Allegro Pastell

Coverfoto vom Buch Allegro Pastell von Leif Randt

Während ich es früher oft verwerflich fand, aktuellen kulturellen Trends zu folgen, habe ich letzter Zeit einen gewissen Gefallen daran gefunden. Deshalb habe ich beschlossen, mehr zeitgenössische Beststeller zu lesen, um mich schnell in Debatten zu neuer Literatur einbringen zu können. Zwar bin ich immer noch der Meinung, dass man nur das konsumieren sollte, was einem inhaltlich Freude bereitet – aber die Freude am Bescheid wissen und Mitreden ist nicht zu unterschätzen.

Das neue Buch von Leif Randt, Allegro Pastell, ist eins der Bücher, die meine sozialen Netzwerke in letzter Zeit sehr oft in ihre Instagram Stories gepostet haben. Der Konsens war immer: Tolles Buch, aber sehr schmerzhaft zu lesen, denn es träfe uns Berliner Hipster wirklich mitten ins Gesicht; es sei, als würden wir enttarnt in unserem etwas zu sorglosen, etwas zu konformen Lebensstil.

Tatsächlich wurden ich und mein Lifestyle sehr oft zum Gegenstand, den Leif Randt etwas zu genau und präzise beschreibt. Berliner um die 30, Webdesigner oder Autorin, reflektiert und vorsichtig, hin wieder sagt jemand »Blockchain« oder verschickt Sprachnachrichten. Die Berliner Schauplätze des Romans kenne ich alle sehr gut, obwohl ich selten ausgehe (sogar den Döner-Imbiss auf der Potsdamer Straße, der eigentlich keine sehr bekannte oder nennenswerte Adresse ist). Das zeugt davon, dass ich wirklich dem hundertprozentigen Klischee entspreche, das jemand über das aktuelle Gentrifikationsklientel der Stadt aufstellen könnte.

Ich fand den Roman aber nicht schmerzhaft, sondern wirklich einfach sehr präzise und unterhaltsam. Randt schreibt Utopien, die vielleicht nicht inhaltlich, aber sprachlich entspannend sind, weil sie so eine Ruhe und Sorglosigkeit ausstrahlen. Alles wird analysiert, aber die Analyse führt nie zu Panik, sondern immer zu Zufriedenheit. Das habe ich schon bei Schimmernder Dunst über CobeyCounty geliebt. Und die Utopie des Normalen ist vielleicht auch in einer Pandemie kein ganz schlechter Lesestoff.

21. Juni 2020