Meine Mutter und ich machen unsere neue Entspannungsübung: Wir legen uns sieben Minuten auf den Boden. Alle Gliedmaßen müssen die Erde berühren, und dann atmen wir: ein (1, 2, 3, 4), und aus (1, 2, 3, 4, 5, 6). Sieben Minuten lang entspannen wir so unsere Nervensysteme.
Ich laufe durch die Ritterstraße, die voller (mir) neuer Bürogebäude und Startups ist. Früher war hier doch mal ein Club?, denke ich. So alt bin ich jetzt also. Aber egal wie gentrifiziert eine Gegend in Berlin ist, man muss nur ein oder zweimal um eine Ecke biegen, schon tritt man wieder in Hundekot, und Müll, und irgendwo nimmt jemand Drogen.
Die Nachbarn im Haus gegenüber haben ein Gedicht für den verstorbenen Hausmeister geschrieben und ans schwarze Brett gepinnt. Daneben hängen Post-its; Beileidsbekundungen, Erinnerungen, Danksagungen. Bald ist die Beerdigung. So viel Nähe für so eine anonyme Stadt ist wirr und schön.
A. macht mir ein Kompliment für mein dichtes Haar. Ich kann ihm gar nicht glauben, aber fortan beflügelt mich der Blick in den Spiegel. Minoxidil wirkt! Die Türkei-Reise kann noch warten!
Ich treffe L., der mir verrät, dass er aus einer Designerdynastie kommt – beide Eltern seien Grafikdesigner·innen, so habe er den Beruf kennengelernt. Seine Mutter habe früher, no joke, beim Depesche-Verlag das Diddl-Käseblatt layoutet.
Es ist Freitagabend und wir sitzen in einer Bar am Pfefferberg, und alle Gäste sind merkwürdig gut angezogen, fast, als wären wir in München. Ich frage die übertrieben stylische Kellnerin auf Englisch, ob das hier normal sei. Sie schaut etwas verwirrt, offenbar also ja.
P. überredet mich, abends noch mal zu dem Baum zu spazieren, in dem er die Waschbären gesehen hatte. Wie zwei alte Herren starren wir nach oben, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Wir schauen lange, und dann schauen sie zurück, von weit oben, zehn kleine Äuglein, die durch den Baum klettern und mit uns innehalten.
Gegen 20 Uhr laufe ich über die leeren Straßen der Pride Parade; der Umzug ist mittlerweile am Brandenburger Tor angelangt. Ein Feuerwehrmann steht auf seinem Fahrzeugdach und spritzt die Straße mit Wasser ab, ein paar glitzernde Mädchen kreischen, lachen, werden nass; der Feuerwehrmann lacht mit. Das will ich vom Samstag behalten; diese Stimmung; wie schön kann etwas sein. Nach dem Anschlag, nachts, hänge ich am Handy, lese Ticker, wir schreiben uns; alle, die ich kenne, sind okay. Nicht Angst macht sich in mir breit, sondern eine Wut, die ich bisher kaum verspürt habe, so klar und stark und scharf; jetzt erst recht.
Im Vorbeigehen höre ich eine Frau zu ihrer Freundin sagen: »Du, ich mache es jetzt anders. Ich arbeite zum Beispiel unter der Woche und auch am Wochenende überhaupt nicht mehr.«
Vienna Pride: Eine fremde Frau, als Fee verkleidet, tanzt an uns vorbei und schreit »Mund auf!« Dann sprüht sie J., der das bereitwillig tut, mit einer Wasserpistole in den Mund. D. und ich schauen uns entgeistert an, nie im Leben hätten wir …, und dann ist der Moment auch schon vorbei.
Die Straßenbahnen fahren nicht mehr, der Boden ist aufgeplatzt, neben den Schienen quillt die Bitumenmasse hervor. Auf dem glühend heißen Boden verbrenne ich meine Fußsohlen.
In der Hitzewelle liege ich mit einem nassen Handtuch und heißen Kopf in meinem abdunkelten Wohnzimmer. Bin ich wirklich so träge von der Hitze, oder bin ich vor allem träge, weil mir das auf Social Media eingeredet wird? Realität und Fiktion verschwimmen, 72 Stunden Delirium.
Ich telefoniere mit J. in Colorado. Wegen der vielen Feuer in den USA ist die Luft schlecht, rausgehen ohne Maske ist anstrengend. Hier in Berlin hat es 39 Grad, die Stadt ist müde und leer. F. hat Hautausschlag vom Eichenprozessionsspinner, der die Wälder und Parks in Beschlag genommen hat. Das ist es, das Leben mitten in der Klimakatastrophe.
Auf dem Weg nach Potsdam halten wir kurz und schlendern durch die »Nutheschlange«, eine Wohnsiedlung, die Doris und Hinrich Baller hier Ende der 1990er entworfen haben. Wie in den meisten ihrer Entwürfe herrscht auch hier eine surreale Ruhe, eine, die man einer Stadt heutzutage überhaupt nicht mehr erlauben würde.
In unserem jährlichen Writing = Design Workshop kommt, natürlich, irgendwann das Thema KI auf. Ich versuche, elegant darum herum zu navigieren, will vermeiden, dass das Thema die ganze Woche einnimmt. Das kann es nämlich gut; jede Debatte, jeder Optimismus wird vergiftet.
Manchmal reicht für das absolute Glück eine grüne Welle beim Fahrradfahren.
Seit einigen Wochen scheint mich ein merkwürdiger Wachstumsschub zu durchfahren. Meine Hosen sind zu kurz, die Knöpfe lassen sich nur mit Mühe schließen. Mehrere T-Shirts sind zu eng; cartoonartig scheinen meine Oberarme zu dick für die Ärmel geworden zu sein. Albern und fast lächerlich, bin ich auch ein wenig stolz.
Passend dazu im Amsterdamer Rijksmuseum gesehen: Verschiedenste Kunstwerke, die Narcissus zeigen, wie er sein Spiegelbild in der Wasseroberfläche betrachtet. Alles, was er tun kann, ist, den Blick zu erhalten, nur so besteht die Illusion.
Wohlwissend, dass ich nun wieder regelmäßig ins Fitnessstudio gehe, spielt mir Instagram die merkwürdigsten Werbeanzeigen aus: »Die perfekte Zahnpasta für den Muskelaufbau! Du putzt dir 730 Mal im Jahr die Zähne. Was wenn diese zwei Minuten mehr für dich tun könnten?« Late-Stage Capitalism im Mundraum, nein danke.
In einem Amsterdamer Antiquariat entdecke ich eine riesige Brille (bestimmt einen Meter breit!), mit aufgemalten Augen. Ein skurriles Objekt, ich muss es haben. Natürlich kaufe ich es nicht. Traue mich nicht mal, nach dem Preis zu fragen. Seit einem Monat geht mir dieses Ding nun nicht mehr aus dem Kopf.
Wir spazieren durch Moabit und folgen intuitiv den glitzernden Kostümen. So landen wir im Publikum eines Rollschuhkunstlauf-Wettbewerbs: Junge Frauen (Mädchen!) in funkelnden Outfits rollen zu Boomer-Popmusik durch die Arena. Ich frage eine Person, die aussieht, als kenne sie sich aus, nach dem Bewertungssystem. »Bewertet wird Technik und Ausdruck. 10 ist super, 1 ist schon extrem schlecht.« Keine der Läuferinnen, die wir sehen, erhält mehr als 3 Punkte, aber alle jubeln und klatschen, die Stimmung ist albern und schön.
Vor dem Five Guys am Ku’damm steht eine Skulptur: ein riesiger Obelisk auf einer Metallkugel. Wir sitzen am Rand und essen Pommes, und gucken zu, wie drei junge Männer die Kugel anschieben und so zum Drehen bringen. Sie vereinen all ihre Kraft und bringen das Monument in Bewegung. Ein niedlicher Anblick, wie sie rennen und schieben und sich freuen und stolz sind. Einige Schaulustige bleiben stehen und sehen zu, so wie wir auch. Später am Abend gehe ich nochmal an der Kugel vorbei. Aus der Nähe ist sie wirklich riesig, drei Meter Durchmesser, nie im Leben hätte ich mich getraut, sie zu berühren – sofort wäre das Gefühl des Scheiterns über mich gekommen, ich konnte es schon spüren zwischen der Kugel und mir.
23:23 Uhr, ich liege draußen unter dem Himmel, über mir brettert der große Wagen vorbei.
Wir laufen durch den Park und essen ein Eis, womöglich das erste des Jahres, und am Ende des Weges ragen drei große Giraffenhälse über die Hecke. Wo bin ich?
E. fragt uns, ob wir uns als Teenager unsere Leben so vorgestellt hätten, wie sie heute sind. Ich kann das mit einigen kleinen Abweichungen bestätigen, aber ich fühle auch sehr, was K. nach kurzem Grübeln antwortet: »Kommt drauf an, ob du die Teenagerin meinst, die ich vor oder nach MyBlog war.« Wir grinsen und sind alle drei dankbar, dass uns das Internet damals zusammengebracht hat.
Im U-Bahnhof Unter den Linden spielt eine Frau alleine auf ihrem Saxofon Mad World. Ich denke bei dem Song immer an die Michael-Andrews-Version von 2001 aus Donnie Darko, und die Welt wird automatisch in ein gespenstisches, graublaues Licht getaucht. Mad World, ein bisschen too real gerade.
Auf K.s Balkon steht eine riesige, sehr stylische Box. »Da drin wohnen die Würmer«, wird mir erklärt. »Sie kompostieren hier alles.« Genial, denke ich, das will ich auch! Bis mir im dritten Satz mitgeteilt wird, dass die Würmer durchaus auch mal ausbüxen und in die Wohnung spazieren. Nein danke!
Im Buchclub beenden wir unseren ersten gemeinsamen Roman: Gewässer im Ziplock von Dana Vowinckel. Während ich das Buch streckenweise anstrengend fand, mochte ich die vielen Perspektiven auf den Text umso mehr. Paul schreibt darüber auch kurz in seinem Newsletter »Feine Auslese«.
Vor seinem Suizid hinterlässt der Hauptcharakter im Film seinem Geliebten eine Audiobotschaft. Der Phonograph spielt knisternd die Nachricht auf dem Wachszylinder ab. Der Mann entschuldigt sich für seine Weltflucht, sein Unbehagen mit sich selbst – eine Note sei falsch in ihm. Der ganze Kinosaal hat einen Kloß im Hals.
“You know those people who are good at things early on? Well, they usually turn into boring people whose biggest accomplishments are behind them by the time they’re 25.”
Endlich komme ich dazu, meinen alten iPod zu reparieren. Ich baue die Festplatte aus, ersetze sie durch einen Flash-Speicher und wechsle den Akku. Das Gerät macht Spaß wie am ersten Tag, auch nach 22 Jahren.
Stadtbad Mitte: Die Sonne scheint durch die Deckenlichter und zielt durch die Wasseroberfläche auf uns Schwimmer herab. Die Diakaustik auf den winterblassen Körpern – wunderschön.
»Du siehst bisschen müde aus. Oder traurig? Vielleicht bahnt sich auch ne Erkältung an? Oder halt doch ne kleine Depression.« Ganz ehrlich, ich bin einfach durch mit diesem schrecklichen Wetter!
Belle and Sebastian spielen ihr erstes Album Tigermilk zum 30-jährigen Jubiläum im Metropol. Stuart Murdoch plaudert und erzählt von der Tour und wie aufgekratzt die Band manchmal sei. »But not here. Nobody is nervous in Berlin!« Wenn die wüssten.
Ich schwimme durch die Traglufthalle und bin jetzt schon wehmütig, wenn sie in wenigen Wochen abgebaut wird und nur noch das Sommerbad offen hat.
Two bros / riding one e-scooter / five feet apart cause they’re not gay
Vom Leben gelernt: Wenn man auf eine Party gehen muss, zu der man eigentlich nicht so sehr gehen will, funktioniert der ›Trick Früh kommen, früh gehen‹ nicht. Man muss spät kommen, und dann gleich wieder gehen!
Der Mann von der Müllabfuhr erzählt, wie ihm morgens um 4:30 beim Rausbringen der Tonnen immer ein großes Rudel Ratten entgegen rennt. »Mindestens 20 Tiere sind das. So groß wie Katzen!«
Regen und Sonne und Regen und Sonne, 5 Grad Celsius, die Kälte sitzt fest in den Knochen. Schlaf so dünn wie Filterkaffee.
Vor meiner Haustür prügelt ein Mann auf den Parkscheinautomat ein. So eine Scheiße!, schreit er. Er hüpft einmal erzürnt auf der Stelle, wie so eine Comic-Figur, und hinterlässt eine Schmauchspur im Eis.
Die Uhren in der Riso-Werkstatt ticken langsamer. Der Cursor schiebt sich zäh über den Desktop; hier ein Testdruck, da ein paar Einstellungen an der Schneidemaschine. Man merkt hier nicht, wie die Zeit vergeht, und am Ende ist es dunkel, und die Drucke sind fertig.
Merkwürdig schlechte Laune, schon seit dem Aufwachen. Versuche ein paar Tage lang, Tagebuch im Thomas-Mann-Stil zu schreiben, um mich selbst nicht zu ernst zu nehmen.
Februar im Schnelldurchlauf: Curling, Alysa Liu, noch mehr Curling. Bin so froh, dass im März noch die Paralympics laufen; Olympia hat mich gut gerettet durch den eisig kalten Februar.
Anstatt des Regionalzugs entscheide ich mich doch für den ICE, das ist entspannter. Nix los hier. Niemand da. Keine Ereignisse, das Tagebuch: leer. Ich weiß, dass das nicht gut ist, oppose convenience, wenn nichts passiert hat man auch nichts zu erzählen. Aber entspannend war sie, die Fahrt.
»Sternzeichen Schnecke, Aszendent Stein.«
Die Sonne spiegelt sich in meinem Bildschirm. Ich traue dem warmen Wetter nicht. Vor wenigen Tagen schlitterten wir noch über den See, und jetzt soll ich hier im T-Shirt sitzen? Aber ich nehme was ich kriegen kann, und lasse mich auf darauf ein.
Ich betrachte mich und meinen Körper im Spiegel. Ich habe ein paar Kilo zugenommen, endlich. Sogar der viele Sport wird langsam sichtbar. Wenn ich das eine Licht aus und das andere an mache, finde ich den Anblick okay, gut sogar.
“My therapist: You are a good person and deserve to be loved.
Me: Oh no, I have tricked you too!”
Ein Mann im Zug führt lautstark ein Telefonat. Mit heiserer Stimme klagt er sein Leid – er könne die Miete nicht mehr bezahlen, müsse die Wohnung auf Vordermann bringen, um die Kaution zurück zu bekommen. Er wolle sich kein Geld leihen, »Nein, bloß keine weiteren Schulden. Hätte ich doch nur diese Sporttasche nicht im Zug liegen lassen. Das war so dumm von mir. So unfassbar dumm.« Was da wohl drin war?!
In einer angesagten Bar studiere ich ratlos die Karte. Ich wünsche mir etwas rosafarbenes, feminines, das in einem kalten und albernen Glas serviert wird. Ich bestelle also meinen ersten Cosmopolitan, und bin nach drei Schlucken unerwartet beschwipst. Es ist ein ungewohntes Gefühl, da ich so gut wie nie Alkohol trinke – ein witziger, aber auch nennenswert unangenehmer Zustand.
Nach dem Schwimmen öffne ich die Tür zur Herrendusche, und laufe direkt in die versammelte Feuerwehrmannschaft, die gerade ihr Schwimmtraining beendet hat. War in meiner Fantasie irgendwie … anders.
Ein Typ, Anfang 20, zu seiner Freundin: »Ich hab’ überlegt, Dienstags etwas früher Feierabend zu machen, und dann noch zum Schreiben in die Bib zu gehen. Weil ich sonst echt nicht weiß wie ich das alles hinkriegen soll.« »Mit ›alles‹ meinst du das Buch?« »Ja was denn sonst?!« »Na ja, du hättest ja statt ›alles‹ auch einfach ›das Buch‹ sagen können.«
Die Frau neben mir packt eine große Tupperdose mit Nudelsalat aus. Kichernd genehmigt sie sich dazu ein kleines Fläschchen Eierlikör. Interessante Kombi, finde ich, aber ich gönne ihr natürlich ihren genussvollen Start ins Wochenende!
Ein Baby schreit und schreit und schreit so sehr dass es sich verschluckt, das arme Kind, aber es klingt, als bräuchte es eine kleine Pause und musste dabei dann kurz über sich selbst und seine geräuschvolle Performance lachen.
Der Therapeut rät mir: »Schalten Sie doch mal einen Gang runter«, und ich frage mich, ob anstatt MUT vielleicht einfach das mein Motto für 2026 sein sollte. Gang raus, ich fahre jetzt mal ’ne Weile im Leerlauf. Und dann wechsle ich vielleicht auf Automatik, mal sehen.
Der Trödelladen um die Ecke verkauft jetzt »Mystery Bags« – große braune Papiertüten, fest verschlossen. 15 €, sagt die krakelige Filzstiftschrift darauf. Und auch hier frage ich mich: Was da wohl drin ist?