musik

Storm

Yung Lean starring in the music video STORM

Seit Ines gestern einen kurzen Ausschnitt davon auf Instagram gepostet hat, geht mir das neue Musikvideo von Yung Lean und GENER8ION zum Doppeltrack Storm I und Storm II nicht mehr aus dem Kopf. Regisseur Romain Gavras erzählt in über sieben Minuten die Aggression und Einsamkeit eines Bullys in einem britischen Internat, irgendwo in der nahen Zukunft. 

Mit einigen Jahren Abstand zu meiner eigenen Schulzeit habe ich eine merkwürdige Sympathie für Bullys entwickelt. Eine Art Mitleid, vielleicht, oder zumindest eine Neugierde, was in ihnen vorgeht. Die Choreografie von Damien Jalet übersetzt das so bewegend, dass es fast weh tut – besonders ab Minute 4:20.

GENER8ION & Yung Lean – STORM (YouTube)

Ich geh in Flammen auf

Foto der Band Rosenstolz, 2004
Foto: Wikimedia Commons / CC

Es ist Sommer 2004, und im Kino brennt mir der Film Sommersturm einen kleinen Sonnenbrand ins Bewusstsein. Als im Abspann der Song »Ich bin ich (Wir sind wir)« von Rosenstolz läuft, fühlen ich und viele andere uns einmal kurz nicht wie komplette Aliens. Im Sommer 2004 bin ich 13 Jahre alt.

Ich kenne viele Leute, die so einen Schlüsselmoment mit der Musik von Rosenstolz hatten, ganz egal aus welcher Generation, und egal, ob man deutsche Popmusik mag oder nicht. Rosenstolz war spätestens seit der Jahrtausendwende einfach da. Ich habe die Band kaum aktiv verfolgt oder gehört, kannte neben den einschlägigen Hits relativ wenige Songs, aber trotzdem war diese Band von Peter Plate und AnNa R. so verankert in der deutschen Musiklandschaft, dass dass sich wohl alle irgendwie darauf einigen konnten. Vielleicht, weil sie so einen merkwürdigen Spagat aus Pop und Schlager und Chanson hingekriegt haben, der sich durch alle Altersschichten erstrecken konnte.

Im März ist AnNa R. überraschend verstorben, und online wurden viele dieser Schlüsselmomente und Erinnerungen an ihre Musik geteilt. Ich habe auch nochmal viele Lieder gehört, auch mit Freunden zusammen, und war traurig und auch glücklich, dass Popmusik sich mal wieder als so verbindenderes Element bewiesen hat. Für mich ist vor allem »Ich geh in Flammen auf« ein wichtiges Lied. Beim Nachhören habe ich aber auch das erste Album »Soubrette werd ich nie« für mich entdeckt! Songs mit Titeln wie »Schlampenfieber« oder »Klaus-Trophobie«?! Genial! Das ganze Album klingt extrem nach seinem Erscheinungsjahr 1992, und es ist schön, sich nochmal durch die Jahre zu hören und zu fühlen und dabei ein paar traurige und dankbare YouTube-Kommentare zu lesen.

Manchmal sind die Dinge gar nicht so
Wie man sich’s vorgestellt hat
Sondern besser
Manchmal ist das Einzige was zählt
Dass ich nicht nachdenke
Sondern vergesse
Mach die Lichter an
Ich geh in Flammen auf

Oklou – choke enough

Albumcover von oklou - choke enough. Foto einer Frau im Vordergrund, im Hintergrund schauen Menschen aus einem Fenster, die Stimmung ist düster und schwach belichtet

Genre-Beschreibungen haben sich für mich in den letzten Jahren verflüssigt und aufgelöst. Während es vor 20 Jahren noch einfach war, im Alternative-CD-Regal ein Shoegaze-Album am Cover zu erkennen, sind die heutigen tausendfach zersplitterten Sub-Genres und Wortschöpfungen sowohl seitens Artist, Producer, Label und digitaler Musikkataloge nur noch schwer zu navigieren. Ich brauche also andere Parameter, um neue Musik zu entdecken, wenn ich mich dabei nicht nur auf Algorithmen verlassen möchte.

Vor einiger Zeit bin ich von Spotify zurück zu iTunes bzw. Apple Music gewechselt. Die Gründe waren vielfältig: Das Spotify Interface war mir zu sperrig, die Plattform vermischte mir zu viele Medien, und der Fokus auf Vibe anstatt auf Künstler·innen ist nicht, was ich suche. Apple Music verkauft ein ebenso gurkiges und fehlerhaftes Interface, aber immerhin sitzt es bräsig auf meiner gut 20 Jahre alten Musiksammlung, die ich nach wie vor gerne höre, und gar nicht so viel neues brauche. Ich kaufe ab und an Alben von Künstler·innen auf Bandcamp, und die Möglichkeit, streamingfreie Playlists anzulegen und nostalgisch auf meinen iPod zu laden, füllt mich mit Glück.

Wie dem auch sei: Apple Music bietet die Funktion, Songinfos einzublenden, und verrät mir ohne viele Umwege, wer die Songs geschrieben, produziert und gemixt hat. Früher konnte ich mit diesen Infos wenig anfangen, aber heute habe ich immerhin ein paar Namen, die mir etwas sagen und mit denen ich etwas verbinde.

A. G. Cook ist einer davon. Bekannt vor allem als Creative Director, Produzent und langjähriger Kollaborateur von Charli xcx, hat er mit PC Music ein Musikgenre (»Hyperpop«) etabliert, das mich genau da abgeholt hat, wo ich mit Anfang 20 ausgestiegen bin: Elektronische, fast ironische Popmusik, die sich verquer (queer?) anhört und die auditiv als auch visuell und gestalterisch überpoliert ist. Seine eigenen Alben sind so flächig und detailliert, um gerade noch nicht im Hintergrund zu laufen, und dann setzen sie einem einen wochenlangen Ohrwurm ins Ohr.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Unter anderem anhand dieser PC Music Armee hangele ich mich durch Veröffentlichungen, und erkenne Namen und Künster·innen wieder. Zuletzt: die französische Musikerin Oklou. Gerade hat sie ihr Debütalbum herausbracht: choke enough. 

Das Album läuft seit Veröffentlichung bei mir ununterbrochen. Auch A. G. Cook hat zwei Tracks mitproduziert (thank you for recording und ict) – man hört das, und dennoch ist das Album ganz anders und nicht direkt Hyperpop. Eine mittelmäßig positive Musikexpress-Rezension beschreibt das Genre als Bedroom-Synth-Pop, und das trifft wirklich haargenau die Musik, auf die ich aus bin.

Oklou – choke enough
Release am 7. Februar 2025 auf True Panther Sounds
Anhören/kaufen auf Bandcamp

Wien wort auf di

Mann mit Zeitung in der Sonne an der Wiener spanischen Hofreitschule

Anfang April habe ich einige Tage in Wien verbracht, zum Arbeiten und für eine kleine Portion Müßiggang. Dass ich Wien liebe, wusste ich bereits, aber dieses Mal hat es mich wirklich ganz besonders heiß erwischt. Nach 30 Minuten flanieren frage ich mich: Wieso lebe ich nicht hier?! Was mache ich noch in Berlin?!

Und während ich also so durch die Gassen laufe, die sauberen Gehwege und Gebäude und Fußgängerzonen und Menschen (all die schönen Menschen!) bewundere, lief mir diese Frage nach wie ein Schatten. Wieso eigentlich nicht Wien? Natürlich ein absurder Gedanke, jetzt, mit Anfang 30. Darüber hätten wir vor sechs, sieben Jahren sprechen sollen. Jetzt scheint es mir zu spät – mein Lebensmittelpunkt ist Berlin, seit 15 Jahren nun schon. Ich habe mich hier eingerichtet; meine Freunde, meine Wohnung, viele meiner Arbeitgeber sind hier. Und obwohl ich seit der Pandemie die meiste Zeit in meinem kleinen Dachbodenbüro verbringe, und kaum nennenswert an der flirrenden Design- und Tech-Szene Berlins teilnehme, hätte ich doch Skrupel, mich vollkommen aus ihr herauszulösen.

Und dann ist da noch die Tatsache, dass die Dinge immer besonders verlockend sind, wenn man sie nicht haben kann. Ist Wien genau so schön, wenn man dort wohnt? Wenn man ständig umgeben ist von diesen Gebäuden, diesem Dialekt, diesem Land mit seiner durchaus sonderbaren (politischen) Stimmung? Erträgt man das? Aber gut, andererseits: Wie um Himmels Willen erträgt man Berlin mit der Tristesse und den ganzen Drogen und der Wohnungsnot und der Ausgebranntheit? Wie erträgt man’s?!

Mein Wien-Besuch hat mich jedenfalls einigermaßen tief in eine Sinnkrise gestürzt. So tief, dass ich wohl schleunigst wieder hin muss! Ja, so tief sogar, dass ich seit April einen Ohrwurm habe vom Song der Austropop-Band Granada: Wien wort auf di (ein Cover von Billy Joels Vienna, schönes Video auch!). Ich finde Austropop meist wirklich unerträglich, aber dieser Song kriegt mich immer wieder. So wie Wien eben.

Dass d’ wast, so is es hoit
Entweder hackelst wie blöd
Oder wirst glücklich oid
Konnst nix neies ongehen
Wenn wos holbfertig is
Du Geni-i-i-e
Wann wirst’s kapiern?
Wien wort auf di!

Some Quiet Thunder

Album artwork for Clap Your Hands Say Yeah: Black-white photo of a man sitting at a piano

Immer mal wieder schreibe ich hier auch über Musik – das fühlt sich immer so herrlich nostalgisch an. Musikblogs, das waren gute Zeiten. Und ja, wir sind jetzt offiziell alle so alt, dass wir erleben, wie die Bands unserer Jugend Piano-EPs rausbringen. Aber: keine Beschwerden von meiner Seite! 

Clap Your Hands Say Yeah, die Formation, die mittlerweile keine mehr ist, sondern unter der Sänger und Gitarrist Alec Ounsworth nun solo veröffentlicht, hat einige (meiner liebsten!) Songs just als Piano & Voice EP veröffentlicht. Seine simmernde (und teilweise auch angrenzend nervtötende!) Stimme funktioniert darin ganz fantastisch; und treibende Popsongs wie Some Loud Thunder werden plötzlich schön und ruhig und flüssig wie Wasser.

Wie so viel gute Musik entstand auch diese EP während der Pandemie:

Backstory here: Piano was my first instrument (piano at 7, guitar at 13) and many CYHSY songs originated with piano and voice and then the pandemic forced some spare time during which I rearranged practically all CYHSY songs for piano and/or guitar…

Long story short, sitting down at the piano and traveling back into my work was a renewal of sorts and I discovered that I really enjoyed the new arrangements (I have always been interested in creative tear downs of this sort—to the foundation as it were, provided that the songs actually have a strong foundation).

The songs kept the original flavor but also provided something maybe a little more expansive for me that helped me get to the heart of what I had intended (beyond that they be fun, etc). Also, other people have said they can actually understand my lyrics in this form which is a good thing.

Keine Ahnung, wie vertrauenswürdig dieses Zitat ist, das ich nur auf Reddit gefunden habe, aber es wäre ja nachvollziehbar. In This Home on Ice, der schönste CYHSY-Song, ist auch dabei, und jetzt am besten einfach anhören: Spotify, Apple Music, YouTube.

 

Astra King: First Love

Albumcover Artwork im Stil eines Kinderlexikons

Artwork: Remote Channels

Neues aus dem Hause PC Music: Am 7. Juli erscheint das Mini-Album First Love der Singer-Songwriterin Astra King. Dass unter A. G. Cook und seinem Label seit mehreren Jahren die mitunter spannendste Popmusik veröffentlicht wird: eh klar, und Astra Kings Single-Auskopplung Make Me Cry ist ein schöner, mit Synths aufgeladener Gegenpol zum Hyperpop-Genre. Besonders toll: Das Album-Artwork, das sie im Stil eines Kinder-Lexikons zeigt. Diese Art Direction kam mir bekannt vor, und dann fiel es mir wieder ein: Der Visual Researcher Evan Collins sammelt unter dem Begriff »Utopian Scholastic« seit einiger Zeit Beispiele und beschreibt die Bildwelt treffend:

In some ways this aesthetic is the ‘kids version’ of Frasurbane, with an emphasis on scholastic endeavors, ‘edutainment’, and an ‘end-of-history’ approach to learning. It uses the same classical and ‘timeless’ typography and imagery with Frasurbane, adding in the aesthetic of ’stock photography collage’ depicting the most basic and identifiable depictions of forms and concepts for quick comprehension. This reliance on this style of collage is predicated on two factors in the era; the proliferation of stock photography collections, and the development of desktop publishing & graphics-editing software in the 1980s. Images of flora & fauna connect this aesthetic to the second wave of environmentalism in the late 80s-late 90s.

Das Cover stammt aus der Feder von Remote Channels, zu denen ich online absolut nichts finde. In Anbetracht der Tatsache, dass viele der PC-Music-Veröffentlichungen eine sehr klare und polierte visuelle Sprache haben, könnte Timothy Luke dahinter stecken, der auch jahrelang für die ausufernde Creative Direction von Charli XCX zuständig war (oder es immer noch ist).

Astra King: First Love erscheint am 7. Juli 2023. Man kann es auf Bandcamp vorbestellen.

OTTO

Es ist 2007 und auf meinem iPod läuft zum zwanzigsten Mal About You Now von den Sugababes; quasi in Dauerschleife. Dieser Moment wiederholt sich gerade, nur mit dieser Version von OTTO, die perfekt in diese wirre, verzerrte Zeit passt. Otto Benson veröffentlichte 2020 auf dem Londoner Label PLZ Make It Ruins seine Debut-EP World Greetings, und während sowohl die EP als auch sämtliches Artwork ziemlich glitchy und eerie daher kommt, kann man das Album Clam Day durchaus hören, ohne dass einem sämtliche Nervenstränge vibrieren. Mehr über OTTO erfährt man zum Beispiel im Coeval Magazin. Die Musik gibt es auf Bandcamp, Spotify und Apple Music.