Über Beleidigungen

In letzter Zeit wurde ich mehrmals auf unfeine Art beleidigt. Einfach so, auf offener Straße – ganz ohne Scherz! Als ich beispielsweise neulich aus der U-Bahn stieg und eine Blume für die neue Vase in unserer Wohnung kaufte, zischte mir der Teenager auf dem Rad, der mir vorher auch eindringlich ins Gesicht gestiert hatte, ein abfälliges »Schwuchtel« zu. Wegen einer Blume! Also bitte.

Ein anderes Mal, als ich am Bahnsteig der Friedrichstraße entlang lief und einen neuen Titel auf meinem mp3-Player auswählte, murmelte eine Frau unüberhörbar »Schau nach vorne, Brillenschlange.« Brillenschlange! Ich war mir gar nicht bewusst, dass es alberne Beschimpfungen wie diese überhaupt noch gibt.

Nicht nur ist die Tatsache absurd, dass Leute tatsächlich noch von wirklich flachen Beschimpfungen wie »Schwuchtel« und »Brillenschlange« (!!!) Gebrauch machen – Es fällt mir schon von vornherein schwer, nachzuvollziehen, wie es Leute aus heiterem Himmel dazu hinreißen kann, eine absolut fremde Person, die man noch nie gesehen hat und vermutlich auch nie wieder sehen wird, zu beleidigen – das sind doch verschwendete Emotionen. Ich wünschte, ich hätte manchmal die Kraft, meine Wut so nach außen zu tragen; aber doch eher zu Leuten, die mir etwas bedeuten, wo sich das dann auch wenigstens lohnt, und man weiterkommt.

Gleichzeitig weiß ich nicht, was mich mehr ärgern soll: Die Beschimpfung selbst, oder meine Reaktion darauf. Meistens bin ich nämlich so perplex (also mal ernsthaft, wann wurdet ihr zuletzt Brillenschlange genannt?!), dass ich einfach so tue, als hätte ich es nicht gehört, und rede mir ein, dass ich mich verhört haben muss. Doch eigentlich würde ich gern kontern, auf die Albernheit der Beleidigung hinweisen, lässig durch meine coole Sonnenbrille hindurch zwinkern, oder dem Radfahrer einen Strauß Strelitzien zwischen die Speichen jagen. Aber ich tue nichts. Ich lasse den Griesgram schimpfen und tue so, als hätte ich nichts gehört.

Und dann ist da natürlich noch, bei aller Professionalität, mit der man so eine Beleidigung einsteckt, der doofe Nachgeschmack; die nicht zu verleumdende Tatsache, dass es wirklich ein wenig in der Magengrube weh tut, wenn man »Schwuchtel« genannt wird, und die Verärgerung, dass Leute so albern-bösartige Kommentare nötig haben.

Es hilft wohl nur, sich doppelt an der Blume zu freuen, und doppelt scharfsinnig durch die gern getragene Brille Ausschau nach den richtigen Menschen zu halten, mit denen es sich lohnt, ärgerfreie Zeit zu verbringen.

25. Oktober 2013