Gefühlslagen

Trouble Will Find Me

Standing at the port, with my chest beding over the quay. My eyes on the horizon; an angler and his sailboat, an island and it’s bridge. It’s quiet, no people, it’s loud, a storm is coming.

Dass das hier ein Ort ist, in den ich Gedanken legen kann mit der Sicherheit, dass sie nicht zu mir zurück kommen werden, so wie auch ich nicht vorhabe, hierhin nochmals zurück zu kommen; das erlaubt mir eine gewisse Erholung.

If I stay here / trouble will find me
If I stay here / I’ll never leave
If I stay here / trouble will find me
I believe.

Heimat

Das Warten am Bahnsteig in der Dämmerung, die Zigarette im Mundwinkel, auf den nächsten Regionalzug, der uns rausbringen soll aus diesem Kaff, wenigstens für ein paar Stunden in die Stadt. Dass auch den blöden Dingen im Leben eine Poesie innewohnt, nehmen wir erst wahr, wenn wir uns von ihnen befreit haben.

Der Sommer, der heiß von der Stirn rinnt

Im Sommer, in der Hitze, durchziehen tausend Farben mein Gesicht. Die Stirn unter dem hundeblonden Haar glänzt mattrosa, grobporig. Zu den Augenbrauen hin wird die Haut weißer, zieht ein helles Oval um das Gesicht bis herunter zum Kinn. Zwischen den struppigen Schläfen sitzen zwei kleine graue Augen, gläsern, unterzogen von einem wasserblauen Streifen, Pünktchen, Äderchen, umrahmt von der erdbraunen Brille. Ganz tief in der Mitte thront das Gestell, darunter leuchtet der fleischrote Nasenrücken, kantig und schweißschimmernd; er zieht sich vertikal durchs Gesicht. Blaue Lippen, als käme ich gerade aus dem Wasser gestiegen, und dann vereinzelt: wundrote Haut vom Rasieren, Leberflecken, Sonnenflecken, und dazwischen die vielen asymmetrischen Druckstellen vom Grübeln.

Nachricht von M.

Mein Exfreund schoss mit seiner gesamten Clique ins B. Zum Glück trafen wir uns nicht, ich wäre sehr betroffen gewesen. Ich traf nur seine Freunde. Ich habe mich dann selbst sehr getroffen, mit viel Special K. Das war sehr dumm von mir.

Es gibt Texte, die muss man eigentlich auch nicht veröffentlichen

Manchmal sitze ich mit krummem Rücken auf meinem Schreibtischstuhl und starre in den Monitor, die kleinen weißen Lichtpunkte starren zurück, und ich merke erst ganz spät, dass meine Nase blutet. Nur als der erste rote Tropfen auf der grauen Tischplatte landet, entkrümmt sich der Rücken für eine kleine Sekunde, und stets aufs Neue bin ich minimal geschockt.

Währenddessen höre ich das immer gleiche Lied, weil es das Erste in der „Stared“ Liste ist, und es summt jemand melodisch zum Geschrei des Nachbarn auf der Straße unten, der seinen Sohn wieder tadelt, immer mit diesem speichelfeuchten Röcheln in der Kehle; sein Kopf muss so blutrot sein wie der Tropfen, der eben aus meiner Nase fiel.

Ich stecke den Finger rein und gucke, ob da noch mehr kommt, und dann stürzt ein roter Schwall aus meinem Gesicht und macht die Tastatur dreckig. Ich drücke nochmal gegen die Nasenflügel, für die zweite Ladung. Jeder weiß: den Kopf niemals in den Nacken legen; das Blut nicht in den Kopf laufen lassen. Da bräuchte ich es aber eigentlich. Immer schön nach vorne bücken; laufen lassen; da ist der krumme Rücken ja vorteilhaft.

Am liebsten mag ich, wenn man nach einigen Stunden noch irgendwo auf der Haut eine nicht entfernte, dünne Blutkruste findet, und die dann abschrubben kann, unter warmem Wasser. Mit richtig Schmackes abreiben, wo man ja in der Zeit zuvor den Kopf nur ganz vorsichtig bewegte: Nur nicht zu schnell, sonst geht es wieder los, nix raus lassen. Ganz sachte. Bis es trocken ist. Bis zum nächsten Tadel.

...

Hercules & Love Affair ft. John Grant — I Try To Talk To You

Über die Dinge, die weh tun

Vom Leben gelernt: Die Dinge, die weh tun, sind oft die, die gleichzeitig als die Schönsten gelten. Das ist im Alltag so, man muss sich nur mal all die tätowierten Menschen angucken, oder die Kinder, die es lieben, den eigenen Schorf von den Beinen zu kratzen. Auch im emotionalen Alltag ist es so; zum Beispiel mit Vorwürfen, die gerade durch ihre grausame Bequemlichkeit so schwer wiegen und leicht von der Zunge gehen, oder mit der Liebe, oder der Beziehung zu Menschen generell. Wenn es glatt läuft, ist da nichts, was die Sache aufrecht erhält.

Mit der Beziehung zu Dingen ist es ähnlich – Christian Boros sagt im wunderbaren Videoportrait von Freunde von Freunden: »Man verliebt sich ja auch manchmal falsch in Sachen, die eben gefällig sind. Es muss auch zwicken und weh tun, um richtig lange eine Bedeutung zu haben.«

Sowieso gibt es so viel aus diesem Film, das einer Zitierung würdig ist: »Es ist sehr schön, dass ich mich nicht daran gewöhne«, sagt er über die Tatsache, dass er den Luftschutzbunker an der Friedrichstraße besitzt und sogar bewohnt – eine Tatsache, die man ihm nach diesem Satz auch gönnen kann. Wer sich durch die Sammlung Boros im Inneren des Bunkers führen lässt, bemerkt, was gemeint ist: »Das ist nicht meine Kunst«, denkt man, aber eigentlich ist das niemandes Kunst. Sie ist nur da, um eben nicht gefällig zu sein; weil man weiß, dass das der Reiz daran ist.