Weimar I

Auf dem Rathausplatz lesen vereinzelt junge Leute laut aus Büchern vor. Einige Passanten stellen sich daneben und lauschen. Wir sind zu scheu. Die Gruppe junger Leser wird uns im Laufe des Abends noch öfter begegnen: Wie sie in einer Gasse an uns vorbei läuft und alle auf einmal die Arme heben; wie sie sich in der Einkaufsstraße zu einem Musiker stellt und improvisiert tanzt.

Einerseits nerven sie mich: diese verklärten Pseudokünstler, die sich innovativ fühlen und für die »die Welt eine Bühne ist«, anderseits finde ich es schön; es ist eigentlich die Welt, in der ich leben will, in der sich jeder als Pseudokünstler inszenieren und die Leute verwirren oder – im besten Fall – kurz zum Schmunzeln bringen kann.

1. Oktober 2018

Über Paradiesvögel

Das Zeit Magazin veröffentlichte in der aktuellen München-Ausgabe eine sehr schöne Erinnerung an Rudolph Moshammer (Abo-Artikel), den selbsternannten Modezar; die Ikone der Münchner Schickeria um die Jahrtausendwende. Im Januar 2005 wurde er ermordet.

Im Magazin wird er als »erster Influencer« beschrieben, was irgendwie Unsinn ist; es degradiert ihn (meinem Frust über Influencer räume ich an dieser Stelle keinen Platz ein). Moshammer war, und das beschreibt der Artikel trotzdem auch sehr gut, ein Paradiesvogel im besten Sinne; stolz auf sein Anecken; er hat es sich zurecht gemacht in seiner Sonderbarkeit, und durch die eigene Inszenierung eine Welt erschaffen, die man vermisst, obwohl man gar nicht Teil von ihr war. Kurz ermöglicht das das eben erschienene Portrait in der BR-Sendung »Lebenslinien« (ARD Mediathek).

Ich habe ein Faible für Paradiesvögel. Vor einigen Monaten hatte ich eine intensive Gianni-Versace-Phase; ich habe alles über ihn gelesen und auch die eher mittelmäßige True-Crime-Serie über seinen Mord verfolgt. Die Modewelt scheint das perfekte Sammelbecken dieser Sonderlinge zu sein, was so spannend ist, weil mich die Modeszene immer eher abgeschreckt hat; sie sich immer so anfühlte, als wäre sie ein sehr privater Club nur für sehr coole Leute.

Johannes und Florian haben gerade ein schönes Radiofeature über Karl Lagerfeld und seinen privaten Club gemacht, dessen Day in the Life Interview ich an anderer Stelle schonmal empfohlen hatte. Lagerfeld macht diese Sturheit und Sonderbarkeit noch mehr zur Marke als alle anderen; er verkauft sie als Lebensmotto (»Stress? Ich kenne nur Strass!«), mit dem sich jeder identifizieren kann.

Ich kann persönlich wenig mit Versaces Mode anfangen, genauso wenig mit Moshammers Stil oder Lagerfelds Markenimperium. Ich finde das alles interessant, nur selten schön. Aber die Tatsache, dass sie mit ihrer Eigensinnigkeit, Überheblichkeit und ihrem konsequent sonderbaren Geschmack Erfolg hatten bzw. haben, beruhigt mich.

14. September 2018

Superfood

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Seit einigen Wochen bin ich besessen von einem Track der Band Superfood, der in meiner Spotify Weekly Playlist landete, und der die berechtigte Frage stellt: Where’s The Bass Amp?

Wie immer bin ich viel zu spät dran; ein Jahr, um genau zu sein, denn im September 2017 erschien schon das zweite Album der Band, betitelt: bambino. Meine Lieblingstracks sind besagter Bass Amp und Double Dutch, aber auch der Rest des Albums katapultiert bequem zurück in Indie-Pop-Zeiten, in denen wir noch Blogposts über Musik geschrieben haben. Link zu Spotify und Apple Music.

9. September 2018

Über Bioläden

Sieht man von einigen Nebensächlichkeiten wie den heruntergekommenen Häusern, den Massen an nicht abgeholtem Sperrmüll oder den hässlichen Neubauten ab, ist Neukölln tatsächlich wie ein junger Prenzlauerberg-Szenebezirk. An einigen Orten wird das ganz besonders deutlich: In Biomärkten zum Beispiel. Es gibt hier im Bezirk immer mehr davon, und sie sind der Hauptmagnetpunkt für junge Familien, besonders Mütter (den ehrlicherweise wird auch in den meisten jungen, conscious Bio-Familien das klassische Familienmodell gelebt).

Ich muss deshalb mal kurz etwas über Biomärkte loswerden. In vielen Aspekten (abgesehen von der Tatsache, dass ich gerade weder Ehe noch Kinder habe noch will), entspreche ich total dem Biomarkt-Klientel. Ich versuche, möglichst verpackungsarm einzukaufen (klappt weniger gut); wenn ich die Wahl habe, greife ich zu regionalen Produkten, etc pp. Ich bin kein besonders erfolgreicher Öko, aber ich gebe mir Mühe.

Samstag Vormittag laufe ich also durch Neukölln, um ganz yuppieesk meine Errands zu erledigen – ich bringe die leeren Milchflaschen zurück, die man nur in diesem Laden kaufen und abgeben kann. Natürlich ist am Samstag viel los dort – alle müssen ja ihre Errands erledigen, das haben wir auf dem Land von unseren Müttern so gelernt. 

Und hier ertappe ich mich dabei, wie ich mich in meinem selbsterwählten Lifestyle furchtbar nerve; und wie mich alles daran und drumherum nervt. Biomärkte sind oft sehr klein – aber die Biofamilien kommen nicht allein: Sie bringen ihre Lastenräder mit, und ihre Fahrradanhänger zum Kindertransport (ein Konzept, das mir auf den ruppigen Berliner Straßen bisher sowieso unangenehm ist), und die müssen durch den Bioladen gekarrt werden. Ich bin absolut für Lastenräder, denn das heißt, dass man nicht im SUV die Straße verstopft – wieso also haben Bioläden anstatt der pseudogemütlichen Cafés, in denen niemals jemand sitzt und Pastinakensuppe für acht Euro schlürft, nicht einfach einen Parkplatz für diese sperrigen Vehikel? Nur so als Idee.

Außerdem sind im Biomarkt alle Menschen sehr langsam. Das kann man ihnen natürlich positiv anrechnen – die Leute hier sind nicht so alltagsgestresst; hier geht man es ruhig an und lässt sich Zeit, um Kundinnen und Kassiererinnen ein Lächeln zu schenken. Aber ich, der als Zehnter mit seinen fünf Milchflaschen in der Reihe steht (mehr darf man nicht sammeln, es gibt nämlich kein Pfandlager; alles sehr beengt hier!), vermisse in diesem Moment die Effizienz meiner REWE-Kassiererin. Sie ist freundlich und schnell – und damit dem Bioladen um einiges voraus.

Ich will mich nicht direkt beschweren; eher beobachten. Das alles sind selbst gemachte Probleme (ich könnte ja auch die Pseudo-Biomilch im Tetrapack kaufen!), aber manchmal tut es gut, sich kurz über Belangloses zu erzürnen. Wenn wir ehrlich sind, sind die meisten der Probleme, über die wir uns gerne aufregen, handgemacht. Regional. Artisanal. Bio vermutlich auch. Problemmanufaktur »Ich!«

10. Juni 2018

Und ich träumte,

dass Roman und ich einen unserer Filme vor einer großen Jury verteidigen durften. Nach der Präsentation, die erfolgreich verlief, obwohl ich keinerlei Details über den Film hatte, verabschiedete ich mich von den Jurorinnen und Juroren. Eine davon war Jessica Hische, die ich nicht persönlich kannte, aber direkt mit einem sehr persönlichen Handshake inklusive Fistbump und Drehung um die eigene Achse verabschiedete. In der Ecke des Raumes saß Angela Merkel ins Gespräch vertieft mit Linda Zervakis, und als sie mich und Jessica beim Performen des Handshakes beobachtete, konnte ich sehen, wie sie heimlich versuche, unsere Bewegungen abzuspeichern und in ihr Street-Credibility-Repertoire aufzunehmen.

2. Juni 2018

042018: I’ve Never Liked Anything In My Entire Life

Shadows and light at König Gallery Berlin

I am at a conference about the internet and mental health. It’s a one-day event and I only bought a ticket because I wanted to hear Katrin Passig and Felix Stalder share their ideas on how the digital transformation influences our brain, our behavior, and how our society handles the “New”.

As the speakers discuss the meaning of digital endorsements and interaction (such as “likes”, “favs”, comments, etc), an older man in the row in front of me leans in to his neighbor: “I’ve never liked anything in my entire life”.

That sentence stuck with me more than any of the talks or discussions. As an active participant in social media, of course I cannot imagine that someone never “liked” anything. What’s not to like! But out of context, the sentence is deeply saddening. Imagine this elderly person, sitting in a darkened conference room on a sunny day, leaning in to his seat mate, with a cold coffee in his hands, confessing: “I’ve never liked anything in my entire life”. I’m glad that the internet preserved me from this nightmare.

I have liked and still do like quite a bunch of things in my life. Recently, these albums and playlists, for example:

1) Baio – The Names (Spotify link). Chris Baio, known as the bassist from Vampire Weekend, makes cheerful indie pop music, and I especially like his album covers and this remix album (Spotify link).

2) Young Fathers – Cocoa Sugar (Spotify link). I know, I’m late to the party, but after their track Shame has been my workout soundtrack for MONTHS, I was looking forward to a new album—and it’s great!

3) My friend Martin publishes really well-curated playlists on Spotify. Check them out! My current favorites: “Charlottenburg Nord“ and “Hits zum Vergessen”.

It’s intense how Berlin transforms from Europes ugliest/greyest/saddest/dirtiest city into the most wonderful place on earth during spring: I cycle through the streets and have exactly the same thought as every year around that time: There possibly is no better city for me to exist in than here. I hope you enjoy spring as much as I do! Have a good one, and talk to you soon.

4. Mai 2018

“Goodbye, heavy friends”

I don’t want to write too many words on this, because I am about to ask you to read this blog post by Frank Chimero. Read it entirely, read it thoroughly. He composed a list of all the things he learned about productivity, and actually, about general happiness as a workaholic. It can pick you up. For example, he suggests:

Dump your brain on to a sheet of paper—every single thing you could hope to do in the next 3 to 4 months. Then, look at your task list. Have the author sign each one. Did you write it, or was it fear, that nasty tyrant in your head? Cross off anything written out of fear. Listen: some drudgery is unavoidable, but you’re living your one and only life. You get to drive; no bullies at the wheel.

… And after a while, Frank comes back to that sheet of paper:

(…) Many of the things you thought you needed to do in the next few months were left undone without noticeable consequences. Perhaps now you can now cut their weight. “Goodbye, heavy friends. Maybe someone else will give you the attention you need.”

Read his blogpost here: “Frank Chimero – A Modest Guide to Productivity”

27. April 2018