Über Medien

The Gay and Wondrous Life of Caleb Gallo

Still aus der Webserie: Drei Freunde kuscheln im Bett

Durch irgendeinen Zufall bin ich über die Webserie The Gay and Wondrous Life of Caleb Gallo des amerikanischen Schauspielers Brian Jordan Alvarez gestolpert. Die 2016 veröffentliche Miniserie (es gibt leider nur fünf Episoden) fühlt sich ein wenig an wie ein Indie-Mashup der Serie Looking, der UK-Sitcom Miranda (ja!!) und einer typischen US Cringe Comedy (it’s a genre!) à la Parks & Recreation. Ich liebe alles daran: die chaotischen Charaktere,  die Leichtigkeit der Dialoge, die Unperfektheit der Produktion, den Soundtrack, und natürlich: Freckle!

Die fünf kurzen Folgen gibt’s auf YouTube.

Was, wenn die an die Macht kommen?

Seit einigen Jahren spukt durch meinen queeren Freundeskreis die Frage: »Wohin geht ihr, wenn die an die Macht kommen?« Man fragt es sich abends beim gemeinsamen Essen oder draußen im Park beim Picknick unter Regenbogenfahnen. »In welchem Land können wir dann sicher leben?« Ich habe mich immer ein wenig gegen diese Frage und Überlegung gesträubt. Vielleicht fand ich sie übertrieben, vielleicht zu unbequem. Aber ab und an merke ich, wie sie sich auch in meinem Kopf eingenistet hat, und vor sich hin geistert. Wir schleichen um sie herum, so wie das blaue Gespenst um uns.

Aber rumsitzen und ihm zusehen ist ja auch keine Option. Ich fand den Vortrag von Arne Semsrott auf der diesjährigen re:publica sehr gut: »Machtübernahme: Was tun, wenn die AfD an die Regierung kommt?« (YouTube). Arne hat dieses Jahr ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht (»Machtübernahme«), und sein Talk ist eine gute Einleitung (oder Kurzfassung? Ich habe das Buch zugegebenermaßen nicht gelesen) ins Thema.

Was tun, wenn die Brandmauer brennt und die AfD in Ministerien einzieht? Was lang unmöglich schien, kann in diesem Jahr passieren: Bei EU-, Landtags- und Kommunalwahlen hat die AfD teils gute Chancen, zur stärksten Kraft zu werden. Lasst uns darüber sprechen, was wir tun können, wenn es zu spät ist.

Er skizziert im Vortrag ganz gut den schleichenden Prozess, mit dem die AfD teilweise heute schon demokratische Prozesse aushöhlt. Er benennt das immer fortlaufende »Ist schlimm, aber doch nicht ganz so schlimm wie befürchtet« Gefühl, das mit jedem Wahlerfolg der Partei neu aufkommt (vgl. der Frosch, der im immer heißer werdenden Wasser sitzt), und macht klar, wie die AfD Schritt für Schritt in Entscheidungspositionen kommen kann und so unsere Rechte und Freiheiten eindämmen könnte.

Außerdem nennt Arne fünf Handlungsmöglichkeiten, die wir jetzt schon angehen und beachten können:

Offene Räume schaffen, die Sicherheit und Platz für konstruktive Debatten schaffen (Publix, das neue Haus für Journalismus, mit dem ich zusammenarbeite, wird bspw. so ein Ort. Digitale Räume wie die Wikipedia gehört da auch dazu!)

Für mehr Demokratie kämpfen. As in: Nicht nur den Status Quo verteidigen, sondern mehr einfordern, und eigene Visionen anbieten und vorantreiben.

Datenschutz. Ja, nervig, aber wichtig: Je weniger Daten und Infos antidemokratische Parteien wie die AfD bekommen können, desto weniger handlungsfähig sind sie.

Spenden. Demokratische Arbeit kostet Geld, und wenn die AfD mehr Macht bekommt, bekommen Demokratieinitiativen noch weniger oder gar keine Gelder mehr.

Prepping for Future. Soll heißen: Sich mental auf den Ernstfall vorbereiten. Wen rufe ich an, wenn das nächste Wahlergebnis Angst macht? Wie kann ich mich solidarisch zeigen? Wie können wir verbunden bleiben? Dazu gehört Zugewandtheit und Wachsamkeit, und das ist nicht viel aufwändiger als »mal wieder anzurufen«. Oder eben solchen Sorgen wie der ganz oben beschriebenen nicht direkt aus dem Weg zu gehen.

Der ganze Vortrag (28 Minuten) ist kostenfrei auf YouTube verfügbar.

My first Mac

The Mac turns 40! And as Marcel and other people on Mastodon are sharing their first Macs, I’m going to do that too. It really was a turning point for me.

I remember lurking around the iPod at Hertie (a big shopping center in Munich). Back in 2004, it wasn’t common in Germany to find Apple products in regular stores. I was thirteen years old, and started to get interested in design and tech, and as Marcel writes, there seemed no way around Apple products.

I got an iPod, but a Mac was still too expensive. Eventually, I got the chance to buy a second-hand PowerMac G3 from a family friend. It was my first Mac! It ran MacOS 8 and had all Adobe products installed.

Old snapshot of a blue PowerMac G3

But I wasn’t interested in Mac OS 8. I wanted Mac OS X! Panther! So I bought and installed it; it was slow and not really usable, but I loved it. Just like I loved the machine—the blue translucent plastic, the handles, the hatch to access the motherboard. Despite its slowness, it was so much fun to use iPhoto and iMovie and the likes on it.

My “real” first Mac was the first white Intel MacBook. It ran MacOS X Tiger, and I had so much trouble with it. It was broken constantly, I needed to have the motherboard replaced twice, and there were still hardly any Mac sellers in my area back then. It didn’t bother me. It made school so much more fun; using Keynote and iLife and making little websites on it. I was such a weirdo running around with this alienating piece of tech.

Old snapshot of my MacBook from 2006

I also still really love the plastic cases of the mid-2000s Macs; they feel less precious and were nice to touch and use. I wish my current MacBook Air was built like that.

Anyway. Every once in a while, I get to use a Windows PC and I am still fascinated how different it is, how much wonkier it feels, and how odd the interfaces are. Mac OS Aqua really was the key reason to get a Mac for me—I was drawn to the glossy, whimsical interfaces and the product’s form factor. I still am.

As I got older and Macs just turned into a tool I needed for my work (and life, I guess), I started buying old Apple stuff on eBay, just to fulfill some teenage dreams. I don’t hoard Apple hardware excessively, but I keep some things around that I just love and cannot get rid of. One example is the 2003 Apple Cinema display with its acrylic case. The product design, inspired by a painter’s easel, just keeps delighting me. It’s not usable anymore with my M1 MacBook Air, but I loved writing my Master’s thesis on it in 2018.

Old snapshot of my acrylic Apple Cinema Display from 2003

My current setup, besides the MacBook Air, is a 2019 iMac with a huge 27″ inch retina screen. It’s great to use, but as it stands on my desk, taking up all that space, it lacks joy, at times.

Some Quiet Thunder

Album artwork for Clap Your Hands Say Yeah: Black-white photo of a man sitting at a piano

Immer mal wieder schreibe ich hier auch über Musik – das fühlt sich immer so herrlich nostalgisch an. Musikblogs, das waren gute Zeiten. Und ja, wir sind jetzt offiziell alle so alt, dass wir erleben, wie die Bands unserer Jugend Piano-EPs rausbringen. Aber: keine Beschwerden von meiner Seite! 

Clap Your Hands Say Yeah, die Formation, die mittlerweile keine mehr ist, sondern unter der Sänger und Gitarrist Alec Ounsworth nun solo veröffentlicht, hat einige (meiner liebsten!) Songs just als Piano & Voice EP veröffentlicht. Seine simmernde (und teilweise auch angrenzend nervtötende!) Stimme funktioniert darin ganz fantastisch; und treibende Popsongs wie Some Loud Thunder werden plötzlich schön und ruhig und flüssig wie Wasser.

Wie so viel gute Musik entstand auch diese EP während der Pandemie:

Backstory here: Piano was my first instrument (piano at 7, guitar at 13) and many CYHSY songs originated with piano and voice and then the pandemic forced some spare time during which I rearranged practically all CYHSY songs for piano and/or guitar…

Long story short, sitting down at the piano and traveling back into my work was a renewal of sorts and I discovered that I really enjoyed the new arrangements (I have always been interested in creative tear downs of this sort—to the foundation as it were, provided that the songs actually have a strong foundation).

The songs kept the original flavor but also provided something maybe a little more expansive for me that helped me get to the heart of what I had intended (beyond that they be fun, etc). Also, other people have said they can actually understand my lyrics in this form which is a good thing.

Keine Ahnung, wie vertrauenswürdig dieses Zitat ist, das ich nur auf Reddit gefunden habe, aber es wäre ja nachvollziehbar. In This Home on Ice, der schönste CYHSY-Song, ist auch dabei, und jetzt am besten einfach anhören: Spotify, Apple Music, YouTube.

 

2023 in Büchern

Raster aller Bücher, die ich 2023 gelesen habe (16 Stück)

Ich bin nicht unbedingt die Leseratte, die ich gerne wäre. Genau genommen wäre ich natürlich auf keinsten Fall gerne irgendeine Art Ratte, ich hasse Ratten wie kein anderes Säugetier. Aber Bücher – die liebe ich! Und lesen auch. Ich merke, wie meine Konzentration immer mehr verkümmert über die Jahre; vermutlich liegt es an Social Media und dem Alter und dem Jahrhundert. Aber wenn ich das richtige Buch zur Hand habe, genieße ich es sehr, und vergesse die Zeit. Und das ist doch das beste Gefühl.

Außerdem habe ich in diesem Jahr die örtliche Bibliothek für mich entdeckt. Seit meinem Umzug lebe ich sehr nah an einer Stadtbibliothek, die eine gute, aber nicht überfordernde Auswahl an Belletristik hat. Fast jedes meiner diesjährigen Bücher habe ich dort geliehen, und ich liebe es, dort einfach durch die Regale zu stöbern, die Auslagen und die Themenregale anzusehen, und mich daran zu freuen, dass dieser Ort so gut besucht ist.

Ich dokumentiere meine Bibliothek bei literal, weil ich Goodreads abscheulich finde, und mag, dass Nina und ich gegenseitig unsere kleinen Reviews und Bewertungen und Aktivitäten dort liken. 2023 in Büchern:

  1. Paul Bokowski – Schlesenburg ★★★★★
  2. Mariana Leky – Kummer aller Art ★★★★★
  3. David Sedaris – Nackt ★★★☆☆
  4. Jonny Sun – Goodbye, Again ★★☆☆☆
  5. Sebastian Hotz – Mindset ★★★☆☆
  6. Carla Kaspari – Freizeit ★★★★☆
  7. Frédéric Schwilden – Toxic Man ★★☆☆☆
  8. John Green – Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken ★★★☆☆
  9. Annie Ernaux – Die Jahre ★★★★★
  10. Ferdinand von Schirach – Nachmittage ★★★★★
  11. Wolfgang Herrndorf – In Plüschgewittern ★★☆☆☆
  12. Ferdinand von Schirach – Kaffee und Zigaretten ★★★★★
  13. Martin Suter – Der Koch ★★★☆☆
  14. Franz Hohler – Gleis 4 ★★★☆☆
  15. Judith Hermann – Daheim ★★☆☆☆
  16. Kent Haruf – Unsere Seelen bei Nacht ★★★☆☆

Ein prüfender Blick auf die Liste zeigt: Viel (!) zu wenige weibliche, queere und nicht-weiße Autor·innen. Kaum Neuerscheinungen; aus der Phase bin ich irgendwie raus gerade. Kein einziges Sachbuch, aber sind wir mal ehrlich, die meisten Sachbücher könnten auch einfach ein Podcast oder eine E-Mail oder ein LinkedIn-Post sein. 

Für 2023 hatte ich mir eigentlich auch vorgenommen, mehr auf Lesungen zu gehen. Das hat so gut wie überhaupt nicht geklappt; nur zweimal, und beide Male nicht von mir initiiert. Ich habe Stefanie Sargnagel aus ihrem Roman »Dicht« lesen hören, und Daniel Schreiber aus seinem neuen Essay »Die Zeit der Verluste«. Beides hat mir sehr gut gefallen; beide Bücher habe ich noch nicht gelesen. Vielleicht dann in 2024, sobald meine Bibliothek sie im Sortiment hat. Bis dahin: Frohes Lesen!

Threads, Bluesky, Mastodon: Zusammen mit den anderen Waldschraten

Illustration: Verworrene Schnüre mit den Aufschriften Threads, Mastodon, Bluesky

Es gibt nun Threads, Instagrams Twitter-Klon, auch in Deutschland. Seitdem wird mein Instagram-Feed geflutet von sehr langweiligen Posts und ersten heißen Takes. Hier kommt meiner!

Meine damalige Twitter-Bubble unterscheidet sich maßgeblich von den Menschen, mit denen ich auf Instagram verbunden bin. Es erscheint mir recht abwegig, dass für meine bildfixierte Community dort ein Microblogging-Service von Relevanz sein könnte – außer natürlich für eh schon Schreibende, für Influencer und sonstige Werbetreibende. Nicht, dass ich meiner Insta-Bubble keine schlauen Kurzmitteilungen zutraue; ich glaube einfach, dass das Format keinen Reiz hat. Ich propagiere ja ständig, dass alle mehr schreiben sollen, aber ich habe das Gefühl, dass Microblogging für die meisten nicht der inspirierendste Ort sein wird. Wie sich das entwickeln wird, finde ich noch einigermaßen interessant.

Wie aber bereits hier und da erwähnt interessieren mich Threads oder die Twitter-Alternative Bluesky inhaltlich ansonsten nicht besonders. Vor allem wohl, weil ich müde geworden bin, was Social Media betrifft. Müde, mir wieder eine weitere Community aufzubauen, müde, die Häme und die mittelmäßigen Takes zum Weltgeschehen von Algorithmen vorgesetzt zu bekommen, müde, selbst die ganze Zeit das Gefühl zu haben, mich mitteilen zu müssen.

Die Tech-Community, für die ich auch Twitter damals so geschätzt habe, ist dankenswerter Weise weitestgehend zu Mastodon abgewandert. Damit kann ich mich anfreunden. Auch, weil es die einzige sinnvolle Alternative ist. Kathrin Passig fasst es in ihrer Kolumne »Update« in der Frankfurter Rundschau sehr gut in Worte:

Bluesky kann genau wie Twitter von irgendwem aufgekauft und nach dessen Milliardärsvorlieben umgebaut werden. Mastodon besteht aus vielen einzelnen Servern, die von Privatpersonen oder Institutionen (zum Beispiel dem Bundestag oder der ARD) betrieben werden, da gibt es nichts aufzukaufen.

Soweit die Technik. Ich schaue gerne ab und an in meinen Mastodon-Feed, und finde dort immer mal wieder interessanten Input. Ich bin dankbar, dass es generell weniger geworden ist. Weniger Flut, weniger Lautstärke. Was natürlich auch daran liegt, dass die Plattform dünner besiedelt ist, per default weniger Buzz erzeugt, und nicht von Instagram- und VC-Money-Glanz bestäubt wurde. Das Interface ist etwas sperrig, wenngleich es doch besser wird. Passig schreibt:

Vielleicht nähern wir uns sogar einer Zeit, in der nichtkommerzielle Dienste im Internet nicht automatisch bedeuten, dass man dort für immer mit den anderen Waldschraten allein sein wird, während die übrigen 95 Prozent der Menschheit Partys auf Milliardärsplattformen feiern. Aber noch ist es nicht so. Ich erwähne das nur, damit es nicht so aussieht, als wäre es ganz einfach, die richtige Entscheidung zu treffen.

Alles ist nicht so einfach, aber vielleicht ist es auch alles nicht so wichtig. Das wäre doch eine schöne Entwicklung. Ich empfehle euch die komplette Kolumne, sie ist sehr lesenswert. Und wenn ihr wollt: Folgt mir gern auf Mastodon.

Annie Ernaux über das Fernsehen

Ich lese gerade Annie Ernaux’ »Die Jahre«; das war gerade in der Bibliothek gerade da und ich habe noch nie vorher einen längeren Text von ihr gelesen. Im Buch beschreibt sie autobiografisch das letzte Jahrhundert in Frankreich; von der Nachkriegsgeneration durch die Pubertät bis ins Eigenheim und zu den Fluchtgedanken aus dem goldenen Käfig heraus (weiter bin ich noch nicht). Akribisch beobachtend hält sie Zeit- und Kulturphänomene und die zugehörigen Gefühle fest, und das ist es, was mich auch immer ein bisschen sticht beim Lesen: In ihrer Beobachtungsgabe finde ich mich wieder, ich kenne das alles, aber aufschreiben kann ich es nicht. Wie macht sie das?!

Jedenfalls habe ich diese Passage übers Fernsehen angestrichen, weil sie gleichzeitig allgemein und präzise ist. So ein Absatz über Computer oder das Internet; den will ich schreiben (oder er kommt noch im Buch, mal sehen).

Das Fernsehen zeichnete jeden Tag und ohne erkennbare Ordnung alles auf, was in der Welt geschah. Ein neues Gedächtnis entstand. Aus dem Magma der Bilder, die man sah, gleich wieder vergaß und ohne Worte abspeicherte, stiegen nur die besten Werbespots, die schönsten und bekanntesten Gesichter, die heftigsten und brutalsten Szenen an die Oberfläche – und schoben sich übereinander, bis man meinte, Jean Seberg und Aldo Moro hätten tot im Kofferraum ein und desselben Autos gelegen.