Über Medien

Die Welt von drinnen: 20 Jahre Christowski Blog

Cover: Die Welt von drinnen Buch

2026 wird dieses Weblog 20 Jahre alt. 20 Jahre! Seit zwei Dekaden schreibe ich hier in meine kleine Internet-Ecke. Warum eigentlich? Kein Mensch liest mehr Blogs, heißt es, das Internet habe sich auf soziale Plattformen verlagert. Ich glaube tatsächlich, dass fast niemand mehr diese Website besucht, und es gibt hier kein Tracking. Aber das ist mir egal; ich mache es für mich. Das Blog ist mein Ort im Internet, in den mir niemand reinreden kann; mein Ort, den ich selbst gestalten kann. Schreiben hilft mir beim Denken, und der verlockende kleine blaue „Veröffentlichen“-Knopf gibt mir dann das Gefühl, etwas erschaffen zu haben. Sehr genugtuend!

Klar könnte ich auch einfach in ein Notizbuch schreiben, manche Texte bleiben da auch besser. Aber das Teilen meiner Inhalte auf diesem Blog, über all die Jahre hinweg, hat mir meine besten Freunde beschert und mir geholfen, mich selbst ein bisschen besser zu erkennen. Und nur, weil bloggen als Format vielleicht weniger relevant ist, heißt das ja nicht, dass man es lassen müsste.

Die Welt von drinnen: Buchseiten

Zur Feier dieses Jubiläums habe ich ein kleines Buch gemacht. »Die Welt von drinnen« heißt es: 128 Seiten aus 20 Jahren Christowski Blog. Es ist ein Gegenentwurf zum Doomscrolling auf Instagram, ein Zeitvertreib beim Warten auf den Zug, und zum Schmökern vor dem Einschlafen. Es gibt einige Exemplare zu kaufen, hier auf der Landing Page. Viel Spaß beim Lesen, online hier im Blog, oder dann offline, in diesem kleinen Buch.

Storm

Yung Lean starring in the music video STORM

Seit Ines gestern einen kurzen Ausschnitt davon auf Instagram gepostet hat, geht mir das neue Musikvideo von Yung Lean und GENER8ION zum Doppeltrack Storm I und Storm II nicht mehr aus dem Kopf. Regisseur Romain Gavras erzählt in über sieben Minuten die Aggression und Einsamkeit eines Bullys in einem britischen Internat, irgendwo in der nahen Zukunft. 

Mit einigen Jahren Abstand zu meiner eigenen Schulzeit habe ich eine merkwürdige Sympathie für Bullys entwickelt. Eine Art Mitleid, vielleicht, oder zumindest eine Neugierde, was in ihnen vorgeht. Die Choreografie von Damien Jalet übersetzt das so bewegend, dass es fast weh tut – besonders ab Minute 4:20.

GENER8ION & Yung Lean – STORM (YouTube)

Zuschauen und Winken

Buch von Mercedes Lauenstein, Titel: Zuschauen und Winken

Mercedes Lauenstein hat letztes Jahr diesen schönen Fragmente-Roman veröffentlicht. Man kann ihn in wenigen Tagen durchlesen, und es sind viele nachhallende Sätze, Gedanken und Gefühle drin. Zum Beispiel die Beobachtung einer Frau, die im Supermarkt heimlich aus einem Gurkenglas nascht, und wie schrecklich es wäre, dabei erwischt zu werden:

Das Risiko, dem möglichen Beobachter in die Augen blicken zu müssen, käme schon der Strafe gleich. Wenn Konsequenzen folgen, erfährt man es früh genug. Wenn nicht, lebt man besser in dem Glauben, es habe einen niemand gesehen.

Oder hier, über Albträume und Angst und wie man ihnen entflieht (ein immer währendes Thema für mich):

Ich muss es schaffen, einen Finger zu bewegen. Einen Zeh. Als ich es schließlich schaffe, mich aufzusetzen, lässt der Spuk nach. Die Wohnungstür ist geschlossen, niemand ist da. Ich selbst bin das Geisterschloss, immer gewesen.«

Und auch wiedergefunden habe ich mich hier auf Seite 61, als über die Gesellschaft einer Katze sinniert wird. Die Anwesenheit eines Haustieres ist schön, aber die Verantwortung kommt für die Erzählerin nicht in Frage:

Es gibt nichts Schöneres als die Vorstellung einer Sache und nichts Enttäuschenderes, als wenn man sie bekommt. In der Sehnsucht nach dem, was nicht da ist, liegt das eigentlich Lebendige.

Das Buch ist nachdenklich und melancholisch und dennoch gemütlich, wie ein Regentag in München. Wer Fragmenten und schönen Sätzen etwas abgewinnen kann, ist damit gut beraten. Mercedes Lauenstein, Zuschauen und WinkenBlumenbar 2025.

2025 in Büchern

Goodreads Screenshot: 25 Gelesene Bücher 2025

Ganz klare Sache: lesen ist ein Wettbewerb! Wer nicht liest ist auch nichts wert, wir müssen viel mehr lesen, viele viele Bücher, wir müssen unsere Rekorde brechen und die anderen dabei überholen! 6.700 Seiten, wenn das mal kein Sieg ist! Hier meine Jahresleseliste von Goodreads (mystischerweise fehlt ein Buch in der Liste, ich weiß nicht wie Goodreads auf 25 kommt), mit kaum editierten Notizen:

  1. Haruki Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ★★★☆☆
    I want to go through this book with a pair of scissors and shorten it drastically!
  2. Doris Dörrie – Was wollen Sie von mir? ★★★★☆
    Kurzweilig, lakonisch, classic Dörrie. Auch schön, wenn man mal Lust auf eine kurze Zeitreise in die 80er hat. Als man in Hotels noch einen Zimmerservice rufen konnte, und trampen nicht lebensgefährlich war (oder zumindest fühlte es sich wohl nicht so an).
  3. Banana Yoshimoto – Eidechse ★★★★★
  4. Giulia Becker – Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anderes
  5. Annika Büsing – Nordstadt ★★★★☆
  6. Rachel Reid – Heated Rivalry
    Für den Frühjahrsurlaub hatte ich mir vorgenommen, endlich mal heimlich einen Sexroman zu lesen! Heated Rivalry war eine gute Wahl; genau so schlicht wie man es sich wünscht. Konnte ja nicht wissen, dass das Buch im November als Serie erscheinen würde und meinen Instagram-Feed lahmlegt.
  7. Ottessa Moshfegh – Homesick for Another World ★★☆☆☆
    Moshfeg is such a brilliant writer, and this book would be such a joy to read if any of these stories were actually stories.
  8. Sönke Ahrens – How to Take Smart Notes ★★★☆☆
  9. Doris Dörrie – Was machen wir jetzt? ★★★☆☆
  10. Adrian Tomine – Q&A ★★★☆☆
  11. Isabel Bogdan – Wohnverwandtschaften ★★★☆☆
  12. Carla Kaspari – Das Ende ist beruhigend ★★★★★
  13. Annette Pehnt – Café Augenblick
  14. Tobias Rüther – Herrndorf: Eine Biographie ★★★★★
    Akribisch und fast schon voyeuristisch, wurde irgendwann zum Sog, obwohl man ja weiß was passiert. Die Entstehungs- und Hintergrundgeschichten zu Herrndorfs Büchern sind interessant, aber noch schöner war es, von Herrndorfs Netzwerk und Freundeskreis und der publizistischen Internetkultur in den 2000ern zu lesen.
  15. Tonio Schachinger – Echtzeitalter ★★★★☆
    Dass man hier für über 360 Seiten in einer schrecklichen Schulzeit festgehalten wird, hat sich schon nach 150 Seiten erzählt. Ich fand’s ein wenig langatmig und durch viele Nebensätze gestreckt, aber irgendwas hat mich dennoch gekriegt, und es war nie peinlich, trotz des Gamer- und Teenager-Settings.
  16. Ulrike Sterblich – Drifter ★★★★★
    Mein Buch des Jahres. Er war wie für mich geschrieben, und hat mich zur perfekten Zeit erreicht. Irgendwie surreal und magisch, und trotzdem ganz echt und klar. Hatte selten so viel Spaß beim Lesen!
  17. Douglas Stuart – Young Mungo ★★★☆☆
    I did not hate this book, but I didn’t love it either. It was hard to read; like watching a car crash; I felt like a voyeur at times. For all the pain and violence that happens in this story, we’re only rewarded with two or three gentle moments—it was not enough.
  18. Kang Han – Die Vegetarierin ★★☆☆☆
  19. Kurt Prödel – Klapper
  20. Jonathan Safran Foer – Alles ist erleuchtet ★★★★☆
    Re-read, made me cry once more.
  21. Verena Keßler – Gym ★★★★★
    War wirklich wie ein Workout: Am Ende des zweiten Satzes tat es dann schon weh, aber auf diese geile Art.
  22. Martin Suter – Die Zeit, die Zeit ★★★★★
    Re-read, immer noch merkwürdig und gut.
  23. Ulrike Sterblich – The German Girl ★★★★☆
    Hat ein wenig gedauert, bis ich reinkam, aber war dann doch invested in the Geschichten von Mona und Max und Co, und der lakonisch-lockere Sterbliche Schreibstil hat Spaß gemacht. Nicht ganz so viel Spaß wie Drifter, allerdings.
  24. Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ★★★★★
    Streng im Text und streng im Format, das war toll!

Für das kommende Jahr habe ich mir vorgenommen, mal wieder das ein oder andere Sachbuch zu lesen. Bisher habe ich das vermieden, weil ich finde, dass die meisten Sachbücher auch ein guter Blogpost hätten sein können. Aber gleichzeitig will ich auch schlauer werden (!) – wer also gute Sachbuchempfehlungen hat: her damit!

I don’t fuck, I make love

Immer wieder denke ich an eine Szene im Film Frances Ha (2012), in der die Freundesgruppe darüber diskutiert, wer jetzt gerade mit wem Sex hatte. Francis wird gefragt: »And who did you fuck recently?« In meiner Erinnerung antwortet sie nur pikiert: »I don’t fuck. I make love.«

Diesen Satz fand ich gut. Relatable. Ein wenig kitschig und auch ein wenig verlogen, klar, aber als generelle Geisteshaltung doch irgendwie: gut.

Nun habe ich mir die Szene noch mal angeschaut, und sie sagt den Satz überhaupt nicht pikiert, sondern total beiläufig, als Nebensatz, gerade so, als würde sie sich über sich selbst lustig machen. Schade.

Haha

Ich habe in letzter Zeit beobachtet, wie ich bei lustigen Stellen in Filmen, Serien und Texten ohne Zurückhaltung lache. Manchmal sogar so richtig laut! Besonders wenn ich alleine bin, und mich dem Witz ganz hingeben kann. Ha ha ha! Ich sitze dann im Bett und jauchze bei der amüsanten Szene oder Stelle laut auf. Es ist sehr erleichternd! Kurz darauf komme ich mir merkwürdig und albern vor, aber dann ist es schon zu spät, und den Kicher-Genuss kann mir dann keiner mehr nehmen, nicht mal ich selbst.

Passend dazu ein Ohrwurm der letzten Wochen: Charlotte Adigéry & Bolis Pupul – HAHA (Bandcamp).

Der Anfang der Welt kommt oft

Foto des Romans "Alles ist erleuchtet" von Jonathan Safran Foer

Das erste Mal habe ich Jonathan Safran Foers Debütroman »Alles ist erleuchtet« vor 15 Jahren gelesen (Blogpost von 2010), noch bevor ich die schlechte Verfilmung sah. Damals habe ich die Story nicht so ganz verstanden. Das Buch wechselt zwischen mehreren Zeiten, Erzählern und Formaten, die Sprache ist teilweise sperrig oder auch albern; es geschehen sehr viele nebensächliche und gleichzeitig wirre Dinge. Ich habe mich regelrecht durchgequält damals, ich kam im anhaltenden Gewusel aus Charakteren und Orten und Historie nicht zurecht.

Die letzten Seiten habe ich dann in der Ringbahn auf dem Weg zu einem Freund gelesen, und da habe ich dann alles gecheckt, und es gibt ein Kapitel, das ist so hart und streng, da bin ich dann in Tränen ausgebrochen, was mir bisher nicht passiert war bei einem Roman, vor allem nicht in der Öffentlichkeit, und das war peinlich und schön. Ich saß also heulend in der Bahn und musste dann aussteigen, und wann bitte hat ein Buch das letzte mal sowas wohltuend Erniedrigendes mit euch angestellt?

Nun habe ich das Buch aus Neugierde nochmal gelesen. Diesmal war es einfacher, ich konnte die Wirren und den ausufernden Drang Foers, hier noch und da noch eine kleine merkwürdige Anekdote dazwischen zu schreiben, genießen. Hab am Ende wieder geheult. Der Anfang der Welt kommt oft.