Januar-Liste 2026

Collage Januar: selbstgemachte Ravioli, ein Cocktail, ein Schild mit der Aufschrift

  • Ein Mann im Zug führt lautstark ein Telefonat. Mit heiserer Stimme klagt er sein Leid – er könne die Miete nicht mehr bezahlen, müsse die Wohnung auf Vordermann bringen, um die Kaution zurück zu bekommen. Er wolle sich kein Geld leihen, »Nein, bloß keine weiteren Schulden. Hätte ich doch nur diese Sporttasche nicht im Zug liegen lassen. Das war so dumm von mir. So unfassbar dumm.« Was da wohl drin war?!
  • In einer angesagten Bar studiere ich ratlos die Karte. Ich wünsche mir etwas rosafarbenes, feminines, das in einem kalten und albernen Glas serviert wird. Ich bestelle also meinen ersten Cosmopolitan, und bin nach drei Schlucken unerwartet beschwipst. Es ist ein ungewohntes Gefühl, da ich so gut wie nie Alkohol trinke – ein witziger, aber auch nennenswert unangenehmer Zustand.
  • Nach dem Schwimmen öffne ich die Tür zur Herrendusche, und laufe direkt in die versammelte Feuerwehrmannschaft, die gerade ihr Schwimmtraining beendet hat. War in meiner Fantasie irgendwie … anders.
  • Ein Typ, Anfang 20, zu seiner Freundin: »Ich hab’ überlegt, Dienstags etwas früher Feierabend zu machen, und dann noch zum Schreiben in die Bib zu gehen. Weil ich sonst echt nicht weiß wie ich das alles hinkriegen soll.« »Mit ›alles‹ meinst du das Buch?« »Ja was denn sonst?!« »Na ja, du hättest ja statt ›alles‹ auch einfach ›das Buch‹ sagen können.«
  • Die Frau neben mir packt eine große Tupperdose mit Nudelsalat aus. Kichernd genehmigt sie sich dazu ein kleines Fläschchen Eierlikör. Interessante Kombi, finde ich, aber ich gönne ihr natürlich ihren genussvollen Start ins Wochenende!
  • Ein Baby schreit und schreit und schreit so sehr dass es sich verschluckt, das arme Kind, aber es klingt, als bräuchte es eine kleine Pause und musste dabei dann kurz über sich selbst und seine geräuschvolle Performance lachen.
  • Der Therapeut rät mir: »Schalten Sie doch mal einen Gang runter«, und ich frage mich, ob anstatt MUT vielleicht einfach das mein Motto für 2026 sein sollte. Gang raus, ich fahre jetzt mal ’ne Weile im Leerlauf. Und dann wechsle ich vielleicht auf Automatik, mal sehen.
  • Der Trödelladen um die Ecke verkauft jetzt »Mystery Bags« – große braune Papiertüten, fest verschlossen. 15 €, sagt die krakelige Filzstiftschrift darauf. Und auch hier frage ich mich: Was da wohl drin ist?

Mut

Selfie von mir im Schaufenster, Roter Schriftzug MUT

Aktuell noch interne Debatte über das Jahresmotto 2026. Nachdem Risiko mehrere Tage der Front Runner war, ich dann aber beschlossen habe, dass Risiko einfach in den allermeisten Fällen nicht mein Ding ist und es auch nicht sein wird, ist momentan hoch im Kurs: Mut. Zumindest ein bewussteres Abwägen seiner Notwendigkeit.

Dezember-Liste 2025

Collage: Backgammon, Grünkohl, Mandarine

  • M. steht im Türrahmen und putzt sich die Zähne. »Normalerweise nehme ich morgens Aronal und abends Elmex. So wie es sich gehört. Aber wenn ich einen schlechten Tag habe, gönne ich mir auch mal zweimal Aronal, das finde ich geschmacklich geiler.“
  • Abends gehen wir zu R. Er lebt in einer WG direkt an der Pinakothek; München wird mit jedem Besuch surrealer. Über den Abend hinweg landen elf Leute am Küchentisch und reden und trinken und lachen. Es ist laut und lustig, und man kann gut zwischen Mitreden und Zuhören wechseln. Einen Küchentisch so zu bespielen ist auch ein besonderes Talent.
  • E. kommt morgens verschlafen in die Küche und sagt ganz aufgekratzt: »Ich habe eine existenzielle Krise! Wegen des neuen Instagram-Reels von Werner Herzog. Ich bin unglücklich, weil ich so glücklich bin!!«
  • An den Weihnachtstagen sitzen wir auf der Couch, meine Mutter bringt mir Stricken bei. Sie ist eigentlich wenig für textile Handarbeiten zu begeistern, aber stricken kann sie, und verfällt dabei in ein mystisches Strick-Vokabular: abnehmen, zunehmen, glatt links, kraus rechts, abketten, abheben, usw. usf.
  • R. zeigt mir seine selbstgebauten Möbel und bringt mir Backgammon bei. Ähnlich wie das Stricken habe ich am Folgetag fast alles wieder vergessen, aber es hat Spaß gemacht, und ich will mehr.
  • Bei E. und S. bin ich zum Käsefondue eingeladen. Es gibt vorweg gedörrte Grünkohlblätter mit Sojasauce; sie sind kross und crunchy und voller Umami. Die beiden haben ein Talent dafür, aus wenigen guten Zutaten etwas Besonderes herzustellen. S. sagt, dass er dieses Jahr auf einiges verzichtet und dadurch Wertschätzung nochmal neu und besser gelernt hätte.
  • Zwischen den Jahren passieren viele mikroskopisch kleine Dinge, die eine merkwürdige Busyness herstellen, und so komme ich kaum dazu, das Jahr angemessen zu reflektieren. Vielleicht ist es okay. Vielleicht kommt jetzt einfach das nächste Jahr, und es geht weiter, und die Dinge räumen sich unterwegs auf. So ist es ja meistens.

2025 in Büchern

Goodreads Screenshot: 25 Gelesene Bücher 2025

Ganz klare Sache: lesen ist ein Wettbewerb! Wer nicht liest ist auch nichts wert, wir müssen viel mehr lesen, viele viele Bücher, wir müssen unsere Rekorde brechen und die anderen dabei überholen! 6.700 Seiten, wenn das mal kein Sieg ist! Hier meine Jahresleseliste von Goodreads (mystischerweise fehlt ein Buch in der Liste, ich weiß nicht wie Goodreads auf 25 kommt), mit kaum editierten Notizen:

  1. Haruki Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki ★★★☆☆
    I want to go through this book with a pair of scissors and shorten it drastically!
  2. Doris Dörrie – Was wollen Sie von mir? ★★★★☆
    Kurzweilig, lakonisch, classic Dörrie. Auch schön, wenn man mal Lust auf eine kurze Zeitreise in die 80er hat. Als man in Hotels noch einen Zimmerservice rufen konnte, und trampen nicht lebensgefährlich war (oder zumindest fühlte es sich wohl nicht so an).
  3. Banana Yoshimoto – Eidechse ★★★★★
  4. Giulia Becker – Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anderes
  5. Annika Büsing – Nordstadt ★★★★☆
  6. Rachel Reid – Heated Rivalry
    Für den Frühjahrsurlaub hatte ich mir vorgenommen, endlich mal heimlich einen Sexroman zu lesen! Heated Rivalry war eine gute Wahl; genau so schlicht wie man es sich wünscht. Konnte ja nicht wissen, dass das Buch im November als Serie erscheinen würde und meinen Instagram-Feed lahmlegt.
  7. Ottessa Moshfegh – Homesick for Another World ★★☆☆☆
    Moshfeg is such a brilliant writer, and this book would be such a joy to read if any of these stories were actually stories.
  8. Sönke Ahrens – How to Take Smart Notes ★★★☆☆
  9. Doris Dörrie – Was machen wir jetzt? ★★★☆☆
  10. Adrian Tomine – Q&A ★★★☆☆
  11. Isabel Bogdan – Wohnverwandtschaften ★★★☆☆
  12. Carla Kaspari – Das Ende ist beruhigend ★★★★★
  13. Annette Pehnt – Café Augenblick
  14. Tobias Rüther – Herrndorf: Eine Biographie ★★★★★
    Akribisch und fast schon voyeuristisch, wurde irgendwann zum Sog, obwohl man ja weiß was passiert. Die Entstehungs- und Hintergrundgeschichten zu Herrndorfs Büchern sind interessant, aber noch schöner war es, von Herrndorfs Netzwerk und Freundeskreis und der publizistischen Internetkultur in den 2000ern zu lesen.
  15. Tonio Schachinger – Echtzeitalter ★★★★☆
    Dass man hier für über 360 Seiten in einer schrecklichen Schulzeit festgehalten wird, hat sich schon nach 150 Seiten erzählt. Ich fand’s ein wenig langatmig und durch viele Nebensätze gestreckt, aber irgendwas hat mich dennoch gekriegt, und es war nie peinlich, trotz des Gamer- und Teenager-Settings.
  16. Ulrike Sterblich – Drifter ★★★★★
    Mein Buch des Jahres. Er war wie für mich geschrieben, und hat mich zur perfekten Zeit erreicht. Irgendwie surreal und magisch, und trotzdem ganz echt und klar. Hatte selten so viel Spaß beim Lesen!
  17. Douglas Stuart – Young Mungo ★★★☆☆
    I did not hate this book, but I didn’t love it either. It was hard to read; like watching a car crash; I felt like a voyeur at times. For all the pain and violence that happens in this story, we’re only rewarded with two or three gentle moments—it was not enough.
  18. Kang Han – Die Vegetarierin ★★☆☆☆
  19. Kurt Prödel – Klapper
  20. Jonathan Safran Foer – Alles ist erleuchtet ★★★★☆
    Re-read, made me cry once more.
  21. Verena Keßler – Gym ★★★★★
    War wirklich wie ein Workout: Am Ende des zweiten Satzes tat es dann schon weh, aber auf diese geile Art.
  22. Martin Suter – Die Zeit, die Zeit ★★★★★
    Re-read, immer noch merkwürdig und gut.
  23. Ulrike Sterblich – The German Girl ★★★★☆
    Hat ein wenig gedauert, bis ich reinkam, aber war dann doch invested in the Geschichten von Mona und Max und Co, und der lakonisch-lockere Sterbliche Schreibstil hat Spaß gemacht. Nicht ganz so viel Spaß wie Drifter, allerdings.
  24. Anna Maschik – Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ★★★★★
    Streng im Text und streng im Format, das war toll!

Für das kommende Jahr habe ich mir vorgenommen, mal wieder das ein oder andere Sachbuch zu lesen. Bisher habe ich das vermieden, weil ich finde, dass die meisten Sachbücher auch ein guter Blogpost hätten sein können. Aber gleichzeitig will ich auch schlauer werden (!) – wer also gute Sachbuchempfehlungen hat: her damit!

Schimmernder Dunst über Oberhausen

Das Neubaugebiet, in dem meine Eltern wohnen, fühlt sich an wie der Ort aus Leif Randts „Schimmernder Dunst über Coby County“. Durch den glatt geteerten Weg in den neu angelegten Parks fahren die Rentner mit ihren E-Bikes. Ein leises Surren liegt in der immer-sommerlichen Luft. Am Wegesrand erblüht eine frisch gesäte Blumenwiese, daneben drehen drei Mädchen ein Video für TikTok. Am Horizont steht ein großer Gaskessel, im Westen wird gerade die letzte Baracke der Künstlerateliers abgerissen. Noch nie lag hier Müll auf der Straße, dafür ist hier alles viel zu neu.

I don’t fuck, I make love

Immer wieder denke ich an eine Szene im Film Frances Ha (2012), in der die Freundesgruppe darüber diskutiert, wer jetzt gerade mit wem Sex hatte. Francis wird gefragt: »And who did you fuck recently?« In meiner Erinnerung antwortet sie nur pikiert: »I don’t fuck. I make love.«

Diesen Satz fand ich gut. Relatable. Ein wenig kitschig und auch ein wenig verlogen, klar, aber als generelle Geisteshaltung doch irgendwie: gut.

Nun habe ich mir die Szene noch mal angeschaut, und sie sagt den Satz überhaupt nicht pikiert, sondern total beiläufig, als Nebensatz, gerade so, als würde sie sich über sich selbst lustig machen. Schade.

Schlappohr

Mein Ohr macht schlapp, ich höre nur noch die Hälfte. Oft fühle ich mich wie unter einer Taucherglocke, die Töne dringen nur dumpf zu mir vor und ersticken dann. Gestern Abend im Gespräch mit meinen Nachbarn, da habe ich es wieder gemerkt. »Und, -ie l–f- es -it d– Re—vier-g?« Irgendwas mit Reservierung? Ich nicke freundlich und husche weiter. Die Welt klopft an, aber sie dringt nicht zu mir durch; und so dringe ich nicht zu ihr nach außen – still sitze ich da, schaue freundlich, aber auch etwas unbeteiligt drein. Die Leute müssen denken, ich sei langweilig. Andererseits: Sollen sie doch. Ich finde sie ja auch ab und an langweilig. Aber ich höre halt auch nur die Hälfte.