Der Mann, der vor mir läuft, telefoniert extrem laut in sein Headset. Alle schauen sich nach ihm um, seine Stimme hallt in den Straßen. Akribisch beschreibt er seinem Gesprächspartner den genauen Vorgang einer Herzklappen-Operation.
In Leipzig sitzen abends überall Leute in den Fenstern und rauchen und blicken auf uns herab.
Mein Hörgerät verstärkt das Prasseln des Regens aufs Laub. Der Herbst war wunderschön und viel zu kurz.
Im Waldstraßenviertel steht ein Junge und wirft gedankenverloren einen Ball immer wieder gegen die Hauswand. Es ist eine Szene wie aus einem alten Film.
Die erste Frage, die bei der Führung durchs Bauhaus Dessau gestellt wird: »Wie oft werden hier eigentlich die Fenster geputzt? Das muss doch tierisch aufwändig sein.«
Die PHP-Sicherheitslücke vergegenwärtigt einmal mehr dieses konstante Gefühl, immer nur einige Millimeter vom absoluten Chaos entfernt zu existieren.
So sein oder doch ganz anders; die Dinge tun oder die Dinge lassen; Mut fassen oder mich in Gleichgültigkeit üben. A. tippt mir in den Nacken: »Was machen wir nur mit deiner Haltung …«, während ich krumm und schief am Herd stehe und im Nudelwasser rühre.
P. verwickelt mich in ein unverfängliches Gespräch über Musik. Was ich so hören würde. Ob ich es nicht mal anmachen wollte, auf dem Handy. Ich suche den Song raus, und er schlägt vor, sich ein wenig dazu zu bewegen. Unvorstellbar, vor einer fast fremden Person einfach zu tanzen, aber es klappt, und ab jetzt kann ich alles!
Mit der Wirtin aus unserer Eckkneipe besuchen wir eine andere Bar in der Nachbarschaft. Mal was Neues. Sie liest kritisch die Karte. In ihrem olivgrünen Trench Coat sieht sie aus, als wäre sie auf geheimer Spionage-Mission unterwegs. Die Drinks waren gut.
Über einer Schüssel Ramen erzähle ich meinen Freunden von meinem aktuellen inneren Konflikt, dass ich nämlich gar nicht wüsste, wie und wer ich nun wirklich sein wollte. M. schaut mich nur neugierig und ein wenig entgeistert an; über sowas habe er noch gar nie nachgedacht. Ich wünsche ihm, dass es für immer so bleibt!
Ich liebe es, wenn meine Mitreisenden in der Bahn diese Kopfhörer-Headsets mit integriertem Klapp-Mikrofon aufhaben. Es sieht immer sehr wichtig und geschäftig aus.
Auf einem Parkplatz stehen fünf Männer vor einem Auto. Sie begutachten es und fachsimpeln. Einer von Ihnen bekommt von seinem Kumpel zeitgleich eine entspannende Schultermassage.
Im Meeting bemerkt ein Kollege meine blond gefärbten Haare und fragt wohlwollend vorsichtig, ob denn bei mir alles okay sei?!
Die Frau mir gegenüber in der Bahn hat die Hände gefaltet und die Augen geschlossen, womöglich im Gebet vertieft? Eine erholsame Vorstellung. Dann wacht sie auf und kratzt sich ratlos am Kopf. Vielleicht kein gutes Zwiegespräch? Vielleicht gerade kein Empfang?
Neben mir in der Kneipe sitzt ein Mann mit seinem Bier. Mit seinem Handy, ans Glas gelehnt, nimmt er an einer Videokonferenz teil. Es ist ganz still, alle Teilnehmenden unterhalten sich in Gebärdensprache.
Bedingt durch wärmere Temperaturen breitet sich die Europäische Gottesanbeterin hier stärker aus. Seitdem sehe ich viele Videos mit Begegnungen zwischen Freunden und dem kuriosen Tier. Das sind kurze schöne Momente, eingebettet in den Schrecken des Klimawandels.
Die Sonne scheint, es ist heiß, alle sind froh und ich liege drin und will nichts und will niemanden. Meine Stimmung beschwört ein Gewitter herauf, auf der Terrasse blicke ich in die düsteren Wolken, bin kurz davor einen Zauberspruch auszusprechen, schaue dann aber nur zu, Ultrawidescreen Donnergrollen.
4:58. Ich kann nicht mehr schlafen, es ist heiß und es regnet. Mein Kopf tut weh. Ich höre Beyond the Sunrise von Belle and Sebastian und lese K.s Weblog. Die Zeit vergeht sperrig und magisch.
Habe die Sonnenfinsternis natürlich verpasst bzw. nicht wirklich etwas davon gesehen. Aber die Videos online zu gucken ist schön, wie die Menschen für diese beiden Himmelskörper jubeln und staunen, ein kurzes Glück.
Die Frau neben mir im Zug sortiert fein säuberlich ihren Tascheninhalt. Alles wird auf dem Tisch verteilt und im rechten Winkel ausgerichtet. Ganz gewissenhaft. Bestimmt beruhigt es sie – und mich auch.
Aus heiterem Himmel werde ich während der Arbeit von einer Wespe niedergestochen. Unverhohlen flog sie mir in den Ärmel, stach zu, und wieder hinaus. Mein Arm wurde riesig davon; so sähe das also aus, ginge ich regelmäßig zum Sport.
Ich lasse mir die Haare blondieren; alle Zeiger auf Krise. Aber danach schaue ich den Spiegel und frage mich: Warum erst jetzt?!
Ich treffe M. zum Frühstück. Er erzählt von seinen Träumen; ein Haus am Meer und eins in den Bergen, und ich bewundere ihn für seine klaren Visionen, auch wenn es vielleicht Luftschlösser sind. Ich will mir auch wieder welche bauen.
Meine Mutter und ich machen unsere neue Entspannungsübung: Wir legen uns sieben Minuten auf den Boden. Alle Gliedmaßen müssen die Erde berühren, und dann atmen wir: ein (1, 2, 3, 4), und aus (1, 2, 3, 4, 5, 6). Sieben Minuten lang entspannen wir so unsere Nervensysteme.
Ich laufe durch die Ritterstraße, die voller (mir) neuer Bürogebäude und Startups ist. Früher war hier doch mal ein Club?, denke ich. So alt bin ich jetzt also. Aber egal wie gentrifiziert eine Gegend in Berlin ist, man muss nur ein oder zweimal um eine Ecke biegen, schon tritt man wieder in Hundekot, und Müll, und irgendwo nimmt jemand Drogen.
Die Nachbarn im Haus gegenüber haben ein Gedicht für den verstorbenen Hausmeister geschrieben und ans schwarze Brett gepinnt. Daneben hängen Post-its; Beileidsbekundungen, Erinnerungen, Danksagungen. Bald ist die Beerdigung. So viel Nähe für so eine anonyme Stadt ist wirr und schön.
A. macht mir ein Kompliment für mein dichtes Haar. Ich kann ihm gar nicht glauben, aber fortan beflügelt mich der Blick in den Spiegel. Minoxidil wirkt! Die Türkei-Reise kann noch warten!
Ich treffe L., der mir verrät, dass er aus einer Designerdynastie kommt – beide Eltern seien Grafikdesigner·innen, so habe er den Beruf kennengelernt. Seine Mutter habe früher, no joke, beim Depesche-Verlag das Diddl-Käseblatt layoutet.
Es ist Freitagabend und wir sitzen in einer Bar am Pfefferberg, und alle Gäste sind merkwürdig gut angezogen, fast, als wären wir in München. Ich frage die übertrieben stylische Kellnerin auf Englisch, ob das hier normal sei. Sie schaut etwas verwirrt, offenbar also ja.
P. überredet mich, abends noch mal zu dem Baum zu spazieren, in dem er die Waschbären gesehen hatte. Wie zwei alte Herren starren wir nach oben, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Wir schauen lange, und dann schauen sie zurück, von weit oben, zehn kleine Äuglein, die durch den Baum klettern und mit uns innehalten.
Gegen 20 Uhr laufe ich über die leeren Straßen der Pride Parade; der Umzug ist mittlerweile am Brandenburger Tor angelangt. Ein Feuerwehrmann steht auf seinem Fahrzeugdach und spritzt die Straße mit Wasser ab, ein paar glitzernde Mädchen kreischen, lachen, werden nass; der Feuerwehrmann lacht mit. Das will ich vom Samstag behalten; diese Stimmung; wie schön kann etwas sein. Nach dem Anschlag, nachts, hänge ich am Handy, lese Ticker, wir schreiben uns; alle, die ich kenne, sind okay. Nicht Angst macht sich in mir breit, sondern eine Wut, die ich bisher kaum verspürt habe, so klar und stark und scharf; jetzt erst recht.
Im Vorbeigehen höre ich eine Frau zu ihrer Freundin sagen: »Du, ich mache es jetzt anders. Ich arbeite zum Beispiel unter der Woche und auch am Wochenende überhaupt nicht mehr.«
Vienna Pride: Eine fremde Frau, als Fee verkleidet, tanzt an uns vorbei und schreit »Mund auf!« Dann sprüht sie J., der das bereitwillig tut, mit einer Wasserpistole in den Mund. D. und ich schauen uns entgeistert an, nie im Leben hätten wir …, und dann ist der Moment auch schon vorbei.
Die Straßenbahnen fahren nicht mehr, der Boden ist aufgeplatzt, neben den Schienen quillt die Bitumenmasse hervor. Auf dem glühend heißen Boden verbrenne ich meine Fußsohlen.
In der Hitzewelle liege ich mit einem nassen Handtuch und heißen Kopf in meinem abdunkelten Wohnzimmer. Bin ich wirklich so träge von der Hitze, oder bin ich vor allem träge, weil mir das auf Social Media eingeredet wird? Realität und Fiktion verschwimmen, 72 Stunden Delirium.
Ich telefoniere mit J. in Colorado. Wegen der vielen Feuer in den USA ist die Luft schlecht, rausgehen ohne Maske ist anstrengend. Hier in Berlin hat es 39 Grad, die Stadt ist müde und leer. F. hat Hautausschlag vom Eichenprozessionsspinner, der die Wälder und Parks in Beschlag genommen hat. Das ist es, das Leben mitten in der Klimakatastrophe.
Auf dem Weg nach Potsdam halten wir kurz und schlendern durch die »Nutheschlange«, eine Wohnsiedlung, die Doris und Hinrich Baller hier Ende der 1990er entworfen haben. Wie in den meisten ihrer Entwürfe herrscht auch hier eine surreale Ruhe, eine, die man einer Stadt heutzutage überhaupt nicht mehr erlauben würde.
In unserem jährlichen Writing = Design Workshop kommt, natürlich, irgendwann das Thema KI auf. Ich versuche, elegant darum herum zu navigieren, will vermeiden, dass das Thema die ganze Woche einnimmt. Das kann es nämlich gut; jede Debatte, jeder Optimismus wird vergiftet.
Manchmal reicht für das absolute Glück eine grüne Welle beim Fahrradfahren.
Seit einigen Wochen scheint mich ein merkwürdiger Wachstumsschub zu durchfahren. Meine Hosen sind zu kurz, die Knöpfe lassen sich nur mit Mühe schließen. Mehrere T-Shirts sind zu eng; cartoonartig scheinen meine Oberarme zu dick für die Ärmel geworden zu sein. Albern und fast lächerlich, bin ich auch ein wenig stolz.
Passend dazu im Amsterdamer Rijksmuseum gesehen: Verschiedenste Kunstwerke, die Narcissus zeigen, wie er sein Spiegelbild in der Wasseroberfläche betrachtet. Alles, was er tun kann, ist, den Blick zu erhalten, nur so besteht die Illusion.
Wohlwissend, dass ich nun wieder regelmäßig ins Fitnessstudio gehe, spielt mir Instagram die merkwürdigsten Werbeanzeigen aus: »Die perfekte Zahnpasta für den Muskelaufbau! Du putzt dir 730 Mal im Jahr die Zähne. Was wenn diese zwei Minuten mehr für dich tun könnten?« Late-Stage Capitalism im Mundraum, nein danke.
In einem Amsterdamer Antiquariat entdecke ich eine riesige Brille (bestimmt einen Meter breit!), mit aufgemalten Augen. Ein skurriles Objekt, ich muss es haben. Natürlich kaufe ich es nicht. Traue mich nicht mal, nach dem Preis zu fragen. Seit einem Monat geht mir dieses Ding nun nicht mehr aus dem Kopf.
Wir spazieren durch Moabit und folgen intuitiv den glitzernden Kostümen. So landen wir im Publikum eines Rollschuhkunstlauf-Wettbewerbs: Junge Frauen (Mädchen!) in funkelnden Outfits rollen zu Boomer-Popmusik durch die Arena. Ich frage eine Person, die aussieht, als kenne sie sich aus, nach dem Bewertungssystem. »Bewertet wird Technik und Ausdruck. 10 ist super, 1 ist schon extrem schlecht.« Keine der Läuferinnen, die wir sehen, erhält mehr als 3 Punkte, aber alle jubeln und klatschen, die Stimmung ist albern und schön.
Vor dem Five Guys am Ku’damm steht eine Skulptur: ein riesiger Obelisk auf einer Metallkugel. Wir sitzen am Rand und essen Pommes, und gucken zu, wie drei junge Männer die Kugel anschieben und so zum Drehen bringen. Sie vereinen all ihre Kraft und bringen das Monument in Bewegung. Ein niedlicher Anblick, wie sie rennen und schieben und sich freuen und stolz sind. Einige Schaulustige bleiben stehen und sehen zu, so wie wir auch. Später am Abend gehe ich nochmal an der Kugel vorbei. Aus der Nähe ist sie wirklich riesig, drei Meter Durchmesser, nie im Leben hätte ich mich getraut, sie zu berühren – sofort wäre das Gefühl des Scheiterns über mich gekommen, ich konnte es schon spüren zwischen der Kugel und mir.
23:23 Uhr, ich liege draußen unter dem Himmel, über mir brettert der große Wagen vorbei.
Wir laufen durch den Park und essen ein Eis, womöglich das erste des Jahres, und am Ende des Weges ragen drei große Giraffenhälse über die Hecke. Wo bin ich?
E. fragt uns, ob wir uns als Teenager unsere Leben so vorgestellt hätten, wie sie heute sind. Ich kann das mit einigen kleinen Abweichungen bestätigen, aber ich fühle auch sehr, was K. nach kurzem Grübeln antwortet: »Kommt drauf an, ob du die Teenagerin meinst, die ich vor oder nach MyBlog war.« Wir grinsen und sind alle drei dankbar, dass uns das Internet damals zusammengebracht hat.
Im U-Bahnhof Unter den Linden spielt eine Frau alleine auf ihrem Saxofon Mad World. Ich denke bei dem Song immer an die Michael-Andrews-Version von 2001 aus Donnie Darko, und die Welt wird automatisch in ein gespenstisches, graublaues Licht getaucht. Mad World, ein bisschen too real gerade.
Auf K.s Balkon steht eine riesige, sehr stylische Box. »Da drin wohnen die Würmer«, wird mir erklärt. »Sie kompostieren hier alles.« Genial, denke ich, das will ich auch! Bis mir im dritten Satz mitgeteilt wird, dass die Würmer durchaus auch mal ausbüxen und in die Wohnung spazieren. Nein danke!
Im Buchclub beenden wir unseren ersten gemeinsamen Roman: Gewässer im Ziplock von Dana Vowinckel. Während ich das Buch streckenweise anstrengend fand, mochte ich die vielen Perspektiven auf den Text umso mehr. Paul schreibt darüber auch kurz in seinem Newsletter »Feine Auslese«.
Vor seinem Suizid hinterlässt der Hauptcharakter im Film seinem Geliebten eine Audiobotschaft. Der Phonograph spielt knisternd die Nachricht auf dem Wachszylinder ab. Der Mann entschuldigt sich für seine Weltflucht, sein Unbehagen mit sich selbst – eine Note sei falsch in ihm. Der ganze Kinosaal hat einen Kloß im Hals.
“You know those people who are good at things early on? Well, they usually turn into boring people whose biggest accomplishments are behind them by the time they’re 25.”
Endlich komme ich dazu, meinen alten iPod zu reparieren. Ich baue die Festplatte aus, ersetze sie durch einen Flash-Speicher und wechsle den Akku. Das Gerät macht Spaß wie am ersten Tag, auch nach 22 Jahren.
Stadtbad Mitte: Die Sonne scheint durch die Deckenlichter und zielt durch die Wasseroberfläche auf uns Schwimmer herab. Die Diakaustik auf den winterblassen Körpern – wunderschön.