Gefühlslagen

Sofasonntage

Miranda July, „The Future“, 2011.

Sophie und Jason sitzen auf dem Sofa, umgeben von Kissen, Gemütlichkeit und der Panik, schon Mitte Dreißig zu sein, und im Leben nichts gebacken zu kriegen. Sie lassen ihre wertvolle Zeit in die Tastatur sickern, und anstatt das nächste tolle Drehbuch zu schreiben, beantworten sie Facebook-Nachrichten. Das war 2011.

Tom Ford, „A Single Man“, 2009.

Und dann sind da George und Jim, irgendwann Anfang der 1960er Jahre, ebenfalls versunken in ihren Sofakissen. Der eine liest Kafkas Metamorphosis, der andere Breakfast at Tiffany’s. Sie argumentieren über die Kanten ihrer Bücher hinweg, wer nun aufstehen und die Schallplatte umdrehen muss, und wer das anspruchsvollere Buch liest.

Sofasonntage sind die besten Sonntage. Ich muss nur eine der beiden Szenen sehen, um nichts mehr zu wollen als mit Buch und Laptop tief in der Sofaritze zu verschwinden. Ein Tag in der Woche, der fürs Vergeuden meiner wertvollen Zeit und für anspruchslose SMS-Literatur gemacht ist; was für ein wunderbarer Luxus.

Alles, was unter die Haut passt

Nach dem Aufwachen bemerke ich schnell, dass sich das Auslassen des abendlichen Eincremens gerächt hat: Unter meiner linken Brustwarze gedeiht ein großer, roter See aus Punkten, der zur Mitte hin in ein tiefes, vollflächiges Violett implodiert. Die Ränder des austerngroßen Ekzems wellen meine Haut mit einer dünnen, ockerfarbenen Kruste, und die kleinen roten Pünktchen verstreuen sich feuerwerksgleich bis hinunter zum Bauchnabel. Die Haut innerhalb der krustigen Begrenzung spannt sich und ist seidenglatt, was sich beim Überstreichen mit einer Fingerkuppe bemerkbar macht. Das Violett gefällt mir, es lässt die angrenzenden Hautflächen blasser erscheinen.

Das sogenannte Grey-Turner-Zeichen tritt im unteren Flankenbereich auf. Ausgelöst durch eine ödematose Durchtränkung der Unterhaut bildet sich ein großer Bluterguss, der, zusätzlich befeuert von lokalen Blutungen in den dort ansässigen Gefäßen, zumeist auf eine akute und schwere Entzündung der Bauchspeicheldrüse hinweist. Sebastian grinst zufrieden über sein Fachwissen, schlägt die Beine übereinander und schaut aus dem Zug raus auf die graue Stadt. Ich taste durch die Jacke hindurch nach meiner Flanke, die blass und ruhig unter den Stoffschichten liegt.

Ein letztes Glimmen

Das Schreiben von Jahresrückblicken fällt mir von Jahr zu Jahr schwerer. Gefühle, nicht erreichte Ziele, Zufälle und Glücksgriffe verschwimmen im Laufe der Monate, und ich traue mich nicht, Schlüsse daraus zu ziehen. Es passiert nicht, dass mir zum Dezemberende hin alles klar wird und ich im neuen Jahr alles besser machen will. Das geschieht eher gleitend.

Auch Vorsätze für das kommende Jahr formuliere ich nicht mehr, habe ich noch nie eingehalten und kenne mich auch zu gut; daraus wird nichts. Dafür bin ich zu sehr im Hier und Jetzt, ich finde es schwierig, eine klare Strategie für das Leben auszumachen. Ich bin froh, wenn ich die wichtigsten Ereignisse der letzten zwölf Monate zusammengekratzt bekomme; die werden gebündelt und verstauben ab jetzt in einem Dokument. Wie so vieles vom Leben Gelernte.

Und Silvester, dieses Flackern zur letzten Stunde des aufgebrauchten Jahres, das verschwindet auch immer mehr. Zu laut das Großstadtrauschen, zu hoch die Erwartungen: So ist es doch immer – alle wollen die beste Nacht des Jahres, einen krönenden Abschluss, und in letzter Sekunde passiert immer etwas unvorhergesehen Schlimmes.

Trotzdem kann ich euch verstehen: Diese Euphorie auf etwas Neues, Unverhofftes, alles wird besser im nächsten Jahr. Einen Schnitt machen wollen; das stetig flackernde Gefühl. Wir brauchen diese Lücke, die es zu überwinden gilt, um etwas Neues zu beginnen: Besser schneller schöner vernünftiger ordentlicher und so weiter. Der Sprung ist unser Ritual. Ich verkrieche mich solange dann in der Lücke. Bis 2014.

Kalter Kaffee

Was mich glücklich macht, sind die Archive unserer Blogs, in die man flüchten kann; zurück leben in den Jahren, in denen mit einer Gelassenheit so viel Kleines und Großartiges entstanden ist, und in den Momenten bin ich wirklich froh, dass das Internet nichts nichts nichts vergisst.

Über Beleidigungen

In letzter Zeit wurde ich mehrmals auf unfeine Art beleidigt. Einfach so, auf offener Straße – ganz ohne Scherz! Als ich beispielsweise neulich aus der U-Bahn stieg und eine Blume für die neue Vase in unserer Wohnung kaufte, zischte mir der Teenager auf dem Rad, der mir vorher auch eindringlich ins Gesicht gestiert hatte, ein abfälliges »Schwuchtel« zu. Wegen einer Blume! Also bitte.

Ein anderes Mal, als ich am Bahnsteig der Friedrichstraße entlang lief und einen neuen Titel auf meinem mp3-Player auswählte, murmelte eine Frau unüberhörbar »Schau nach vorne, Brillenschlange.« Brillenschlange! Ich war mir gar nicht bewusst, dass es alberne Beschimpfungen wie diese überhaupt noch gibt.

Nicht nur ist die Tatsache absurd, dass Leute tatsächlich noch von wirklich flachen Beschimpfungen wie »Schwuchtel« und »Brillenschlange« (!!!) Gebrauch machen – Es fällt mir schon von vornherein schwer, nachzuvollziehen, wie es Leute aus heiterem Himmel dazu hinreißen kann, eine absolut fremde Person, die man noch nie gesehen hat und vermutlich auch nie wieder sehen wird, zu beleidigen – das sind doch verschwendete Emotionen. Ich wünschte, ich hätte manchmal die Kraft, meine Wut so nach außen zu tragen; aber doch eher zu Leuten, die mir etwas bedeuten, wo sich das dann auch wenigstens lohnt, und man weiterkommt.

Gleichzeitig weiß ich nicht, was mich mehr ärgern soll: Die Beschimpfung selbst, oder meine Reaktion darauf. Meistens bin ich nämlich so perplex (also mal ernsthaft, wann wurdet ihr zuletzt Brillenschlange genannt?!), dass ich einfach so tue, als hätte ich es nicht gehört, und rede mir ein, dass ich mich verhört haben muss. Doch eigentlich würde ich gern kontern, auf die Albernheit der Beleidigung hinweisen, lässig durch meine coole Sonnenbrille hindurch zwinkern, oder dem Radfahrer einen Strauß Strelitzien zwischen die Speichen jagen. Aber ich tue nichts. Ich lasse den Griesgram schimpfen und tue so, als hätte ich nichts gehört.

Und dann ist da natürlich noch, bei aller Professionalität, mit der man so eine Beleidigung einsteckt, der doofe Nachgeschmack; die nicht zu verleumdende Tatsache, dass es wirklich ein wenig in der Magengrube weh tut, wenn man »Schwuchtel« genannt wird, und die Verärgerung, dass Leute so albern-bösartige Kommentare nötig haben.

Es hilft wohl nur, sich doppelt an der Blume zu freuen, und doppelt scharfsinnig durch die gern getragene Brille Ausschau nach den richtigen Menschen zu halten, mit denen es sich lohnt, ärgerfreie Zeit zu verbringen.

Und wenn es nicht klappt,

bleiben uns die schönen Momente. Die schlechten Witze am Telefon. An meine Schulter gelehnt imitierst das Geräusch eines iPhones, das ans Akkuladegerät angeschlossen wird. Deine Augenlider, die immer so schön flackern, der Erdbeerfleck neben der rechten Brustwarze. All die gute Musik, und die Orte, die nun immer deinen Beigeschmack und unsere gemeinsame Duftmarke tragen.