichen Funken, die den Raum zitternd machen und wie ich durch die Nebeldecken grabend, auch zittern muss. Ein Zeitstop in meiner Verfolgungsjagd, Blaulicht, Flackern, Lärm und Muskeln – Ich Enter The Void, grabe mich vor, auf dich zu, und du da am Rand, formst die Mitte hier drin.

Ich bau’ mir ein Luftschloss


Nach viereinhalb Jahren lösen wir unsere Wohngemeinschaft auf. 2009 sind wir gemeinsam hier in dieser Stadt und in dieser Wohnung angekommen, und jetzt wird es Zeit, dass jeder seinen eigenen Raum bekommt – manche von uns gehen auf Reisen, andere suchen sich diesen Raum hier. Ich zum Beispiel.

Ich habe mich nicht wirklich getraut, während der Wohnungssuche zu jammern. Ja ja, auch in Berlin sieht es düster aus auf dem Wohnungsmarkt, und alles wird teurer und teurer, und sowas wie das hier findet man sowieso nie wieder. Aber ich muss an meinen Bruder denken, der in München lebt, da sieht die Sache ganz anders aus (viel düstererer). Ich muss mir immer wieder vor Augen führen, was für ein unglaublicher Luxus uns in unseren riesigen, mit Dielenboden und öffentlichem Nahverkehr ausgestatteten Wohnungen zur Verfügung steht – und das nicht in Vororten, sondern mitten in der Stadt. (Da ist es natürlich von Vorteil, wenn eine Stadt vier anstatt nur ein Stadtzentrum hat.)

Aber ich wurde fündig, und in wenigen Wochen wohne ich in meinen eigenen vier Wänden. Seit Monaten scrolle ich durch Einrichtungsmagazine, erdenke mir die schönsten Wohn-, Arbeits- und Badeparadiese und zerbreche an dem Gedanken, welche Küchenarbeitsplatte nun die Raffinierteste ist. Pinterest ist bei solcherlei Brainstormings übrigens absolut keine Hilfe – da wird ziemlich schnell deutlich, dass alles, was uns als Lifestyle verkauft wird, erstunken, erlogen und im wahren Leben entweder viel zu teuer oder nicht mit Wasser abwischbar ist. Am Ende holt einen der Spaziergang durch das schwedische Küchencenter sowieso auf den Boden der Tatsachen zurück.

Und um direkt dort zu bleiben, habe ich mich gegen visuelle Inspiration entschieden und ganz pragmatisch gescribbelt. Kritzeleien sehen sowieso besser (und nach drei Wochen Benutzung auch realistischer) aus als all die Hochglanzfotos von Wohnträumen im Internet.

Berlin, du bist so wunderbar klischeebehaftet

Zu einem meiner Guilty Pleasures – gibt es eigentlich einen schönen deutschen Ausdruck dafür? – gehört, so wurde mir neulich bewusst, Kinowerbung. Und zwar nicht irgendeine Art von Kinowerbung, sondern diese kitschigen Berlin-als-Lebensgefühl-Werbespots von berliner Marken. Seit einigen Jahren ist es nicht zu übersehen, wie Berliner Produkte mit einem ganz bestimmten Bild der Stadt (immer exakt das Gleiche!) eine Stimmung erzeugen, die vollkommen überzogen und unrealistisch das Leben in der Großstadt rüberbringt. Und ich muss gestehen: Sie kriegen mich damit absolut rum. Diese Überzeichnung des Sommers in Berlin trifft bei mir irgendwie einen wunden Punkt, und ich fühle mich immer wahnsinnig richtig hier (obwohl ich wirklich selten so glückselig und barfuß durch die City springe, wie die Protagonisten in den Spots das tun). Drei Beispiele.

Alle kennen den Song von Kaiserbase – Berlin, du bist so wunderbar, bla bla, und natürlich summen die happy Jungs von der Stadtreinigung mit, und der knausrige Polizist auch, und die nervigen Raggae-Gäste aus dem Yaam, die total eins werden mit dem piekfeinen Spindler & Klatt Publikum von Gegenüber. Denn sowas geht in dieser Stadt (allerdings nur mit ordentlich viel Bier).

Um bei den Getränken zu bleiben: Für alle, die kein Bier mögen, tut es auch Wasser – präsentiert von all den smarten Menschen, die in dieser Stadt wohnen und Wasser trinken, von Studenten bis zum starken Papi, Omi und Opi und natürlich dem Fernsehturm höchst persönlich (crazy, dass der noch in Werbespots funktioniert).

Und dann ist da die Morgenpost, die nochmal gewaltig auf die Tränendrüse drückt und alle Klischees, die die Stadt zu bieten hat, in wunderschöne, sonnendurchflutete, warme Bilder packt. Mein Herz weitet sich bei jedem Angucken zu einem saftigen Steak. (Lustig übrigens, dass homosexuelle Paare zum Stadtinventar gehören wie kaum irgendwo sonst. Sogar der be berlin Kampagnenspot von 2009 endet mit einem verträumten Männerpaar und Skyline.)

Learn The Rules

Von unten her: deine brauen Sohlen, dick wie Kinderhände, sind das einzig Farbige an deinem Outfit. Sie halten die klassischen schwarzen Doc Martens Halbschuhe, deren Kappen angekratzt und gut getragen aussehen. Aus diesen schweren Schuhen ragend, zwei zarte Knöchel mit dünnen Mädchenbeinen dran, die wiederum in eine schwarze Strumpfhose gefädelt. Darüber ein Paar schwarze Socken, die du ordentlich nach oben gezogen hast – es sind, weiträumig verteilt, kleine weiße Punkte darauf.

Weiter hoch: Ein Rock endet zehn Zentimeter oberhalb deiner Kniescheiben. Eine breite Falte wird von zwei augapfelgroßen, schwarzen Knöpfen geziert, aber viel sieht man davon nicht, denn der Cardigan fällt asymmetrisch über deinen Oberkörper. Nur ein Stück der schwarz-matten Seidenbluse, hochgeknöpft bis unter den Hals, schimmert hervor.

Dann bis ganz nach oben: Deine langen schwarzen Haare fallen dir über die Schultern, nicht ganz zahm, aber endend in einem säuberlich gestutztem Pony, der horizontal tief in deine Stirn ragt. Fast wie ein Helm wirkt dein Haarschnitt, einerseits schützend, andererseits gleich der Überzeichnung einer Comicfigur. Darunter hervor lächelt dein asiatischer Blick; die Augen, die den Witz aus deiner Erscheinung nehmen. Zaghaft aber doch stilsicher steht die schwarze Gestalt in der gelben Straßenbahn.