Now I let it fall back in the grasses.
I hear you. I know this life is hard now.
I know your days are precious on this earth.
But what are you trying to be free of?
The living? The miraculous task of it?
Love is for the ones who love the work.
— Joseph Fasano, For a student who used AI to write a paper
Seit Jahren schläft Richard schlecht. Jede Nacht liegt er unter der gestärkten Bettdecke und malt sich bis ins kleinste Detail aus, wie jemand in sein Haus einbricht. Beim leisesten Knacken, Quietschen und Knarren schreckt er auf. Dann erstarrt er, und begibt sich in einen unaufhaltsamen Gedankenstrudel. Er malt sich aus, wie die fremde Person durch das Treppenhaus schleicht, die leisen Sohlen auf den Stufen. Richard sieht ihre Silhouette im Türrahmen stehen. Er weiß, dass er schon bei dem kleinen Geräusch vorhin die Flucht hätte ergreifen sollen, aber nun ist es zu spät, und er ist versteinert. Ein kleiner Lichtstrahl fällt vom Mond draußen ins Zimmer. Richard zeichnet gedanklich die Fluchtwege aus dem Haus auf, durchs Fenster auf das Vordach, aber er weiß, dass eine Flucht unmöglich wäre; niemals würde er sich und seine Frau überzeugen, das Geräusch ernst zu nehmen. Sie wären gefangen und müssten sich im Nahkampf dem bewaffneten Eindringling stellen. Sie hätten keine Chance. Sie würden beide sterben, und wenn sie nicht sterben würden, würden sie am Schock der Gräueltat zugrunde gehen. Richard würde sein Leben nicht mehr regeln können und das Paar würde alles verlieren. Das alles malt er sich aus, während er in einer Schockstarre und mit riesigen hochgestreckten Ohren im Bett liegt und auf das nächste, kleinste Geräusch wartet.
Es ist Sommer 2004, und im Kino brennt mir der Film Sommersturm einen kleinen Sonnenbrand ins Bewusstsein. Als im Abspann der Song »Ich bin ich (Wir sind wir)« von Rosenstolz läuft, fühlen ich und viele andere uns einmal kurz nicht wie komplette Aliens. Im Sommer 2004 bin ich 13 Jahre alt.
Ich kenne viele Leute, die so einen Schlüsselmoment mit der Musik von Rosenstolz hatten, ganz egal aus welcher Generation, und egal, ob man deutsche Popmusik mag oder nicht. Rosenstolz war spätestens seit der Jahrtausendwende einfach da. Ich habe die Band kaum aktiv verfolgt oder gehört, kannte neben den einschlägigen Hits relativ wenige Songs, aber trotzdem war diese Band von Peter Plate und AnNa R. so verankert in der deutschen Musiklandschaft, dass dass sich wohl alle irgendwie darauf einigen konnten. Vielleicht, weil sie so einen merkwürdigen Spagat aus Pop und Schlager und Chanson hingekriegt haben, der sich durch alle Altersschichten erstrecken konnte.
Im März ist AnNa R. überraschend verstorben, und online wurden viele dieser Schlüsselmomente und Erinnerungen an ihre Musik geteilt. Ich habe auch nochmal viele Lieder gehört, auch mit Freunden zusammen, und war traurig und auch glücklich, dass Popmusik sich mal wieder als so verbindenderes Element bewiesen hat. Für mich ist vor allem »Ich geh in Flammen auf« ein wichtiges Lied. Beim Nachhören habe ich aber auch das erste Album »Soubrette werd ich nie« für mich entdeckt! Songs mit Titeln wie »Schlampenfieber« oder »Klaus-Trophobie«?! Genial! Das ganze Album klingt extrem nach seinem Erscheinungsjahr 1992, und es ist schön, sich nochmal durch die Jahre zu hören und zu fühlen und dabei ein paar traurige und dankbare YouTube-Kommentare zu lesen.
Manchmal sind die Dinge gar nicht so
Wie man sich’s vorgestellt hat
Sondern besser
Manchmal ist das Einzige was zählt
Dass ich nicht nachdenke
Sondern vergesse
Mach die Lichter an
Ich geh in Flammen auf
Zurück in Berlin: Kurz vor Sonnenuntergang stehen viele Menschen an der Straßenecke und blicken Richtung Himmel, ihre Smartphones weit nach oben gestreckt. Durch ihre Displays schauen sie in den rotblauen Abendhimmel, den Leuchtstreifen hinterher.
Eine Frau auf der Straße spricht energisch Gebärden in ihre FaceTime-Unterhaltung, still und laut zugleich.
Manche Leute haben diese Gabe, durch Witz und radikale Offenheit eine Entspannung zu erzeugen, die es sonst kaum gibt in meinem Leben.
In der Bahn sitzt ein Wohnungsloser und malt mit Ölfarben ein tristes Bild: Ein graues Haus auf einer grauen Straße unter einem grauen Himmel.
Morgens sehe ich noch den jungen Tauben auf meinem Balkon beim Strecken und Räkeln zu. Abends ist das Nest leer, am folgenden Morgen ist niemand mehr da. War es das schon? Sind sie ausgezogen? Nach wenigen Tagen Stille erwische ich sie beim Bau eines neuen Nests. So nicht!! Wer hier keine Miete zahlt, muss gehen. Eigenbedarf!
J. erzählt beim Abendbrot von ihren Zukunftsplänen. Eine kleinere Stadt für die nächsten zehn Jahre, dann raus aufs Land. Sowas habe ich gar nicht, so eine klare Idee. Vielleicht ist mein Zukunftsplan einfach, irgendwann so eine schöne Katze wie Fenchel zu haben.
Rabea Weihser liest aus ihrem neuen Buch über das Gesicht vor. »Wir können nur frontal in die Welt gucken, während sie uns von allen Seiten sehen kann.«
Der März ist vorbei, ich hänge durch, die Tage sind schon seit Wochen so lang und enden verschwommen. Was machen wir jetzt?
Breaking my silence: Ich liebe hartgekochte Eier! Warum habe ich so lange gebraucht, um diesen tollen Snack endlich wertschätzen zu können?! Ich esse sie gerne Mittags zu einer dicken Scheibe Käsebrot, mit Salz und einer halben, fein geschnittenen Gurke. Cöstlich!
Bin in letzter Zeit außerdem besessen von Soba, japanischen Nudeln aus Buchweizen. Sie begegnen mir in Podcasts und Romanen, und ich bin sicher: in wenigen Monaten wird man sie vermutlich überall für viel Geld in Berliner Restaurants bestellen können.
Das Schöne am Winter: wenn es nachts dunkel ist in meiner Wohnung, wirft der Mond sein Licht in den Schnee auf der Terrasse, und taucht mein Zimmer in ein weiches Leuchten.
»Leider kann man hier keinen Elan kaufen«, sagt P., während wir durch den Künstlerbedarfsladen in der Gottschedstraße schlendern.
Alle paar Jahre lasse ich neue Fotos von mir machen. Ich sehe mein Gesicht, und das Gesicht auf den Fotos von vor fünf Jahren, und wie sehr sich fünf Jahre bemerkbar machen. So ist es wohl.
Montag Nachmittag. Eine Frau heult in der U-Bahn in ihr Telefon: »Ich bin echt wieder bereit fürs Wochenende!«
M. nimmt an einem Schnellschach-Turnier teil. Die Teilnehmenden halten verkrampft ihre Hände über die Spielbretter. Das sei die notwendige Handhaltung beim Schachspielen. »Manchmal, wenn man die Spannung hoch genug hält, schwebt einem die Figur sogar zwei oder drei Zentimeter entgegen«, schreibt er mir.
Wenn nun die digitalen sozialen Netzwerke in sich zusammenfallen, können wir uns endlich wieder auf unsere Offline-Communitys konzentrieren. Ich besuche einen Publix Thursday (sehr empfehlenswert!), treffe einige bekannte Gesichter, und bin dankbar für dieses Netzwerk aus sehr schlauen und sehr guten und sehr echten Menschen.
Mehrmals am eigenen Leib erfahren: Bei all dem politischen Desaster und der mehr als schiefen Weltlage hilft: Mit Freunden sprechen, und zwar auch über die krudesten Sorgen und Ängste, und auch, wenn sie lächerlich scheinen. Sie aussprechen und sich ernst nehmen, das hilft immer.
Generell hilft: In die Sonne schauen, so oft es geht. Die ist so hell, dass man alles andere für einen kurzen Moment nicht mehr sieht.
Im Kino frage ich den Mann in der Reihe hinter mir, ob mein Kopf in seinem Blickfeld sei. »Ach, wenn er stört, mache ich ihn einfach ab!«, lacht er.
Was ich wirklich liebe: Wenn meine Freunde für mich einkaufen. Es ist wie eine kleine Wundertüte, die man da bekommt. Unentdeckter Süßkram; nie zuvor gesehene Fertigprodukte; Obst, das man sich niemals kaufen würde. Ich kann es nur empfehlen: Überrascht eure Freunde mal mit einem ganz normalen Einkauf!
Schlesisches Tor: Ich steige aus der Bahn und sehe, wie ein junger Mann auf den Zug klettert. U-Bahn-Surfen geht an diesem Hochbahnhof besonders gut; es herrscht sowieso immer Chaos und niemand interessiert sich für irgendwen. Alle gucken nur, ein paar Leute filmen ihn. Der Zug fährt an, und ich schüttle nur den Kopf. Manchmal geht es nicht anders, in dieser Stadt.
M. drückt mir einen roten Umschlag in die Hand, darin ein Brief: Er bedankt sich für sein neues Tattoo, das ich ihm gezeichnet habe, und für unsere Freundschaft. Briefe sind das beste, und Freunde wie M. erst recht!
Ich beschwere mich darüber, dass mein Kopf nachts immer so friert. P. hat die naheliegende Idee, es doch mal mit einer Schlafmütze zu probieren. Eine Schlafmütze?! Ich sehe mich vor meinem geistigen Auge, verkleidet als Onkel Fritz aus Max und Moritz, und verzweifle. Aber die Eitelkeit hat keinen Platz in meinem Bett. Ich werde es versuchen!
Ich blättere durch mein Notizbuch, und immer wieder, über das ganze Jahr hinweg, finde ich kleine Cluster, die betitelt sind mit »alles in meinem kopf«, »was gerade los ist«, oder »jetzt«. Darunter folgt dann eine große Aufzählung an Dingen, die ich noch machen muss, die mich gerade beschäftigen, die mir Sorgen bereiten, die mich glücklich machen. Diese kleinen Berge an Gedanken irgendwo abladen zu können, sich nicht davor zu scheuen, sie in Worte zu fassen – das hilft marginal. Sie nochmal zu lesen und zu merken, dass alles eigentlich immer nur halb so wild ist, das hilft dann wirklich.
Im Zug durch die Schweiz. Die Gleise führen direkt am Ufer des Thunersee entlang. Friedlich und kalt liegt er da, sein Horizont zerfranst im Nebel.
Im Internet sehe ich ein Meme, auf dem ein Typ sassy auf seinem Motorroller sitzt und entspannt durch die Straßen fährt. Im Titel: »Me heading into 2025 unchanged, because I was never the problem.«