Über Bioläden

Sieht man von einigen Nebensächlichkeiten wie den heruntergekommenen Häusern, den Massen an nicht abgeholtem Sperrmüll oder den hässlichen Neubauten ab, ist Neukölln tatsächlich wie ein junger Prenzlauerberg-Szenebezirk. An einigen Orten wird das ganz besonders deutlich: In Biomärkten zum Beispiel. Es gibt hier im Bezirk immer mehr davon, und sie sind der Hauptmagnetpunkt für junge Familien, besonders Mütter (den ehrlicherweise wird auch in den meisten jungen, conscious Bio-Familien das klassische Familienmodell gelebt).

Ich muss deshalb mal kurz etwas über Biomärkte loswerden. In vielen Aspekten (abgesehen von der Tatsache, dass ich gerade weder Ehe noch Kinder habe noch will), entspreche ich total dem Biomarkt-Klientel. Ich versuche, möglichst verpackungsarm einzukaufen (klappt weniger gut); wenn ich die Wahl habe, greife ich zu regionalen Produkten, etc pp. Ich bin kein besonders erfolgreicher Öko, aber ich gebe mir Mühe.

Samstag Vormittag laufe ich also durch Neukölln, um ganz yuppieesk meine Errands zu erledigen – ich bringe die leeren Milchflaschen zurück, die man nur in diesem Laden kaufen und abgeben kann. Natürlich ist am Samstag viel los dort – alle müssen ja ihre Errands erledigen, das haben wir auf dem Land von unseren Müttern so gelernt. 

Und hier ertappe ich mich dabei, wie ich mich in meinem selbsterwählten Lifestyle furchtbar nerve; und wie mich alles daran und drumherum nervt. Biomärkte sind oft sehr klein – aber die Biofamilien kommen nicht allein: Sie bringen ihre Lastenräder mit, und ihre Fahrradanhänger zum Kindertransport (ein Konzept, das mir auf den ruppigen Berliner Straßen bisher sowieso unangenehm ist), und die müssen durch den Bioladen gekarrt werden. Ich bin absolut für Lastenräder, denn das heißt, dass man nicht im SUV die Straße verstopft – wieso also haben Bioläden anstatt der pseudogemütlichen Cafés, in denen niemals jemand sitzt und Pastinakensuppe für acht Euro schlürft, nicht einfach einen Parkplatz für diese sperrigen Vehikel? Nur so als Idee.

Außerdem sind im Biomarkt alle Menschen sehr langsam. Das kann man ihnen natürlich positiv anrechnen – die Leute hier sind nicht so alltagsgestresst; hier geht man es ruhig an und lässt sich Zeit, um Kundinnen und Kassiererinnen ein Lächeln zu schenken. Aber ich, der als Zehnter mit seinen fünf Milchflaschen in der Reihe steht (mehr darf man nicht sammeln, es gibt nämlich kein Pfandlager; alles sehr beengt hier!), vermisse in diesem Moment die Effizienz meiner REWE-Kassiererin. Sie ist freundlich und schnell – und damit dem Bioladen um einiges voraus.

Ich will mich nicht direkt beschweren; eher beobachten. Das alles sind selbst gemachte Probleme (ich könnte ja auch die Pseudo-Biomilch im Tetrapack kaufen!), aber manchmal tut es gut, sich kurz über Belangloses zu erzürnen. Wenn wir ehrlich sind, sind die meisten der Probleme, über die wir uns gerne aufregen, handgemacht. Regional. Artisanal. Bio vermutlich auch. Problemmanufaktur »Ich!«

10. Juni 2018