31. März 2021

Händewaschen

Ich schaue runter auf meine Hände und erschrecke mich: Sie sind überzogen von einem hellgrauen Flaum, fast wie Staub sieht es aus. Darunter schimmern die Haut violett und blau, hier und da ein wenig rosa, eigentlich alle Farben außer einer gesunden Hautfarbe sind zu sehen. Und darüber eben der grauer Schleier. Es sind richtige Winterhände, und das, obwohl schon Ende März ist. Obwohl ich sie wirklich wie ein Berserker eincreme jeden Tag. Aber das manische Händewaschen, das ich mir wegen der Pandemie angewöhnt habe, hinterlässt seine Spuren. Eigentlich kann ich mittlerweile nichts mehr berühren, oder mir danach oder auch davor die Wäsche zu waschen. Nicht immer 20 Sekunden, aber doch gründlich genug, um den kompletten Schutzfilm, den die Haut bildet, abzulösen. Ich lasse die Hände in die Taschen gleiten, damit ich sie in ihrer Hässlichkeit nicht sehen muss.

21. März 2021

Vier Texte über Austern

Image of an oyster

1 — Als Kind war ich besessen von Schalentieren. Nicht davon, sie zu essen, sondern von ihrer Form, ihrem Material, ihrem Mythos. Einmal kam mein Vater von einer Dienstreise zurück und brachte mir die Schalen echter Austern mit. Nur für mich habe er sie gegessen! In dem Moment war ich zwar begeistert, die von ihm aufgebrachte Überwindung war mir aber nicht ganz klar. Doch jedes Mal, wenn ich heute daran denke, wächst meine Wertschätzung für diese Geste.

2 — Bei einem Spaziergang auf der Friedrichstraße biegen wir, suchend nach einem Platz zum Sitzen, in eine Seitenstraße ein. Alle Geschäfte haben geschlossen, aber vor dem Restaurant Austernbank gibt es, na ja, eine Bank. Zufrieden lassen wir uns nieder, und erst nach einer Weile merken wir: Die oberen Ablagen der Bank-Konstruktion sind komplett mit leeren, toten Austern gefüllt. Als Kind wäre ich ausgeflippt vor Freude – heute fühlt sich diese Dekoration irgendwie nicht ganz richtig an.

3 — Als Freund der großen Geste suche ich stets nach den glanzvollen Momenten im Alltag. Mein Tipp: Eine Tomate lässt sich ähnlich theatralisch genießen wie eine Auster! Einfach eine große Tomate halbieren, eine Hälfte auf den Fingern platzieren, mit Salz bestreuen, und zum Mund führen. Dann mit gespitzten Lippen das Fruchtfleisch aussaugen, und dabei genussvoll schmatzen. Dazu ein Glas Sekt, köstlich. Fleischtomaten – Die Austern des Fußvolks!

4 — Austern sind mir nix. Zu schleimig, zu lebendig, und auch zu dekadent. Aber anlässlich meines Geburtstags will ich mir die Festlichkeit ein wenig vorspielen, und wir bestellen in einem schicken Restaurant Austern. Das Getue gefällt mir – wie sie serviert werden, wie man sie mit Soße oder Zitrone beträufelt. Aber schmecken tun sie mir nicht. Ich erinnere mich wieder an meinen Vater und seine Aufopferung, nur für meine merkwürdig kindliche Begeisterung.

17. März 2021

Im Greenscreen-Studio mit Marzia Gaggioli

Für regnerische Tage, wie wir sie gerade durchleben, habe ich neulich die perfekte musikalische Untermalung wiederentdeckt. Darf ich vorstellen? Die Künstlerin Marzia Gaggioli!

Vor Jahren sendete mir ein Freund ihren Hit »Oggi Il Sole Non C’è« – Heute gibt es keine Sonne. Ich fand das Video damals witzig und irgendwie trashig, habe mich aber nicht weiter damit befasst. Als ich mir den Song vor einigen Wochen nochmal anhörte, verlor ich mich allerdings komplett im Werk der Singer-Songwriterin. 

Marzia Gaggioli, geboren in Italien, ist ein wahres Multitalent. Sie singt in mindestens sieben verschiedenen Sprachen (und hat auch diverse deutsche Songs, wie etwa den Ohrwurm Wer bist du) in den verschiedensten Genres; von Klassik bis Schlager. Alle Songs sind von ihr geschrieben, komponiert, gespielt und – vor allem – mit haarsträubenden Musikvideos ausgestattet. Der Charme der kruden Greenscreen-Technik zieht sich durch ihr gesamtes visuelles Werk. Sogar die Kostüme sind von Marzia großteils handgefertigt. In ihren farbenfrohen Videos schreckt sie auch nicht davor zurück, genderbending in die männlichen Rollen und Outfits zu schlüpfen, wenn die Story des Stücks es verlangt.

Laut ihrer Website komponiert sie seit ihrem sechsten Lebensjahr Musik, und nach eigenen Angaben umfasst Marzias musikalisches Œuvre über 1.300 Stücke. Bei einer solchen Menge an Output muss diese, doch recht spezielle, Ästhetik also beabsichtigt sein. Und wenn man sich dessen erst mal bewusst wird, kann man sich Marzias Talent voll und ganz hingeben und genießen! Zum Beispiel auf ihrem YouTube Kanal, oder, wer möchte, auch auf ihrer Patreon-Seite. Auf dass die Sonne bald wieder scheint.

Oggi il sole non c’è
Dovevo venire a casa da te
E prendere il sole sull’erba
Ma oggi piove e qui è tutta una melma
Schifossissima melma! Ah ah è tutta una melma

9. März 2021

Der Himmel, heute

Die Stadt schläft noch; unberührt spannt sich der Himmel über uns auf. Die Sonne erleuchtet die gelbe Hauswand gegenüber, und ich muss die Augen zusammenkneifen, wenn ich meine Blicke nach oben schweifen lasse. Aber es lohnt sich. Alles ist ganz ruhig da oben. Hell und blau liegt er da, der Himmel. Nur an den Rändern ein paar Wolkenflecken und Kondensstreifen. Er sieht einladend aus. Als lohnte es sich, heute ein paar Schritte unter ihm zu gehen.

16. Februar 2021

Im Erdgeschoss

In die Erdgeschosswohnung im Nachbarhaus ist jemand eingezogen. Lange stand sie leer – im Erdgeschoss wohnen ist in einer Großstadt ziemlich unattraktiv. Ständig laufen hier sehr viele verschiedene Leute vorbei, alle sind neugierig, viele bestimmt auch frech. Ich stelle es mir stressig vor.

Aber nun wohnt da jemand. Das Licht ist immer an. Gleißend weiß beleuchtet eine LED-Glühbirne das Zimmer zur Straße. Nichts Wohnliches strahlt dieses Licht aus. Aber es macht die spartanische Einrichtung sichtbar: Ein lustlos bezogenes Bett steht in der einen Ecke. In der anderen ist ein kleiner weißer Tisch mit einem wackelig aussehenden Plastikstuhl platziert. Auf ihm sitzt immer ein Mann, vielleicht Ende 30. Er schaut in sein Handy. Neben ihm: ein Gummibaum, und manchmal ein Wäscheständer.

Es ist nicht so, als hätte ich lange neugierig durchs Fenster in die Wohnung gestarrt. Aber das ist eben die Sache bei hell erleuchteten Erdgeschosswohnungen: Wer daran vorbei läuft, schaut zwangsweise auch hinein. Das weiße Licht irritiert mich jedes Mal. Wie kann man sich gerne in diesem Raum aufhalten? Aber immer wenn mein Blick dann auf die Person fällt, und auf die spärlichen Einrichtungsgegenstände, denke ich: Es sieht gar nicht nach wohnen oder nach aufhalten aus. Eher nach aushalten. Der Mann und die Gegenstände, dicht an die Wände des Zimmers gedrängt, sitzen die Situation nur so aus – bis ich und meine Blicke endlich an der Wohnung vorbei gegangen sind.

13. Februar 2021

Pet Grotesque

Schön: Hier und da fällt ein Track raus aus dem unendlichen Brei, den der Streaming-Dienst einem in die Hintergrundmusik schaufelt. So zum Beispiel »Pingin’ Alone« von Pet Grotesque aus London. Was sich anfangs ein wenig Lo-Fi anhört, wird relativ schnell zu einem schönen, melodischen Indie-Track. Und die 7.624 monatlichen Hörer auf Spotify lassen das Gefühl entstehen, dass man da einer Sache auf der Spur ist, der man zuletzt irgendwann 2006 nachgegangen ist, als man sich auf gurkig gecodeten Musik-Blogs herumgetrieben und wie bekloppt gefreut hat, wenn die Band das ein- oder andere Gratis-Mp3 zum Download angeboten hat.

Das ist heute zum Glück nicht mehr nötig: Hört Pet Grotesque bei Bandcamp, Spotify, Apple Music oder SoundCloud.

6. Februar 2021

012021: Where You Find Me

Berlin is preparing for the snowstorm. It’s awaited for Sunday, temperatures are supposed to go below -10°C, and we’re expecting up to 30 centimeters of snow. This city is not used to it anymore; the last time I worried if my shoes were winter-proof was about ten years ago. But sitting in my apartment, as I’ve basically done for the past year, I’m excited for it. I’m excited for the sound of the snow, the silence of city, the brightness and the crisp air.

While I started the year with a big slice of uncertainty, January took care of things itself, and by now, lots of them are clarified. There’s enough work to do, and I’ve accepted that my motivation oscillates between “I’ll make this Wednesday a Sunday and stay in bed” to “LET’S GET THIS DONE”. As we all know, January and February are the hardest months to get through—mood, productivity and serotonin are on their lowest levels. But we are already halfway through! You can find motivation in anything if you’re desperate. And if you can’t, it’s also okay to just stay in bed from time to time.

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Not much else noteworthy happened in January. And as we’re going to be covered unter 30 centimeters of snow at any given moment, things might stay that way a little longer. So here is a short list:

I’ve been listening to the new The Notwist album on repeat the past week. It‘s eery and gloomy; perfectly composed for this weird time. My favorite song is Into Love / Stars, but Where You Find Me is also great and a very typical Notwist song.

If you’re rather in need of uplifting music, give the new Baio album “Dead Hand Control” a spin (e.g. on Spotify). It’s catchy and weird and fun to listen to.

In case we’re not going to be completely snowbound, the Berlinische Galerie published three audio tours guiding you along remarkable 1980s architecture in Berlin. For me as a big Baller-enthusiast, this will be the perfect companion for snowy Sunday walks.

For the readers who are more into nature than architecture: In this Twitter thread, I received some great recommendations on where to meet animals in Berlin these days.

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Animals can be great mood boosters during winter. Unfortunately I only get to see my friends’ and colleagues’ pets via Zoom, but the decision to get a four-legged flatmate is getting closer and closer. Just like the snowstorm! Stay safe, stay at home, and if you want: Stay in bed.

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