Alltagswahn

Bernauer Straße

Im InterCity Express Richtung München. Die Frau in der Sitzbank schräg gegenüber von mir leckt mit Genuss den Deckel ihres Joghurtbechers ab. Sie ist hager, hat graues, langes Haar und sieht nicht wirklich gesund aus. Joghurtbecherdeckel ablecken ist ja bekanntlich auch nicht gesund.

Ich frage mich, warum es mir so schrecklich schwer fällt, mich mit Fremden zu unterhalten. Meinen Tischplatz teile ich mit einem Mann Ende 20, mit Schwarzer Denkerbrille, Dreitagebart und traurigem Blick. Auf dem Tisch hat er ein Notebook, eine Ledertasche und ein Notizbuch mit der Aufschrift »Bernauer Strasse« ausgebreitet. Manchmal guckt er verlegen aus dem Fenster.

Wir hätten sicher ein paar bereichernde Sätze zu wechseln. Ich glaube, er arbeitet an einem Film. Er schreibt jedenfalls viel. Und er liest »We have to talk about Kevin«. Ich weiß nur nicht, wie ich das Gespräch eröffnen soll – und vor allem nicht, wie ich es länger als drei Minuten am Leben erhalten könnte. In solcherlei Situationen habe ich irgendwie Angst vor Menschen. Vor seiner Expertise in Sachen Film, Bernauer Straße und Grübeln. Vielleicht ist es auch mehr die Stille, die immer folgt, die ich nicht mag; vor der ich schon mal vorsichtshalber Angst habe.

Learn The Rules

Von unten her: deine brauen Sohlen, dick wie Kinderhände, sind das einzig Farbige an deinem Outfit. Sie halten die klassischen schwarzen Doc Martens Halbschuhe, deren Kappen angekratzt und gut getragen aussehen. Aus diesen schweren Schuhen ragend, zwei zarte Knöchel mit dünnen Mädchenbeinen dran, die wiederum in eine schwarze Strumpfhose gefädelt. Darüber ein Paar schwarze Socken, die du ordentlich nach oben gezogen hast – es sind, weiträumig verteilt, kleine weiße Punkte darauf.

Weiter hoch: Ein Rock endet zehn Zentimeter oberhalb deiner Kniescheiben. Eine breite Falte wird von zwei augapfelgroßen, schwarzen Knöpfen geziert, aber viel sieht man davon nicht, denn der Cardigan fällt asymmetrisch über deinen Oberkörper. Nur ein Stück der schwarz-matten Seidenbluse, hochgeknöpft bis unter den Hals, schimmert hervor.

Dann bis ganz nach oben: Deine langen schwarzen Haare fallen dir über die Schultern, nicht ganz zahm, aber endend in einem säuberlich gestutztem Pony, der horizontal tief in deine Stirn ragt. Fast wie ein Helm wirkt dein Haarschnitt, einerseits schützend, andererseits gleich der Überzeichnung einer Comicfigur. Darunter hervor lächelt dein asiatischer Blick; die Augen, die den Witz aus deiner Erscheinung nehmen. Zaghaft aber doch stilsicher steht die schwarze Gestalt in der gelben Straßenbahn.

Hipstersteine

Pyrit

Vor ein paar Tagen saß ich mit meiner guten Freundin und Nachbarin Miriam am Küchentisch. Wir unterhielten uns über Grafikdesign und gestalterische Stile – um den Begriff Trendgestaltung elegant zu vermeiden. Von überpräsenten geometrischen Formen (▲) zu monochromen Bildern, kamen wir auch auf anhaltend angesagte Themenschwerpunkte, die oft zur grafischen Aufmachung sämtlicher Ideen dienen. Dazu wusste Miriam, wie so oft, eine schöne Anekdote zu erzählen:

Neulich kam ihr Freund von einer Reise aus Wien zurück und überreichte ihr freudestrahlend ein Geschenk: Bei der Wohnungsauflösung einer alten Dame hatte er eine Sammlung interessanter Steine entdeckt, von der er einen für Miriam eingesteckt hatte. Die freute sich auch total über den durchaus schönen, kinderfußgroßen Stein, einen klassischen Pyrit, aber bei unserem Gespräch am Küchentisch reflektierte sie verwundert: „Also, gestalterisch konnte ich ja viele Themen nachvollziehen: Dreiecke, Schrägstriche und Monochrombilder – ja, sogar das Universum als immer wiederkehrendes Thema fand ich spannend. Aber was die Designer neuerdings immer mit ihren Hipstersteinen haben – ich kann das einfach nicht begreifen.“

Begreifen hin oder her – Als Briefbeschwerer ist der Pyrit jedenfalls durchaus schön anzusehen. Und nach kurzem Grübeln widmeten Miriam und ich uns wieder unserem Nachmittagstee.

English version

Hipster Stones

A few days ago my friend and neighbour Miriam and I were sitting at the kitchen table, discussing graphic design topics and modern design techniques (to elegantly avoid the term trend design). We talked about overused geometrical shapes (▲), monochromatic photography and were also exploring trending topics that recently supported lots of ideas in graphic design visually. Miriam knew to tell a funny anecdote on that:

Recently her boyfriend came back from Vienna with a present for her: During the clearance of an old woman’s house, he found a collection of interesting stones. So he picked one and gave it to Miriam. She was quite excited, as the stone was, with it’s size if a children’s foot, indeed beautiful—a classic pyrite. But reflecting the scenario at my kitchen table, she felt weird about it: “From a design perspective, I’m really able to relate to a lot of things: I understood the coolness of triangles, exaggerated slashes, monochrome pictures, and even the universe as a creative topic was cool in some way—but really, I don’t get designers and their recent hype for hipster stones.”

To be honest, I don’t really get it either, but the pyrite looks good as a paperweight. And sooner than later, Miriam and I drew our attention from stones back to our afternoon tea.