31. März 2022

März-Liste 2022

Foto von einem großen Blumenstrauß auf dem Nachtisch eines Bettes. Daneben liegen Taschentücher und Schmerztabletten
  • An manchen Orten haben die Tage doppelt so viele Stunden.
  • Vom Leben gelernt: Wer sich nicht selbst platziert, kommt an den blöden Tisch in der komisch riechenden Nische neben der Küche.
  • Ich bin in Wien und traue mich nicht, ein Schnitzel zu bestellen, weil ich Angst vor dem Moment habe, die halbe Portion wegen ihrer übertriebenen Größe zurückgehen zu lassen. Die Blicke des Personals würde ich nicht ertragen. Wie verkorkst kann man sein?!
  • Meine Vermutung: Die Wiener checken selbst nicht, wie sich ihre verwirrend betitelten Kaffeespezialitäten voneinander unterscheiden. Alles heißt überall anders, das meiste ist letzten Endes eine Art bitterer Cappuccino.
  • Am meisten in Wien bedauert: Habe voreilig Topfenstrudel anstatt Buchteln bestellt. Aber eigentlich kann man auch mit Topfenstrudel nie etwas falsch machen.
  • Schön in Wien: Die Straßenmusik. Während es in Berlin nur verstimmte Gitarren und Saxophone gibt, die »Hit The Road Jack« spielen, gibt es hier Akkordeon, Violine, Klavier; alles durchströmt die sonnigen Straßen mit einem angenehmen Klang. Die beste Form von Kitsch.
  • Zwischen Negativ und Positiv liegt manchmal nur ein Rachenabstrich. Knapp die Hälfte des Monats verbringe ich krank und schlapp im Bett. In meinem Hals hat jemand ein Feuer gelegt.
  • Blumen helfen immer!
  • Ich höre einen Vortrag von Doris Dörrie über ihr neues Buch zur Heldinnenreise; es ist der Tag, an dem Marina Owssjannikowa im russischen Staatsfernsehen ein Plakat gegen den Krieg in die Kamera hält. Sie riskiert damit alles. Mein Freundeskreis ist sich einig: Wir wären wohl nicht so mutig gewesen.
  • In zwei Wochen Corona habe ich alle übrigen Gehirnzellen durch The-Office-Bingewatching zu Brei verarbeitet.
  • Ich habe das morgendliche Frühstück von der dunklen Küche ans helle Wohnzimmerfenster verlegt. Life-changing!
  • Das Leben der Charaktere in Almodóvar-Filmen ist nicht immer beneidenswert, aber ihre Wohnungen und Wandfarben sind es definitiv!
  • 30 sein heißt für mich: Wenn ich nach 24 Uhr ins Bett gehe, habe ich am nächsten Tag einen Kater, egal ob mit oder ohne Alkoholkonsum.
  • Aus der Corona-Höhle direkt in einen Arbeitsstunnel gefallen. Aber einen von der guten Sorte – wissen, was zu tun ist, ist der beste Arbeitszustand.
  • War das erste Mal in einem dieser Restaurants, in denen man sehr exzellentes Essen in sehr kleinen Portionen bekommt, und ich hätte nicht gedacht, dass ich es so aufregend und interessant und schön finde.
18. März 2022

OTTO

Es ist 2007 und auf meinem iPod läuft zum zwanzigsten Mal About You Now von den Sugababes; quasi in Dauerschleife. Dieser Moment wiederholt sich gerade, nur mit dieser Version von OTTO, die perfekt in diese wirre, verzerrte Zeit passt. Otto Benson veröffentlichte 2020 auf dem Londoner Label PLZ Make It Ruins seine Debut-EP World Greetings, und während sowohl die EP als auch sämtliches Artwork ziemlich glitchy und eerie daher kommt, kann man das Album Clam Day durchaus hören, ohne dass einem sämtliche Nervenstränge vibrieren. Mehr über OTTO erfährt man zum Beispiel im Coeval Magazin. Die Musik gibt es auf Bandcamp, Spotify und Apple Music.

12. März 2022

Anke Engelkes Handtasche

Das Format der Handtaschen-Obduktion prominenter Menschen ist altbekannt und oft auch sehr ermüdend, denn meistens kramen sie alle nur ein paar Schminkutensilien, Ladekabel und Lutschpastillen aus ihren Leder-Etuis. Um so erfrischender ist Anke Engelkes Tascheninhalt, den sie für die VOGUE seziert: Spitzkohl, Datteln, Postkarten und Kartenspiele – diese Frau trägt einen kompletten Hausrat mit sich herum. Sämtliche Tascheninhalte in eigene kleine Extrataschen zu packen habe ich mir auch vor einiger Zeit angewöhnt. Und die Idee mit den Datteln werde ich exakt so auch übernehmen. Und das mit den Postkarten auch. Und eine Thermoskanne könnte ich mir auch mal zulegen … Ach und sowieso, ich glaube, es würde der Welt gut tun, wenn wir alle ein bisschen mehr wie Anke Engelke wären.

28. Februar 2022

Februar-Liste 2022

  • Es gibt wenige Anrufer, die auf den Handydisplay Vorfreude auslösen. Aber es gibt sie!
  • Kreative Arbeit und Deadlines, das passt doch einfach nicht zusammen.
  • Tut gut: Nach langem Ringen dann doch aufgeben.
  • Die Kunst des Lebens ist es, es an den richtigen Stellen zu intensivieren.
  • Leute, wenn ihr mich für zwei Stunden in eurem Zoom Call haben wollt, dann stelle ich euch das in Rechnung! Do the math.
  • Unverzichtbar im Februar: Vitamin-Tabletten, und eine Handvoll Slow Days (malen, rumliegen, nirgendwo hin müssen).
  • Wo ist eigentlich die Grenze, an der Self Care in Faulheit übergeht?
  • Der ultimative Test für die Stärke einer Beziehung ist und bleibt der gemeinsame Besuch bei IKEA. Wer noch eine Schippe drauf legen will, sucht danach an einem Freitag Abend in Neukölln einen Parkplatz.
  • Lotte Laserstein: Abend über Potsdam. Ein Bild von 1930, ein Bild wie aus der Gegenwart.
  • Draußen wütet ein Sturm.
  • Was hilft: Spiralen ins Tagebuch malen wie Lynda Barry.
  • Mit ein wenig Abstand kann man beim Blättern zwischen den Februar-Seiten sehen, wie sich der Himmel über der Welt verdunkelt.
  • So lange ich noch kann, muss ich die Welt aussperren, sonst gehe ich an ihr kaputt.
31. Januar 2022

Januar-Liste 2022

Nachdem die erste Januar-Woche schon so turbulent war, war der Rest des ersten Zwölftel des Jahres doch eher gemäßigt. Was vor allem an der Tatsache lag, dass ich durch eine kleine Operation am Fuß nur schlecht laufen konnte und so knapp zwei Wochen das Haus kaum verlassen habe. Nach zwei Jahren Corona ist das aber ja auch irgendwie nichts besonderes mehr. Also los:

  • Bzgl. Corona: Die Luft ist raus.
  • Generelles Misstrauen dem niedrigen Stresslevel gegenüber.
  • Gutes Gefühl: Instinkt! Das hat doch bisher auch immer ganz gut geklappt. Und im Zweifel: Euphorie hilft auch.
  • Musical-Filme sind wirklich absolut furchtbar anzusehen. Alles in mir wehrt sich gegen diese Synthetik-Emotionen. Die Darsteller·innen glauben sich das doch selbst nicht!
  • 24. Januar, 14 Uhr: Mein Kalender erinnert mich an das nächste anstehende Ereignis: »Nickerchen«. So muss das sein.
  • Matschige Tage, innen wie außen
  • Drehe einen Texteinstieg hin und her. Er will mir einfach nicht gelingen. Wie schrecklich muss es sein, Schreiben zum Beruf zu haben?! Wie kommt ihr klar?!
  • 2002. 2012. 2022. Ab irgendeinem Punkt im Leben kann man sich an alles erinnern, und die Jahre rasen nur so an einem vorbei.
  • Mitten im Januar fange ich an, meine persönlichen Excel-Tabellen akribisch neu zu strukturieren. Nach Jahren lerne ich endlich verschiedene Formeln und Funktionen und am Ende sitze ich vor einer Vielzahl an Tabellenblättern, die ich so in zwei Monaten (wenn ich meine Steuererklärung mache) definitiv überhaupt nicht mehr verstehen werde.
  • Gelernt: Ein Großteil meiner Unentschlossenheit hängt damit zusammen, dass ich mir selbst nichts erlaube. Wer sich selbst wichtig nimmt, der stellt sich doch manche Fragen erst gar nicht.
  • Denke über die Anschaffung einer lauteren Präsenz nach.
  • Bisher hat mein krampfhaftes Mantra »Jetzt hab ich’s, jetzt hab ich Corona!« zuverlässig gegen eine Infektion geholfen. Und die Tatsache, dass ich das Haus leider so gut wie gar nicht verlassen habe.
  • Da hinten im Kopf sitzt sie, die kleine Sorge, und manchmal macht sie sich bemerkbar.
  • Live in the moment then let it go.
23. Januar 2022

Über alberne Trinkgläser

Foto von mir, auf dem ich eine Perlenkette trage und ein albern geschwungenes Cocktail-Glas in der Hand halte

Ich trinke ziemlich selten Alkohol. Dass ich mich dafür immer noch ständig rechtfertigen muss: was soll’s. Der Verzicht bringt aber noch einen weiteren unschönen Aspekt mit sich, über den ich mich kurz aufregen möchte: Sämtliche meiner Getränkebestellungen werden mir immer in sehr albernen Gläsern serviert. Als wäre es ein Gesetz!

Die vermeintliche Demütigung beginnt bereits bei der Namensgebung alkoholfreier Cocktails: Virgin Mary, Nojito, Safer Sex on the Beach – da ist die Aufforderung direkt klar: »Bitte setz’ dich rüber an den Katzentisch«.

Aber gut, es müssen auch nicht immer gleich alkoholfreie Cocktails sein, denn dass die in albernen Gläsern serviert werden, ist Gang und Gäbe. Nein, auch weniger aufregende Getränke werden in merkwürdigen Gefäßen serviert. Ich habe es am eigenen Leibe erfahren:

Als ich in England lebte, kam ich um den wöchentlichen Pub-Besuch mit meinen trinkfesten Kollegen nicht umhin. Weil mir irgendwann die Schikane um meine Cola-Bestellungen so auf die Nerven ging, wechselte ich und orderte Radler. Das nennt man in England Shandy. Dieser etwas klebrige Name wurde vermutlich gewählt, damit Männer beim Aussprechen in ihrem fragilen Ego erschüttert werden, und es deshalb gar nicht erst bestellen. Dass ich mich so sehr darüber echauffiere, beweist, dass ich mich wohl auch selbst dieser Kränkung nicht entziehen kann. Männer trinken eben Bier. Wer Shandy bestellt, bekommt es garantiert in einem kurvigen Glas, mit Stiel und Deckchen. Und einem mitleidigen Blick der Arbeitskollegen, die kopfschüttelnd ihr Pint runterkippen.

Ist meine Männlichkeit also tatsächlich so fragil, dass ein witzig geformtes Glas ausreicht, um sie zu Bruch zu bringen? Wird mein Ego allein von einem Papierdeckchen so zerkratzt, wie es sonst nur ein Topfschwamm schaffen könnte? Das darf nicht sein! Ich habe nämlich überhaupt nichts gegen Extravaganz und Albernheit, auch bei Getränken und Trinkgläsern nicht. In Zukunft gilt: Ich behalte meinen Stolz, wenn mir meine kleine Cola wieder in einem Poco Grande Glas serviert wird, oder die Rhabarberschorle in einem Sling Glas daher kommt, oder das kleine Radler in einem Tulpenglas. Whatever works! Prost!