Mein persönliches Rauchverbot

Bild von Robert Pfallers Buch »Wofür es sich zu leben lohnt«

Schon vor zwei Jahren erzählte ich in meinem Bekanntenkreis freudig von meinem Vorsatz, nun endlich mit dem Rauchen anfangen zu wollen. Wollte ich natürlich nicht wirklich, aus den offensichtlichen Gründen: Rauchen stinkt, ist ungesund, und dazu noch ziemlich teuer.

Leider finde ich aber auch, dass die Aura des Rauchers eine sehr Erhabene ist; sie setzt ihn auf eine höhere Ebene, von der aus er herabschauen kann auf die Uncoolen, die Unentspannten; die, die sich vom Nichtstun stressen lassen. Der Raucher steht währenddessen lässig mit einer Fluppe zwischen den Fingern an die Hauswand gelehnt und vernebelt sich in giftigem Rauch, mit dem er seinem Umfeld desinteressiert zu verstehen gibt: Ich bin cool genug für dieses Risiko. Ich nehme mich selbst nicht zu ernst (und gleichzeitig doch sehr).

Der Philosoph Robert Pfaller beobachtet in seinem Buch Wofür es sich zu leben lohnt dieses Phänomen der zur Schau gestellten Exzesse: Sie »geschehen offenbar aus Furcht, die Anderen könnten glauben, wir hätten keinen Spaß, wenn sie ihn nicht sehen« (S. 58). Und genau das will ich heimlich: Wahrgenommen werden als jemand, der ordentlich Spaß haben kann.

Ein Fachbegriff für maximale Verspanntheit

Und gleichzeitig: als jemand, der diesen Spaß nicht braucht. Ich habe es natürlich probiert mit dem Rauchen: Heimlich saß ich nachts am Fenster und zog an einer Zigarette; übte, sie lässig zwischen den Fingern zu halten und suchte nach einem Weg, ihren Rauch einigermaßen ästhetisch auszuatmen, ohne dass etwas davon in meine Wohnung geriet. Vor anderen Leuten kann ich das aber nicht; zu albern komme ich mir dabei vor, zu sehr verpasst mir die Zigarette ein Gefühl des Schwindels; eine maximale Verspanntheit.

Auch für diese Unlockerheit hat Pfaller die passende Herleitung: Er nennt sie eine »biopolitische Mentalität«; ein Haushalten mit dem Genuss, der Verschwendung. Im gleichen Atemzug nimmt er das auch scharf in die Kritik: Wer sparsam sei, gehe mit dem Leben um, als wäre es bereits vorbei (S. 172). Im Verschwenden liege die Kultiviertheit der schönen Momente. Das Risiko birgt Lebendigkeit, das Verbotene den Genuss.

Lob der Unvernunft

Wofür es sich zu leben lohnt ist ein gut 250 Seiten langes Lob der Unvernunft, eine sachliche Erörterung des Verbotenen, eine detaillierte Sammlung aller Momente, auf die ich bisher aus biopolitischer Mentalität heraus verzichtet habe. Ich werde vermutlich kein Raucher mehr in diesem Leben. Das ist auch besser so, aber die ein oder andere Seite des Buches hat durchaus meine Einstellung zum Laster verändert: »Das Zerrbild des Genusses ist die Sünde« (S. 52), und ich stelle fest: Für mich ist schon allzuoft der Genuss an sich die Sünde. Während der Rest der Menschheit am Samstagabend ein nettes Glas Rotwein in seiner Hand schwenkt, klammere ich mich an einem Wasserglas (ohne Sprudel) fest. Mein Leben als Zerrbild!

Das wird vor allem deutlich, wenn ich dabei – als witzige Geschichte verpackt – meinen Freunden erzähle, nun endlich mit dem Rauchen anfangen zu wollen: In meinem Kopf ist diese Idee der blanke Wahnsinn, vollkommen unvernünftig und bescheuert. Gleichzeitig stecken sich ja immer noch ein Drittel meiner Altersgenossen regelmäßig eine Kippe zwischen die Lippen, und niemand hindert mich daran es ihnen gleich zu tun. Aber irgendwie: nein. Ich bleibe vorerst beim Bleistift in Zigarettenform, und romantisiere weiterhin die Figur des rauchenden Schreibenden. Vielleicht auch noch etwas mehr als vorher.

Robert Pfaller: Wofür es sich zu leben lohnt (S. Fischer Verlag, 2011)

26. Januar 2019