Ich bau’ mir ein Luftschloss


Nach viereinhalb Jahren lösen wir unsere Wohngemeinschaft auf. 2009 sind wir gemeinsam hier in dieser Stadt und in dieser Wohnung angekommen, und jetzt wird es Zeit, dass jeder seinen eigenen Raum bekommt – manche von uns gehen auf Reisen, andere suchen sich diesen Raum hier. Ich zum Beispiel.

Ich habe mich nicht wirklich getraut, während der Wohnungssuche zu jammern. Ja ja, auch in Berlin sieht es düster aus auf dem Wohnungsmarkt, und alles wird teurer und teurer, und sowas wie das hier findet man sowieso nie wieder. Aber ich muss an meinen Bruder denken, der in München lebt, da sieht die Sache ganz anders aus (viel düstererer). Ich muss mir immer wieder vor Augen führen, was für ein unglaublicher Luxus uns in unseren riesigen, mit Dielenboden und öffentlichem Nahverkehr ausgestatteten Wohnungen zur Verfügung steht – und das nicht in Vororten, sondern mitten in der Stadt. (Da ist es natürlich von Vorteil, wenn eine Stadt vier anstatt nur ein Stadtzentrum hat.)

Aber ich wurde fündig, und in wenigen Wochen wohne ich in meinen eigenen vier Wänden. Seit Monaten scrolle ich durch Einrichtungsmagazine, erdenke mir die schönsten Wohn-, Arbeits- und Badeparadiese und zerbreche an dem Gedanken, welche Küchenarbeitsplatte nun die Raffinierteste ist. Pinterest ist bei solcherlei Brainstormings übrigens absolut keine Hilfe – da wird ziemlich schnell deutlich, dass alles, was uns als Lifestyle verkauft wird, erstunken, erlogen und im wahren Leben entweder viel zu teuer oder nicht mit Wasser abwischbar ist. Am Ende holt einen der Spaziergang durch das schwedische Küchencenter sowieso auf den Boden der Tatsachen zurück.

Und um direkt dort zu bleiben, habe ich mich gegen visuelle Inspiration entschieden und ganz pragmatisch gescribbelt. Kritzeleien sehen sowieso besser (und nach drei Wochen Benutzung auch realistischer) aus als all die Hochglanzfotos von Wohnträumen im Internet.

T Magazine: The Writer’s Room

T Magazine: The Writer’s Room

Über die Dinge, die weh tun

Vom Leben gelernt: Die Dinge, die weh tun, sind oft die, die gleichzeitig als die Schönsten gelten. Das ist im Alltag so, man muss sich nur mal all die tätowierten Menschen angucken, oder die Kinder, die es lieben, den eigenen Schorf von den Beinen zu kratzen. Auch im emotionalen Alltag ist es so; zum Beispiel mit Vorwürfen, die gerade durch ihre grausame Bequemlichkeit so schwer wiegen und leicht von der Zunge gehen, oder mit der Liebe, oder der Beziehung zu Menschen generell. Wenn es glatt läuft, ist da nichts, was die Sache aufrecht erhält.

Mit der Beziehung zu Dingen ist es ähnlich – Christian Boros sagt im wunderbaren Videoportrait von Freunde von Freunden: »Man verliebt sich ja auch manchmal falsch in Sachen, die eben gefällig sind. Es muss auch zwicken und weh tun, um richtig lange eine Bedeutung zu haben.«

Sowieso gibt es so viel aus diesem Film, das einer Zitierung würdig ist: »Es ist sehr schön, dass ich mich nicht daran gewöhne«, sagt er über die Tatsache, dass er den Luftschutzbunker an der Friedrichstraße besitzt und sogar bewohnt – eine Tatsache, die man ihm nach diesem Satz auch gönnen kann. Wer sich durch die Sammlung Boros im Inneren des Bunkers führen lässt, bemerkt, was gemeint ist: »Das ist nicht meine Kunst«, denkt man, aber eigentlich ist das niemandes Kunst. Sie ist nur da, um eben nicht gefällig zu sein; weil man weiß, dass das der Reiz daran ist.

Berlin, du bist so wunderbar klischeebehaftet

Zu einem meiner Guilty Pleasures – gibt es eigentlich einen schönen deutschen Ausdruck dafür? – gehört, so wurde mir neulich bewusst, Kinowerbung. Und zwar nicht irgendeine Art von Kinowerbung, sondern diese kitschigen Berlin-als-Lebensgefühl-Werbespots von berliner Marken. Seit einigen Jahren ist es nicht zu übersehen, wie Berliner Produkte mit einem ganz bestimmten Bild der Stadt (immer exakt das Gleiche!) eine Stimmung erzeugen, die vollkommen überzogen und unrealistisch das Leben in der Großstadt rüberbringt. Und ich muss gestehen: Sie kriegen mich damit absolut rum. Diese Überzeichnung des Sommers in Berlin trifft bei mir irgendwie einen wunden Punkt, und ich fühle mich immer wahnsinnig richtig hier (obwohl ich wirklich selten so glückselig und barfuß durch die City springe, wie die Protagonisten in den Spots das tun). Drei Beispiele.

Alle kennen den Song von Kaiserbase – Berlin, du bist so wunderbar, bla bla, und natürlich summen die happy Jungs von der Stadtreinigung mit, und der knausrige Polizist auch, und die nervigen Raggae-Gäste aus dem Yaam, die total eins werden mit dem piekfeinen Spindler & Klatt Publikum von Gegenüber. Denn sowas geht in dieser Stadt (allerdings nur mit ordentlich viel Bier).

Um bei den Getränken zu bleiben: Für alle, die kein Bier mögen, tut es auch Wasser – präsentiert von all den smarten Menschen, die in dieser Stadt wohnen und Wasser trinken, von Studenten bis zum starken Papi, Omi und Opi und natürlich dem Fernsehturm höchst persönlich (crazy, dass der noch in Werbespots funktioniert).

Und dann ist da die Morgenpost, die nochmal gewaltig auf die Tränendrüse drückt und alle Klischees, die die Stadt zu bieten hat, in wunderschöne, sonnendurchflutete, warme Bilder packt. Mein Herz weitet sich bei jedem Angucken zu einem saftigen Steak. (Lustig übrigens, dass homosexuelle Paare zum Stadtinventar gehören wie kaum irgendwo sonst. Sogar der be berlin Kampagnenspot von 2009 endet mit einem verträumten Männerpaar und Skyline.)

Sofasonntage

Miranda July, „The Future“, 2011.

Sophie und Jason sitzen auf dem Sofa, umgeben von Kissen, Gemütlichkeit und der Panik, schon Mitte Dreißig zu sein, und im Leben nichts gebacken zu kriegen. Sie lassen ihre wertvolle Zeit in die Tastatur sickern, und anstatt das nächste tolle Drehbuch zu schreiben, beantworten sie Facebook-Nachrichten. Das war 2011.

Tom Ford, „A Single Man“, 2009.

Und dann sind da George und Jim, irgendwann Anfang der 1960er Jahre, ebenfalls versunken in ihren Sofakissen. Der eine liest Kafkas Metamorphosis, der andere Breakfast at Tiffany’s. Sie argumentieren über die Kanten ihrer Bücher hinweg, wer nun aufstehen und die Schallplatte umdrehen muss, und wer das anspruchsvollere Buch liest.

Sofasonntage sind die besten Sonntage. Ich muss nur eine der beiden Szenen sehen, um nichts mehr zu wollen als mit Buch und Laptop tief in der Sofaritze zu verschwinden. Ein Tag in der Woche, der fürs Vergeuden meiner wertvollen Zeit und für anspruchslose SMS-Literatur gemacht ist; was für ein wunderbarer Luxus.

Alles, was unter die Haut passt

Nach dem Aufwachen bemerke ich schnell, dass sich das Auslassen des abendlichen Eincremens gerächt hat: Unter meiner linken Brustwarze gedeiht ein großer, roter See aus Punkten, der zur Mitte hin in ein tiefes, vollflächiges Violett implodiert. Die Ränder des austerngroßen Ekzems wellen meine Haut mit einer dünnen, ockerfarbenen Kruste, und die kleinen roten Pünktchen verstreuen sich feuerwerksgleich bis hinunter zum Bauchnabel. Die Haut innerhalb der krustigen Begrenzung spannt sich und ist seidenglatt, was sich beim Überstreichen mit einer Fingerkuppe bemerkbar macht. Das Violett gefällt mir, es lässt die angrenzenden Hautflächen blasser erscheinen.

Das sogenannte Grey-Turner-Zeichen tritt im unteren Flankenbereich auf. Ausgelöst durch eine ödematose Durchtränkung der Unterhaut bildet sich ein großer Bluterguss, der, zusätzlich befeuert von lokalen Blutungen in den dort ansässigen Gefäßen, zumeist auf eine akute und schwere Entzündung der Bauchspeicheldrüse hinweist. Sebastian grinst zufrieden über sein Fachwissen, schlägt die Beine übereinander und schaut aus dem Zug raus auf die graue Stadt. Ich taste durch die Jacke hindurch nach meiner Flanke, die blass und ruhig unter den Stoffschichten liegt.

Wie die Nase eines Mannes

Als noch Sommer war: Nadine und ich sitzen auf einer Decke im Park und lassen die warme Luft um unsere Knöchel streifen. Das ist eine gute Beschäftigung, und gesund für die Knöchel. Alte Leute wissen: was den Füßen gut tut, hilft dem ganzen Körper. Im entfernteren Sinne könnte man hier an den Fußpfleger Claude aus Frauke Finsterwalders Film „Finsterworld“ denken, der die abgeraspelte Hornhaut seiner Patienten in den Teig seiner Plätzchen mischt, die er dann wiederum seinen Patienten schenkt.

Wir sitzen also so da, und auf Nadines Nase landet ein Tier. Es ist ein Brummer, wo Nadines Nase doch so klein und zart ist, und als ich genau das bemerke, erwidert Nadine, Ja ja, das stimmt, und wäre dieses Flugobjekt auf deiner Nase gelandet, wirkte es ganz klein, nicht wahr, du mit deiner großen Nase.

Ich muss schon sagen, Nadine ist geübt, was Anspielungen auf meinen etwas kantigen Körper angeht. Als ich ihr von der Idee erzählte, mein Ohrloch mit einem circa fünf Millimeter breiten Tunnel durchbohren zu lassen, wies sie mich nach kurzem Überlegen nüchtern darauf hin, dass sie an meiner Stelle diese Ohren nicht noch mehr betonen würde.

Ich ließ die Bemerkung unkommentiert, und der Gedanke daran führte mich zur Erinnerung an meinen ehemaligen Klassenkameraden Max, der unglaublich große Hände hatte (und sie vermutlich immer noch hat!). Bei jeder Möglichkeit, die Diskussion im Klassenraum voran zu treiben, wuchtete Max seine maximal dimensionierten Handflächen wild gestikulierend durch das Zimmer, stets darauf bedacht, seine Argumente mit einem ordentlich nachwirkenden Windstoß zu untermalen.

Und genau das ist doch das Gute an unseren kantigen, unförmigen Körpern: Die Dramatik; die Karikatur, die wir unserer Erscheinung verleihen, und ich, wie ich mit meiner sonnensegelgroßen Nase windschnittig durch die diesjährige Sommerluft düsen werde.