Über Medien

Ingebot Bachmann

Alle paar Monate überfällt mich eine Twitter-Wehmut. Die Nischigkeit und gleichzeitige Relevanz der Plattform hat für mich eine Lücke im Social-Media-Hades hinterlassen. Nun sind wir verstreut auf Instagram, Bluesky und Mastodon. Während ich auf letzterer Plattform sehr glücklich bin, ist ein großer Teil meiner deutschen Twitter-Bubble leider zu Bluesky abgewandert. Nun, davon kann man halten was man will. Ich bin dort hauptsächlich wegen drei Bots, die mir den Alltag im Internet verschönern:

Kochkunst Ebooks

Profilbild des Accounts kochkunstebooks: eine herzhafte Aspiktorte mit Oliven und FleischDer Kochkunst Ebooks Bot (formerly known als Kochkunst Recooked) braut aus gemeinfreien Kochbüchern der letzten drei (!) Jahrhunderte fantastische neue Kochanweisungen. Sehr anregend für freudige Küchenexperimente. Es gibt ihn auf Mastodon und Bluesky.

Das Ei explodiert und man antwortet ihm: „Ich bin sehr erfreut!“
— @kochkunstEbooks, 31. Januar 2025

Robot Musil

Profilbild des Accounts robotmusil: Ein Schwarzweißfoto von Robert Musil als Kind; ein kleiner Junge mit Mütze

Es ist wahr: Ich habe noch nie ein Buch von Robert Musil gelesen, und bezweifle, dass es in naher Zukunft geschehen wird. Gut also, dass es Robot Musil gibt, der mir dramatische Fragmente aus seinem Theaterstück «Die Schwärmer« ausspuckt, ganz ohne dass ich mich dafür durch die Weltliteratur wälzen muss.

Regine hat sich losgerissen: Dir müßte man einen tüchtigen Stoß vor den Bauch geben! Du stellst ihm nach, hat er gesagt!
— ‪@robotmusil.bsky.social‬, 5.8.2025

Thomas: Ich habe sehr locker sitzende Gefühle.
— @robotmusil.bsky.social‬, 19.7.2025

Ingebot Bachmann

Foto von Ingeborg Bachmann mit einem grün-roten Glitch-Effekt

Wie jedes Jahr erfreut sich der Bachmann-Wettbewerb auf Social Media gehässiger und auch aufrichtiger Beliebtheit. Ich muss gestehen: Ich fand ihn auch dieses Jahr wieder recht öde fürs Fernsehen aufbereitet. Umso mehr Freude bereitet mir seither die Existenz des Ingebot Bachmann. Ich konnte nicht herausfinden, wie er genau funktioniert, aber offenbar flötet er regelmäßig Fragmente aus Texten von Ingeborg Bachmann. Besonders in ihrer Isoliertheit höchst poetisch:

Die Axt der Nacht fällt in das morsche Licht.
— @ingebotbachmann.bsky.social‬, 28.6.2025

Der Schritt ins Leere ist der letzte Schritt.
— @ingebotbachmann.bsky.social‬, 10.7.2025

Ich bin immer ich
— @ingebotbachmann.bsky.social‬, 30.6.2025

Drifter

Foto des Romans DRIFTER von Ulrike Sterblich

Nochmal kurz wegen Drifter … Ich hab jetzt ein paar Kapitel ein zweites Mal gelesen, vor allem auch die paar Stellen, die ich mit einem Eselsohr markiert hatte. Zum Beispiel hier, als Wenzel seinen FreeCell-Streak gebrochen hat und nun nie wieder einen 100% Erfolgsscore in diesem Kartenspiel haben wird. Da sagt Killer zu ihm dann am Telefon:

99,9 ist mehr als 100. Die Hundert ist ein geschlossener Raum, die 99 hat eine Öffnung. Du bist jetzt raus aus dem Escape Room.

Und dann weiter:

Egal wie nahe man der Perfektion ist, man sieht immer nur die Differenz, das, was fehlt. […] Man könnte sogar sagen, die Suche nach der Perfektion ist überhaupt der Fehler. Der Makel liegt nicht in der lädierten Vollkommenheit, der Makel liegt darin, Vollkommenheit zu wollen.

Es gibt so ein paar Stellen im Buch, die sind, als wären man ein Teil dieser Freundschaft. Das hat es womöglich so magisch gemacht. Und natürlich die subtile magische Komponente, die sich durch das Buch zieht; die Namen der Charaktere (Ludovica Malabene?!); die Art, wie Wenzel erzählt. Das alles hat dazu geführt, dass ich dieses Buch so langsam wie möglich gelesen habe, weil ich so lange wie möglich etwas davon haben wollte. Ich hätte es aber auch einfach direkt in einem Zug inhalieren können. Mache ich vielleicht gleich nochmal. Es war perfekt für mich: Surreal und magisch, wahr und klar. Mein Buch des Jahres (der Jahre!).

Ulrike Sterblich – Drifter
Shortlist Deutscher Buchpreis 2023
Rowohlt Verlag

Love is for the ones who love the work

Now I let it fall back in the grasses.
I hear you. I know this life is hard now.
I know your days are precious on this earth.
But what are you trying to be free of?
The living? The miraculous task of it?
Love is for the ones who love the work.

— Joseph Fasano, For a student who used AI to write a paper

Ich geh in Flammen auf

Foto der Band Rosenstolz, 2004
Foto: Wikimedia Commons / CC

Es ist Sommer 2004, und im Kino brennt mir der Film Sommersturm einen kleinen Sonnenbrand ins Bewusstsein. Als im Abspann der Song »Ich bin ich (Wir sind wir)« von Rosenstolz läuft, fühlen ich und viele andere uns einmal kurz nicht wie komplette Aliens. Im Sommer 2004 bin ich 13 Jahre alt.

Ich kenne viele Leute, die so einen Schlüsselmoment mit der Musik von Rosenstolz hatten, ganz egal aus welcher Generation, und egal, ob man deutsche Popmusik mag oder nicht. Rosenstolz war spätestens seit der Jahrtausendwende einfach da. Ich habe die Band kaum aktiv verfolgt oder gehört, kannte neben den einschlägigen Hits relativ wenige Songs, aber trotzdem war diese Band von Peter Plate und AnNa R. so verankert in der deutschen Musiklandschaft, dass dass sich wohl alle irgendwie darauf einigen konnten. Vielleicht, weil sie so einen merkwürdigen Spagat aus Pop und Schlager und Chanson hingekriegt haben, der sich durch alle Altersschichten erstrecken konnte.

Im März ist AnNa R. überraschend verstorben, und online wurden viele dieser Schlüsselmomente und Erinnerungen an ihre Musik geteilt. Ich habe auch nochmal viele Lieder gehört, auch mit Freunden zusammen, und war traurig und auch glücklich, dass Popmusik sich mal wieder als so verbindenderes Element bewiesen hat. Für mich ist vor allem »Ich geh in Flammen auf« ein wichtiges Lied. Beim Nachhören habe ich aber auch das erste Album »Soubrette werd ich nie« für mich entdeckt! Songs mit Titeln wie »Schlampenfieber« oder »Klaus-Trophobie«?! Genial! Das ganze Album klingt extrem nach seinem Erscheinungsjahr 1992, und es ist schön, sich nochmal durch die Jahre zu hören und zu fühlen und dabei ein paar traurige und dankbare YouTube-Kommentare zu lesen.

Manchmal sind die Dinge gar nicht so
Wie man sich’s vorgestellt hat
Sondern besser
Manchmal ist das Einzige was zählt
Dass ich nicht nachdenke
Sondern vergesse
Mach die Lichter an
Ich geh in Flammen auf

Oklou – choke enough

Albumcover von oklou - choke enough. Foto einer Frau im Vordergrund, im Hintergrund schauen Menschen aus einem Fenster, die Stimmung ist düster und schwach belichtet

Genre-Beschreibungen haben sich für mich in den letzten Jahren verflüssigt und aufgelöst. Während es vor 20 Jahren noch einfach war, im Alternative-CD-Regal ein Shoegaze-Album am Cover zu erkennen, sind die heutigen tausendfach zersplitterten Sub-Genres und Wortschöpfungen sowohl seitens Artist, Producer, Label und digitaler Musikkataloge nur noch schwer zu navigieren. Ich brauche also andere Parameter, um neue Musik zu entdecken, wenn ich mich dabei nicht nur auf Algorithmen verlassen möchte.

Vor einiger Zeit bin ich von Spotify zurück zu iTunes bzw. Apple Music gewechselt. Die Gründe waren vielfältig: Das Spotify Interface war mir zu sperrig, die Plattform vermischte mir zu viele Medien, und der Fokus auf Vibe anstatt auf Künstler·innen ist nicht, was ich suche. Apple Music verkauft ein ebenso gurkiges und fehlerhaftes Interface, aber immerhin sitzt es bräsig auf meiner gut 20 Jahre alten Musiksammlung, die ich nach wie vor gerne höre, und gar nicht so viel neues brauche. Ich kaufe ab und an Alben von Künstler·innen auf Bandcamp, und die Möglichkeit, streamingfreie Playlists anzulegen und nostalgisch auf meinen iPod zu laden, füllt mich mit Glück.

Wie dem auch sei: Apple Music bietet die Funktion, Songinfos einzublenden, und verrät mir ohne viele Umwege, wer die Songs geschrieben, produziert und gemixt hat. Früher konnte ich mit diesen Infos wenig anfangen, aber heute habe ich immerhin ein paar Namen, die mir etwas sagen und mit denen ich etwas verbinde.

A. G. Cook ist einer davon. Bekannt vor allem als Creative Director, Produzent und langjähriger Kollaborateur von Charli xcx, hat er mit PC Music ein Musikgenre (»Hyperpop«) etabliert, das mich genau da abgeholt hat, wo ich mit Anfang 20 ausgestiegen bin: Elektronische, fast ironische Popmusik, die sich verquer (queer?) anhört und die auditiv als auch visuell und gestalterisch überpoliert ist. Seine eigenen Alben sind so flächig und detailliert, um gerade noch nicht im Hintergrund zu laufen, und dann setzen sie einem einen wochenlangen Ohrwurm ins Ohr.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Unter anderem anhand dieser PC Music Armee hangele ich mich durch Veröffentlichungen, und erkenne Namen und Künster·innen wieder. Zuletzt: die französische Musikerin Oklou. Gerade hat sie ihr Debütalbum herausbracht: choke enough. 

Das Album läuft seit Veröffentlichung bei mir ununterbrochen. Auch A. G. Cook hat zwei Tracks mitproduziert (thank you for recording und ict) – man hört das, und dennoch ist das Album ganz anders und nicht direkt Hyperpop. Eine mittelmäßig positive Musikexpress-Rezension beschreibt das Genre als Bedroom-Synth-Pop, und das trifft wirklich haargenau die Musik, auf die ich aus bin.

Oklou – choke enough
Release am 7. Februar 2025 auf True Panther Sounds
Anhören/kaufen auf Bandcamp

2024 in Büchern

  1. Isabel Bogdan – Laufen ★★★★☆
  2. Cal Newport – Deep Work ★★★★☆
  3. Cal Newport – Digital Minimalism ★★★★☆
  4. Ewald Arenz – Alte Sorten ★★★★★
  5. Matt Haig – The Midnight Library ★★★☆☆
    Das perfekte Buch, um es in der Ferienunterkunft im Schrank zu finden und am Strand zu lesen, weil man alle mitgebrachten Bücher schon durch hat.
  6. Kamila Shamsie – Best of Friends ★★★★☆
  7. Kevin Nguyen – New Waves ★★☆☆☆
    Das Buch hat eine super Story Idee, die der Autor dann ab dem zweiten Drittel leider komplett verworfen hat. Leads nowhere, leider.
  8. Daniel Schreiber – Allein ★★★★★
    Ich habe mich oft wiedergefunden in Schreibers Essay. Nur dieses Phänomen, dass man als Schreibender irgendwie irgendwann das Wandern für sich entdecken muss, nervt. Aber vielleicht komme ich ja selbst noch an diesen Punkt.
  9. Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau ★★★☆☆
  10. Caroline Wahl – 22 Bahnen ★★☆☆☆
  11. Stephan Schäfer – 25 letzte Sommer ☆☆☆☆☆
    Zielgruppe: Leute, die sich Kalendersprüche von ChatGPT erstellen lassen und dann in ihrem WhatsApp Status teilen. Mal wieder ein Beweis dafür, dass Bestseller-Listen überhaupt keine literarische Aussagekraft haben.
  12. Fridolin Schley – Schwimmbadsommer ★★★☆☆
  13. Satoshi Yagisawa – Days at the Morisaki Bookshop ★★★☆☆
  14. Robin Sloan – Moonbound ★★★★★
    Sci-Fi für Leute, die zwar Computernerds aber sonst eigentlich keine großen Sci-Fi-Enthusiasten sind (→ ich).
  15. Susanna Clarke – Piranesi ★★★★★
    Das ist es! Mein Buch des Jahres! Es kommt als Fantasy-Buch daher, aber eigentlich ist es das wirklich gar nicht.
  16. Christopher Isherwood – Goodbye to Berlin ★★★☆☆

Im kommenden Jahr werde ich mir womöglich eine Alternative zu meinem literal-Account suchen müssen, weil ich die Vermutung habe, dass die Plattform nicht mehr weiterentwickelt wird?! TheStoryGraph scheint die naheliegendste (und Amazon-fernste) Alternative zu sein. Mal sehen! Bis dahin habe ich hier eh noch einen guten Stapel an Büchern durchzuschmökern.

Piranesi

Meine Hand, die das Buch "Piranesi" von Susanne Clarke hält

Das Problem an Susanna Clarkes Piranesi ist, dass man es wirklich überhaupt nicht erklären darf, und so gut wie nichts über die Handlung preisgeben sollte. Man muss sich drauf einlassen, so macht es am meisten Spaß. Auch die deutsche Übersetzung ist großartig, ganz toll, mein Buch des Jahres!