Alltagswahn

Anderer Mütter Kühlschränke

Als Kind fand ich es immer extrem verwerflich, wenn ich in den Kühlschränken meiner Freunde eine Fünferbatterie Kinder Pingui entdeckte. An den heißen Sommertagen, die Stefan und ich im Hof verbrachten, pausierten wir manchmal in seiner Küche, um Limonade zu trinken. Der kleine Bruder schlich dann um unsere Beine und öffnete irgendwann die Kühlschranktür, um im Seitenfach drei Kinder Pingui aus der Packung zu lösen, uns zu überreichen und sich bei uns beliebt zu machen.

So etwas gab es in unserem Kühlschrank nicht. Nichts dergleichen, nicht einmal Milchschnitte. Meine Mutter weigerte sich. Das Verlangen danach wurde uns ausgetrieben, als ein Reigen an Müttern im Kindergarten einmal versuchte, den Nachwuchs mit der »gesunden Milchschnitte« zu überzeugen: Zwei Pumpernickelscheiben, deren Innenseiten sparsam mit Quark und Honig bestrichen waren. Sämtliches Interesse ging ohne Verzögerung beim ersten Happen verloren; wir nahmen hin, dass Milchschnitten verwerflich waren, und das Leben keinerlei Alternative bereit hielt.

Nur die Kühlschränke der Freunde waren gefüllt damit. Und heute, wo ich meinen Kühlschrank selbst befülle, bemerke ich: Ich fand es natürlich nicht verwerflich, ich war einfach nur neidisch. Und obwohl ich an Trotzigkeit und Regelbruch nie sonderlich interessiert war, kaufe ich heute, hin und wieder und nur ganz selten, eine Fünferbatterie von diesem künstlichen Süßkram. Mütter, euer Pumpernickel hat nicht gesiegt. Nicht in diesem Fall.

Nachricht von M.

Mein Exfreund schoss mit seiner gesamten Clique ins B. Zum Glück trafen wir uns nicht, ich wäre sehr betroffen gewesen. Ich traf nur seine Freunde. Ich habe mich dann selbst sehr getroffen, mit viel Special K. Das war sehr dumm von mir.

Benehmen

Es wird Zeit, dass mein Freundeskreis anfängt zu heiraten und Kinder zu bekommen, damit ich mich auf den Hochzeiten schlecht benehmen und den Kindern schlechtes Benehmen beibringen kann.

Die wandernde Gurke

Picture of a cucumber in the hallway

Seit einigen Tagen wohne ich also in der neuen Wohnung. Ein Wohnhaus aus den dreißiger Jahren, hübsch und nicht übertrieben luxuriös. Das Haus, so viel habe ich schon beobachtet, wird in den unteren Etagen von älteren Menschen bewohnt (Rollatoren im Hausflur!); in den oberen Etagen wohnen Familien (spielende Kinder im Hinterhof!).

Beim Treppensteigen nach der ersten Wohnungsbesichtigung fiel mir die doppelt halbierte Gurke auf, die es sich in einem dunklen Winkel am Fuße des Treppengeländers gemütlich gemacht hatte. Die zuerst mittig durchtrennte, dann längs halbierte Salatgurke lag mit ihrer saftigen Seite zum Boden gekehrt auf dem Treppenabgang und schrumpelte vor sich hin.

Option 1: Eins der spielenden Kinder hat die Gurke als Pausensnack von der Mutter erhalten, beim Spielen im Treppenhaus (darüber reden wir nochmal!) angenagt und schließlich dort versteckt (vielleicht für später?). Oder aber, Option 2, einer der älteren Herrschaften hatte die Gurke übrig, wollte sie aber a) nicht wegwerfen, und b) nicht bis in den Hinterhof zur Biotonne schlurfen; und so wurde die Gurke in einem unbemerkten Moment unter das senfgelbe Geländer geschoben.

Bei meinem zweiten Wohnungsbesuch war das Gurkenstück immer noch da. Etwas schrumpeliger als beim letzten Mal, und um eine komplette Etage (plus – pi mal Daumen – drei Stufen) nach oben gewandert. Das schließt folglich die Senioren als Gurkenstreuer aus (mangelnder Bewegungsspielraum im Treppenhaus). Also doch die Kinder: Handelt es sich bei der Gurke um eine in das Spiel eingebundene Figur / Hostie / Geißel? Oder doch nur weiterhin ein Spielpausen-Snack, von dem lange gezehrt wird (offensichtlich mehrere Wochen!)?

Als ich nun vorgestern mit Sack und Pack in die Wohnung einzog, hatte der mittlerweile wirklich kümmerlich dreinblickende Salatgurken-Knilch seinen Platz am Fenster zum zweiten Obergeschoss hin gefunden. Wie eine kleine Figur stand er auf dem Fenstersims und schaute nach draußen – die runzeligen Gurkenränder erinnerten mich an die Trolle mit den bunten Plastikhaaren, die viele (zu viele!) Leute sammeln und für teuer Geld auf eBay verkaufen. Sie erinnern mich auch an das Schaufenster der Erdgeschosswohnung (die Wohnung muss der Frau mit dem Rollator gehören), in dem zum Bürgersteig hin viele kleine Figürchen und Stofftiere auf Regalbrettern sitzen und traurig auf die Straße gucken. Vielleicht vermissen sie jemanden. Oder sie ahnen, welches Schicksal ihnen blühen könnte.

Ich bau’ mir ein Luftschloss


Nach viereinhalb Jahren lösen wir unsere Wohngemeinschaft auf. 2009 sind wir gemeinsam hier in dieser Stadt und in dieser Wohnung angekommen, und jetzt wird es Zeit, dass jeder seinen eigenen Raum bekommt – manche von uns gehen auf Reisen, andere suchen sich diesen Raum hier. Ich zum Beispiel.

Ich habe mich nicht wirklich getraut, während der Wohnungssuche zu jammern. Ja ja, auch in Berlin sieht es düster aus auf dem Wohnungsmarkt, und alles wird teurer und teurer, und sowas wie das hier findet man sowieso nie wieder. Aber ich muss an meinen Bruder denken, der in München lebt, da sieht die Sache ganz anders aus (viel düstererer). Ich muss mir immer wieder vor Augen führen, was für ein unglaublicher Luxus uns in unseren riesigen, mit Dielenboden und öffentlichem Nahverkehr ausgestatteten Wohnungen zur Verfügung steht – und das nicht in Vororten, sondern mitten in der Stadt. (Da ist es natürlich von Vorteil, wenn eine Stadt vier anstatt nur ein Stadtzentrum hat.)

Aber ich wurde fündig, und in wenigen Wochen wohne ich in meinen eigenen vier Wänden. Seit Monaten scrolle ich durch Einrichtungsmagazine, erdenke mir die schönsten Wohn-, Arbeits- und Badeparadiese und zerbreche an dem Gedanken, welche Küchenarbeitsplatte nun die Raffinierteste ist. Pinterest ist bei solcherlei Brainstormings übrigens absolut keine Hilfe – da wird ziemlich schnell deutlich, dass alles, was uns als Lifestyle verkauft wird, erstunken, erlogen und im wahren Leben entweder viel zu teuer oder nicht mit Wasser abwischbar ist. Am Ende holt einen der Spaziergang durch das schwedische Küchencenter sowieso auf den Boden der Tatsachen zurück.

Und um direkt dort zu bleiben, habe ich mich gegen visuelle Inspiration entschieden und ganz pragmatisch gescribbelt. Kritzeleien sehen sowieso besser (und nach drei Wochen Benutzung auch realistischer) aus als all die Hochglanzfotos von Wohnträumen im Internet.

Sofasonntage

Miranda July, „The Future“, 2011.

Sophie und Jason sitzen auf dem Sofa, umgeben von Kissen, Gemütlichkeit und der Panik, schon Mitte Dreißig zu sein, und im Leben nichts gebacken zu kriegen. Sie lassen ihre wertvolle Zeit in die Tastatur sickern, und anstatt das nächste tolle Drehbuch zu schreiben, beantworten sie Facebook-Nachrichten. Das war 2011.

Tom Ford, „A Single Man“, 2009.

Und dann sind da George und Jim, irgendwann Anfang der 1960er Jahre, ebenfalls versunken in ihren Sofakissen. Der eine liest Kafkas Metamorphosis, der andere Breakfast at Tiffany’s. Sie argumentieren über die Kanten ihrer Bücher hinweg, wer nun aufstehen und die Schallplatte umdrehen muss, und wer das anspruchsvollere Buch liest.

Sofasonntage sind die besten Sonntage. Ich muss nur eine der beiden Szenen sehen, um nichts mehr zu wollen als mit Buch und Laptop tief in der Sofaritze zu verschwinden. Ein Tag in der Woche, der fürs Vergeuden meiner wertvollen Zeit und für anspruchslose SMS-Literatur gemacht ist; was für ein wunderbarer Luxus.

Wie die Nase eines Mannes

Als noch Sommer war: Nadine und ich sitzen auf einer Decke im Park und lassen die warme Luft um unsere Knöchel streifen. Das ist eine gute Beschäftigung, und gesund für die Knöchel. Alte Leute wissen: was den Füßen gut tut, hilft dem ganzen Körper. Im entfernteren Sinne könnte man hier an den Fußpfleger Claude aus Frauke Finsterwalders Film „Finsterworld“ denken, der die abgeraspelte Hornhaut seiner Patienten in den Teig seiner Plätzchen mischt, die er dann wiederum seinen Patienten schenkt.

Wir sitzen also so da, und auf Nadines Nase landet ein Tier. Es ist ein Brummer, wo Nadines Nase doch so klein und zart ist, und als ich genau das bemerke, erwidert Nadine, Ja ja, das stimmt, und wäre dieses Flugobjekt auf deiner Nase gelandet, wirkte es ganz klein, nicht wahr, du mit deiner großen Nase.

Ich muss schon sagen, Nadine ist geübt, was Anspielungen auf meinen etwas kantigen Körper angeht. Als ich ihr von der Idee erzählte, mein Ohrloch mit einem circa fünf Millimeter breiten Tunnel durchbohren zu lassen, wies sie mich nach kurzem Überlegen nüchtern darauf hin, dass sie an meiner Stelle diese Ohren nicht noch mehr betonen würde.

Ich ließ die Bemerkung unkommentiert, und der Gedanke daran führte mich zur Erinnerung an meinen ehemaligen Klassenkameraden Max, der unglaublich große Hände hatte (und sie vermutlich immer noch hat!). Bei jeder Möglichkeit, die Diskussion im Klassenraum voran zu treiben, wuchtete Max seine maximal dimensionierten Handflächen wild gestikulierend durch das Zimmer, stets darauf bedacht, seine Argumente mit einem ordentlich nachwirkenden Windstoß zu untermalen.

Und genau das ist doch das Gute an unseren kantigen, unförmigen Körpern: Die Dramatik; die Karikatur, die wir unserer Erscheinung verleihen, und ich, wie ich mit meiner sonnensegelgroßen Nase windschnittig durch die diesjährige Sommerluft düsen werde.