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Zur blauen Stunde

Es war der erste Sturm nach einer Reihe von heißen Sommertagen im Juli, der die Blaulichter in unsere Straße trieb. Kurz vor Mitternacht, und das Wohnzimmer füllte sich langsam mit dem Geschrei der Nachbarn; Kinderschritte auf dem Asphalt, Zurufe hallten an den Hauswänden entlang. Es war auch der erste Sturm, der den Schwefelgeruch in meine Wohnung trug. Und dann die Feuerwehrautos, meine Vermutung bestätigend, wie sie in ihrer Masse in die Straße rollten und die Leute magnetisch aus den Häusern zogen.

Unsere enge Straße war in ein sonderbares Licht getaucht – die Nacht, vermischt mit den grellblauen und roten Lichtern der Feuerwehrautos, den Polizeisirenen und dem Hundegebell; all das flackerte über die Wände und durchzog die Straße mit wilden Schatten. Immer mehr Menschen stolperten aus ihren Hauseingängen auf die Straße, um zu beobachten: Wie die Feuerwehrmänner den Schlauch auskurbeln, in den Hauseingang hinein und wieder heraus hasten, uniformiert und konzentriert. Die Kinder sind in der Überzahl. Sie untermalen das Rauschen und Blinken der Autos mit schrillen Jauchzern und Getrampel.

Am Fenster stehend schäme ich mich; komme mir noch schlimmer vor als die Gaffer da draußen auf der Straße. Über und unter mir schieben sich auch hin und wieder vereinzelt Köpfe in die Nacht; wir versuchen, unsere Ahnungen mit Beobachtungen zu untermauern. Aber alles ist ungewiss. Auf dem Gehweg unter dem Fenster torkelt ein Mann vorbei, hustet, röchelt, kommt ins Wanken. Die Frau bietet ihm eine Zigarette an. Er verschwindet. Und dann, aus dem Haus mit dem Rauch kommt ein Schrei, der das Gelächter und Geplauder durchzieht wie ein Schützengraben. In ihm: kein physischer Schmerz, keine Angst und keine Panik, so klingt ein Verlust; das Ablösen einer Kruste; das ins Schloss fallen einer Tür.

Nach dem Sturm vergeht eine Stunde, oder zwei. Die Nacht zwischen den Häusern hat sich beruhigt, und es steht zur Debatte, die Fenster doch über Nacht offen zu lassen, obwohl es immer so lärmt. Alles beim Alten, die Köpfe ziehen sich zurück.

Anderer Mütter Kühlschränke

Als Kind fand ich es immer extrem verwerflich, wenn ich in den Kühlschränken meiner Freunde eine Fünferbatterie Kinder Pingui entdeckte. An den heißen Sommertagen, die Stefan und ich im Hof verbrachten, pausierten wir manchmal in seiner Küche, um Limonade zu trinken. Der kleine Bruder schlich dann um unsere Beine und öffnete irgendwann die Kühlschranktür, um im Seitenfach drei Kinder Pingui aus der Packung zu lösen, uns zu überreichen und sich bei uns beliebt zu machen.

So etwas gab es in unserem Kühlschrank nicht. Nichts dergleichen, nicht einmal Milchschnitte. Meine Mutter weigerte sich. Das Verlangen danach wurde uns ausgetrieben, als ein Reigen an Müttern im Kindergarten einmal versuchte, den Nachwuchs mit der »gesunden Milchschnitte« zu überzeugen: Zwei Pumpernickelscheiben, deren Innenseiten sparsam mit Quark und Honig bestrichen waren. Sämtliches Interesse ging ohne Verzögerung beim ersten Happen verloren; wir nahmen hin, dass Milchschnitten verwerflich waren, und das Leben keinerlei Alternative bereit hielt.

Nur die Kühlschränke der Freunde waren gefüllt damit. Und heute, wo ich meinen Kühlschrank selbst befülle, bemerke ich: Ich fand es natürlich nicht verwerflich, ich war einfach nur neidisch. Und obwohl ich an Trotzigkeit und Regelbruch nie sonderlich interessiert war, kaufe ich heute, hin und wieder und nur ganz selten, eine Fünferbatterie von diesem künstlichen Süßkram. Mütter, euer Pumpernickel hat nicht gesiegt. Nicht in diesem Fall.

weg weg weg

Wenn ich etwas schreibe, mache ich das immer direkt im Eingabefeld von Tumblr, denn wenn ich etwas schreibe, will ich es weg weg weg von mir haben, weg aus dem Kopf, die Worte quasi ganz schnell runter schrubben von der Haut. Und mit dem Veröffentlichen-Knopf gehören die dann nicht mehr zu mir, sondern zu euch, und das ist ja auch eine Erleichterung, bis zu einem gewissen Grad.

Es gibt Texte, die muss man eigentlich auch nicht veröffentlichen

Manchmal sitze ich mit krummem Rücken auf meinem Schreibtischstuhl und starre in den Monitor, die kleinen weißen Lichtpunkte starren zurück, und ich merke erst ganz spät, dass meine Nase blutet. Nur als der erste rote Tropfen auf der grauen Tischplatte landet, entkrümmt sich der Rücken für eine kleine Sekunde, und stets aufs Neue bin ich minimal geschockt.

Währenddessen höre ich das immer gleiche Lied, weil es das Erste in der „Stared“ Liste ist, und es summt jemand melodisch zum Geschrei des Nachbarn auf der Straße unten, der seinen Sohn wieder tadelt, immer mit diesem speichelfeuchten Röcheln in der Kehle; sein Kopf muss so blutrot sein wie der Tropfen, der eben aus meiner Nase fiel.

Ich stecke den Finger rein und gucke, ob da noch mehr kommt, und dann stürzt ein roter Schwall aus meinem Gesicht und macht die Tastatur dreckig. Ich drücke nochmal gegen die Nasenflügel, für die zweite Ladung. Jeder weiß: den Kopf niemals in den Nacken legen; das Blut nicht in den Kopf laufen lassen. Da bräuchte ich es aber eigentlich. Immer schön nach vorne bücken; laufen lassen; da ist der krumme Rücken ja vorteilhaft.

Am liebsten mag ich, wenn man nach einigen Stunden noch irgendwo auf der Haut eine nicht entfernte, dünne Blutkruste findet, und die dann abschrubben kann, unter warmem Wasser. Mit richtig Schmackes abreiben, wo man ja in der Zeit zuvor den Kopf nur ganz vorsichtig bewegte: Nur nicht zu schnell, sonst geht es wieder los, nix raus lassen. Ganz sachte. Bis es trocken ist. Bis zum nächsten Tadel.

Die wandernde Gurke

Picture of a cucumber in the hallway

Seit einigen Tagen wohne ich also in der neuen Wohnung. Ein Wohnhaus aus den dreißiger Jahren, hübsch und nicht übertrieben luxuriös. Das Haus, so viel habe ich schon beobachtet, wird in den unteren Etagen von älteren Menschen bewohnt (Rollatoren im Hausflur!); in den oberen Etagen wohnen Familien (spielende Kinder im Hinterhof!).

Beim Treppensteigen nach der ersten Wohnungsbesichtigung fiel mir die doppelt halbierte Gurke auf, die es sich in einem dunklen Winkel am Fuße des Treppengeländers gemütlich gemacht hatte. Die zuerst mittig durchtrennte, dann längs halbierte Salatgurke lag mit ihrer saftigen Seite zum Boden gekehrt auf dem Treppenabgang und schrumpelte vor sich hin.

Option 1: Eins der spielenden Kinder hat die Gurke als Pausensnack von der Mutter erhalten, beim Spielen im Treppenhaus (darüber reden wir nochmal!) angenagt und schließlich dort versteckt (vielleicht für später?). Oder aber, Option 2, einer der älteren Herrschaften hatte die Gurke übrig, wollte sie aber a) nicht wegwerfen, und b) nicht bis in den Hinterhof zur Biotonne schlurfen; und so wurde die Gurke in einem unbemerkten Moment unter das senfgelbe Geländer geschoben.

Bei meinem zweiten Wohnungsbesuch war das Gurkenstück immer noch da. Etwas schrumpeliger als beim letzten Mal, und um eine komplette Etage (plus – pi mal Daumen – drei Stufen) nach oben gewandert. Das schließt folglich die Senioren als Gurkenstreuer aus (mangelnder Bewegungsspielraum im Treppenhaus). Also doch die Kinder: Handelt es sich bei der Gurke um eine in das Spiel eingebundene Figur / Hostie / Geißel? Oder doch nur weiterhin ein Spielpausen-Snack, von dem lange gezehrt wird (offensichtlich mehrere Wochen!)?

Als ich nun vorgestern mit Sack und Pack in die Wohnung einzog, hatte der mittlerweile wirklich kümmerlich dreinblickende Salatgurken-Knilch seinen Platz am Fenster zum zweiten Obergeschoss hin gefunden. Wie eine kleine Figur stand er auf dem Fenstersims und schaute nach draußen – die runzeligen Gurkenränder erinnerten mich an die Trolle mit den bunten Plastikhaaren, die viele (zu viele!) Leute sammeln und für teuer Geld auf eBay verkaufen. Sie erinnern mich auch an das Schaufenster der Erdgeschosswohnung (die Wohnung muss der Frau mit dem Rollator gehören), in dem zum Bürgersteig hin viele kleine Figürchen und Stofftiere auf Regalbrettern sitzen und traurig auf die Straße gucken. Vielleicht vermissen sie jemanden. Oder sie ahnen, welches Schicksal ihnen blühen könnte.

T Magazine: The Writer’s Room

T Magazine: The Writer’s Room

Alles, was unter die Haut passt

Nach dem Aufwachen bemerke ich schnell, dass sich das Auslassen des abendlichen Eincremens gerächt hat: Unter meiner linken Brustwarze gedeiht ein großer, roter See aus Punkten, der zur Mitte hin in ein tiefes, vollflächiges Violett implodiert. Die Ränder des austerngroßen Ekzems wellen meine Haut mit einer dünnen, ockerfarbenen Kruste, und die kleinen roten Pünktchen verstreuen sich feuerwerksgleich bis hinunter zum Bauchnabel. Die Haut innerhalb der krustigen Begrenzung spannt sich und ist seidenglatt, was sich beim Überstreichen mit einer Fingerkuppe bemerkbar macht. Das Violett gefällt mir, es lässt die angrenzenden Hautflächen blasser erscheinen.

Das sogenannte Grey-Turner-Zeichen tritt im unteren Flankenbereich auf. Ausgelöst durch eine ödematose Durchtränkung der Unterhaut bildet sich ein großer Bluterguss, der, zusätzlich befeuert von lokalen Blutungen in den dort ansässigen Gefäßen, zumeist auf eine akute und schwere Entzündung der Bauchspeicheldrüse hinweist. Sebastian grinst zufrieden über sein Fachwissen, schlägt die Beine übereinander und schaut aus dem Zug raus auf die graue Stadt. Ich taste durch die Jacke hindurch nach meiner Flanke, die blass und ruhig unter den Stoffschichten liegt.