Ein Mann im Zug führt lautstark ein Telefonat. Mit heiserer Stimme klagt er sein Leid – er könne die Miete nicht mehr bezahlen, müsse die Wohnung auf Vordermann bringen, um die Kaution zurück zu bekommen. Er wolle sich kein Geld leihen, »Nein, bloß keine weiteren Schulden. Hätte ich doch nur diese Sporttasche nicht im Zug liegen lassen. Das war so dumm von mir. So unfassbar dumm.« Was da wohl drin war?!
In einer angesagten Bar studiere ich ratlos die Karte. Ich wünsche mir etwas rosafarbenes, feminines, das in einem kalten und albernen Glas serviert wird. Ich bestelle also meinen ersten Cosmopolitan, und bin nach drei Schlucken unerwartet beschwipst. Es ist ein ungewohntes Gefühl, da ich so gut wie nie Alkohol trinke – ein witziger, aber auch nennenswert unangenehmer Zustand.
Nach dem Schwimmen öffne ich die Tür zur Herrendusche, und laufe direkt in die versammelte Feuerwehrmannschaft, die gerade ihr Schwimmtraining beendet hat. War in meiner Fantasie irgendwie … anders.
Ein Typ, Anfang 20, zu seiner Freundin: »Ich hab’ überlegt, Dienstags etwas früher Feierabend zu machen, und dann noch zum Schreiben in die Bib zu gehen. Weil ich sonst echt nicht weiß wie ich das alles hinkriegen soll.« »Mit ›alles‹ meinst du das Buch?« »Ja was denn sonst?!« »Na ja, du hättest ja statt ›alles‹ auch einfach ›das Buch‹ sagen können.«
Die Frau neben mir packt eine große Tupperdose mit Nudelsalat aus. Kichernd genehmigt sie sich dazu ein kleines Fläschchen Eierlikör. Interessante Kombi, finde ich, aber ich gönne ihr natürlich ihren genussvollen Start ins Wochenende!
Ein Baby schreit und schreit und schreit so sehr dass es sich verschluckt, das arme Kind, aber es klingt, als bräuchte es eine kleine Pause und musste dabei dann kurz über sich selbst und seine geräuschvolle Performance lachen.
Der Therapeut rät mir: »Schalten Sie doch mal einen Gang runter«, und ich frage mich, ob anstatt MUT vielleicht einfach das mein Motto für 2026 sein sollte. Gang raus, ich fahre jetzt mal ’ne Weile im Leerlauf. Und dann wechsle ich vielleicht auf Automatik, mal sehen.
Der Trödelladen um die Ecke verkauft jetzt »Mystery Bags« – große braune Papiertüten, fest verschlossen. 15 €, sagt die krakelige Filzstiftschrift darauf. Und auch hier frage ich mich: Was da wohl drin ist?
M. steht im Türrahmen und putzt sich die Zähne. »Normalerweise nehme ich morgens Aronal und abends Elmex. So wie es sich gehört. Aber wenn ich einen schlechten Tag habe, gönne ich mir auch mal zweimal Aronal, das finde ich geschmacklich geiler.“
Abends gehen wir zu R. Er lebt in einer WG direkt an der Pinakothek; München wird mit jedem Besuch surrealer. Über den Abend hinweg landen elf Leute am Küchentisch und reden und trinken und lachen. Es ist laut und lustig, und man kann gut zwischen Mitreden und Zuhören wechseln. Einen Küchentisch so zu bespielen ist auch ein besonderes Talent.
E. kommt morgens verschlafen in die Küche und sagt ganz aufgekratzt: »Ich habe eine existenzielle Krise! Wegen des neuen Instagram-Reels von Werner Herzog. Ich bin unglücklich, weil ich so glücklich bin!!«
An den Weihnachtstagen sitzen wir auf der Couch, meine Mutter bringt mir Stricken bei. Sie ist eigentlich wenig für textile Handarbeiten zu begeistern, aber stricken kann sie, und verfällt dabei in ein mystisches Strick-Vokabular: abnehmen, zunehmen, glatt links, kraus rechts, abketten, abheben, usw. usf.
R. zeigt mir seine selbstgebauten Möbel und bringt mir Backgammon bei. Ähnlich wie das Stricken habe ich am Folgetag fast alles wieder vergessen, aber es hat Spaß gemacht, und ich will mehr.
Bei E. und S. bin ich zum Käsefondue eingeladen. Es gibt vorweg gedörrte Grünkohlblätter mit Sojasauce; sie sind kross und crunchy und voller Umami. Die beiden haben ein Talent dafür, aus wenigen guten Zutaten etwas Besonderes herzustellen. S. sagt, dass er dieses Jahr auf einiges verzichtet und dadurch Wertschätzung nochmal neu und besser gelernt hätte.
Zwischen den Jahren passieren viele mikroskopisch kleine Dinge, die eine merkwürdige Busyness herstellen, und so komme ich kaum dazu, das Jahr angemessen zu reflektieren. Vielleicht ist es okay. Vielleicht kommt jetzt einfach das nächste Jahr, und es geht weiter, und die Dinge räumen sich unterwegs auf. So ist es ja meistens.
Ich sitze im Taxi unterwegs nach Hause, es ist mitten in der Nacht. Im Nebel zieht die Siegessäule an mir vorbei, ein paar Gestalten rennen diebisch über den riesigen leeren großen Stern.
Im Starbucks stehen zwei junge Frauen vor mir an der Kasse. Sie sind ganz aufgeregt; ihr erster Besuch. Sie wollen die »mittlere Größe«. Grande?!, nuschelt der Barista genervt. Als er nach ihrem Namen fragt, denkt die eine, er flirtet mit ihr.
H. macht sich lustig über mich und meine Wärmflasche. »Christel hat wieder seine Regelschmerzen«, witzelt er. Ich liebe H. und ich liebe unseren Humor, aber meine Wärmflasche liebe ich auch!
Die Frau neben mir im Zug bearbeitet einen Text. Die Doppelseiten sind ausnahmslos gelb markiert. So wird das nix, denke ich, aber das Mindset »Alles ist interessant!« kann man auch niemandem verübeln.
A. und ich verbringen einen guten Nachmittag, und als wir am Ende auf die Uhr sehen, war sie stehen geblieben. Und das war fast ein bisschen zu viel des Guten, ein zu guter Moment. Die oberen Enden der Dinge muss man eigentlich immer abschneiden, sonst ist das Leben zu perfekt.
Lese mich durch mein Tagebuch, die vergangenen Monate, und denke ganz oft: Das war auch noch in diesem Monat?! Mein Leben fühlt sich oft an, als ob es auf mehreren Ebenen gleichzeitig und komplett anders verläuft. Mir reicht aber eigentlich eine einspurige Straße.
M. und ich begegnen uns überraschend bei der Schreibgruppe. Ich erzähle ihr, dass ich gerade gerade gerne in der Bahn eingeschlafen und unsichtbar geworden wäre. »Das wäre ein tolles Feature«, sage ich. »Was du willst ist ein Taxi«, antwortet sie nur trocken.
Auf einer Party erzählt mir eine Frau, dass sie gerade ein Entführungstraining für ihren NGO-Job gemacht hat. Habe erst Führungstraining verstanden, langweilig, aber dann berichtete sie von Auto-Kidnapping, Schutz vor Waffengewalt und Umgang mit Bedrohungen. Dagegen ist jedes Führungstraining wirklich die reinste Langeweile.
Meine Terrasse wird saniert. Dämmungs- und Kiesschichten werden abgetragen, die alten Platten werden zerkleinert und entsorgt. Der Abbruch dauert lange. Ich bin sicher: Gleich wird eine wertvolle Vase aus der Antike entdeckt, und ich muss die Wohnung räumen, und der ganze Prozess wird sich über Jahre hinziehen.
Ich spreche mit dem Dachdecker. »Nochmal würde ich den Job nicht machen«, sagt er. Ich frage ihn, was das Schöne an seinem Beruf sei. »Naja, die Freiheit. Ick bin immer draußen. Und ick kann immer ’ne Zigarette beim Arbeiten rauchen, wann immer ick will.«
Ich bin ehrlich: Nicht im eigenen Bett zu schlafen wird ab 30 einfach zu einer echten Herausforderung. Falsches Kissen, falsche Decke, falsche Morgenroutine. Das macht mein Körper alles nicht mehr mit!
Nach dem Theaterbesuch irren wir noch etwas durch die Stadt, auf der Suche nach einer Bar. Samstags um 22 Uhr einen Tisch in einer Bar zu bekommen ist offenbar ein Ding der Unmöglichkeit, und war das schon immer so, oder liegt es doch einfach an mir? Mir fehlt die entspannte Bar-Abend-Aura!
Ein Mann im Zug liest Herrndorfs Arbeit und Struktur. Er schaut kritisch und gebannt. Fühle ich so sehr.
In letzter Sekunde versucht eine Frau noch, in die U-Bahn zu springen, aber die Tür schließt sich, und nur ihre eilig vorausgeworfene Tüte mit dem chinesischen Take-out schafft es hinein. Das Essen klemmt traurig in der Tür und reist alleine mit uns weiter.
»Die Welt teilt sich in zwei Lager, die, die sich nehmen, was sie wollen, und die, die es nicht tun. Und wer interessiert sich schon für diese Langweiler?!«
Am Nebentisch in der Kneipe unterhalten sich Freunde über eine nicht anwesende Person. »We never know if she is normal or if she’s just acting normal…«
Sonntag, 7. September 2025, 21.30 Uhr. Wir strecken uns aus dem Fenster und schauen nach dem Blutmond. Nichts. Dann gucken wir ihn im Livestream auf YouTube, das geht wesentlich besser.
P. fragt sich, ob ich womöglich gar nicht echt sei, sondern lediglich sein imaginärer Freund. Ich überlege, wie ich meine Echtheit ihm gegenüber verifizieren könnte. Der Gedankengang erinnert mich an unsere laufende Debatte darüber, ob wir denn nun in einer Simulation leben oder nicht, und ob P. und ich in der gleichen stecken, oder ob es womöglich zwei verschiedene sind.
»Hab dich lange nicht mehr gesehen. Du siehst irgendwie ungleichmäßig aus im Gesicht.« Was man nicht hören will, wenn man Feierabends vor der Kneipe sitzt und den Tag verdaut.
Im Hof der Neuköllner Oper: Eine junge Frau im beigen Trenchcoat und großem aufgeklebten Schnurrbart schwingt ihre braune Ledertasche und setzt sich neben ihren Freund ins Publikum (provisorische Bierbankbestuhlung). Alles super.
Z. schreibt seine Gefühle auf kleine Zettel und lehnt sie neben den Bildschirm auf dem Schreibtisch, immer im Blick.
Durchsage im ICE von Leipzig nach München: In Wagen 6 wird ein Notarzt benötigt. Fast alle Fahrgäste stürmen zum Wagen 6. Fünf Minuten später nochmal eine Durchsage: »Vielen Dank für die zahlreichen Hilfsangebote, wir haben jemanden gefunden. Bitte setzen Sie sich wieder.« So endet der Viszeralmedizin-Kongress Leipzig 2025.
Im Vorbeigehen höre ich einen Mann zu seinem Kumpel sagen: »Ich bin jetzt wieder mit der Welt versöhnt.« Es wurmt mich immer noch, dass ich nicht weiß, was zum Ungleichgewicht und was zur Versöhnung geführt hat.
Budenzauber, das ist das Wort und das Gefühl, das mich überkommt, als ich mich (mich, of all people!) auf dem Oktoberfest wiederfinde. Alle sind so fröhlich und fesch und alles leuchtet, und ich komme mir ganz einfach und unkompliziert vor. Ein schönes Gefühl.
Im Zug auf meiner Heimfahrt erklärt eine Frau ihrer jungen Tochter: »Wenn du von Angst überfallen wirst, atme einfach fünfmal ganz tief ein und aus. Und dann wirst du sehen dass die Angst weg ist!« Wünsche beiden so sehr, dass das für sie funktioniert.
Zurück im Hotel krame ich den Glückskeks aus meiner Tasche hervor und knacke ihn auf. Leer. Was soll das denn jetzt bitte für eine Botschaft aus der Zukunft sein?!
Im Hotelbett liegen ist ein ganz besonderer State of Mind: Man schaut an die Decke und wartet auf die erleichternde Sekunde, in der die Badezimmerlüftung stoppt und wieder Stille herrscht, die man ja braucht, um das Piepen des Hosenbügelautomaten (!) zu hören. Der war übrigens eine Enttäuschung; kein Wunder, dass er aus Hotelzimmern verschwunden ist.
Ein alter Mann im Bus regt sich über das schreiende Kleinkind auf. Zeternd grummelt er in sich hinein, und ich hoffe, dass ich im Alter nicht so verbittert und entfremdet von der Welt werde.
Brandenburg. Auf den Stufen vor einem Kiosk sitzt ein kleiner Junge und isst ein Eis. Neben ihm sitzt ein Hund, bestimmt doppelt so groß, und schaut traurig und neidvoll zu. Die Szene ist wie aus einem 70er-Jahre-Film geschnitten, auch die Farben sind ganz blass.
M. sagt, dass ich ganz oft immer erst mal eine Lüge erzähle, um sie dann direkt zu korrigieren. Quasi als Conversation Starter. Das halte ich für eine merkwürdige Beobachtung, aber ich nehme mir vor, darauf zu achten. Quatsch, war gelogen, ist doch praktisch, so eine Conversation-Starter-Lüge!
Manche Samstage sind wie ein kleiner müder Urlaub.
Im Park begegne ich zwei Waschbären, wir halten inne und schauen uns in die Augen. Aus dem Freiluftkino kommen die dumpfen Geräusche von Gints Zilbalodis’ Flow.
Nachts am Küchenfenster schaue ich in die Wohnungen gegenüber. Es ist wie ein kleines Kammerspiel: Hier drüben rauchen drei Freunde bei einer Hausparty auf dem Balkon. Da unten schläft der Mann in seinem Sessel am Fenster. Eine Studentin tippt in ihr Laptop. Da drüben haben sich die Kids und ihre Eltern eine Höhle aus Kissen und Matratzen gebaut. Unten flackert ein einsamer Fernseher.
Ich laufe durch München und beobachte mehrmals am Tag, wie sich Leute zufällig treffen und sich freuen und in die Arme fallen. Die Stadt gibt sich große Mühe, von mir romantisiert zu werden. Ich falle nicht darauf herein, oder nur kurz: Die Menschen sind zu schön, die Straßen zu sauber, die Kleider zu glatt, die Mieten zu hoch.
M. überredet mich, mit ihm in den Eisbach zu springen: »Zehn Jahre jünger fühlst du dich danach!« Er hatte recht.
Auf einer Party unterhalte ich mich mit einer Kollegin. Unter Freunden sei sie total extrovertiert und könnte eine Karaoke-Party starten, behauptet sie. Aber im beruflichen Kontext sei sie ganz schüchtern und still. Bei mir ist es wohl umgekehrt (nur Karaoke mache ich weder hier noch dort).
1:30 Uhr: Ich wache durch ein Knistern neben meinem Bett auf. Eine riesige Heuschrecke kriecht am Boden entlang direkt auf mich zu. Sie ist so groß wie meine Faust! Als hätte ich jahrelang für diesen Moment trainiert, schieße ich aus dem Bett und befördere sie nach draußen. Es dauert keine Minute! Wer weiß, was sie mit mir gemacht hätte, wenn sie mein Kopfende erreicht hätte.
Gerade als ich die Haustür aufschließen will, fährt J. mit dem Rad an mir vorbei und drückt mir zwei riesige Avocados in die Hand, die sie beim Food Sharing ergattert hat. »Frische Ware!« flötet sie, und rauscht davon.
Mittlerweile bin ich wohl ein derartiger Spießer, dass ich mich über Leute wundere, die keine Vorhänge in ihren Wohnungen haben.
Auf dem Balkon gegenüber sitzen zwei Frauen im Abendlicht und rauchen. Eine nach der anderen quarzen sie weg. Sie gackern nicht, sie lehnen sich nur zurück und quatschen und rauchen eben.
Computertomographie. Während ich in der Röhre liege, merke ich erst, wie angespannt mein Kiefer ist. Ich schließe die Augen und mein Kopf verspannt sich, ich spüre die bleischwere Zunge, die sich gegen meinen Gaumen presst, und die Zähne, die verkeilt gegeneinander drücken. Um mich herum rotiert die Maschine.
»To make progress, you need to be willing to begin again.«