Gefühlslagen

Weimar I

Auf dem Rathausplatz lesen vereinzelt junge Leute laut aus Büchern vor. Einige Passanten stellen sich daneben und lauschen. Wir sind zu scheu. Die Gruppe junger Leser wird uns im Laufe des Abends noch öfter begegnen: Wie sie in einer Gasse an uns vorbei läuft und alle auf einmal die Arme heben; wie sie sich in der Einkaufsstraße zu einem Musiker stellt und improvisiert tanzt.

Einerseits nerven sie mich: diese verklärten Pseudokünstler, die sich innovativ fühlen und für die »die Welt eine Bühne ist«, anderseits finde ich es schön; es ist eigentlich die Welt, in der ich leben will, in der sich jeder als Pseudokünstler inszenieren und die Leute verwirren oder – im besten Fall – kurz zum Schmunzeln bringen kann.

“Goodbye, heavy friends”

I don’t want to write too many words on this, because I am about to ask you to read this blog post by Frank Chimero. Read it entirely, read it thoroughly. He composed a list of all the things he learned about productivity, and actually, about general happiness as a workaholic. It can pick you up. For example, he suggests:

Dump your brain on to a sheet of paper—every single thing you could hope to do in the next 3 to 4 months. Then, look at your task list. Have the author sign each one. Did you write it, or was it fear, that nasty tyrant in your head? Cross off anything written out of fear. Listen: some drudgery is unavoidable, but you’re living your one and only life. You get to drive; no bullies at the wheel.

… And after a while, Frank comes back to that sheet of paper:

(…) Many of the things you thought you needed to do in the next few months were left undone without noticeable consequences. Perhaps now you can now cut their weight. “Goodbye, heavy friends. Maybe someone else will give you the attention you need.”

Read his blogpost here: “Frank Chimero – A Modest Guide to Productivity”

Du kannst jetzt aufgeben

In letzter Zeit wache ich oft mitten in der Nacht auf. Ich bin dann nicht todmüde und sauer, dass ich nicht schlafen kann – so ist das ja manchmal – ich bin einfach nur wach und mache eine Schlafpause. Dann stehe ich auf und tapse durch die dunkle Wohnung, ohne Brille. Alles ist verschwommen und und meine Augen gewöhnen sich nur ganz langsam an die Dunkelheit. Ich manövriere meinen Körper durch die Zimmer, weiche blind den Möbeln aus, deren Position ich kenne – hier drüben steht der Wäscheständer, hier hinten stoße ich mir immer das Schienbein.

Dann genieße ich die Geräusche der Nacht, die durchs geöffnete Wohnzimmerfenster kommen. Die Lastwagen, die über die Sonnenallee rauschen, die Hundebesitzer, die schlaflos um diese Uhrzeit ihre Hunde ausführen. Der Person, die zum dritten Mal bei meinen Nachbarn anruft, will man am liebsten durch die Leitung gut zureden: »Ich hoffe, bei dir ist alles okay, aber du kannst aufgeben. Es ist vier Uhr Nachts, da geht jetzt niemand ran.« Und auch ohne mein Handeln gibt sie irgendwann auf. Dann gehe ich zurück ins Bett, für die zweite Runde Schlaf.

A Summer Wasting

Seven weeks of reading papers
Seven weeks of river walkways
Seven weeks of feeling guilty
Seven weeks of staying up all night

Remembering 2017

Wird man sich später an diese Zeit erinnern, und sich dann denken: Waren die sich eigentlich bewusst, wie schrecklich alles war? Die lauten und schmutzigen Innenstädte, all die Autos, die AfD und der Hass in sozialen Netzwerken, die Schere zwischen Arm und Reich, die Härte des Wohnungsmarkts, und der Müll in den Ozeanen?

Wird man sich später an diese Zeit erinnern, und sich dann denken: Wussten die eigentlich zu schätzen, wie toll alles war? Die Krankenversicherungen, die Haftpflichtversicherungen? Die Möglichkeit, zu demonstrieren, die Sicherheit der Öffentlichkeit, und die Tatsache, dass hier niemand verhungern muss?

Wird man sich später an diese Zeit erinnern, und sich dann denken: In dieser Zeit hätte ich gerne gelebt?

Oder wird man sich später erinnern und sagen: Gott sei Dank ist dieses finstere Zeitalter vorbei?

Ich bin ein Kranich, du kannst mir gar nichts

Das war das Mantra meiner Jugend. Dabei dachte ich an die Rolle der Doris aus »Türkisch für Anfänger« – eine selbstbewusste, dezent spirituell angehauchte Frau, die durch die Yoga-Position des Kranichs ihre introvertierte Schutzhülle abwirft. Wie befreiend!

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Dabei war das Mantra selbst ja nur eine Schutzhülle für mich. Ich wusste natürlich – ein guter Reim ist das nicht. Genau genommen ist es kein Reim; nichts daran ist ein Reim, Kranich und nichts könnte sich kaum weniger reimen. Aber was soll’s. Ich zählte auf den Placebo-Effekt. So war eben die Albernheit des schlechten Reims mein eigentlicher Schutzzauber – und er hat funktioniert. Ich bin ein Kranich, du kannst mir gar nichts!